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Der Wind weht unsere Worte fort. Afghanische Betrachtungen - Softcover

 
9783442730001: Der Wind weht unsere Worte fort. Afghanische Betrachtungen

Inhaltsangabe

"Afghanistan ist eine Bühne im Scheinwerferlicht. Die ganze Welt schaut hin. Wie traurig ist es, dass diese Scheinwerfer nicht schon damals strahlten: Welches Leid hätte vermieden werden können!" Doris Lessing

Seit Jahren ist Doris Lessing engagierte Mitarbeiterin von "Afghan Relief", einer gemeinnützigen Hilfsorganisation für afghanische Flüchtlinge. Im September 1986 flog die Autorin nach Pakistan, um sich selbst ein Bild der Zustände in den Flüchtlingslagern zu machen. Sie suchte die Begegnung mit den Mudschahedin, mit Widerstandskämpfern und Flüchtlingen, mit afghanischen Frauen und Kindern. In "Der Wind weht unsere Worte fort" schildert Doris Lessing ihre sehr persönlichen Eindrücke aus dem leidgeprüften Afghanistan. Ein Reisejournal, ergänzt durch Daten, Fakten und ausführliche Interviews und einer großen Frage: Warum hat die Welt - haben wir - dieser Tragödie so lange untätig zugeschaut? Eine höchst aktuelle Frage, die Doris Lessing in einem neuen, aufrüttelnden Vorwort aufgreift.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Doris Lessing, 1919 im heutigen Iran geboren und auf einer Farm in Südrhodesien aufgewachsen, lebt seit 1949 in England. 1950 veröffentlichte sie dort ihren ersten Roman und kam 1953 mit "Eine afrikanische Tragödie" zu Weltruhm. In Deutschland hatte sie ihren großen Durchbruch 1978 mit der Veröffentlichung von "Das goldene Notizbuch", das seitdem zu ihrem Hauptwerk gezählt wird. Heute ist Doris Lessing eine der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart, ihr umfangreiches Werk umfaßt Lyrik, Prosa und autobiographische Schriften. Im Oktober 2007 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Ihr langes Haar war aufgelöst
Die Sage erzählt, dass Apollon, der sich langweilte, seine Aufmerksamkeit den kleinen Wesen auf der Erde zuwandte, die alle emsig ihren Geschäften nachgingen, wie das bei uns so üblich ist. Als er Kassandra, eine hübsche junge Frau, bemerkte, sagte er: »Wie wär's mit einem Quickie? Es wird dein Schaden nicht sein, ich verleihe dir die Gabe der Prophezeiung.« »Ich habe nichts dagegen«, sagte sie, hielt aber ihr Versprechen nicht ein, als ihr bewusst wurde, dass sie in die Zukunft blicken konnte. Apollon wurde wütend. Außerdem war er rachsüchtig, damals eine bewunderte Eigenschaft. »Gib mir wenigstens einen Kuss«, sagte er, und sie war einverstanden. Während er sie umarmte, nahm er die Hälfte seines Geschenks wieder zurück: Sie konnte zwar noch prophezeien, verlor aber ihre Glaubwürdigkeit. Einige Überlieferungen sagen, dass Apollon ihr in den Mund atmete; andere, ähnlich eklig, dass er »ihren Atem einsaugte«. Doch in Wirklichkeit spie er ihr wie eine Schlange in den Mund. Schlangen spielen in der Geschichte Kassandras von Anfang an eine Rolle. Sie und ihr Zwillingsbruder wurden von den Eltern, die sich bei einem Gelage betrunken hatten, in einem Tempel vergessen. Als das Paar reumütig zurückkehrte, um die Kinder abzuholen, »leckten die heiligen Schlangen des Tempels an ihren Ohren«. So kam Kassandra nach dieser Version der Sage zu ihrer Sehergabe.
Kassandra, die Tochter von Priamos, dem König von Troja, warnte mit »aufgelöstem Haar« vor dem bevorstehenden, verheerenden Krieg, aber niemand achtete auf sie. Verschiedene unüberlegte Handlungen Trojas führten zum Ausbruch dieses Krieges; die schöne Helena trug nicht allein die Schuld. Tatsächlich verhielten sich beide Seiten so - als könnten sie gar nicht anders -, dass dieser Krieg unvermeidlich wurde. Folglich brach er aus. Dann ging er weiter.
