Ein toter Schüler, versteckte Obsessionen und eine Mauer des Schweigens
Eine Militärschule in der Nähe von Wien: Ein Schüler wird tot aufgefunden, aber es kann keine Todesursache festgestellt werden. Der junge Psychoanalytiker Max Liebermann, den Inspektor Rheinhardt zu Hilfe ruft, stößt bei den Mitschülern auf eine Mauer des Schweigens. Aber mit seinem psychologischen Geschick spürt er ein Netzwerk von Abhängigkeiten und Gewalt auf. Und von amourösen Verwicklungen, die er in seinem dritten Fall nur allzu gut verstehen kann – ist er doch selbst von Eifersucht gegenüber der von ihm verehrten Engländerin Miss Lydgate getrieben, die sich mit einem geheimnisvollen Fremden trifft.
Der dritte Teil der Erfolgsserie um den Psychoanalytiker und Detektiv Max Liebermann.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Frank Tallis ist Schriftsteller und praktizierender klinischer Psychologe. Für seine Romane, vor allem für seine Erfolgsserie um den Psychoanalytiker und Detektiv Max Liebermann, erhielt er zahlreiche Preise, u. a. den »Writers' Award from the Arts Council of Great Britain« und den »New London Writers' Award«. Tallis lebt in London.
"Holmes trifft Freud in diesem unterhaltsamen Kriminalroman."
Guardian
ERSTER TEIL
Das Geheimnis von St. Florian
Der barocke Ballsaal war mit Blumen geschmückt. Über hundert Paare kreisten synchron unter drei strahlenden Kronleuchtern. Die Männer trugen schwarze Fräcke, Pikeehemden und weiße Handschuhe, die Frauen Kleider aus Tüll und Crepe de Chine. Auf einem Podium spielte ein kleines Orchester »Rosen aus dem Süden« von Strauß, und als die berühmte, zu Herzen gehende Melodie des Walzerkönigs wiederholt wurde, summten einige der Zuschauer, die das Stück kannten, gerührt mit.
Liebermann spürte, wie sich Amelia Lydgates rechte Hand in seiner linken verkrampfte. Eine vertikale Falte tauchte auf ihrer Stirn auf, als sie versuchte, sich von ihm führen zu lassen.
»Entschuldigen Sie, Dr. Liebermann, ich bin so eine schlechte Tänzerin.«
Sie trug ein schulterfreies Ballkleid aus grünem Samt, und ihr flammend rotes Haar war mit Silberbändern hochgebunden. Ihre blassen, makellosen Schultern erinnerten den jungen Arzt an italienischen Marmor.
»Überhaupt nicht«, erwiderte Liebermann. »Sie machen das für eine Anfängerin ganz großartig. Ich würde jedoch vorschlagen, dass Sie genauer auf die Musik hören, auf den Takt.«
Die Engländerin sah ihn ratlos an.
»Den Takt«, wiederholte sie.
»Ja. Können Sie ihn denn«, Liebermann unterbrach sich und versuchte seine Fassungslosigkeit zu verbergen, »nicht spüren?«
Liebermann unterstrich den ersten akzentuierten Ton jedes Taktes mit einem sanften Druck der Hand, die auf Amelias Rücken ruhte, was jedoch folgenlos blieb.
»Nun gut«, meinte Liebermann. »Vielleicht helfen Ihnen ja folgende Hinweise weiter: Die Rechtsdrehung wird mit drei Schritten durchgeführt, dabei bewegt man sich vorwärts, mit dem rechten Bein beginnend, und dreht sich gleichzeitig um 180 Grad im Uhrzeigersinn. Darauf folgen drei Schritte rückwärts und wiederum eine Drehung von 180 Grad. Für die Linksdrehung gilt dasselbe, nur wird gegen den Uhrzeigersinn getanzt ...«
Amelia blieb stehen, legte den Kopf zur Seite und überlegte kurz. Dann sah sie Liebermann in die Augen und sagte: »Danke, Dr. Liebermann, das war eine ausgezeichnete Erklärung. Lassen Sie uns weitermachen.«
Bemerkenswerterweise waren Amelias Bewegungen, als sie weitertanzten, bedeutend flüssiger.
»Ausgezeichnet«, meinte Liebermann. »Wenn Sie sich jetzt etwas zurücklehnen, könnten wir noch schneller tanzen.« Amelia folgte seiner Anweisung, und sie kreisten schneller. »Ich glaube«, fuhr Liebermann fort, »dass die ideale Geschwindigkeit für einen Wiener Walzer etwa dreißig Umdrehungen pro Minute beträgt.« Als er bemerkte, dass Amelia auf seine Armbanduhr schaute, fügte er rasch hinzu: »Ich glaube jedoch nicht, dass wir uns unbedingt nach diesem Ideal richten müssen.«
Sie tanzten am Orchester vorbei und wurden von einem korpulenten Paar überholt, das - trotz Körperfülle - mit einer Anmut tanzte, die die Gesetze der Schwerkraft in Frage zu stellen schien.
»Meine Güte«, sagte Amelia erstaunt. »War das Inspektor Rheinhardt?«
»In der Tat«, erwiderte Liebermann und zog eine Braue hoch.
