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Der tote Winkel: Roman - Softcover

Thomas Kanger

 
9783442737543: Der tote Winkel: Roman

Inhaltsangabe

Spuren, die verwischt werden, und Zeugen, die beharrlich schweigen – ein neuer Fall für Kommissarin Elina Wiik


Ein grausamer Doppelmord erschüttert die Einwohner von Västerås: Ein junges Paar ist beim Preiselbeerpflücken in einem nahe gelegenen Sumpfgebiet mit einer Axt erschlagen worden. Noch bevor die Polizei ihre Ermittlungen aufnehmen kann, schaltet sich der schwedische Geheimdienst ein. Denn einer der Ermordeten war der Palästinenser Jamal Al-Sharif, der Sympathisant einer Terrorgruppe gewesen sein soll. Doch Kommissarin Elina Wiik glaubt nicht an die offizielle Version …


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Über die Autorin bzw. den Autor

Thomas Kanger, geboren 1951, lebte lange Jahre in Västerås, Schweden, und später in Kalifornien, Neu-Delhi und Jerusalem. Er war als Journalist tätig und berichtete unter anderem viele Jahre aus Israel, bevor er zurück in die Nähe von Stockholm zog und sich dem Schreiben von Kriminalromanen widmete.

Aus dem Klappentext

"Eine sympathische und clevere Ermittlerin."
Arbetarbladet

"Man kann nur hoffen, dass Thomas Kanger mit seinem journalistischen Gespür für aktuelle Themen und seiner klaren Sprache auch weiterhin Krimis schreiben wird."
Sveriges Radio

"Kanger ist ein Meister seines Fachs."
Aftonbladet

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Wie Schorf aus Asphalt lag die Stadt über dem Sand ausgebreitet, ohne wirkliche Verankerung. Nur das Gewicht der Häuser und die Füße der Menschen schienen sie an ihrem Platz zu halten. Überall drohte die Natur sich den verlorenen Grund wieder zurückzuholen. Vom Stadtrand her, vom Strand im Norden und durch unzählige Risse im Asphalt blies Sand heran. Manchmal wehte er in rotgelben Stürmen von Süden heran und drang überall ein, auch durch noch so kleine Häuserritzen. Selbst vor den Mündern der Kinder machte er nicht halt.
Alles hier schien provisorisch zu sein. Die Häuser waren in Windeseile errichtet worden. Die Straßen besaßen etwas Vorläufiges. Die Menschen waren auf dem Sprung, obwohl es kein Entkommen gab. Nichts ließ darauf schließen, dass die Stadt bereits seit 3400 Jahren existierte und dass ihre heutige Bevölkerung sie nur wenige hundert Jahre später eingenommen hatte und seither dort geblieben war.
Am provisorischsten wirkte Mokha'am Al-Shatea, das Strandlager, obwohl dieser Platz seit über fünfzig Jahren Männer und Frauen mit ihren Kindern und Enkeln beherbergte. Die meisten, die dort lebten, sahen ein, dass das Provisorische in Wirklichkeit beständig war. Niemals würden Ahmed, Hussein, Samira, Fatima oder ihre Brüder und Schwestern, Stammesverwandten und Nachbarn einschließlich Cousins, Neffen, Nichten und andere Angehörige in unüberschaubaren verwandtschaftlichen Verzweigungen das Glück haben, auf den Hügeln von Haifa, in den Tälern Galiläas oder in den Gärten Askalons zu wandern. Die Schlüssel und die verblichenen Einträge im Grundbuch, die zu ihren Häusern gehörten, die sie übernommen hatten oder die heruntergekommen waren, würden mit ihnen in der sandigen Erde Gazas begraben werden.