Es gab damals viel von dem, was wir heute Kollaboration nennen. Selbst Kassandra, die Tochter des Königs von Troja, bekam von Agamemnon, dem König der angreifenden Truppen, zwei Kinder. Helena... nun ja, Helena ist ein interessanter Fall. In kürzeren Versionen der Geschichte oder in denen für Kinder ist sie passiv und wird von Hand zu Hand gereicht; man würfelt um sie, streitet sich um sie, begehrt sie, und sie ist immer unschuldig - wie eine Puppe oder eine lächelnde Statue, von Helligkeit durchdrungen. Als Tochter von Zeus ist sie göttlichen Ursprungs. War sie schön, weil sie göttlich war, oder göttlich, weil sie schön war? Ganz Troja liebte sie, was an die Jungfrau Maria in gewissen Ländern erinnert. Aber es ist reizvoller, sie für unwiderstehlich schön zu halten.
Und sie war mit Sicherheit nicht passiv.
Sie und Kassandra stellen oft verschiedene Aspekte einer Eigenschaft dar; eines der schmückenden Beiworte für Kassandra war: »Die, die Männer betört.«
Kassandra wurde als Agamemnons Besitz mit der Kriegsbeute nach Mykene verschifft, und Klytaimnestra, die eifersüchtig war, ließ sie ermorden. Kassandra wusste, dass man sie und Agamemnon töten wollte: Sie »roch Blut«. Doch auch ohne Blutgeruch wäre es nicht allzu schwierig gewesen vorherzusehen, dass sie der Frau ihres Geliebten im Wege stand. Kassandra weigerte sich, den Raum zu betreten, wo man ihren Liebhaber Agamemnon, ihren Feind, den Vater ihrer beiden Kinder, abschlachtete. Aber wenn sie danach nicht selbst umgebracht worden wäre, hätte sie natürlich weiterhin weise Voraussagen gemacht, erregt und mit aufgelöstem Haar. Und niemand hätte davon auch nur im geringsten Notiz genommen.
Nun ja. Wir haben uns verändert, und damit auch das Bild, das wir uns von den Göttern machten. (Unsere Auffassung von den Gottheiten könnte man fast zu allen Zeiten als eine Art Lackmuspapier oder Geigerzähler betrachten - als Maßstab unserer Entwicklung oder der Stufe in der Evolution.) Sie sind nicht mehr rachsüchtig oder launisch, spielen nicht mehr mutwillig mit dem Schicksal der Menschen, paaren sich nicht mehr aus Jux und Tollerei mit der einen oder anderen hübschen Sterblichen und haben derben Späßen und grobem Unfug abgeschworen. Vielmehr grübeln sie traurig über die menschlichen Schwächen und fragen sich, ob ihre Schutzbefohlenen irgendwann zur Vernunft kommen werden. »Wenn sie nur eine Spur von Unserem Óo?~ - Unserem Verstand - hätten! Es wird wirklich langsam Zeit, dass sie sich etwas von Unserer Weitsicht aneignen, von Unserer Voraussicht und Unserer Fähigkeit zu erkennen, was aus ihren Taten oder Gedanken folgt. Wir tun, was Wir können, um die eine oder die andere Dummheit zu verhindern - auch wenn sie selten Unsere Einmischung in ihre Angelegenheiten wahrnehmen, weil sie so eitel und eingebildet sind. Wir pflanzen Ideen in ihre Köpfe, die die Toren für ihre eigenen halten... ja. Wir tun so viel, wie sie Uns erlauben. Und dann gibt es dort unten auch noch diese wenigen wertvollen Menschen, die Uns näher treten, wie Wir werden und Unsere Weisheit in sich aufnehmen wollen - durch sie können wir das menschliche Geschick ein wenig beeinflussen. Aber sie müssen zuallererst lernen, wann man sprechen und wann man schweigen soll. Das Problem ist, dass so viele, die einen Hauch von Uns verspürt haben, den Kopf verlieren und glauben, es gehe nur darum, die Haare aufzulösen und einfach so weiterzumachen... sie wollen sich nicht dem langen, mühsamen Prozess unterziehen, sich zu rüsten, um für die Gespräche mit Uns gerüstet zu sein - ganz im Gegenteil, sie rennen herum, plappern aufgeblasen von Einsichten und Erkenntnissen und reden unpassendes und zusammenhangloses Zeug daher, zur rechten und zur unrechten Zeit: Heilige, Propheten, Prophetinnen, Märtyrer...«
Was ich zu gern erfahren würde, ist, wer in Priamos' Palast sonst noch über den drohenden Krieg gesprochen hat. Nur Kassandra? - Natürlich nicht. Nein, es gab wahrscheinlich eine beachtliche Minderheit, für die der Name »Kassandra« stehen kann. Sie war eine Prinzessin, erregt, mit wirren Haaren, die »Wehe, weh uns!« rief, aber in der Küche flüsterten die alten Frauen mit düsterem Blick, die das alles schon vorhergesehen hatten, und ein Bettler, der in einem früheren Krieg als Soldat zum Krüppel geworden war, trieb sich auf den Zinnen der Stadtmauer herum und packte jeden Vorübergehenden am Arm. »Dieser Krieg wird ein Unheil für uns alle sein«, brüllte er (denn er war ein wenig taub, weil ihn ein Speer verwundet hatte), »ein Unheil für die Griechen wie für uns!« Aber er war nicht mehr ganz richtig im Kopf, der arme Alte, und alle wussten, dass Kassandra entschieden zu aufgeregt war.
