Kleines Konversationslexikon für Haushunde - Softcover

Juli Zeh

 
9783442735174: Kleines Konversationslexikon für Haushunde

Inhaltsangabe

Beherrscht ein Hund einen soliden Grundstock an Vokabeln, verhindert das Missverständnisse und erleichtert das Zusammenleben von Haushund und Homo sapiens enorm. In diesem Buch erklärt Othello, der Hund von Juli Zeh, der sich auf umfangreiche Recherchen stützen kann, auf seine unvergleichlich großmäulige und extrem geistreiche Art die Welt, wie sie wirklich ist …


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Über die Autorinnen und Autoren

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Sie ist vermutlich die erste Juristin Deutschlands, die nach ihrem zweiten Staatsexamen bereits auf eine erfolgreiche literarische Karriere zurückblicken kann. Ihr Roman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg und ist mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk, darunter die Romane "Spieltrieb", "Corpus Delicti" und "Schilf", vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Bücherpreis (2002), dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009) und dem Thomas-Mann-Preis (2013).

David Finck, 1978 in Mettmann geboren, studierte von 1999–2003 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er lebt als Autor, Photograph und Webdesigner in Leipzig.

Aus dem Klappentext

"Im Lichte der Wahrheit betrachtet, sind wir alle irgendwie Hundehalter. An Literatur über Hunde mangelt es weniger; wohl aber an Betrachtungen der Tiere selbst. Das hat jetzt eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der jungen Generation nachgeholt: Juli Zeh."
Rheinische Post

"Indem Juli Zeh den Spieß umdreht und den Hund über den Menschen sprechen lässt, ergeben sich spitzzüngig-kluge Bemerkungen zur Zweisamkeit von Zwei- und Vierbeinern. Nicht nur Hundebesitzer dürften sich köstlich amüsieren."
Giessener Allgemeine

"Vergnüglich, scharfsinnig, kurzweilig, originell. Juli Zehs Hund Othello erklärt uns unsere Welt."
Lesart

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort


Ich bin der Hund einer Schriftstellerin. Als solcher ist mir hinreichend bekannt, wie wichtig Sprache für die Geschöpfe auf unserem Planeten ist und dass unter allen Sprachen die menschliche den höchsten Wert besitzt. Immerhin ernährt sie den Haushalt, in dem ich lebe. Aber auch für jeden anderen domestizierten Hund hat die menschliche Sprache eine existenzsichernde Bedeutung, und zwar genau insoweit, wie er sie nicht beherrscht. Wer sprechen kann, hat Telephondienst. Wer sprechen kann, muss einkaufen gehen, die Post erledigen, sich entschuldigen und ohne Pause etwas lernen. Der Schweigende hingegen wird rundum bedient, zur körperlichen Ertüchtigung ausgeführt und, da er für ein persönliches Gespräch nicht zur Verfügung steht, beim Schlafen in Ruhe gelassen. Man bringt ihm das Futter und pflegt sein Fell. Allenfalls muss er aus folkloristischen Gründen gelegentlich an der Haustür bellen, wenn er dumm genug war, als junger Hund das Vorhandensein eines Stimmorgans zu verraten.
Dabei geht es nicht darum, dümmer zu sein als der Mensch. Es gilt nur, dümmer zu wirken. Im Stillen sollte jeder kluge Haushund seine passiven Fremdsprachenkenntnisse pflegen und regelmäßig erweitern. Ein solider Grundstock an Vokabeln verhindert Missverständnisse beim Umgang mit homo sapiens und hilft dabei, Überlebensstrategien zu verfeinern und das eigene Verhalten an die konkreten Umweltbedingungen anzupassen. Warum alles der Evolution überlassen? Die kommt doch sowieso nicht in die Gänge.
Solchen Überlegungen entsprang die Idee zu diesem Buch, dessen Abfassung ich aufgrund meiner überdurchschnittlichen Qualifikationen geradezu als Pflicht betrachte. Schon seit frühester Jugend widme ich mich der Erforschung der menschlichen Sprache. Im Alter von sechs Monaten nahm ich gemeinsam mit meinem Menschen ein Jurastudium an der Universität Passau auf, lag Tag für Tag unter den Klappsitzen im Hörsaal und machte mir die moderne Erkenntnis zunutze, dass man im Schlaf am besten lernt. Nach drei Semestern wechselte ich an die Universität Leipzig, um der rechtswissenschaftlichen Ausbildung ein Studium am Deutschen Literaturinstitut an die Seite zu stellen. Im Lauf von zehn Jahren im deutschen Hochschulwesen bin ich damit nolens volens zum Experten für menschliches Sprachverhalten geworden. Von Beileidsbezeugungen bitte ich abzusehen. Es kann sehr amüsant sein, was homo sapiens so redet. Man muss sich nur die Mühe machen, ihm ganz genau zuzuhören.
Es ist nun an der Zeit, die Ergebnisse meiner Untersuchungen einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. »Das kleine Konversationslexikon für Haushunde« bietet Neueinsteigern erste Hinweise für das Zusammenleben mit homo sapiens und ermöglicht Fortgeschrittenen eine Vertiefung bestehender Kommunikationserfahrungen. Es kann als Nachschlagewerk ebenso wie zur fortgesetzten Lektüre empfohlen werden und sollte in keinem Hundehaushalt fehlen – ein Buch für Hunde, die ihren Menschen verstehen wollen.
Die oberste Maxime des klugen Haushunds lautet: Was auch passiert, sag niemals ein Wort – aber kennen solltest du sie alle. Wer meint, dass sich dieses Gebot schlecht mit der Niederschrift eines ganzen Buchs verträgt, sei darauf hingewiesen, dass niemand an meine Urheberschaft glauben wird. Nicht einmal die Wahrheit höchstpersönlich ist so überzeugend wie ein gut zementiertes Vorurteil.
Othello Leipzig, den 9. Februar 2005


