Ben in der Welt: Roman

Lessing, Doris

 
9783442727414: Ben in der Welt: Roman

Inhaltsangabe

Eine Parabel über das brisante Verhältnis von Normalität und Fremdheit - und auf das Schicksal von Liebe und Glück in einer unglücklichen, lieblosen Gesellschaft.

Ben Lovatt, der destruktive Junge aus „Das fünfte Kind“, ist erwachsen geworden. Doch er findet sich nicht zurecht in dieser Welt. Die Menschen bleiben ihm fremd, so wie er den anderen ein Fremder bleibt. Noch immer aggressiv und seinen Instinkten ausgeliefert, machen ihn seine Eigentümlichkeiten zu etwas provozierend Unbegreiflichem, zu einem ungeheuer einsamen Menschen und zum Spielball der Gesellschaft.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Doris Lessing, 1919 im heutigen Iran geboren und auf einer Farm in Südrhodesien (Simbabwe) aufgewachsen, lebt seit 1949 in England. 1950 veröffentlichte sie dort ihren ersten Roman und kam 1953 mit "Eine afrikanische Tragödie" zu Weltruhm. In Deutschland hatte sie ihren großen Durchbruch 1978 mit der Veröffentlichung von "Das goldene Notizbuch", das seitdem zu ihrem Hauptwerk gezählt wird. Heute ist Doris Lessing eine der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart, ihr umfangreiches Werk umfaßt Lyrik, Prosa und autobiographische Schriften. Im Oktober 2007 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Aus dem Klappentext

"Mit 'Ben in der Welt` ist Doris Lessing ein großer, sozial engagierter Roman gelungen!"
Die Presse

"Eine meisterhafte erzählte, bewegende Parabel auf Außenseitertum, Normalität, Anderssein. 'Ben in der Welt' ist ein melancholischer Abgesang auf die Zivilisation - und ein großes Alterswerk."
NEWS

"Doris Lessing versetzt einen Urmenschen in moderne Zeiten. Er scheitert grausam - das ist die anrührende Geschichte eine Außenseiters ohne Überlebenschance."
FOCUS

