In dem beschaulichen Küstenstädtchen South Queensferry erschüttert ein Blutbad die Öffentlichkeit: In einer Schule hat der ehemalige Elitesoldat Lee Herdman zwei Jungen erschossen, einen schwer verletzt und anschließend sich selbst getötet. Als John Rebus und seine Kollegin Siobhan Clarke zu dem Fall gerufen werden, gibt es eigentlich nur eine offene Frage: warum? Die Suche nach der Antwort führt die beiden Ermittler in das Herz einer kleinen Gemeinschaft und ihrer verlorenen Kinder. Eine zweite Spur reicht weiter in die Vergangenheit des Täters, dessen Schicksal Rebus nicht mehr loslässt. Selbst ehemaliges Mitglied der Special Air Forces, versucht er, sich in die Psyche Herdmans zu versetzen, um dessen Tat zu begreifen. Und damit ist er nicht allein: Ermittler der Royal Army schalten sich in den Fall ein, angeblich, um ähnliche Taten in Zukunft zu verhindern. Doch dann zeigt sich, dass ein paar frühere Kollegen Herdmans sowie eine Handvoll Jugendlicher aus Queensferry tiefer in den Fall verstrickt sind als zunächst vermutet. Und die Frage nach den Hintergründen eines vermeintlichen Amoklaufs verwandelt sich in ein immer größeres Rätsel, dessen Lösung so überraschend wie zutiefst schockierend ist …
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Ian Rankin, geboren 1960, ist Großbritanniens führender Krimiautor, und seine Romane sind aus den internationalen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Ian Rankin wurde unter anderem mit dem Gold Dagger für "Das Souvenir des Mörders", dem Edgar Allan Poe Award für "Tore der Finsternis" und dem Deutschen Krimipreis für "Die Kinder des Todes" ausgezeichnet. "So soll er sterben" und "Im Namen der Toten" erhielten jeweils als bester Spannungsroman des Jahres den renommierten British Book Award. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Edinburgh.
"Sie werden jede Sekunde dieser Lektüre genießen."
Daily Mirror
"Rankin lässt den Leser auf einer Messerklinge balancieren, stets im Ungewissen, ob Rebus selbst Blut an den Händen hat. Überraschende Wendungen, knackige Dialoge, eine starke Geschichte, ein klarer Blick auf Sitten und Moral unserer Gesellschaft und absolut überzeugende Charaktere: Das ist der 15. Fall für Rebus und die neuerliche Bestätigung dafür, dass Rankin nicht nur den ersten Platz unter den englischen Krimibestseller-Autoren verdient, sondern auch seine zahlreichen internationalen Auszeichnungen. Hier ist er wieder in Höchstform - ein absoluter Genuss."
Manchester Evening News
"Ein außerordentlich clever konstruierter Roman, der den Leser sofort packt und nicht wieder loslässt."
Sunday Telegraph, Antonia Fraser
Erster Tag
Dienstag
1
»Völlig klare Sache«, sagte Detective Sergeant Siobhan Clarke. »Herdman ist schlicht und einfach ausgerastet.«
Sie saß neben einem Krankenhausbett in Edinburghs erst kürzlich eröffneter New Royal Infirmary. Der Gebäudekomplex befand sich am Südrand der Stadt, in einer Gegend namens Little France. Er war für eine beträchtliche Summe auf einer Wiese errichtet worden, doch es gab bereits Klagen über die schlechte Raumaufteilung im Inneren und den Parkplatzmangel draußen. Siobhan hatte nach einer Weile eine Lücke für ihr Auto gefunden, nur um danach festzustellen, dass sie für dieses Glück würde bezahlen müssen.
Das hatte sie Detective Inspector John Rebus erzählt, nachdem sie sich an sein Bett gesetzt hatte. Rebus Hände waren komplett verbunden. Als Siobhan ihm etwas lauwarmes Wasser eingeschenkt hatte, hatte er den Plastikbecher mit beiden Händen zum Mund geführt und vorsichtig getrunken, während sie ihn dabei beobachtete.
