Verlockung: Roman - Softcover

János Székely

 
9783442735105: Verlockung: Roman

Inhaltsangabe

Ein großer Roman über die schillernde Budapester Gesellschaft in den wilden 20er Jahren.

Ungarn zwischen den Weltkriegen. Der Bauernjunge Béla zieht vom Land zu seiner jungen, lebenshungrigen Mutter in die Budapester Vorstadt. Sein Entschluss ist gefasst: Er will die Armut hinter sich lassen und sie erobern, diese märchenhafte, andere Welt. Als Liftboy in einem Luxushotel taucht er in die dekadente Gesellschaft der Reichen und Schönen ein. Als eines Nachts die schöne, geheimnisvolle Gattin seiner Exzellenz nach ihm klingelt, glaubt Béla seine Stunde gekommen …

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

János Székely (sprich Sekäij), geboren 1901 in Budapest, kam auf der Flucht vor dem Horthy-Regime als Achtzehnjähriger nach Berlin. Er verfasste zahlreiche Drehbücher für Stummfilmstars wie Brigitte Helm, Willy Fritsch, Marlene Dietrich, Emil Jannings. 1934 lädt Ernst Lubitsch ihn zur Arbeit nach Hollywood ein; 1938 wandert Székely endgültig aus. Während der McCarthy-Ära wiederum verfolgt, verbrachte er mit seiner Frau und seiner Tochter einige Jahre in Mexiko, bevor er, bereits schwer erkrankt, 1957 einem Angebot der DEFA nach Berlin folgte. Er starb dort 1958.

Aus dem Klappentext

"Hinreißend schön!"
Dresdner Morgenpost

"Die herzerweichende Geschichte eines einsamen, ungeliebten, doch selbstbewussten und wissbegierigen kleinen Helden. Ein zum Lesen und Weiterdenken hinreißendes Buch!"
Salzburger Nachrichten

"Ein unglaubliches Buch!"
Elke Heidenreich in Lesen!

