Der Fall Kurilow: Roman - Softcover

Némirovsky, Irène

 
9783442736140: Der Fall Kurilow: Roman

Inhaltsangabe

Ein Zeitbild des revolutionären Petersburg von der Autorin der Bestseller „Suite française“ und „Der Ball“.


Im zaristischen Petersburg der Jahrhundertwende soll der Revolutionär und Anarchist Léon M. den Erziehungsminister des Zaren ermorden – den zynischen, schwerkranken, dekadenten Kurilow. Als Hausarzt verschafft Léon sich Zugang zu seinem Opfer. Doch je näher Léon Kurilow kommt, umso mehr gewinnt der Minister menschliche Züge, und Léon zweifelt am Sinn seiner Mission. Ein ebenso spannendes wie sensibel und atmosphärisch dicht gezeichnetes Psychogramm von Opfer und Täter.




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Über die Autorin bzw. den Autor

Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekam zwei Töchter und veröffentlichte ihren Roman "David Golder", der sie schlagartig zum Star der Pariser Literaturszene machte. Viele weitere Veröffentlichungen folgten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen auf Paris zumarschierten, floh sie mit ihrem Mann und den Töchtern in die Provinz. Während der deutschen Besetzung erhielt sie als Jüdin Veröffentlichungsverbot. In dieser Zeit arbeitete sie an einem großen Roman über die Okkupation. Am 13. Juli 1942 wurde Irène Némirovsky verhaftet und starb wenige Wochen später in Auschwitz. 2005 entzifferte Némirovskys Tochter Denise Epstein das Manuskript, das als „Suite française“ veröffentlicht und zur literarischen Sensation wurde.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Auf der menschenleeren Terrasse eines Cafés von Nizza hatten sich, angezogen durch die Glut eines roten Kohleöfchens, zwei Männer niedergelassen.
Es war ein für diesen Teil der Welt recht frostiger Herbstabend. »Ein Pariser Himmel ...«, sagte eine Frau im Vorübergehen und zeigte auf die vom Wind gejagten gelben Wolken. Gleich darauf fing es an zu regnen, und die leere Straße, in der noch keine Lichter brannten, wurde noch dunkler; stellenweise tropfte das Wasser durch die vollgesogene Markise, die über dem Café ausgespannt war.
Die beiden Männer, Léon M. und der andere, der nach ihm hereingetreten war und ihn seither verstohlen ansah - offenbar suchte er sich zu erinnern, woher er ihn kannte -, beugten sich beide mit der gleichen Bewegung zu dem brennenden Öfchen hinunter.
Aus dem Inneren des Cafés drang ein Gewirr von Stimmen und Rufen heraus; das Klicken der Billardkugeln, das Scheppern der Tabletts auf den Holztischen, das Klappern der Schachfiguren auf den Brettern überdeckte zeitweilig das dünne, blecherne Schmettern eines kleinen Orchesters.
Léon M. hob den Kopf und zog den grauen Wollschal, den er um den Hals trug, enger; der ihm gegenübersitzende Mann sagte halblaut: »Marcel Legrand?«
In diesem Augenblick gingen an der Straße, in den Schaufenstern und auf den Terrassen der Cafés die elektrischen Lampen an. Von der plötzlichen Helligkeit überrascht, wandte Léon M. kurz die Augen ab.
Der Mann wiederholte: »Marcel Legrand?«
Vermutlich durch einen zu starken Stromstoß trübten sich plötzlich die Glühbirnen; eine Sekunde lang flackerte das Licht wie eine Kerzenflamme im Freien; dann schien es sich wieder zu beleben, grell beleuchtete es Léon M.s Gesicht, seine hängenden Schultern, seine knochigen Hände mit den zarten Gelenken.
»Hatten Sie nicht mit dem Fall Kurilow zu tun, damals, 1903?«
»1903?« wiederholte M. langsam.
Er neigte den Kopf zur Seite und pfiff leise, mit dem matten und ironischen Ausdruck eines fröstelnden alten Vogels, vor sich hin.
Der Mann, der ihm gegenübersaß, war etwa fünfundsechzig Jahre alt und hatte ein graues, müdes Gesicht; infolge eines nervösen Ticks zuckte er mit der Oberlippe, ruckweise hob sich der dicke, einst gelbe, jetzt weißgewordene Schnurrbart und enthüllte einen blassen, zu einer unruhigen, bitteren Grimasse verzogenen Mund. Seine lebhaften Augen mit dem durchdringenden, mißtrauischen Blick leuchteten jäh auf und wandten sich fast sofort wieder ab.
M. sagte schließlich mit einem Schulterzucken: »Nichts zu machen. Ich erkenne Sie nicht wieder. Ich habe mittlerweile ein schlechtes Gedächtnis...«
»Erinnern Sie sich nicht an den Polizisten, der damals mit der Bewachung Kurilows beauftragt war? Derjenige, der Sie eines Nachts im Kaukasus beschattet hat?«
»Ohne Erfolg. Ich erinnere mich jetzt«, sagte M.
Er rieb sich sanft die von der Hitze eingeschlafenen Hände. Er war ein Mann um die fünfzig, der älter und krank wirkte. Er hatte einen schmalen Brustkorb, ein düsteres, ironisches Gesicht, einen eigenartigen, schönen Mund, schlechte Zähne, über der Stirn eine ergrauende Strähne. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen leuchteten in düsterem Feuer.
