Die Faust Gottes: Roman - Softcover

Forsyth, Frederick

 
9783442467525: Die Faust Gottes: Roman

Inhaltsangabe

Einen Tag nach Ablauf des westlichen Ultimatums an Saddam Hussein greifen alliierte Bomber irakische Stellungen an. Während alle Welt die »Operation Wüstensturm « erwartet, kämpft eine Handvoll Männer fieberhaft darum, die Menschheit vor einer Katastrophe zu bewahren. Mike Martin, einem britischen SAS-Major und Spitzel im besetzten Kuweit, gelingt es unterdessen, Kontakt zu dem mysteriösen Spion »Jericho« aufzunehmen. Er erfährt, dass Hussein im Besitz der »Qubth-ut-Allah« ist der »Faust Gottes«, wie dieser die Atombombe nennt. Martin bleiben genau vier Tage, um die »Faust Gottes« zu finden und zu zerstören

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Über die Autorin bzw. den Autor

Frederick Forsyth, geboren 1938 in Ashford/ Kent, studierte in Granada, Spanien. Nachdem Forsyth mit 19 Jahren jüngster Pilot der Royal Air Force war, arbeitete er als Reporter für die Eastern Daily Presse in Norfolk und wurde Korrespondent der Agentur Reuters. Er berichtete zunächst aus Paris und später aus Ostdeutschland und der Tschechoslowakei. 1965 ging Forsyth als Reporter zur BBC. Seine Erfahrungen aus dem Journalismus verarbeitete er in Romanen. Mit "Der Schakal" gelang ihm auch als Romanautor der internationale Durchbruch. Bis heute wurden seine Titel weltweit mehr als 35 Millionen Mal verkauft.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Der Mann, der noch zehn Minuten zu leben hatte, lachte.
Der Grund für seine Heiterkeit war eine Geschichte, die Monique Jamine, seine persönliche Assistentin, ihm gerade erzählte, während sie ihn an diesem naßkalten Abend des 22. März 1990 vom Büro heimfuhr.
Sie betraf eine gemeinsame Kollegin im Büro der Space Research Corporation in der Rue de Stalle: eine Frau, die allgemein als männerverschlingender Vamp galt... und sich nun als Lesbierin entpuppt hatte. Diese Irreführung gefiel dem Mann mit seinem Sinn für schmuddeligen Humor.
Die beiden hatten das Büro im Brüssler Vorort Uccle gegen 18.50 Uhr verlassen, und Monique saß am Steuer eines Renault-Kombis R21. Den Volkswagen ihres Arbeitgebers hatte sie vor einigen Monaten verkauft, denn er war ein so miserabler Autofahrer, daß sie fürchtete, er werde irgendwann tödlich verunglücken.
Ihre Fahrt vom Büro zu seinem Apartment im Mittelbau der aus drei Gebäuden bestehenden Wohnanlage Cheridreu an der Rue Franc,ois Folie dauerte nur zehn Minuten, aber sie hielten auf halber Strecke bei einer Bäckerei. Beide gingen hinein - er, um einen Laib des Landbrots zu kaufen, das er am liebsten aß. Der Wind brachte Regen mit sich; sie hielten ihre Köpfe gesenkt und merkten nicht, daß ein anderer Wagen ihnen gefolgt war.
Das war nicht verwunderlich. Keiner der beiden hatte eine Geheimdienstausbildung. Der neutrale Wagen mit seinen beiden schwarzbärtigen Insassen hatte den Wissenschaftler seit Wochen beschattet, ihn nie aus den Augen verloren, sich ihm nie genähert, ihn nur beobachtet; und er hatte ihn nicht bemerkt. Andere hatten ihn gesehen, aber davon wußte er nichts.
Nun kam er aus der Bäckerei gleich vor dem Friedhof, warf seinen Brotlaib auf den Rücksitz und stieg ein. Um 19.10 Uhr hielt Monique vor den Glastüren des Apartmentgebäudes, dessen Eingang fünfzehn Meter von der Straße zurückversetzt war. Sie bot ihm an, ihn noch hinaufzubegleiten, aber er lehnte dankend ab. Sie wußte, daß er seine Freundin Hélène erwartete, der sie nicht begegnen sollte. Zu seinen kleinen Schwächen, die seine Mitarbeiterinnen, die ihn alle verehrten, ihm gern nachsahen, gehörte die Fiktion, Hélène sei nur eine gute Freundin, die ihm Gesellschaft leistete, während er in Brüssel und seine Frau in Kanada war.
Er stieg aus, hatte den Kragen seines mit einem Gürtel geschlossenen Trenchcoats wie immer hochgeschlagen und schwang sich die große schwarze Segeltuchtasche, von der er sich nur selten trennte, über die Schulter. Sie wog über fünfzehn Kilogramm und enthielt einen Wust von wissenschaftlichen Unterlagen, Projekten, Daten und Berechnungen. Der Mann hatte kein Vertrauen zu Safes und glaubte unlogischerweise, alle Einzelheiten seiner neuesten Projekte seien an seiner Schulter hängend sicherer aufbewahrt.
Als Monique ihren Arbeitgeber zum letztenmal sah, stand er mit der Tasche über einer Schulter vor der Glastür, hatte sich das Brot unter den anderen Arm geklemmt und wühlte nach seinen Schlüsseln. Sie beobachtete noch, wie er durch die Tür ging, die hinter ihm von selbst wieder ins Schloß fiel. Dann fuhr sie davon.