Vor langer Zeit gab es auf dieser Welt die besonderen, zum Weissagen begabten Individuen. Später dann einige Leute in jedem Palast, jeder Siedlung, jedem Gehöft. Doch heute ist es das ganze Volk. In unseren Tagen ist Kassandra nicht eine göttlich inspirierte Seherin oder eine alte Frau, die unbeachtet in der Ecke weint, oder ein alter Soldat, der alles im Krieg verloren hat. Kassandra ist der Warnruf, der von allen Seiten ertönt, besonders von Wissenschaftlern, deren Aufgabe es ist zu wissen, was aller Wahrscheinlichkeit nach passieren wird; von Menschen überall auf der Erde, die sich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen beschäftigen; von jedem, der denkt. Man könnte auch sagen, dass die ganze Welt aus Kassandras besteht, da es praktisch niemanden mehr gibt, der keine Katastrophen vorhersieht. Sie alle wären abwendbar, abzuwenden, wenn wir wirklich Herren unseres Geschicks wären, wie wir glauben - oder wie man es für möglich halten könnte, wenn man uns so reden hört.
Wir wissen alle oder tun zumindest so, als ob wir es wüssten, dass wir die Regenwälder dieser Welt nicht zerstören dürfen, die Bäume auf den Berghängen nicht abholzen, weil das Wasser sonst die kostbare Muttererde ins Meer schwemmt und sich damit die Ausdehnung der Wüsten beschleunigt (sie haben sich seit Jahrhunderten, Jahrtausenden ausgedehnt). Wir sollten kein Gift in die Ozeane kippen oder Radioaktivität freisetzen, die ganze Landstriche unserer Erde unbewohnbar macht. Wir sollten keine Nuklearwaffen produzieren, weil wir eine sorglose und unzuverlässige Rasse sind. Wir sollten keine Kriege führen; schließlich gibt es vernünftigere Methoden, Meinungsverschiedenheiten zu regeln. Wir sollten nicht... sollten nicht... sollten nicht... Und wir sollten, sollten, sollten...
Ich saß auf einer Landspitze über Sidney und sah zu, wie sich der Himmel über dem Hinterland verdunkelte, als ob Wolken von Heuschrecken aufgezogen wären. Jedenfalls glaubte ich, Heuschrecken zu sehen, weil ich in meiner Jugend oft beobachtet hatte, wie der niedrige dunkle Streifen am Horizont immer größer und breiter wurde, bis der halbe und dann der ganze Himmel bedeckt war - doch es war Staub, es war die Erde von Tausenden von Farmen, die der Wind über Sidney ins Meer wehte, Millionen Tonnen Ackerboden, für immer verloren, weil die Wälder abgeholzt werden. Australien hat ein Drittel seiner Bäume gefällt, obwohl es wusste, und das weiß inzwischen jeder, dass dadurch Wüsten entstehen.
In diesem Jahr haben wir das Unglück von Tschernobyl erlebt und die Vergiftung des Rheins durch die Schweiz: beides Katastrophen von der Art, die Kassandra, anders als die Experten, mit Sicherheit vorausgesehen hätte. Und sie werden wieder geschehen. Und wieder.
