Lost/Found - Softcover

Steffen Kopetzky

 
9783442736652: Lost/Found

Inhaltsangabe

Vom Vergnügen des Findens und vom Schrecken des Verlusts

Steffen Kopetzky erzählt vom Vergnügen des Findens und vom Schrecken des Verlusts. Und davon, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Welch Katastrophe es sein kann, wenn etwas lang Vermisstes sich plötzlich einfindet. Oder welch Glück, aus seinem Leben plötzlich ausgesperrt zu sein, weil man den Schlüssel verloren hat …

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Über die Autorin bzw. den Autor

Steffen Kopetzky wurde 1971 in Pfaffenhofen an der Ilm geboren und arbeitete nach einem unvollendeten Philosophiestudium eine Zeit lang als Schlafwagenschaffner. Er veröffentlichte u.a. Theaterstücke, Opernlibretti, Radiofeatures und Erzählungen und wurde vielfach ausgezeichnet. Von 2003 bis 2008 war er Künstlerischer Leiter der Biennale Bonn. „Der letzte Dieb" ist sein vierter Roman. Nach einem Jahrzehnt in Berlin-Neukölln lebt Kopetzky mit Frau und Kindern wieder in seiner oberbayerischen Geburtsstadt.

Aus dem Klappentext

"Kopetzky überzeugt durch seinen unerschrockenen Fabuliereifer."
Süddeutsche Zeitung

"Der Begriff von Freiheit ist es, was Lost/Found neben der sprachlichen Brillanz so lesenswert macht. Denn Kopetzky zeigt, dass wir manchmal erst etwas Kostbares verlieren müssen, um unsere Freiheit wiederzufinden."
NDR

"Kopetzkys Sprache ist genau, ohne porentiefe Penetranz, nimmt sich zurück, bleibt bei den Figuren und wahrt dennoch ihre Geheimnisse. Deshalb kann man nicht aufhören zu lesen."
Literarische Welt