Fariz erwachte früh. Er hatte seiner Mutter versprochen, heute zur Schule zu gehen. Vorher würde er noch seine kleine Schwester und seine beiden jüngeren Brüder zu ihrer Schule am Ende der Gasse begleiten. Er lag im Bett und starrte an die Decke. Neben ihm stöhnte sein älterer Bruder im Schlaf und wedelte mit der Hand unsichtbare Fliegen weg. Der Bruder, der weder sprechen noch verstehen konnte und der mit dem Löffel gefüttert werden musste. Wenn der Vater einmal alt und schwach war, dann würde Fariz das Familienoberhaupt sein.
Er hatte jeden Tag dasselbe versprochen. Jeden Tag hatte er das Versprechen gehalten und dann gebrochen. Er war dorthin gegangen, wo er hatte hingehen sollen, war aber dann, sobald sich die Gelegenheit ergeben hatte, wieder von dort weggeschlichen. Er hörte ihre Ermahnungen, beachtete sie aber nicht. Auch an diesem Tag würde es nicht anders sein.
Als er seinen Humus mit Brot aß und brackig schmeckenden Tee dazu trank, ermahnte und beschimpfte ihn seine Mutter erneut. Er saß schweigend da, bis sie ihm ein neues Versprechen abverlangte. »Aiwa«, antwortete er, da das das Einzige war, womit sie sich zufrieden gab.
An der Mauer, die seine Schule umgab, hingen bereits drei Plakate mit Gesichtern. Am meisten bewunderte er den ältesten Jungen, Hamed, der siebzehn Jahre alt wurde und einen solchen Mut bewiesen hatte. Hamed hatte Fariz und drei weiteren Klassenkameraden erzählt, dass sein ältester Bruder beim letzten Mal getötet worden war. Er sei damals erst acht gewesen, könne sich aber noch gut an den blutigen Pullover seines Bruders erinnern. Er erzählte von den Versammlungen, denen er als Zuhörer hatte beiwohnen dürfen. Jetzt sei endlich er an der Reihe.
Ehe er die Schule betrat, blieb Fariz an der Mauer stehen und sah Hamed an. Sein Gesicht war auf einem grünen Plakat mit der Al-Aksa-Moschee im Hintergrund verewigt.
Die Unterrichtsstunden schlichen dahin, und Fariz hatte Mühe zuzuhören. Erst als der Lehrer die Schüler bat aufzupassen, weil der Präsident einen Beschluss gefasst habe, der insbesondere sie betreffe, wachte er auf. »Niemand unter fünfzehn Jahren darf an den Streitigkeiten teilnehmen«, sagte der Lehrer. »Die Komitees werden aufgefordert, alle Kinder abzuweisen.«
»Abweisen? Wie denn?«, fragte Fariz, noch bevor er es sich recht überlegt hatte.
»Dieser Beschluss gilt auch für dich, Fariz«, antwortete der Lehrer. »Deine Mutter hat mit mir gesprochen. Du weißt, dass du ihr gehorchen musst. Nach dem Unterricht müsst ihr alle nach Hause gehen.«
»Ich bin kein Kind, ich bin vierzehn«, protestierte Fariz.
»Du hast den Beschluss des Präsidenten vernommen«, sagte der Lehrer. »Du musst warten, deine Zeit kommt früh genug.«
In der Pause beschloss Fariz, sich davonzuschleichen. Bassam wollte ihn begleiten. Zusammen kletterten sie über die Mauer auf der Rückseite der Schule und rannten los. Als sie außer Sichtweite waren, wurden sie langsamer und gingen dann in normalem Tempo weiter. Bis zur Kreuzung war es ein ziemliches Stück. Sie versuchten zu trampen, aber kein Auto hielt an. Je näher sie kamen, desto mehr Jungen sahen sie auf der Straße. Die Schulen, die näher am Wachposten der jüdischen Siedlung lagen, hatten den Unterricht für diesen Tag beendet, und die älteren Jungen versammelten sich. Einige unterhielten sich, aber die meisten von ihnen schwiegen. Es war so weit.
Noch ehe Fariz und Bassam eintrafen, hörten sie die ersten Detonationen. Fariz konnte die verschiedenen Geräusche mühelos unterscheiden. Das Paffen der Tränengasgranaten, das dumpfe Knallen der gummiummantelten Stahlkugeln, das Pfeifen der Plastikgeschosse und das scharfe Knattern der Maschinenpistolen. Fariz zog die Schultern ein und sammelte, während sie weitergingen, Steine von der Straße auf.
Vor dem Zaun der Siedlung und dem Wachturm mit der weißblauen Flagge standen ein Panzer, zwei gepanzerte Fahrzeuge und mehrere Jeeps mit Soldaten. Fünfzig Meter weiter stieg schwarzer Rauch von brennenden Reifen auf. Jungen mit Schleudern rannten hinter dünnen Blechbarrikaden hervor und feuerten in raschen Angriffen ihre Steine ab. Fariz' Herz raste, aber Angst hatte er keine. Als er an einer Reihe wartender Krankenwagen des Roten Halbmonds vorbeikam, fuhren gerade zwei mit quietschenden Reifen und heulenden Sirenen los, um weitere Verletzte abzuholen.
»Ich habe keine Zwiebel«, sagte Fariz an Bassam gewandt. »Hast du eine?« »Na'am«, antwortete Bassam und zog zwei Zwiebelhälften aus der Hosentasche. Die eine reichte er Fariz, und sie rieben sich ihre Gesichter mit der Zwiebel ein, um das Tränengas besser ertragen zu können.
Sie rannten auf ein aufrecht stehendes Betonrohr zu und gingen mit zwei älteren Jungen dahinter in die Hocke. Fariz steckte die Hand in seine Tasche und zog drei Steine aus ihr hervor. Dann lief er so weit vor, wie er nur wagte, und warf einen Stein nach dem anderen, näher und näher. Er sah, dass er mit einem die Kühlerhaube eines Jeeps getroffen hatte. Ein Junge hinter ihm warf einen Molotowcocktail, der auf dem Hang vor den Soldaten aufflammte. Ehe der Junge wieder das Betonrohr erreicht hatte, ertönte der dumpfe Knall eines Gewehrs, und er stürzte.
Ein Panzer rollte heran, weitere Tränengasgranaten wurden abgefeuert, und die Brigade der Steinewerfer zog sich vorübergehend zurück. Aber Fariz blieb stehen. Der Panzermotor dröhnte, und die Raupenketten fraßen sich im Lehm vorwärts. Fariz sah auf den Jungen, der immer noch bäuchlings auf der Erde lag, und anschließend auf den Panzer, der sich ihm näherte. Er bückte sich und hob ein paar Steine vom Boden auf, die schon zuvor als Waffen gedient hatten. Dann rannte er auf den Panzer zu und warf einen Stein nach dem anderen auf ihn. Der Panzerfahrer setzte etwas zurück, und Fariz verfolgte ihn. Jubelnd streckte er seine Arme in die Luft.
Ein Knall durchschnitt die Luft. Fariz fasste sich an den Hals. Blendendes Licht, das immer greller zu werden schien, als würde er in die Sonne starren. War es so?


Ihre schweren Glieder wollten sich nicht schnell genug bewegen. Wenn sie zu laufen versuchte, verfing sie sich in ihren Röcken. Als sie schließlich dort war, fehlten ihr die Worte, aber Worte...

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