Vor kurzem hat Paul Erlich (einer von denen, die vor dem nuklearen Winter warnen) gesagt, dass wir (die Menschheit) uns die wichtige Frage stellen müssten, »warum wir weiterhin Dinge tun, die uns, wie wir alle wissen, schaden, vielleicht sogar unverantwortlich sind? Was ist nur los mit uns?« Natürlich haben sich auch andere diese Frage gestellt, unter anderem Arthur Koestler.
Es ist eine amüsante Vorstellung (weil sie so unwahrscheinlich ist), dass sich die Nationen zu einer Geheimkonferenz versammelt und beschlossen hätten, für die Dauer der Beratung alle Parolen und Schlachtrufe und das Ringen um bessere Positionen zu vergessen, um darüber zu diskutieren: »Was ist los mit uns, wieso sind wir so verbohrt, dass wir nicht auf Kassandra hören können? Es ist, als ob die Welt, als ob wir, von einem Sog der Dummheit mitgerissen würden, der zu stark ist, um ihm zu widerstehen, und all die schrillen, verzweifelten Warnrufe sind wie Möwen, die glitzernd über dem Schauplatz kreisen, herabstoßen und wieder wegfliegen, während sie schreien: Sicher muss es etwas geben, das wir alle, gemeinsam, tun können; vielleicht können wir lernen zuzuhören...«
Wahrscheinlich hat man Kassandra vor dem großen Palast Agamemnons nicht nur deshalb ermordet, weil sie die Geliebte des Königs war, sondern auch weil alle wussten, dass sie immer wieder Unheil und Unglück prophezeien würde, das niemand hören wollte. Sie wussten, dass sie nicht anders konnten.
Aber warum können wir nicht anders?
Wir wissen es nicht.
Velikowsky hat gesagt, als man ihn fragte, warum man sich an all die entsetzlichen Katastrophen, die er als Grundzug unserer Geschichte beschrieben hat, überhaupt nicht erinnere oder, wenn doch, nur als Legenden oder Mythen: »Wir vergessen Katastrophen. Wir können die Erinnerung an die schlimmsten Ereignisse nicht ertragen - wenn Planeten oder Meteore mit uns zusammenstoßen, sich das Klima plötzlich verändert, der Meeresspiegel steigt und ganze Städte und Zivilisationen unter sich begräbt...«
»Nun mach aber halblang«, dachte ich, als ich Velikowsky las. »Wir - und vergessen! Während unsere Geschichtsbücher voll von Katastrophen sind - Kriegen, Hungersnöten, Epidemien. Wir erinnern uns nicht nur an das, was geschehen ist, sondern oft mit einer Art von erquicklicher Befriedigung, mit Wohlbehagen, einem feierlichen Orgelton. Du sagst, wir vergessen? Wie willst du das beweisen?«
Nun, machen wir uns doch einmal Folgendes klar. Im Ersten Weltkrieg gab es vier Millionen Tote. Das war noch bescheiden, verglichen mit den Gräueln, die folgen sollten, und zwar sehr bald. Den sieben bis neun Millionen Opfern aus Stalins Zwangskollektivierung der russischen Bauern. Den zwanzig Millionen (oder so) Ermordeten in Stalins Gulags. Den zwanzig Millionen (oder so) des Großen Sprungs nach vorn. Den sechzig Millionen (oder so) der Kulturrevolution. Aber das waren bewusste Morde, politisch geplant und ausgeführt. Die vier Millionen des Ersten Weltkriegs waren nicht geplant, nicht gewollt; sie passierten einfach. Zu jener Zeit war das schrecklich, unfassbar, fürchterlich - ganz Europa war von den Todesfällen betroffen und spürte vielleicht, dass sie den Beginn unseres Niedergangs andeuteten. Man erkannte die Möglichkeit, dass Katastrophen von Menschen gemacht wurden, mit Unbehagen und bösen Vorahnungen. Doch als der Krieg zu Ende ging, mit seinen vier Millionen Toten, brach ein noch größeres Unheil über die Erde herein, die Grippeepidemie, die die ganze Welt verwüstete und neunundzwanzig Millionen Menschen umbrachte. Die Jahre 1918, 1919, 1920, mit dieser großen Epidemie, den vielen Flüchtlingen, Krüppeln, der Verwüstung, der vom Krieg verursachten Armut, waren entsetzlich. Die Menschen starben. Sie starben wie die Fliegen, weit über die vier Millionen hinaus, an die wir uns seitdem erinnern. Niemand konnte erklären, warum diese schwere Grippeepidemie ausbrach. Gleichzeitig verbreitete sich auch eine Schlafkrankheit, ebenso rätselhaft, wenn auch weniger Menschen daran starben. (An diese Seuche erinnerte lange Zeit danach, als sie schon von allen vergessen war, Dr. Oliver Sacks' Buch Awakenings, das von den Menschen erzählt, die die Krankheit mehrere Jahrzehnte überlebten.) Der Erste Weltkrieg bleibt uns immer im Gedächtnis, wird diskutiert und analysiert. Geschichtsbücher werden über ihn geschrieben, einmal im Jahr stehen wir still und trauern. Aber die große Grippeepidemie, die siebenmal mehr Menschen getötet hat, wird nur selten erwähnt.