Der Wissenschaftler wohnte im fünften Stock des siebenstöckigen Gebäudes. Um die beiden Aufzüge an der Rückwand des Hauses wand sich die Treppe mit einer Brandschutztür auf jedem Absatz nach oben. Er benutzte den Aufzug und verließ ihn im fünften Stock. Dabei flammte automatisch die schwache, in die Bodenleisten eingelassene Flurbeleuchtung auf. Er klimperte weiter mit seinen Schlüsseln, hielt sich wegen des Gewichts seiner Tasche nicht ganz gerade und trug sein Brot unter dem Arm, während er links und wieder links über den rostbraunen Läufer abbog und dann versuchte, seinen Schlüssel ins Schloß seiner Wohnungstür zu stecken.
Der Killer hatte auf der anderen Seite des Aufzugschachts gewartet, der in den schwach beleuchteten Vorraum hineinragte. Als er lautlos dahinter hervorkam, war seine schußbereite Pistole, eine 7,65-mm-Beretta mit Schalldämpfer, mit einem Plastikbeutel umwickelt, damit die ausgeworfenen Patronenhülsen nicht über den ganzen Teppich flogen.
Fünf Schüsse aus weniger als einem Meter Entfernung, alle in den Hinterkopf und den Nacken, waren mehr als genug. Der große, stämmige Mann sackte nach vorn gegen seine Wohnungstür und rutschte zu Boden. Der Attentäter machte sich nicht die Mühe, sich von seinem Tod zu überzeugen; das wäre überflüssig gewesen. Er hatte diese Methode zuvor an Häftlingen erprobt und wußte, daß sein Auftrag ausgeführt war. Leichtfüßig rannte er die fünf Treppen hinunter, durch den Hinterausgang aus dem Gebäude und quer durch den kleinen Park der Wohnanlage zu dem wartenden Wagen. Nach einer Stunde war er in der Botschaft seines Landes, nach einem Tag nicht mehr in Belgien.
Hélène kam fünf Minuten später. Zunächst glaubte sie, ihr Geliebter habe einen Herzanfall erlitten. In panischer Angst sperrte sie auf und telefonierte nach einem Krankenwagen. Als ihr später einfiel, daß der Hausarzt ihres Freundes im selben Gebäude wohnte, rief sie ihn ebenfalls. Die Sanitäter kamen als erste.
Einer von ihnen wollte den noch immer auf dem Bauch liegenden schweren Mann umdrehen. Dabei wurde seine Hand blutig. Wenige Minuten später stellten der Arzt und er übereinstimmend fest, das Opfer des Mordanschlags sei tot. Die einzige weitere Bewohnerin eines der vier Apartments in diesem Stockwerk kam an die Tür - eine ältliche Dame, die ein Klassikkonzert gehört und hinter ihrer massiven Wohnungstür nichts mitbekommen hatte. Typisch Cheridreu, alles sehr diskret.
Der Tote auf dem Läufer war Dr. Gerald Vincent Bull, ein widerspenstiges Genie, Kanonenkonstrukteur für alle Welt und seit neuestem Waffenschmied des Irakers Saddam Hussein.
Im Anschluß an Dr. Gerry Bulls Ermordung begannen sich überall in Europa merkwürdige Dinge zu ereignen. In Brüssel gab die belgische Spionageabwehr zu, der Wissenschaftler sei monatelang fast täglich von wechselnden neutralen Fahrzeugen beschattet worden, in denen jeweils zwei dunkle, schwarzbärtige, levantinisch aussehende Männer gesessen hatten.
Am 11. April beschlagnahmten britische Zollfahnder im Hafen Middlesborough acht riesige Stahlröhren: wundervoll geschmiedete und bearbeitete Teilstücke, die sich mit großen Flanschen an beiden Enden, durch die massive Bolzen und Muttern führten, zusammensetzen ließen. Die Beamten gaben triumphierend bekannt, diese Röhren seien nicht, wie im Seefrachtbrief und der Exportbescheinigung angegeben, für eine petrochemische Fabrik bestimmt, sondern Teile eines von Gerry Bull für den Irak konstruierten gigantischen Kanonenrohrs. So entstand die Farce mit der Superkanone, die endlos lange aufgeführt werden und dabei Doppelzüngigkeit, die Samtpfoten mehrerer Nachrichtendienste, reichlich bürokratische Unfähigkeit und auch politische Schikanen enthüllen sollte.
Binnen weniger Wochen tauchten überall in Europa Teile der Superkanone auf. Am 23. April gab die Türkei bekannt, sie habe einen ungarischen Lastwagen aufgehalten, dessen Ladung - eine zehn Meter lange Stahlröhre für den Irak - wahrscheinlich Bestandteil der Kanone sei. Am selben Tag beschlagnahmten griechische Beamte einen weiteren Lastwagen mit Stahlteilen und behielten den glücklosen britischen Fahrer wochenlang als Komplizen in Haft.
Im Mai fingen die Italiener fünfundsiebzig Tonnen von der Società della Fucine hergestellte Teile ab; im Stammwerk der Firma bei Rom wurden weitere fünfzehn Tonnen Schmiedestücke beschlagnahmt. Letztere bestanden aus Titanstahl und sollten Teile des Verschlußstücks der Kanone bilden - ebenso wie verschiedene andere Formstücke, die in einem Lagerhaus im norditalienischen Brescia entdeckt wurden.
Danach waren die Deutschen an der Reihe: In Frankfurt und Bremerhaven wurden von der Mannesmann AG hergestellte Teile entdeckt und ebenfalls als Bestandteile der inzwischen weltberühmten Superkanone identifiziert.
In der Tat hatte Gerry Bull die Bestellungen für seine Erfindung geschickt und gut plaziert.

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