Leben!: Roman - Softcover

Hua, Yu

 
9783442737741: Leben!: Roman

Inhaltsangabe

Lehr- und Wanderjahre eines chinesischen Abenteurers

Der alte chinesische Bauer mit dem schönen Namen Fugui – das bedeutet „der Glückliche und Edle“ – blickt zurück auf sein bewegtes Leben: Geboren als Sohn eines Gutsbesitzers verspielt er Hof und Äcker, wird zum Tagelöhner und muss schließlich in den Kampf gegen die Rote Armee ziehen, deren Kriegsgefangener er wird. Wieder in Freiheit hält das Glück nicht lange an: Er verliert all seinen Besitz und seine Familie. Doch Fugui ist ein Überlebender, ein Kämpfer, der gelernt hat, die wenigen Momente des Glücks zu schätzen.

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Über die Autorin bzw. den Autor

Yu Hua ist in Hangzhou (Provinz Zhejiang) geboren und wuchs in einer kleinen Stadt in Zentralchina auf. Er hat Medizin studiert. Nach der Veröffentlichung seiner ersten Texte, siedelte er nach Peking um, wo er heute lebt. Bisher hat er drei Romane geschrieben.

Aus dem Klappentext

"Ein chinesischer Grimmelshausen."
Nürnberger Zeitung

"Das Wort 'großartig' erscheint gegen dieses Buch klein."
Berliner Zeitung

"Geradlinig und ungekünstelt beschreibt Yu Hua eine uns fremde Welt."
Der Tagesspiegel