»Sehen Sie?«, hatte er anschließend vorwurfsvoll gesagt. »Keinen Tropfen verschüttet.«
Aber dann hatte er die Vorführung vermasselt, indem er den Becher bei dem Versuch fallen ließ, ihn auf dem Nachttisch abzustellen. Der Becher landete mit der Unterkante auf dem Boden, prallte ab, und Siobhan schnappte ihn sich noch in der Luft.
»Gute Reflexe«, lobte Rebus.
»Nichts passiert. War ja leer.«
Danach machte sie absichtlich, wie ihnen beiden klar war, Konversation, verkniff sich die Fragen, die sie ihm eigentlich unbedingt stellen wollte, und berichtete ihm stattdessen über die Bluttat in South Queensferry.
Drei Tote, ein Verletzter. Ein ruhiges Küstenstädtchen, wenige Kilometer nordöstlich der Stadtgrenze gelegen. Eine Privatschule für Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis achtzehn. Sechshundert insgesamt, jetzt zwei weniger.
Die dritte Leiche war der Todesschütze, der seine Waffe anschließend gegen sich selbst gerichtet hatte. Wie Siobhan gesagt hatte, eine völlig klare Sache.
Abgesehen von der Frage nach dem Warum.
»Er hatte dieselbe Vergangenheit wie Sie«, sagte sie nun. »War ein Ex-Soldat, meine ich. Man nimmt an, dass sein Motiv etwas damit zu tun hat: Hass auf die Gesellschaft.«
Rebus fiel auf, dass sie ihre Hände inzwischen tief in den Taschen vergraben hatte. Er vermutete, sie hatte sie zu Fäusten geballt und es noch nicht einmal bemerkt.
»In der Zeitung stand, dass er eine Firma gehabt hat«, sagte er.
»Er besaß ein Motorboot, hat Wasserskiläufer damit gezogen.«
»Und doch hatte er diesen Hass?«
Sie zuckte die Achseln. Rebus wusste, dass sie sich wünschte, sie würde am Tatort gebraucht, würde irgendetwas tun, um ihre Gedanken von der anderen Ermittlung abzulenken einer internen und zudem einer, in deren Mittelpunkt sie selbst stand.
Sie starrte an die Wand über seinem Kopf, so als sehe sie dort etwas Interessantes.
»Sie haben mich noch gar nicht gefragt, wie es mir geht«, sagte er.
Sie schaute ihn an, »Wie geht es Ihnen?«
»Bin kurz vorm Lagerkoller, trotzdem danke der Nachfrage.«
»Sie sind doch erst seit gestern hier.«
»Mir kommt s länger vor.«
»Was sagt der Arzt?«
»War noch keiner bei mir, jedenfalls nicht heute. Egal, was er sagt, ich haue nachher hier ab.«
»Und was dann?«
»Wie meinen Sie das?«
»Sie können nicht arbeiten.« Erst jetzt musterte sie seine Hände. »Wie wollen Sie Auto fahren oder einen Bericht tippen? Oder einen Telefonhörer halten?«
»Das schaffe ich schon irgendwie.« Er ließ den Blick schweifen, denn nun war er derjenige, der Augenkontakt vermied. Seine Zimmergenossen waren ausnahmslos Männer etwa in seinem Alter und mit demselben fahlen Teint. Alle hatten sie der schottischen Lebensart Tribut zollen müssen, so viel war sicher. Einer von ihnen hustete, weil es ihn nach einer Zigarette verlangte. Ein anderer sah aus, als habe er Atemprobleme. Lauter Vertreter der übergewichtigen, fettlebrigen Masse männlicher Mitbürger. Rebus hob eine Hand, kratzte sich mit dem Unterarm die linke Wange und spürte dabei seine Bartstoppeln. Er wusste, sie hatten dieselbe graue Farbe wie die Wände dieser Krankenstation.
»Ich schaffe das schon«, wiederholte er in die Stille hinein, senkte den Arm und wünschte sogleich, er hätte ihn nicht angehoben. Ein glühender Schmerz stach in seine Finger, als das Blut in sie zurückfloss. »Hat man schon mit Ihnen gesprochen?«, fragte er.
»Worüber?«
»Tun Sie doch nicht so, Siobhan «
Sie sah ihn an, ohne zu blinzeln. Als sie sich auf dem Stuhl vorbeugte, tauchten ihre Hände aus ihren Verstecken auf.