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

»Wie alt sind Sie?«
»Achtzehn.«
Die Antwort kam nicht sofort, denn Ben hatte Angst vor dem, was jetzt geschehen würde, dass der junge Mann hinter der Glasscheibe, die ihn vor den Besuchern schützte, seinen Kugelschreiber auf dem Formular absetzte, das er gerade ausfüllte, und mit einem Gesichtsausdruck, den Ben nur zu gut kannte, seinen Klienten musterte. Er gestattete sich, auf ungeduldige Weise belustigt zu sein, ohne dass dies den Grad von Spott erreichte. Er sah einen untersetzten, gedrungenen, kräftig gebauten Mann vor sich - er trug eine Jacke, die ihm zu groß war -, der mindestens vierzig sein musste. Und dieses Gesicht! Es war ein breites Gesicht mit sehr ausgeprägten Zügen, einem Mund, der zu einem Grinsen verzogen war - was kam dem denn eigentlich so witzig vor?-, einer breiten Nase mit bebenden Nasenflügeln, grünlichen Augen mit sandfarbenen Wimpern unter widerborstigen, sandfarbenen Brauen. Er trug einen kurzen, adretten, spitz geschnittenen Bart, der nicht zum Gesicht passte. Sein Haar war gelb und schien - wie sein Grinsen - auffallen und aufsässig wirken zu wollen, es fiel lang in einer Tolle nach vorn und in steifen Locken zu beiden Seiten herunter, als wolle es einen modischen Haarschnitt karikieren. Zu allem Überfluss sprach er mit wohlerzogener Stimme; machte er sich über ihn lustig? Der Beamte unterzog ihn dieser Minuten langen Musterung, weil er sich von Ben bis zum Grad der Verärgerung verunsichert fühlte. Er klang gereizt, als er schließlich sagte: »Sie können keine achtzehn sein. Na, los, wie alt sind Sie wirklich?«
Ben schwieg. Er war wachsam, jede seiner Fasern, denn er wusste, dass Gefahr lauerte. Er wünschte, er wäre nicht hierher gekommen, wo sich die Wände um ihn schließen konnten. Er hörte auf die Geräusche von draußen, um sich zu vergewissern, dass alles normal war. Ein paar Tauben unterhielten sich in einer Platane auf dem Gehsteig, und er war bei ihnen, dachte daran, wie sie da saßen und Zweiglein mit rosa Krallen griffen, die er sich um seinen eigenen Finger schließen fühlen konnte; sie waren guter Dinge, mit der Sonne auf ihren Rücken. Hier drinnen gab es Geräusche, die er nicht verstehen konnte, bis er jedes einzelne von den anderen getrennt hatte. Unterdessen wartete der junge Mann vor ihm, in seiner Hand den Kugelschreiber, der zwischen seinen Fingern hin und her glitt. Ein Telefon klingelte direkt neben ihm. Zu seinen Seiten saßen mehrere junge Männer und Frauen auch mit dieser Glasscheibe vor sich. Manche benutzten Instrumente, die klickten und rasselten, manche starrten auf Bildschirme, auf denen Worte erschienen und wieder verschwanden. Jede dieser lärmenden Maschinen, das wusste Ben, war ihm gegenüber wahrscheinlich feindselig. Jetzt bewegte er sich leicht zur Seite, um den Spiegelungen der Glasscheibe zu entgehen, die ihn störten und ihn nicht genau diese Person sehen ließen, die böse auf ihn war.
»Doch, ich bin achtzehn«, sagte er.
Er wusste, dass das stimmte. Als er vor drei Wintern zu seiner Mutter gegangen war - er blieb nicht, weil sein verhasster Bruder Paul hereinkam -, hatte sie in großen Buchstaben auf ein Stück Karton geschrieben:
Dein Name ist Ben Lovatt.
Deine Mutter heißt Harriet Lovatt. Dein Vater heißt
David Lovatt.
Du hast vier Brüder und Schwestern, Luke, Helen,
Jane und Paul. Sie sind älter als du.
Du bist fünfzehn Jahre alt.
Und auf der anderen Seite der Pappe hatte gestanden:
Du bist geboren am ...
Du wohnst in ...
Dieses Stück Pappe hatte Ben so sehr mit verzweifelter Wut erfüllt, dass er es seiner Mutter wegnahm und aus dem Haus rannte. Als erstes kritzelte er über den Namen Paul. Dann über die Namen der anderen Geschwister. Dann, als die Pappe zu Boden fiel und beim Aufheben die Rückseite sehen ließ, kritzelte er mit seinem schwarzen Kugelschreiber über alle Worte, die dort standen und hinterließ nur ein wildes Durcheinander von Linien.
