John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking: Buch zum Film von Oscar-Preisträger Florian Gallenberger mit Ulrich Tukur und Daniel Brühl: Das Buch zum ... mit Ulrich Tukur und Daniel Brühl - Softcover

 
9783442470402: John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking: Buch zum Film von Oscar-Preisträger Florian Gallenberger mit Ulrich Tukur und Daniel Brühl: Das Buch zum ... mit Ulrich Tukur und Daniel Brühl

Inhaltsangabe

„John Rabe war kein spektakulärer Held, sein Motiv war pure Menschlichkeit.“ DIE WELT

Der deutsche Kaufmann John Rabe (1882–1950) half in den Jahren 1937/38 unter Einsatz seines Lebens, 250.000 Chinesen in Nanjing vor den Massakern der japanischen Besatzer zu retten. Seine von Erwin Wickert herausgegebenen und kommentierten Tagebücher aus dieser Zeit beschreiben den verzweifelten Einsatz für die bedrohten Zivilisten. Die Verfilmung der Geschichte mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle kommt Anfang 2009 in die Kinos.

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Über die Autorin bzw. den Autor

Erwin Wickert, geboren 1915 in Bralitz (Mark Brandenburg), hat in Berlin und Heidelberg Kunstgeschichte und Philosophie, in den USA Volkswirtschaft und Politische Wissenschaften studiert. Während des Zweiten Weltkrieges war Wickert im Auswärtigen Dienst (Schanghai und Tokio). Dann lebte er in Heidelberg als Schriftsteller, bis er 1955 wieder in die Diplomatie zurückkehrte.Neben seinen literarischen Erfolgen gewann Wickert eine zahlreiche Lesergemeinde mit seinem großen Landesportrait "China von innen gesehen" (1982), "Der fremde Osten" (1988) und mit dem ersten Band seiner Erinnerungen "Mut und Übermut" (1991).
Erwin Wickert verstarb am 26. März 2008.

Aus dem Klappentext

"Unglaublich packend, mit einem enormen Reichtum an Details und Drama."
NEW YORK TIMES

"John Rabe war kein spektakulärer Held, sein Motiv war pure Menschlichkeit."
DIE WELT

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Zuerst wollte ich schreiben: Die Deutschen sind ein undankbares Volk. Das sind sie auch. Aber als ich in der Nacht daran dachte, wie sie das Andenken John Rabes bewahrt, vielmehr, nicht bewahrt hatten, wuchs die Bitterkeit über meine Landsleute, und nun erschien mir das Urteil noch viel zu schwach. Und ich fragte mich: Was ist eigentlich geschehen, daß die Augen der Deutschen das Gute nicht mehr erkennen?

"Üb immer Treu und Redlichkeit Bis an dein kühles Grab, Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab!"