»Ich habe heute Nachmittag noch einen Termin.«
»Bei wem?«
»Der Chefin.« Bei Detective Superintendent Gill Templer also. Rebus nickte, zufrieden, dass noch keine höhere Dienststelle mit der Angelegenheit befasst war.
»Was werden Sie ihr erzählen?«, fragte er.
»Es gibt nichts zu erzählen. Ich habe mit Fairstones Tod nichts zu tun.« Sie schwieg, und eine weitere unausgesprochene Frage schwebte zwischen ihnen in der Luft. »Können Sie das von sich auch behaupten«? Sie schien darauf zu warten, dass Rebus etwas sagte, aber er blieb stumm. »Sie wird wissen wollen, was mit Ihnen los ist«, fügte Siobhan hinzu. »Wieso Sie hier sind.«
»Ich habe mich verbrüht«, sagte Rebus. »Das hört sich blöd an, aber so war s.«
»Ich weiß, dass Sie gesagt haben, es sei so gewesen «
»Nein Siobhan, es »ist« so gewesen. Fragen Sie den Arzt, wenn Sie mir nicht glauben.« Er sah sich erneut um. »Immer vorausgesetzt, Sie entdecken ihn irgendwo.«
»Vielleicht sucht er immer noch einen Parkplatz.«
Ein reichlich müder Witz, aber Rebus lächelte trotzdem. Sie hatte ihm signalisiert, dass sie ihn nicht weiter bedrängen würde. Sein Lächeln drückte Dankbarkeit aus.
»Wer hat in South Queensferry das Kommando?«, fragte er, um das Thema zu wechseln.
»DI Hogan, glaube ich.«
»Bobby ist ein guter Polizist. Wenn es überhaupt möglich ist, den Fall schnell abzuschließen, wird er das schaffen.«
»Ziemlicher Medienrummel, nach allem was man so hört. Grant Hood ist für die Pressearbeit abgestellt worden.«
»Das heißt, er fehlt uns in St. Leonard s.« Rebus wirkte nachdenklich. »Ein Grund mehr, dass ich mich rasch zurückmelde.«
»Vor allem, falls man mich vom Dienst suspendiert «
»Das wird man nicht. Sie haben es doch selbst gesagt, Siobhan Sie haben mit Fairstone nichts zu tun. So wie ich es sehe, war es ein Unfall. Und jetzt, da etwas Wichtigeres passiert ist, wird die Angelegenheit vielleicht eines natürlichen Todes sterben, wenn ich so sagen darf.«
»Ein Unfall«, wiederholte sie seine Worte.
Er nickte langsam. »Also machen Sie sich bloß keine Sorgen. Es sei denn, natürlich, Sie haben den Mistkerl tatsächlich um die Ecke gebracht.«
»John « In ihrer Stimme lag ein warnender Unterton. Rebus lächelte erneut und brachte ein Zwinkern zustande.
»Sollte ein Witz sein«, sagte er. »Ich weiß nur allzu gut, wem Gill den Tod von Fairstone anhängen will.«
»Er ist verbrannt, John.«
»Und das bedeutet, ich habe ihn umgebracht?« Rebus hielt beide Hände hoch und drehte sie hin und her. »Verbrühungen, Siobhan. Nichts anderes, bloß Verbrühungen.«
Sie erhob sich. »Wenn Sie das sagen, John.« Dann stand sie vor ihm, während er die Hände senkte und den peinigenden Schmerz zu ignorieren versuchte, der ihn schlagartig durchströmte.
Eine Krankenschwester näherte sich und kündigte an, sie werde seine Verbände wechseln.
»Ich wollte sowieso gerade los«, sagte Siobhan zu ihr. Und dann zu Rebus: »Mir ist der Gedanke zuwider, Sie könnten sich zu einer derartigen Dummheit hinreißen lassen, und dabei glauben, es geschehe mir zuliebe.«
Er schüttelte langsam den Kopf, und sie drehte sich um und ging weg. »Nicht vom Glauben abfallen, Siobhan!«, rief er ihr hinterher.
»Ihre Tochter?«, fragte die Krankenschwester im Plauderton.
»Nur eine befreundete Arbeitskollegin.«
»Haben Sie etwas mit der Kirche zu tun?«...
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