In The Chronology of the Modern World (Penguin) lautet der Eintrag für 1918 »Grippeepidemie (Mai, Juni und Oktober)«. Und der Eintrag für 1919: »Schwere Grippeepidemie (März)«. Jemand, der dieses Nachschlagewerk durchblättert, um etwas über das Fortschreiten der menschlichen Geschichte zu erfahren, muss über diese beiden Einträge nicht groß nachdenken. Wir haben jedes Jahr eine Grippeepidemie. Wir erleben sogar »schwere« Seuchen. Unser Blick fällt vielleicht auf die Schlagzeile »Schwere Grippeepidemie in den Midlands, 79 Menschen gestorben«. Aber neunundzwanzig Millionen Menschen? Das würde man nie vermuten, weder nach diesem noch einem anderen Buch.
Kürzlich drehte ein begabter junger Mann einen Film über das Jahr 1919 und bat mich, ihn mir anzusehen. Ich fragte sofort: »Ach, über die große Grippeepidemie?« »Was für eine Grippeepidemie?«, erwiderte er. Er hatte nie davon gehört. Hochgebildete Menschen wissen nichts über jene dreijährige Plage, von der sogar die uralten Überlebenden mit dem verblüfften Ausdruck sprechen, der gewisse Katastrophen begleitet, die scheinbar keine Ursache haben, nicht verhindert werden konnten und nicht vorherzusehen waren - die im allgemeinen Bewusstsein verblassten und schnell vergessen wurden.
Vielleicht sollten wir uns fragen: »Warum haben wir dieses schreckliche Unglück vergessen?« »Was für Katastrophen haben wir sonst noch verdrängt?« »Warum lähmen bestimmte Arten von Unglücksfällen den menschlichen Geist?«
Man liest Bücher über den Rückzug Napoleons aus Moskau und findet kein Wort darüber, dass die meisten Soldaten an Typhus, Ruhr und Cholera gestorben sind. Der General Schnee und Eis hingegen wird häufig erwähnt. In vielen Kriegen waren die entscheidenden Kräfte Typhus, Ruhr und Cholera, sogar der Schwarze Tod. Doch in den Geschichtsbüchern spielen sie kaum eine Rolle.
Liegt das daran, dass es Katastrophen gibt, denen wir uns geistig gewachsen fühlen, anderen jedoch nicht? Können wir uns an das erinnern, wofür wir uns verantwortlich fühlen, wie den Krieg? Und bedeutet das nun, dass wir uns, wenn wir es lernen, Ursache und Wirkung miteinander zu verknüpfen, an immer mehr erinnern werden?
Kassandra hätte vor dieser Grippeepidemie nicht warnen können oder könnte heute nicht warnen, indem sie sagte: »Wenn ihr dumm genug seid, Kriege zu führen, werden Epidemien ausbrechen.« Grippe und Schlafkrankheit folgten dem Ersten Weltkrieg, doch nach dem Zweiten Weltkrieg, Korea, Vietnam, Kambodscha oder irgendeinem der kleineren Kriege gab es keine weltweiten Seuchen.
Ich habe alte Leute sagen hören, die sich an die Spanische Grippe erinnerten: »Gott hat uns für das Verbrechen des Kriegs bestraft.« Doch Gott bestraft manchmal und manchmal auch nicht.
Epidemien können wir nicht voraussagen - doch einige Katastrophen stehen uns mit Sicherheit bevor.
Seit nicht allzu langer Zeit haben wir uns daran gewöhnt, über das Ansteigen und Sinken der Meeresspiegel zu reden, was in der Vergangenheit, jedes Mal, wenn es geschah, alle überrascht hat. Und wir werden wieder davon überrascht werden, da wir anscheinend nichts dazugelernt haben.

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