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Mein Leben begann wie ein Kriminalschmöker: Man wollte mich ermorden. Glücklicherweise wurde dieser Plan fünf Monate vor meiner Geburt gefaßt, und so hat er mich kaum sonderlich erschüttert. Dabei hätte ich, falls es zutrifft, was man sich im Dorf erzählt, guten Grund zur Aufregung gehabt. Es war wirklich reiner Zufall, daß ich nicht umgebracht wurde, noch bevor sich diese fünf Finger, mit denen ich jetzt die Feder halte, zu Fingern auswachsen konnten.
Meine Mutter war damals sechzehn Jahre alt, und wenn mich nicht alles täuscht, verlangten weder ihr Körper noch ihre Seele danach, daß ich sie einmal Mutter nannte. Zugegeben, kein sechzehnjähriges lediges Mädchen sehnt sich gemeinhin nach dieser Würde, aber was meine Mutter anstellte, das war, nach allem, was mir zu Ohren gekommen ist, ausgesprochen krankhaft. Als wäre der Teufel in sie gefahren, so sträubte und wehrte sie sich gegen die Mutterschaft. Sie griff zu den schimpflichsten Mitteln, lief unterdessen jedoch eifrig von einer Kirche zur anderen; bald lag sie auf den Knien und betete, bald wünschte sie alle Heiligen des Himmels zur Hölle; sie tobte und wütete, sie wollte mich nicht zur Welt bringen, bei Gott, nein, sie wollte es nicht.
»Wenn ich den Vater, diesen Lumpen, wenigstens lieben würde«, sagte sie immer wieder. »Aber ich hab ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen, ich weiß nicht mal, wo in der Welt ihn der Teufel holt.«
Und so war es in der Tat. Sie hatte Mihály T. am Peter-und-Pauls-Tag kennengelernt, war ihm vorher nie begegnet und danach auch nicht mehr; trotzdem geschah das Malheur. Dabei gehörte meine Mutter durchaus nicht zu jenen mannstollen Frauenzimmern, die sich mit jedem einlassen, wenn er nur Hosen trägt. Ich will die Sache nicht etwa beschönigen, vielmehr halte ich mich an den Bericht einer Frau aus unserem Dorf, einer gewissen Tante Rozika, von der noch die Rede sein wird.
Nach ihren Worten war die »arme Anna« um nichts schlechter als die anderen jungen Dinger im Dorf. Sie war ein stilles, blitzsauberes, hübsches Mädchen mit weißer Haut und schwarzem Haar. Ich selbst erinnere mich am deutlichsten an ihre Augen. Es waren kleine, eigenartig tiefliegende schwarze Augen, mißtrauische, immer ein wenig demütige Bauernaugen, die stechend und doch mit einer uralten Schwermut in die Welt blickten. Sie wohnte bei ihrer Stiefmutter; der Vater war früh gestorben, die Mutter hatte sie überhaupt nicht gekannt. Die Familie war bettelarm. Anna arbeitete als Magd und mußte schon mit fünfzehn Jahren vom frühen Morgen bis in die späte Nacht auf den Feldern des Grafen schuften. Kurzum, das bißchen Gratisvergnügen war ihr zu gönnen, das den Bauern am Peter-und-Pauls-Tag zuteil wurde, und dabei lernte sie dann auch Mihály T. kennen.
Dieser Mihály war ein berühmter Mann, die Mädchen nannten ihn unter sich nur den schönen Miska. Er stammte aus dem Dorf, lebte jedoch seit mehr als zehn Jahren in der Fremde. Heißblütig und abenteuerlustig, wie er war, hatte er schon als Halbwüchsiger das Weite gesucht, und seither waren die sonderbarsten Gerüchte über ihn im Umlauf. Es hieß, er sei Schiffskapitän geworden, dann wieder, er mache als Pirat die Meere unsicher. In Wirklichkeit war er weder Kapitän noch Pirat, sondern Matrose auf einem Frachter, aber damit hatte er es in den Augen der Bauern schon sehr weit gebracht. Nun hatte sich der schöne Miska also nach zehnjähriger Abwesenheit eingefunden, um dem Dorf vorzuführen, was aus ihm geworden war. Er hatte sich piekfein gemacht, zwischen seinen starken weißen Zähnen steckte eine echte englische Pfeife, und den verwegen aufs Ohr gedrückten grünen Hut hatte er, wie er jedermann gern zeigte, in Buenos Aires erstanden. Er war ein großmäuliger, bullenstarker Bursche, ein Prahlhans, Raufbold und Herzensbrecher. Wie ein Pfau stolzierte er durchs Dorf, und fast jeden Abend sah man ihn mit einem anderen Mädchen auf einen Heuschober zusteuern.
Anna kannte den schönen Miska nicht, hatte jedoch um so mehr von ihm gehört. Als sie ihn an jenem denkwürdigen Abend des Peter-und-Pauls-Tages endlich sah, war sie tief enttäuscht. »Was, nach dem da seid ihr alle so verrückt?« sagte sie laut, daß jeder es hören konnte. »Hol der Teufel euren Geschmack!«
Ihre besten Freundinnen beeilten sich, dem schönen Miska diese Worte brühwarm zu hinterbringen, erreichten aber, wie das meist der Fall ist, genau das Gegenteil dessen, was sie offensichtlich bezweckt hatten. Denn plötzlich stand der schöne Miska vor Anna, faßte sie mir nichts, dir nichts um die Taille und tanzte mit ihr einen endlosen Csárdás. Was eigentlich während dieses Tanzes geschah, läßt sich heute nicht mehr genau feststellen. Meine Mutter hat später geschworen, sie sei aus reinem Mutwillen mit ihm in den Kreis getreten, damit die Klatschbasen vor Neid platzen sollten. Tatsache ist jedoch, daß sie bis zum Morgengrauen ausschließlich mit dem schönen Miska tanzte, ohne auch nur einen anderen anzuschauen.
Man schrieb das Jahr 1912; es war ein schöner, an Früchten reicher Sommer, und der Peter-und-Pauls-Tag wurde in der herkömmlichen Weise begangen. Die Dorfbewohner konnten sich auf Kosten der Gutsherrschaft den Bauch mit Gulaschsuppe vollschlagen, die auf der Wiese in großen Kesseln über einem Holzfeuer gekocht wurde; der Gratiswein floß in Strömen; die Zigeuner spielten unermüdlich Csárdásweisen. Die Nacht war so schwül, daß die Leute noch gegen Morgen in Schweiß gebadet waren, obwohl sie unter freiem Himmel tanzten. Nach Mitternacht erhob sich zwar ein leichter Wind, aber er setzte nur die Lampions in den Nationalfarben in Brand und brachte keine Abkühlung, denn er war warm, als käme er aus einem Schornstein. Die in Flammen stehenden Papierlaternen wurden auf dem Boden ausgetreten, und nun leuchteten nur noch der Mond und die Sterne. Dieses Licht genügte der Jugend vollauf, ja, offenbar war es sogar noch zu hell, denn ein Paar nach dem anderen verschwand vom Tanzplatz.
»Haben Sie eigentlich ein Lieblingslied?« fragte der schöne Miska auf einmal meine Mutter.
»Natürlich! Warum nicht?«
»Und wie heißt es?«
»Ach, es ist ein sehr altes Lied, die Zigeuner spielen es kaum noch.«
»Wirklich nicht?« meinte der schöne Miska übermütig. »Na, heute werden sie jedenfalls nichts anderes mehr spielen. Passen Sie mal auf!«
Damit zog er eine Zehnpengönote aus der Tasche, spuckte darauf und klebte sie wie ein ausgelassener großer Herr dem Primas an die Stirn. Natürlich stimmten die Zigeuner auf der Stelle das Lied an, das meine Mutter genannt hatte. Es war eine schwermütige alte Weise:
»Im grünen Wald ging ich fürbaß
und freute an den Vöglein mich;
sie bauten ihr Nest aus Halmen und Gras…
Hei, wie herzinniglich lieb ich dich!«
Und es kam, wie der schöne Miska gesagt hatte: Bis zum Morgen spielten die Zigeuner nur noch diese Melodie. Ab und zu faßte sich der Primas zwar ein Herz und ging in eine schnellere Weise über, aber sofort pflanzte sich der schöne Miska vor den Musikanten auf, bereit, wie ein tollwütiger Hund über sie herzufallen. Was blieb ihnen also übrig, als bis zum Tagesanbruch ohne Unterlaß diesen getragenen Csárdás zu strapazieren?
Der schöne Miska aber sang meiner Mutter ins Gesicht, so daß die anderen Mädchen vor Wut beinahe barsten: »Hei, wie herzinniglich lieb ich dich!«
Es war eine tolle Nacht, im Dorf gab es kaum einen nüchternen Menschen. Der Wein, die immerfort tönende weiche Csárdásweise, vielleicht auch die zahllosen Sterne am Himmel – all das ging ins Blut, und so geschah, was so oft in solchen Nächten geschieht. Ehe Anna sich’s versah, lag sie mit dem schönen Miska im Heu. Nur ein paar Minuten lang, erzählte die Ärmste später. Sie hatte noch gar nicht recht begriffen, was ihr widerfahren war, da riß er auch schon seine Uhr heraus und schrie auf, als habe man ihm einen Dolch in den Rücken gejagt: »Au verflucht, ich verpasse meinen Zug!«
Das hieß also: hopp, hopp, und bevor...

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.