A
Aas
Ehemals belebtes Nahrungsmittel nach dem Überwechseln in den unbelebten Zustand. Aas gibt es in Dosen, in Scheiben, in Alufolie oder Plastikhäuten, in freier Natur und in Aspik. Ein aufmerksamer Beobachter findet es überall. Es liegt am Wegrand, hinter den Wartehäuschen an Bushaltestellen, neben überquellenden Biotonnen und auf dem Standstreifen stark befahrener Überlandstraßen. Aas ist in beinahe jedem Aggregatzustand schmackhaft, nahrhaft und bekömmlich. Darüber hinaus dient es dem Hobbyjäger als wichtiges Hilfsmittel beim Ansitzen im Stadtpark. Durch sorgfältiges Wälzen über die Körperbehaarung verteilt, überdeckt gut abgelagertes Aas den eigenen Körpergeruch. Welches Kaninchen erwartet schon, von einem toten Fisch angesprungen zu werden? Die einzige Gefahr beim Umgang mit Aas besteht in der Entdeckung durch homo sapiens. Siehe auch Aasfresser = Strafe.




Assfresser


1 Pseudowissenschaftliche Bezeichnung für zivilisierte Gattungen, die ihr Essen nicht bei lebendigem Leibe verschlingen.
2 Ein Schimpfwort, das homo sapiens zu brüllen pflegt, wenn er einen Haushund bei der natürlichen Nahrungsaufnahme im Freien beobachtet. Die Verwendung des Begriffs beruht auf einem schwerwiegenden Irrtum des Menschen über die Beschaffenheit des Inhalts seiner Kühlschränke und Gefriertruhen.


Allergie
Übersteigerte Reaktion des Immunsystems auf bestimmte Eiweiße und eiweißähnliche Verbindungen. Eine der Hauptursachen für das Auftreten von Allergien liegt in übertriebener Hygiene während der ersten Lebensjahre, weshalb Hunde vor solchen Erkrankungen relativ sicher sind. Tritt dennoch beim wiederholten Kontakt mit homo sapiens eine Menschenhaarallergie auf, hat das meist tragische Folgen. Selten bleibt eine andere Möglichkeit, als sich von seinem Liebling zu trennen. Auch wer aus anderen Gründen keine Lust mehr auf seinen Menschen hat, kann sich an der Nachtpforte des Heims oder in der Umsonst-abzugeben-Rubrik der Lokalzeitung (vgl. Journalismus) auf eine asthmatische Veranlagung berufen. Die Gesundheitsapostel in Funk und Fernsehen sind gerne bereit, ihm zu erklären, warum er deswegen kein schlechtes Gewissen haben muss.


Angstbeißer
Jeder noch so pazifistische Haushund wird im Laufe seines Lebens das eine oder andere Mal gebissen. Meist beruhen solche Auseinandersetzungen auf einem Missverständnis: Der eine Hund hat Angst, der andere auch, und Angriff ist die beste Verteidigung. In puncto Aggressionsverhalten unterscheidet sich der gemeine Haushund somit nicht im Geringsten von homo sapiens. Bei Betrachtung der letzten paar Jahrtausende Menschheitsgeschichte drängt sich sogar die Frage auf, warum ausgerechnet die Hunde in der Öffentlichkeit an der Leine gehen und einen Maulkorb tragen sollen.


Apport!
[lat.] Bring [es] her! – Versuch des Menschen, seine Herrschsucht als Kulturpflege zu tarnen. Überdies völlig sinnlos: Die meisten Haushunde können kein Latein. Siehe Stöckchen.


Arbeit
Ein Sammelbegriff für Tätigkeiten, denen homo sapiens existenzsichernde Funktionen nachsagt. Ausgerechnet Jagen, Nestbau, Fortpflanzung und Brutpflege werden vom menschlichen Arbeitsbegriff jedoch nicht umfasst. Dies lässt vermuten, dass der arbeitende homo sapiens weniger den Erhalt seiner Existenz als den Erwerb einer auf Cocktailpartys gültigen Existenzberechtigung anstrebt. Beim Haushund handelt es sich glücklicherweise um ein sogenanntes Luxustier. Als solches ist er sogar unpfändbar und das sei ihm Existenzberechtigung genug.


Auto
Rollende Blechkiste, die homo sapiens nur in zweiter Linie zur Fortbewegung einsetzt, während sie vor allem dem symbolischen Austragen archaischer Rang- und Revierkämpfe dient. Der Haushund sollte möglichst frühzeitig klarstellen, dass jener Teil des Autos, der »Kofferraum« genannt wird, schon aus semantischen Gründen ein Ort sein muss, an dem ausschließlich Koffer aufbewahrt werden. Der Hund hingegen findet seinen Platz auf der Rückbank. Dort erhöht er durch Meditation sein Körpergewicht und wird zu einem absolut unverrückbaren Materiehaufen, um den sich mitreisende Lebewesen und Gegenstände rücksichtsvoll gruppieren müssen. So schläft er friedlich, alle viere von sich gestreckt, bis sich am Grenzübergang ein verdächtiger Uniformierter unaufgefordert dem Auto zu nähern versucht. Merke: Ist der Innenraum eines Autos erst schlammverkrustet und mit Haaren bedeckt, reist es...

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Verlag: btb Verlag, 2016
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