Zur Zeit, als der alte Immanuel Kant noch lebte, hörte man von dem Turm der Potsdamer Garnisonskirche alle halbe Stunden das Glockenspiel mit dieser Melodie zu Ehren des guten, des biederen, braven und redlichen Deutschen. Ich wage die Behauptung, daß es diesen Deutschen damals wirklich gab, nicht als Ausnahme, sondern auch als statistische Größe in einer weithin noch heilen Welt. Auf jeden Fall wird man mir wohl darin zustimmen, daß es seinerzeit leichter war, bei den Deutschen einen Konsensus darüber zu finden, was treu und redlich ist und welche Schritte von Gottes Wegen abweichen.
Der Hamburger John Rabe war ein solcher guter Mensch. Er übte sein Leben lang Treu und Redlichkeit. Lohn brachte es ihm freilich nicht ein. Im Gegenteil. Im Jahre 1908, als China noch einen Kaiser hatte, kam er als Exportkaufmann in dieses Land und blieb dort mit kurzen Unterbrechungen bis 1938; die letzten zehn Jahre war er Leiter der Siemens-Vertretung in Nanking, damals die Hauptstadt Chinas.
Im Jahr 1930 war Rabe das letzte Mal zu einem Urlaub in Deutschland gewesen. Die weitere Entwicklung in der Heimat kannte er nicht aus eigener Anschauung: Was er kannte, war China. Im Jahr 1934 gründete er auf seinem Grundstück in Nanking eine deutsche Schule. Er trat dort der Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bei, damit die deutschen Heimatbehörden Lehrer entsandten und den Schulbetrieb aufnahmen. Er hielt Hitler damals für einen humanitären, rechtlich denkenden Staatsmann.
Bisher war noch nichts Außergewöhnliches in Rabes Leben vorgefallen. Er war ein populäres Mitglied der Taipans, der reichen ausländischen Firmenvertreter, sprach deutsch und akzentfrei englisch. Er kannte aus seinen dreißig Jahren in China hunderte von amüsanten, oft aber auch hintersinnigen Anekdoten über die Unterschiede in chinesischem und westlichem Denken. Abends und wenn er tagsüber Zeit hatte, schrieb er Tagebuch. In China hatte sich in den dreißig Jahren seines Lebens viel ereignet; aber er schrieb keine Kommentare zu Chinas Weg von der Monarchie zur Diktatur Chiang Kaisheks. Haupt- und Staatsaktionen waren nicht seine Sache. Mit Freude berichtete er dagegen, wie etwa sein Schuster eine absolut verfahrene Situation durch eine geniale chinesische Idee, auf die keiner von uns gekommen wäre, elegant löste.
Bei den Damen der Taipans von Nanking hatte er den Ruf eines guten Tänzers. Selten verließ man ihn, ohne einen Lacher oder ein Wort des Humors von ihm zu hören. Er war ein besonderer Freund der amerikanischen practical jokes: Der Konsulatssekretär Hürth wurde bei der Entenjagd von einigen Schrotkörnern in die Wade getroffen. Rabe verlieh und überreichte ihm am Krankenbett den Hosenbandorden. Als er einen Luftschutzkeller in seinem Hof bauen ließ, spazierte er gerne mit einem weit in den Nacken geschobenen chinesischen Stahlhelm durchs Gelände - wie auf dem Schutzumschlag zu sehen ist. Wenn Besucher mit einer Kamera kamen, trug er ihn aber auch am Schreibtisch beim Telefonieren.
Im Jahr 1936, nach einem Austauschstudium in den USA, war ich auf recht abenteuerliche Weise mit knappster Kasse durch die Welt gereist. Mit der Zeitschrift der Deutschen Arbeitsfront hatte ich eine Artikelserie über die Lage des Arbeiters in Ostasien vereinbart. (Sie zahlte aber erst, als ich sie in Deutschland verklagt hatte.) Ein deutscher Fabrikdirektor tief im Innern der Provinz Shandung gab mir einen Einführungsbrief an John Rabe in Nanking, der mir zu diesem Thema viel erzählen könne.
Morgens in aller Frühe kam ich bei Rabes an, wartete auf der Straße, bis ich es wagen konnte, mich zu melden. Ich klopfte schließlich schüchtern an. Sie saßen beim Frühstück. John Rabe las den Einführungsbrief, doch Frau Rabe hatte schon ein neues Frühstücksgedeck auftragen lassen. Ich war nicht viel älter als ihr Sohn Otto, der in Deutschland bei den Gebirgsjägern Dienst tat. Sie behielten mich erst einmal da. Es war eine schöne Zeit. Seine Erzählungen enthielten die Essenz jahrzehntelanger China-Erfahrung. Vierzehn Tage später war ich in Shanghai. Da kannte man ihn nicht. Ein Jahr später kannte ihn jeder.
Für den Historiker Leopold von Ranke gehören die Chinesen zu den "Völkern ewigen Stillstands". Hegel schreibt in seiner Philosophie der Geschichte: In China ist jede Veränderlichkeit ausgeschlossen, und Herder nannte China eine "balsamierte Mumie, deren innerer Kreislauf wie das Leben schlafender Wintertiere sei". Von wegen! Eindrucksvollere Fehlurteile über die chinesische Geschichte lassen sich kaum erfinden! Nehmen wir als Beispiel das Jahr 1937, das Jahr nach meinem Besuch bei Rabes in Nanking. Die Geschäfte verliefen normal, und auch der Ärger über die aggressive japanische Expansionspolitik blieb auf der alten Ebene.
Nanking galt im Sommer als "einer der drei Öfen Chinas". Als die Hitze einsetzte, reisten Rabes wie die meisten Ausländer in das Seebad Peitaiho in Nordchina, das die japanische Armee bereits besetzt hatte. Im Juli 1937 kam es an der marmornen Marco-Polo-Brücke außerhalb Pekings zu einem Feuergefecht, das sich unerwartet ausdehnte. Ernstere Sorge aber bereitete die Landung japanischer Truppen in Mittelchina in der Umgebung Shanghais, wo es bald zu schweren Kämpfen mit den chinesischen Elitedivisionen kam. John Rabe kehrte sofort nach Nanking zurück. Seine Frau blieb in Peitaiho.
Die japanische Armee durchbrach nach harten Kämpfen die chinesische Front bei Shanghai und schickte sich an, nach Nanking vorzurücken. Bei schönem Wetter flog die Luftwaffe der japanischen Armee schon jetzt Bombenangriffe auf Nanking. Die Ausländer, die Regierung, die übrigen Behörden, die Schulen, die öffentlichen Einrichtungen und alle Chinesen, die es sich leisten konnten, verließen Nanking und flohen Jangtse-aufwärts. Man fürchtete die vermutlich außer Kontrolle geratenen zurückflutenden besiegten chinesischen Truppen ebenso sehr wie die verfolgende japanische Armee. Erst vor drei Generationen hatte die kaiserlich-chinesische Armee Nanking erobert, das die Taiping-Revolutionäre zu ihrer Hauptstadt gemacht hatten. Alle Bewohner wurden umgebracht. Alle.

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