Er murmelte: »Zigarette?«
»Wohnen Sie in Nizza, Monsieur Legrand?«
»Ja.«
»Von den Geschäften zurückgezogen, wenn ich mir den Ausdruck erlauben darf?« »Sie dürfen ...«
M. atmete, ohne zu inhalieren, den Rauch der angezündeten Zigarette ein, sah zu, wie sie sich zwischen seinen Fingern verzehrte, warf sie auf den Boden und zertrat sie gründlich mit dem Absatz.
»Es ist lange her«, sagte er schließlich mit einem unmerklichen Lächeln, »sehr lange, seit sich das alles zugetragen hat ...«
»Ja ... Ich war es, der mit der Untersuchung Ihres Falls beauftragt war, nach Ihrer Verhaftung, nach
dem Attentat ...«
»Ach ja?« murmelte M. gleichgültig.
»Ich habe nie Ihren wirklichen Namen in Erfahrung bringen können. Kein einziger unserer Spitzel kannte Sie, weder in Rußland noch im Ausland. Tun Sie mir den Gefallen, jetzt, wo es keine Bedeutung mehr hat! Sagen Sie mir, Sie waren doch einer der Leiter der terroristischen Organisation in der Schweiz vor 1905?«
»Ich habe nie zur Führungsspitze gehört, ich hatte nur eine untergeordnete Position.«
»Ach was?«
M. senkte mit einem kleinen müden Lächeln den Kopf.
»So ist es, mein lieber Herr ...«
»Sagen Sie, und nachher ...? 1917 und danach ...? Ich irre mich nicht, da haben Sie doch ...?«
Er schien nach einem Ausdruck zu suchen, der seinem Gedanken entsprach; schließlich lächelte er, seine scharfen langen Zähne entblößend, die zwischen den blassen Lippen leuchteten.
»Da haben Sie doch ganz schön mitgemischt«, sagte er und machte eine Gebärde, als rührte er mit beiden Händen in einem Kessel. »Ich will sagen ... da waren Sie doch ganz oben?«
»Ja ... oben ...«
»Die Tscheka?«
»Mein lieber Herr, ich habe alles mögliche gemacht. In jenen schwierigen Zeiten damals hat jeder mit angepackt.«
Er trommelte rhythmisch mit seinen feinen gekrümmten Fingern auf die Marmorplatte des Tischs.
»Wollen Sie mir nicht Ihren Namen sagen?« fragte der Mann lachend. »Ich schwöre Ihnen, auch ich bin jetzt ein friedlicher Rentner. Ich frage einfach nur aus Neugier, Berufskrankheit sozusagen.«
M. klappte behutsam, mit der fröstelnden Gebärde, die ihm eigen war, den Kragen seines Überziehers hoch und zog mit beiden Händen an den Enden seines Schals.
»Ich glaube Ihnen nicht«, sagte er mit einem knappen, durch seinen Husten heiser klingenden Lachen. »Die Katze läßt das Mausen nicht ... Und übrigens würde Ihnen mein Name jetzt auch nichts mehr sagen ... Er ist überall längst vergessen.«
»Sind Sie verheiratet?«
»Nein, ich pflege noch die alten, gesunden revolutionären Traditionen«, sagte M. Wieder lächelte er, ein kleines, mechanisches Lächeln, das sich tief in seine schlaffen Mundwinkel eingrub. Er nahm einen Bissen Brioche zwischen zwei Finger, aß ihn langsam, sagte mit einem Heben der Brauen: »Und Sie selbst? Wie ist Ihr Name, lieber Herr?«
»Oh, ich ... das ist kein Geheimnis ... Baranow ... Iwan Iwanitsch ... Ich war der Person Seiner Exzellenz zugeordnet ... Kurilow, zehn Jahre lang.«
»Ach, tatsächlich?«
Zum ersten Mal verschwand das kleine müde Lächeln M.s; er hörte auf, wie bis dahin, die grell beleuchteten Wachsschaufensterpuppen, die allein die leere, regennasse Straße bevölkerten, zu betrachten. Er hüstelte leicht, richtete seine großen, tiefliegenden Augen auf Baranow: »Und seine Familie? Wissen Sie, was aus ihr geworden ist?«
»Seine Frau ist während der Revolution erschossen worden. Die Kinder dürften noch am Leben sein. Der arme Kurilow ... Erinnern Sie sich noch? Er wurde der Pottwal genannt.«
»Schrecklich und gefräßig«, sagte M.
Er zerbröselte die Reste seiner Brioche zwischen den Fingern, machte eine Bewegung, als wollte er sich erheben, doch der Regen strömte unaufhaltsam, spritzte in gleißenden Funken vom Pflaster in die Höhe. Er setzte sich schwerfällig wieder hin.
»Sie haben ihn nicht verfehlt«, sagte Baranow. »Wie viele Steine haben Sie denn im ganzen vom Spielbrett geholt?«
»Damals? Oder seither?«
»Im ganzen«, wiederholte Baranow.
M. zuckte mit den Schultern: »Meine Güte, Sie erinnern mich an ein Jüngelchen, das eines Tages, in Rußland, zu mir gekommen ist, um mich im Auftrag einer amerikanischen Zeitung, die an solchen statistischen Feinheiten interessiert ist, zu fragen, wie viele Menschen ich hatte töten lassen, seit ich an der Macht war. ›Ist es möglich‹, hat mich dieser Einfaltspinsel gefragt, als ich zögerte, ›ist es möglich, daß Ihnen das entfallen ist?‹ Es war ein kleiner rosiger Jude namens Blumenthal, von der Chicago Tribune.«
Er winkte den Pikkolo heran, der gerade über die Terrasse lief: »Ruf mir diesen Fiaker da her.« Der Wagen fuhr an...

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ISBN 10:  359613384X ISBN 13:  9783596133840
Verlag: FISCHER Taschenbuch, 1998
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