Inmitten der Provinzleere, am Rande einer kaum frequentierten Landstraße, führt Herbert Szevko gemeinsam mit seiner resoluten Mutter und dem Zierfisch Georg eine alte Tankstelle. Die Tage fließen öde dahin, bis im Hitzeflimmern der Straße eine lebenshungrige junge Frau auftaucht. Sie heißt Hilde, spricht wenig, hat eine Stelle als Putzfrau im dörflichen Hallenbad und – bringt alles durcheinander. Denn Hilde lächelt sich in Herberts Herz. Und kein Tag ist mehr wie der andere.
In ruhigem, lakonischen und liebevollem Stil erzählt Robert Seethaler von den unglaublichen Abenteuern des Tankwartes Herbert, seiner Hilde und eines Zierfisches namens Georg.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, wurde 2007 für seinen Roman "Die Biene und der Kurt" mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche Stipendien, darunter das "Alfred-Döblin Stipendium" der Akademie der Künste. Der Film nach seinem Drehbuch "Die zweite Frau" wurde mehrfach ausgezeichnet und lief auf verschiedenen internationalen Filmfestivals. 2008 erschien sein zweiter Roman "Die weiteren Aussichten". "Jetzt wirds ernst" wurde 2010 veröffentlicht, darauf folgte 2012 "Der Trafikant". Das 2014 erschienene "Ein ganzes Leben" wurde nicht nur euphorisch von der Presse gefeiert, sondern auch zu einem Bestseller. Robert Seethaler lebt und schreibt in Wien und Berlin.
"Ein großartiges Buch!" Christine Westermann, WDR
"Eines der ungewöhnlichsten Bücher des Jahres. Auf 318 Seiten wird endlich wieder einmal deutlich, dass Literatur ein Raum für Träume sein kann. Und für ganz große Gefühle zwischen Irrsinn und Lebensfreude." Andreas Oppermann, 20Cent
"Mit diesem Roman gelingt Robert Seethaler etwas Wunderbares: Am Ende mag sich die Leserin gar nicht verabschieden von den Figuren." Brigitte
BILLIG TANKEN
Herbert Szevko steht nackt und gekrümmt da und schaut in ein kleines rundes Aquarium hinein. Grünlich spiegeln sich die Wellen in seinem Gesicht. Schön ist Herbert nicht. Aber lang. Schon damals im Kindergarten hat seine gelbe Pudelhaube bei Ausflügen in den Wald, in den Zoo, ins Heimatkundemuseum oder sonst wohin die anderen gelben Pudelhauben um eine Kopflänge überragt. Wie eine genetisch missratene, überlange gelbe Blume im Beet der Gutgewachsenen hat er ausgesehen. Sozusagen über das Normale hinausgeschossen. Und vielleicht hat ihm deshalb keines von den anderen Kindern die Hand geben wollen beim zweireihigen Marschieren durch den Straßenverkehr. Trotz der ganzen pädagogischen Einwirkungen verschiedener Kindergartentanten. Wo nämlich die Normalität beleidigt ist, kann die Pädagogik einpacken. Und deshalb, und weil in Herberts Kindergartengruppe eine ungerade Anzahl von Kindern war, und vielleicht auch weil Herberts Handflächen meistens glitschig verschwitzt waren vor lauter innerer Unruhe, deshalb also ist der kleine, viel zu große Herbert damals immer alleine hinter der Gruppe hermarschiert.
Aber das ist vorbei. An solche Sachen denkt Herbert Szevko jetzt nicht, während er nackt und gekrümmt vor dem kleinen runden Aquarium steht. Dämmerig ist es im Zimmer. So früh morgens schwächelt sich noch wenig Licht durch das einzige Fenster herein. Ein Bett, ein Stuhl, eine
Kommode, ein Schrank, ein paar Regale, eine Lampe, das Aquarium, das grünliche Schimmern und Herbert.
Siebenundzwanzig Jahre alt ist Herbert jetzt. Und eben wirklich nicht schön. Die Füße groß und schmal, die Beine gazellenhaft lang und dünn, die Knie spitz, das Glied kurz, der Bauch flach, die Brust flach, beide fein kräuselig behaart, die Schultern hoch, schnurschlanke Arme, große, knöchelige Hände.
Der Hals fügt sich auch stimmig ins Gesamtbild hinein. Es gibt Vögel, die haben solche Hälse. Die stehen in irgendwelchen Steppen oder salzigen Seen herum und sind der natürlichen Auslese wahrscheinlich auch nur durch einen blöden Zufall entkommen.
Herberts Kopf ist ein bisschen ausgebeult. Das Kinn eine Kante, der Mund klein und geschwungen, die Nase schief, Ohren sind noch nie aufgefallen, gibt es aber auch. Die Haare haben sich weit nach hinten verzogen, in den letzten Jahren von der Stirn verdrängt. Das einzig Schöne, das einzig wirklich Schöne an Herbert sind seine Augen. Hellblau sind die, glänzend, glatt und groß. Fast schon zu groß. Aber eben nur fast.