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Normalerweise wäre Andrea sofort zurückgefahren und hätte sich die Spritzen, die sie im Bad ihres Hotelzimmers vergessen hatte, zurückgeholt. Zuletzt hatte sie sich heute morgen gespritzt, wie schon die Tage zuvor geschickt auf dem Rand der winzigen Badewanne balancierend, um freie Sicht auf jene Region unterhalb des Bauchnabels zu haben, die ihr von ihrer Ärztin als geeignetes Einstechgebiet benannt worden war. Mit der linken Hand kniff sie sich dabei in den mageren Bauchspeck, um die Nadel in die entstehende Falte zu hauen. Nur ein kleines Wimmern von sich gebend, hatte sie die verhaßte Prozedur mit der erstaunlich langen Nadel hinter sich gebracht. Nicht zuletzt, weil ihr Freund ihr vor ein paar Monaten erklärt hatte, er ertrage ihr frühmorgendliches Stöhnen einfach nicht länger, hatte sie sich angewöhnt, sich in aller Stille zu stechen.
Nach dem Spritzen hatte sie schnell ihren kleinen schwarzen Koffer gepackt, denn vor der Tür wartete schon der mürrische schwarze Hilfsportier, der gekommen war, um ihr Gepäck nach unten zu befördern. Das orange-leuchtende Spritzenköfferchen war auf dem kleinen Hocker neben der Badewanne liegengeblieben.
Bei ihrem letzten Termin um 13 Uhr hatte sie einen deutschen Schauspieler besucht, der in einem gigantischen Loft in Soho lebte, eine ziemliche Enttäuschung gewesen war und ihren Zeitplan durcheinandergebracht hatte, weil er einfach nicht fertig werden wollte mit seinem Sermon. Der Schauspieler, der nebenbei auch noch malte, Gartenbücher und zwei Gedichtbände herausgebracht hatte, war von einem längeren Aufenthalt in Japan als »praktizierender Buddhist« zurückgekehrt, vorerst allerdings nicht auf sein Anwesen am Starnberger See, sondern nach New York gezogen, um zu schreiben. Vor zwei Wochen war das Buch erschienen, in dem die Auswirkungen und Folgen seines spirituellen Erweckungserlebnisses mit einer Vielzahl kulturkritischer Allgemeinplätze zu einem, wie Andrea fand, ziemlich unverdaulichen Brei vermengt waren – die Hauptthese des Buches lautete, daß Deutschland bald an seiner spirituellen Armut zugrunde gehen werde. Alles, was das Land jetzt brauche, seien eigentlich nur kollektive gymnastische Anstrengungen – so etwas wie ein permanentes bundesweites Turnfest – »Deutschland muß wieder lernen zu atmen« oder »Deutschland hat seinen Atem verloren, diesen muß das Land wiederfinden«. Mit diesem wiedergefundenen Atem dann, so der Schauspieler, werde sich alles weitere, die Erweckung zu neuem Leben, von selbst ergeben. Auf ein paar Seiten empfahl er einige praktische Übungen (»Sitzen Sitzen Sitzen!«), die er in seinem Kloster in Japan gelernt hatte, er selbst hatte die Zeichnungen dazu angefertigt (allerdings, wie er Andrea erzählte, nicht mit einem Tuschepinsel, sondern mit einem Eddingstift, der besser in der Hand liege). Dazwischen waren immer wieder Anekdoten aus seiner Arbeit als Filmschauspieler eingestreut, der es mit Nebenrollen in amerikanischen und Hauptrollen in deutschen Produktionen zu erstaunlicher Popularität in seinem Heimatland gebracht hatte; neben wahllos aus ihrem Zusammenhang gerissenen Zitaten aus Zeitungen und populären Büchern stieß man auf Erinnerungen an die frühe Nachkriegszeit (»wo man gar nichts hatte, aber äußerst glücklich war«) und auf die Reflexionen des weitgereisten Weltbürgers über das mangelnde Selbstbewußtsein der Deutschen, das sich vor allem daran zeige, daß diese ihrer eigenen Sprache nicht mehr mächtig seien. Ein Gedicht aus seiner Feder beschloß das Werk. Es wirkte wie eine Ode von Hölderlin, die rücksichtslos zu einem mißratenen Haiku verschnitten worden war. Alles in allem war es ein grob zusammengeschustertes Machwerk, das es in der Zwischenzeit auf den dritten Platz der Sachbuchbestsellerliste geschafft hatte.
Der Schauspieler würde in ein paar Wochen zu Gast in der Talkshow sein, für die Andrea arbeitete, und der Chefredakteur war sehr zufrieden gewesen, daß sie während ihres Aufenthalts in New York das notwendige Vorgespräch mit ihm hatte führen können. Während der knappen Woche hatte sie noch einen sehr erfolgreichen blinden Koch, eine Modedesignerin, die die uneheliche Tochter eines deutschen Politikers vergangener Tage war, und die Agentin einer berühmten amerikanischen Entertainerin getroffen, an der die Redaktion schon jahrelang dran war, die sie aber noch nicht hatten überzeugen können, ihre Sendung zu besuchen.
Nach dem Treffen mit dem Schauspieler, dessen weitschweifige Ausführungen auf ihre Fragen sie lächelnd, mit verständnisvollem Nicken und kommentarlos auf Band aufgenommen hatte, war sie wieder zu ihrem Hotel in der 27. Straße gefahren, hatte sich ihren Koffer aus dem Gepäckdepot holen lassen und war zu Fuß über die nahe 5th Avenue gelaufen, zum gigantischen Komplex der New Yorker Hafenbehörde, in dem auch der Busbahnhof untergebracht war. Sie holte sich ihr telefonisch reserviertes Ticket für den 16-Uhr-Bus zum Flughafen Newark ab, bezahlte bar, weil sie ihre Dollar loswerden wollte, und setzte sich dann glücklich auf eine Bank neben ein Pärchen, das seinen Hunger mit kalorienreduzierten Low-Fat Chips Onion & SourCream stillte. Zwischen den gewaltigen Körpern der beiden verschwanden die Tüten förmlich, sie griffen mit ihren riesigen Händen mechanisch hinein und leerten gleichmütig eine nach der anderen.
Dann ging sie noch einmal sorgfältig ihr Gepäck durch, stellte fest, daß sie ihre Spritzen im Hotel vergessen hatte, erschrak für einen Moment, beruhigte sich aber damit, daß in ihrer Wohnung in Berlin noch eine, wie ein kleiner Arztkoffer gestaltete Packung mit fünfundzwanzig Kanülen lag – überdies war sie sich auf eine heimliche Weise sicher, daß sie ihrem Ziel so nahe wie nie zuvor waren. Vielleicht war eine Weiterführung der schmerzhaften morgendlichen Prozedur gar nicht mehr nötig – es hieß doch manchmal, daß man nur Dinge vergißt, die man tatsächlich loswerden will.
Die von Terminen gedrängten Tage in New York waren reibungslos verlaufen – und von Anfang an war Andrea das Gefühl nicht losgeworden, daß ihre von der Redaktion kurzfristig angesetzte Reise unter einem ausgesprochen guten Stern stand. Das hatte schon mit der Landung in Newark begonnen.
Nachdem sie mit ihrem Airbus acht Stunden fast unmerklich durch die Nacht über dem Atlantischen Ozean geschwebt und schließlich, von Neufundland kommend, über die in der mittäglichen Sonne liegenden Vorstädte eingeflogen waren, setzten sie nach dem Erreichen von Newark nicht zur Landung an, sondern kreisten zunächst einmal in weitem Bogen über dem kleineren der drei New Yorker Flughäfen.
Buchstäblich bis zum Auftauchen ihrer Maschine im Großluftraum von New York hatte es geregnet, die Rollfelder und Straßen waren noch dunkel vom Regen, die Sonne ließ den Asphalt an vielen Stellen glänzen. Am Ende der Landebahn bemerkte Andrea ein halbes Dutzend winziger Lastzüge von roter Farbe, die sich im Halbrund gruppierten.
Dann setzte die Maschine zur Landung an, war schon am Boden, startete aber noch einmal durch, und zwar so spät und panisch und eindeutig außerhalb jeder flugtechnischen Norm, daß selbst den abgebrühtesten Geschäftsreisenden, die sich während heftiger Turbulenzen nur grummelnd von einer Seite ihres Sitzes auf die andere zu drehen und einfach weiter zu schlafen pflegen, der kalte Angstschweiß auf die Stirn trat. Ein Blick auf das fassungslos und bleich auf seinen Sitzen ausharrende Kabinenpersonal genügte, um jeden Zweifel zu zerstreuen, daß die Fahrzeuge der Flughafenfeuerwehr nicht zufällig am Ende der Rollbahn versammelt waren. Die Maschine schwenkte auf eine neuerliche Runde über den Rollfeldern ein, der Kapitän meldete sich, um einen ausführlichen Bericht auf Französisch und einen sehr kurzen auf Englisch abzugeben, dem Andrea grob entnahm, daß es – übrigens schon seit dem Abflug in Paris – Schwierigkeiten mit den Bremsen gäbe.
Erstaunlich still war es auf einen Schlag an Bord, jeder dachte über das seine nach, niemand sagte ein...

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9783442751396: LOST/FOUND (btb-HC)

Vorgestellte Ausgabe

ISBN 10:  344275139X ISBN 13:  9783442751396
Verlag: btb Verlag, 2005
Hardcover