Diese Zahl, fünfzehn, tauchte immer wieder in Fragen auf, die man ihm - so meinte er - ständig stellte. »Wie alt sind Sie?« Weil er wusste, dass sie so wichtig war, prägte er sie sich fest ein, und als das Jahr um die Weihnachtszeit wechselte, was niemand verpassen konnte, zählte er ein Jahr hinzu. Jetzt bin ich sechzehn. Jetzt bin ich siebzehn. Jetzt, wo der dritte Winter vorbei ist, bin ich achtzehn.
»Na gut, wann sind Sie also geboren?«
Seit er mit seinem zornigen, schwarzen Stift die ganze Rückseite der Pappe voll gekritzelt hatte, war ihm mit jedem Tag klarer geworden, welchen Fehler er da gemacht hatte. Und schließlich hatte er die ganze Pappe zerstört, in einem letzten Wutanfall, denn sie war wertlos geworden. Er kannte seinen Namen. Er kannte ›Harriet‹ und ›David‹, und er gab nichts um seine Brüder und Schwestern, die wünschten, dass er tot wäre.
Er erinnerte sich nicht daran, wann er geboren war.
Wie er jetzt so auf jeden Laut horchte, wurde er gewahr, dass die Geräusche in dem Besucherraum plötzlich lauter geworden waren, weil in einer Schlange von Leuten, die vor einer der Glasscheiben warteten, eine Frau begonnen hatte, den Beamten anzuschreien, der sie befragte, und wegen dieses Zorns, der sich Luft machte, begannen sich alle Schlangen zu bewegen und mit den Füßen zu scharren, und andere Leute murmelten und sagten dann laut wie ein Bellen kurze, wütende Worte wie Arschlöcher, Scheißkerle - und dies waren Worte, die Ben nur zu gut kannte, und vor denen er Angst hatte. Er spürte, wie Angstkälte von seinem Nacken das Rückgrat herunterkroch. Der Mann hinter ihm wurde ungeduldig und sagte: »Ich hab' nicht den ganzen Tag Zeit wie Sie.«
»Wann sind Sie geboren? An welchem Datum?«
»Ich weiß nicht«, sagte Ben.
Und jetzt zog der Beamte einen Schlussstrich unter die Sache und vertagte das Problem mit einem: »Besorgen Sie sich erstmal Ihre Geburtsurkunde. Gehen Sie zum Standesamt. Das wird die Sache klären. Sie wissen nicht mehr, wer Ihr letzter Arbeitgeber war. Sie haben keine Anschrift. Sie wissen Ihr Geburtsdatum nicht.«
Mit diesen Worten schweiften seine Augen von Bens Gesicht ab, und er bedeutete dem Mann hinter Ben mit einem Kopfnicken, dass er vortreten solle. Ben wurde abgedrängt und verließ schnurstracks das Amt, er hatte das Gefühl, als ständen ihm alle Haare an seinem Körper und die Haare auf seinem Kopf zu Berge, so ratlos und verängstigt war er. Draußen war ein Gehsteig mit Menschen, eine kleine Straße voller Autos, und unter der Platane, wo sich die Tauben gurrend und fröhlich bewegten, eine Bank. Er setze sich auf das eine Ende, weit entfernt von einer jungen Frau, die ihm einen Blick zuwarf, aber dann einen zweiten, die Brauen runzelte und fortging, wobei sie mit jenem Blick zu ihm zurücksah, den Ben kannte und erwartete. Sie hatte keine Angst vor ihm, dachte jedoch, dass sie bald welche haben könnte. Ihr Körper war voller Hast und Anspannung, wie auf der Flucht. Sie betrat mit einem Blick zurück einen Laden.
Ben hatte Hunger. Er besaß kein Geld. Auf dem Boden lagen ein paar zerbröselte Brotkrusten für die Tauben. Hastig, mit einem Blick in die Runde, sammelte er sie auf: Man hatte ihn schon früher wegen so etwas gescholten. Jetzt kam ein alter Mann und setzte sich auf die Bank, er starrte Ben lange an, beschloss jedoch, nicht auf das zu hören, was ihm seine Instinkte sagten. Er schloss die Augen. Die Sonne ließ das alte Gesicht leicht vor Schweiß glänzen. Ben blieb sitzen und dachte, dass er jetzt zu der alten Frau zurückgehen musste, doch sie würde enttäuscht von ihm sein. Sie hatte ihm gesagt, er solle auf dieses Amt gehen und Arbeitslosengeld beantragen. Der Gedanke an sie ließ ihn lächeln - ein sehr anderes Grinsen als das, das den Beamten geärgert hatte. Er saß da und lächelte, ein kleines Lächeln, das ein Strahlen von Zähnen in seinem Bart sehen ließ, und sah zu, wie der alte Mann erwachte und sich den Schweiß abwischte, der ihm über das Gesicht lief, wobei er zu dem Schweiß...

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Weitere beliebte Ausgaben desselben Titels

9783455043945: Ben in der Welt

Vorgestellte Ausgabe

ISBN 10:  3455043941 ISBN 13:  9783455043945
Verlag: Hoffmann und Campe, 2000
Hardcover