Im Aquarium sind weiße Kieselsteine, ein kleines hölzernes Schiffswrack und ein Fisch. Der Fisch heißt Georg. Vor ein paar Jahren hat Herbert den so getauft, als die Pubertät in ihm noch herumgewühlt hat. In einem kleinen Anfall von Einsamkeit hat er ihn damals einem Schulkollegen abgebettelt. Offiziell ist Georg ein Zierfisch. Wobei: Wo da eigentlich die Zierde sein soll, müsste man sich einmal von einem inspirierten Zoofachgeschäftverkäufer erklären lassen. Auch Georg ist nämlich nicht schön. Klein und rund und gelb, mit einem blässlichen Streifen an der Seite. Ob er sich etwas denkt, während er da jetzt zu dem nackten und gebückten Herbert über ihm hochschaut, lässt sich schwer sagen.
Jedenfalls schauen sich Herbert und Georg eine Weile so an. Und dann, ganz plötzlich, hebt Herbert eine Hand, lässt sie mit spitzen Fingern kreisen und verstreut ein bräunliches Pulver über den grünlichen Wasserspiegel. Wie brauner Schnee sinkt es langsam auf den Grund. Den Fisch Georg interessiert das nicht. Noch nicht.
So hat Herbert also seinem Fisch das Frühstück bereitet, hat sich ohne modische Überlegungen, wahrscheinlich ohne überhaupt irgendwas zu überlegen, angezogen, Socken, Schuhe, Hemd und kurze Hose, ist aus seinem Zimmer hinaus und die schmalen Treppen hinunter gelaufen, schnell vorbei an den vielen alten Wandfotos, und ist dann rechts abgebogen, in den Wohnraum hinein. Und da sitzt er jetzt, am kleinen Tisch, und schaut zu, wie sich die Sahne im Kaffee verflöckelt. Und noch jemand sitzt am Tisch. Ihm gegenüber nämlich. Das ist Herberts Mutter.
Frau Szevko hat ihre bunten Jahre schon lange hinter sich gelassen. Jetzt ist sie alt. Herbert ist ihr spät noch passiert, praktisch in letzter Sekunde vor Torschluss, ein Unfall, ein Ausrutscher, wie Frau Szevko selbst immer wieder erzählt, an der Kasse vom Supermarkt, im Wartezimmer beim Zahnarzt oder sonst wo. Wein und Schnaps waren damals auch im Spiel. Aber das erzählt sie nicht. Alt ist sie jetzt also und sieht auch so aus. Der Körper klein und ausgemergelt, der Rücken verbogen, die Haut ledrig, die Hände fleckig, die bräunlichen Haare angegraut, das Gesicht vom Leben zerwühlt, alles matt und schattig. Nur die Augen leuchten noch, hellblau, glänzend, glatt und fast ein bisschen zu groß.
»Wie geht es dem Fisch heute?«, fragt die Mutter.
»Schlechte Laune hat er«, sagt Herbert und klopft vorsichtig am Frühstücksei herum. Damit nichts passiert.
»Fische haben keine Launen«, sagt die Mutter.
»Wieso willst du dann wissen, wie es ihm geht?«, fragt Herbert.
»Gesundheitlich halt«, sagt die Mutter. »Aha«, sagt Herbert.
Das Ei ist jetzt oben offen. Gerade groß genug für Herberts kleinen Löffel ist die Öffnung. Zart platzt das Eiweiß. Darunter glänzt es schon orangefarben. Wie künstlich nachgefärbt sieht der Eidotter aus, denkt sich Herbert und schiebt das Löffelchen in den Mund. Der Mutter fällt jetzt auch nichts mehr ein. Ganz langsam lässt sie den Kopf sinken und schaut wieder in ihren Kaffee hinein. Herbert auch. So geht das schon seit Jahren mit den beiden. Reden irgendetwas, ein paar Sätze, ein paar Worte, und dann schauen sie in ihre Kaffeetassen hinein. Früher war da bei Herbert noch Kakao drinnen. So viele Jahre geht das schon.
Irgendwann aber haben Frau Szevko und Herbert dann fertig gefrühstückt und sich fertig ausgeschwiegen, sind gleichzeitig und abrupt aufgestanden, in ihre rotgelben Arbeitskittel geschlüpft und durch die hintere Tür aus dem Haus gegangen.
Und so marschieren sie jetzt durch den kleinen Garten, die Mutter voran, Herbert hintennach. Ein bisschen heller ist es schon, aber immer noch hat das Tageslicht keine richtige Kraft. Der kleine Garten hat eigentlich alles, was ein Garten so braucht, für den Erholungswert und die Nahversorgung. Ein bisschen Platz, zwei Campingliegen, einen Zaun, ein paar Hecken, ein paar Beete, Gemüse, Geranien, einen winzigen kreisrunden Teich mit zwei Seerosen und einer Plastikwassermühle.
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