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Als ich noch zehn Jahre jünger war, hatte ich einen richtigen Faulenzerjob: Ich sollte übers Land fahren und bäuerliche Volksdichtung sammeln. Wie ein umherflatternder Sperling führte ich den ganzen von Grillengezirp und Sonnenlicht erfüllten Sommer lang ein lustiges Vagabundenleben zwischen Bauernhütten und Äckern. Ich mochte den bitteren Geschmack des Tees, den die Bauern tranken, und es machte mir gar nichts aus, mir aus dem Teekübel, der unter einem Baum am Feldrain stand, den braunverfärbten Becher und danach auch noch meine eigene Wasserflasche zu füllen. Dann wechselte ich vielleicht ein paar belanglose Worte mit den Männern auf dem Feld und ging, begleitet vom verstohlenen Kichern der Mädchen, meines Weges, ohne mich noch einmal umzudrehen. Mit einem alten Mann, der ein Melonenfeld bewachte, verplauderte ich einmal einen ganzen Nachmittag. Nie zuvor hatte ich so viele Melonen auf einmal gegessen, und als ich aufstand und mich verabschiedete, merkte ich plötzlich, daß mir das Gehen schwerfiel, als wäre ich eine schwangere Frau. Ein andermal saß ich mit einer Bäuerin, die meine Großmutter hätte sein können, auf der Schwelle ihres Hauses und ließ mir von ihr, die unentwegt weiter ihren Strohschuh flocht, ein Lied über die sich von Monat zu Monat wandelnden Gefühle einer Schwangeren vorsingen. Am schönsten fand ich es immer, wenn ich gegen Abend irgendwo ankam, mich dann vor die Hütte setzte, den Bauern zuschaute, wie sie das Wasser, das sie aus dem Brunnen gezogen hatten, auf die Erde spritzten, um den Staub zu binden, während die Strahlen der Abendsonne die Baumwipfel vergoldeten und ich mir mit dem wie selbstverständlich gereichten Fächer Kühlung zuwedelte, das wie pures Salz schmeckende eingelegte Gemüse kostete, ein paar junge Mädchen beobachtete und mich mit den Männern unterhielt.
Auf dem Kopf trug ich einen breitkrempigen Strohhut, die Füße steckten in Pantoffeln, und ein am Gürtel befestigtes Handtuch klatschte mir wie ein Schwanz gegen das Hinterteil. Den ganzen Tag trottete ich, mit weit aufgerissenem Mund gähnend, ohne Hast die schmalen Pfade zwischen den Feldern entlang, wobei ich mit meinen schlappenden Pantoffeln den Staub aufwirbelte, als wären sie die Räder eines vorüberrollenden Wagens.
So viele Orte besuchte ich, daß ich manchmal nicht mehr sagen konnte, ob ich schon einmal dort gewesen war oder nicht. Es kam oft vor, daß ich bei der Ankunft in einem Dorf die Kinder rufen hörte: „Der Gähner ist wieder da!" Dann wußten die Leute, der Mann, der pikante Geschichten erzählen und traurige Lieder singen kann, war wiedergekommen. In Wirklichkeit hatte ich natürlich alle diese pikanten Geschichten und all diese traurigen Lieder erst von ihnen gelernt. Ich wußte, wofür sie sich am meisten interessierten, und eben dafür interessierte auch ich mich.
Einmal stieß ich auf einen alten Mann, der mit blutender Nase und einem blauen Auge am Feldrain hockte und so kummervoll schluchzte, daß es ihn richtig schüttelte. Als er mich kommen sah, blickte er auf und plärrte noch lauter als zuvor. Ich fragte, wer ihn so zugerichtet habe. Dreckbatzen von seinen Hosenbeinen klaubend, erzählte er mir zornbebend, sein eigener Sohn habe sich an ihm vergriffen. Ich fragte weiter, warum er ihn denn verprügelt habe. Da fing er an, ausweichend herumzustottern, so daß ich gleich wußte, er hatte bestimmt mit seiner Schwiegertochter angebändelt.
Ein andermal war ich nach Einbruch der Dunkelheit noch unterwegs. Plötzlich erblickte ich im Licht meiner Taschenlampe an einem Teich zwei unbekleidete Körper, die aufeinander lagen. Als ich sie anleuchtete, blieben sie absolut bewegungslos, nur eine Hand kratzte fast unmerklich einen Oberschenkel. Schnell knipste ich die Lampe aus und machte, daß ich weiterkam.
Eines mittags, es war während der Hauptsaison im Feldbau, trat ich auf der Suche nach einem Schluck Wasser durch das weit geöffnete Tor eines Hauses, wo sich mir ein Mann in kurzen Hosen mit allen Zeichen der Erregung in den Weg stellte. Er führte mich zum Brunnen, zog zuvorkommend selbst einen Eimer Wasser für mich herauf, schlüpfte dann aber wie eine Ratte sogleich wieder in sein Haus.
Solche Begegnungen waren für mich etwas Alltägliches, ich erlebte sie fast so häufig wie ich die Lieder hörte, die ich ja sammeln sollte. Beim Anblick des überall mit saftigem Grün bedeckten Erdbodens wurde mir noch klarer, warum die Feldfrüchte so üppig gediehen.
In jenem Sommer hätte ich mich außerdem beinahe verliebt, denn ich begegnete einem Mädchen, das Herz und Auge erfreute. Ihr sonnverbranntes Gesicht steht mir heute noch wie ein leuchtendes Bild vor Augen. Als ich sie erblickte, saß sie mit hochgekrempelten Hosenbeinen am grasigen Ufer eines Flusses und hütete, mit einer Bambusrute herumfuchtelnd, eine Herde feister Enten. Sie mochte sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein. An jenem heißen Nachmittag, den wir miteinander verbrachten, war sie sehr schüchtern. Jedesmal, wenn sie lächelte, senkte sie den Kopf ganz tief, und ich beobachtete, daß sie verstohlen die Hosen herunterkrempelte und versuchte, ihre nackten Füße irgendwie zwischen den Grasbüscheln zu verstecken. Ich schwatzte das Blaue vom Himmel herunter, und als ich herumschwadronierte, wie ich sie mit mir nehmen und was sie alles erleben würde, war sie zwischen Furcht und Freude hin und her gerissen. Ich selbst war in jenem Moment Feuer und Flamme und versicherte ihr, daß ich es ernst meinte. Ich war einfach rundherum glücklich, mit ihr zusammenzusein, und machte mir überhaupt keine Gedanken, wie es weitergehen würde. Später jedoch, als ihre drei Brüder -stark wie junge Ochsen - auf der Bildfläche erschienen, erschrak ich und hielt es für geraten, mich ganz schnell aus dem Staube zu machen, sonst hätte ich am Ende nicht umhin gekonnt, das Mädchen zu heiraten.
Jenem Alten mit dem schönen Namen Fugui - das bedeutet „der Glückliche und Edle" - begegnete ich an einem frühen Nachmittag im zeitigen Sommer. Ich strebte in den Schatten eines üppig belaubten Baumes am Rande eines abgeernteten Baumwollfeldes. Einige Frauen mit Kopftüchern rissen die Baumwollstrünke heraus und schüttelten sie - und dabei die eigenen Hinterteile -, damit die Erdklumpen sich von den Wurzelfasern lösten. Ich nahm meinen Strohhut ab, griff hinter mich nach dem Handtuch und wischte mir den Schweiß vom Gesicht. Dann ließ ich mich unweit eines im Sonnenlicht golden schimmernden Weihers nieder, den Rücken an den Baumstamm gelehnt, und fühlte, wie ich immer schläfriger wurde. Da streckte ich mich im Gras aus, stopfte den Rucksack als Kopfkissen ins Genick, bedeckte das Gesicht mit dem Hut und schloß die Augen.
Jener im Vergleich zu jetzt zehn Jahre jüngere Mensch -also ich - verschlief auf seinem Lager aus Blättern und Gras zwei volle Stunden. Ein paar Ameisen, die mir im Schlaf über die Beine krabbelten, wurden von meinen Fingern trotz meines festen Schlummers zielsicher weggeschnipst. Später war mir, als sei ich am Ufer eines Gewässers angekommen und ein alter Mann, der ein Bambusfloß stakte, riefe mir aus der Ferne mit dröhnender Stimme etwas zu. Ich riß mich gewaltsam aus meinem Traum: Tatsächlich, da sprach jemand, ich konnte es deutlich hören. Als ich mich aufsetzte, erblickte ich auf einem nahegelegenen Feld einen alten Mann, der einem ebenfalls alten Ochsen gut zuredete.
Der Ochse war vielleicht schon todmüde vom Pflügen, jedenfalls stand er mit gesenktem Kopf da und rührte sich nicht von der Stelle. Dem alten Mann, der mit nacktem Oberkörper hinter dem Pflug ging, war anscheinend die Passivität seines Zugtiers gar nicht recht. Ich hörte, wie er ihm laut und deutlich Vorhaltungen machte: „Der Ochse zieht den Pflug, der Hund bewacht das Haus, der Mönch erbittet milde Gaben, der Hahn begrüßt den Tag, die Frau, die webt das Tuch - so gehört es sich seit altersher. Hat man je einen Ochsen gesehen, der nicht den Pflug ziehen will? Also los, beweg dich!"

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