»Er und seine Frau tanzen ... formvollendet.«
»Das stimmt«, sagte Liebermann. »Wenn ich es richtig sehe, dann haben Inspektor Rheinhardt und seine Frau mehr Übung als die meisten hier. Während des Faschings nehmen sie nicht nur am Ball der Detektive teil, sondern besuchen auch den Ball der Kellner, den Ball der Hutmacher und den Philharmonischen Ball. Und natürlich hat der Inspektor, man würde es kaum für möglich halten«, Liebermann lächelte übermütig, »eine besondere Vorliebe für den Ball der Konditoren.«
Als sie an einer vergoldeten, geschnitzten Flügeltür vorbeitanzten, sah Liebermann, wie ein Gendarm den Ballsaal betrat. Seine einfache blaue Uniform und seine Pickelhaube hoben sich von den eleganten Fräcken und Ballkleidern ab. Seine Wangen waren gerötet, und es hatte den Anschein, als sei er gerannt. Der junge Mann ging direkt auf Kommissar Brügel zu, der neben dem tadellos gekleideten Inspektor Victor von Bülow und einigen Gästen vom ungarischen Sicherheitsamt stand.
Früher am Abend hatte Liebermann den Versuch unternommen, mit den Ungarn Konversation zu machen, diese waren jedoch sehr einsilbig gewesen. Er hatte ihre Reserviertheit der madjarischen Melancholie zugeschrieben, einer medizinischen Besonderheit, mit der er und die meisten seiner Kollegen in Wien sehr vertraut waren.
Liebermann verlor die Gruppe aus den Augen, als Amelia und er ihre Runde durch den Ballsaal fortsetzten. Nach einigen weiteren Drehungen sah er zu seiner Überraschung, wie Else Rheinhardt allein dastand, den Blick auf ihren Mann gerichtet, der sich mit Kommissar Brügel und dem jungen atemlosen Gendarmen unterhielt. Liebermanns Beobachtung fiel mit der Fanfare der Blechblasinstrumente zusammen, die den Walzer zu einem lärmenden Ende brachte. Die Tanzenden applaudierten begeistert dem Orchester. Liebermann verbeugte sich, gab Amelia einen Handkuss und führte sie dann zu Else Rheinhardt.
»Ich glaube, es ist etwas vorgefallen«, sagte Else.
Manfred Brügel war ein stämmiger Mann mit einem großen, kantigen Kopf und einem mächtigen Backenbart. Er sprach mit Rheinhardt, stellte aber ab und zu auch eine Frage an den Gendarmen. Rheinhardt hörte konzentriert zu. Schließlich schlug er die Hacken zusammen und drehte sich um, um seine Frau und seine Freunde zu suchen.
»Meine Liebe«, sagte Rheinhardt und drückte Else zärtlich den Arm, »es tut mir sehr leid ... aber es hat sich etwas Unvorhergesehenes ereignet.« Er warf Liebermann einen raschen Blick zu und gab ihm damit zu verstehen, dass es sich um eine ernste Angelegenheit handelte. »Ich fürchte, ich muss sofort aufbrechen.«
»Hat denn niemand sonst am Schottenring Dienst?«, wollte Else wissen.
»Koltschinsky fällt aus, er hat es an den Bronchien. Und Storfer ist, als er von besagtem Vorfall unterrichtet wurde, losgestürzt und vor der Wache auf dem Eis ausgerutscht. Dabei hat er sich den Kopf aufgeschlagen.«
»Was für ein außergewöhnliches Pech«, meinte Liebermann.
»Warum immer du?«, fragte Else. »Kann denn nicht jemand anders gehen? Was ist mit von Bülow?«
»Ich glaube, er hat wichtige Dinge mit unseren ungarischen Freunden zu besprechen.« Die Luft war plötzlich vom Flirren tremolierender Geigen erfüllt, zu dem zwei Waldhörner einen einfachen Durdreiklang spielten. Nichts in der Musik war so kunstlos und doch so unverwechselbar. »Ah«, sagte Rheinhardt, »wie schade ... >An der schönen blauen Donau<«, und sah dabei seine Frau mit einem Ausdruck des Bedauerns an.
»Oskar«, sagte Liebermann. »Kann ich irgendwie behilflich sein? Wäre es dir recht, wenn ich dich begleite?« Rheinhardt schüttelte den Kopf.
»Es wäre mir lieber, wenn du meiner geliebten Frau und Miss Lydgate Gesellschaft leisten könntest. Also, wo ist Haussmann?« Der Inspektor sah sich im Ballsaal um und entdeckte seinen Assistenten, der bei einer Gruppe Kavalleristen stand und nachdenklich eine hübsche junge Debütantin in Weiß betrachtete. Schwere, blonde Locken umrahmten ihr Gesicht. Haussmann, der offenbar die Überwachung schon vor einiger Zeit begonnen hatte, wollte sich ihr gerade mit einer roten Rose in der Hand nähern. »Nicht auch das noch«, sagte Rheinhardt halblaut.
Der Inspektor küsste seine Frau, entschuldigte sich bei Amelia und schüttelte Liebermann die Hand. Dann trat er rasch ein paar Schritte vor und konnte Haussmann gerade noch rechtzeitig aufhalten, bevor er bei seiner Jagdbeute angelangt war.
Der Wirt in Aufkirchen war sehr zuvorkommend gewesen. Er hatte seine Tonpfeife ausgeklopft und Rheinhardt vor einem umgestürzten Baum gewarnt. »Er versperrt die Straße - Sie müssen den weiten Weg außen rum machen.« Die Wegbeschreibung, die ihnen der Mann geliefert hatte, war voller Details und viel zu kompliziert gewesen. Als die kleine romanische Kirche mit ihrem charakteristischen Zwiebelturm in der Dunkelheit verschwand, bezweifelte Rheinhardt, dass die Befragung sonderlich nützlich gewesen war.
Das Innere...
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