Die Tote im falschen Grab / Phantom in Rot: Zwei Fälle für Inspektor Wexford - Softcover

Rendell, Ruth

 
9783442467419: Die Tote im falschen Grab / Phantom in Rot: Zwei Fälle für Inspektor Wexford

Inhaltsangabe

„Die Tote im falschen Grab“: Eigentlich ist Inspektor Wexford auf Erholungsurlaub in London. Doch durch Zufall hört er von einem mysteriösen Mordfall, der ihm fortan keine Ruhe lässt: Was steckt hinter dem Mord an dem jungen Mädchen, das man erdrosselt in einer Gruft gefunden hat?

„Phantom in Rot“: Während eines Popfestivals, bei dem auch der große Star Zeno Vedast auftritt, wird in einem Steinbruch eine junge Frau tot aufgefunden. Wie Inspektor Wexford herausfindet, war sie kurz vor ihrem Tod verabredet – mit Zeno Vedast. Doch der hat ein unanfechtbares Alibi …

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Über die Autorin bzw. den Autor

Ruth Rendell wurde 1930 in South Woodford/London geboren. Zunächst arbeitete sie als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Seitdem hat sie über dreißig Bücher veröffentlicht. Dreimal bereits erhielt sie den Edgar-Allan-Poe-Preis und zweimal den Golden Dagger Award. 1997 wurde sie mit dem Grand Master Award der Crime Writers' Association of America, dem renommiertesten Krimipreis, ausgezeichnet und darüber hinaus von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben. Ruth Rendell, die auch unter dem Pseudonym Barbara Vine bekannt ist, lebt in London.

Aus dem Klappentext

»Ruth Rendells Romane sind ein Spiegel aller Spielarten menschlicher Schwächen und Täuschungsmanöver.«
Donna Leon

»Ruth Rendell ist die brillanteste Kriminalautorin unserer Zeit.«
Patricia Cornwell

»Ruth Rendell ist ohne Frage eine der besten Krimiautorinnen der Welt. Eine Meisterin im Aufdecken der Abgründe unter der Decke einer scheinbar kleinbürgerlichen Wohlanständigkeit.«
Frankfurter Rundschau

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Als Wexford an diesem Morgen die Treppe hinunterstieg, war sein Neffe schon fort zum Dienst, und die Frauen bereiteten ihm mit dem teuflischen Eifer von Amateur-Diätetikern ein Rekonvaleszentenfrühstück zu. So war es bisher jeden Tag gewesen, seit er in London angekommen war. Bis zehn hielten sie ihn im Bett; sie ließen ihm das Badewasser ein, und eine von ihnen wartete am Fuß der Treppe auf ihn, die Hand ausgestreckt für den Fall, daß er fiele, ein idiotisches Lächeln der Ermutigung auf dem Gesicht.
Die andere - an diesem Morgen war es Denise, die Frau seines Neffen - thronte vor dem mageren Angebot auf dem Eßzimmertisch. Wexford nahm das »Frühstück« grimmig in Augenschein: Zwei Stück runder Zwieback, offensichtlich aus Sägemehl und Leim kreiert, ein Klecks ungesättigtes Streichfett, eine halbe Grapefruit ohne Zucker, schwarzer Kaffee und als Krone des Horrors ein Glas wabblig bleicher Substanz, von der er annahm, daß es Joghurt sein könnte. Seine eigene Frau trottete von ihrem Posten als Treppenwächter hinter ihm her und hielt ihm zwei weiße Pillen und ein Glas Wasser hin.
»Diese Diät wird noch mein Tod«, sagte er.
»Ach, ist doch gar nicht so schlimm. Stell dir mal vor, du wärst auch noch Diabetiker.«
»Wer«, deklamierte Wexford, »kann ein Feuer tragen in der hohlen Hand - allein in dem Gedanken an den Frost des Kaukasus?«
Er schluckte die Pillen, und nachdem er seine Verachtung für das Joghurt gezeigt hatte, indem er es mit seiner Serviette zudeckte, fing er unter ihren besorgten Blicken an, die saure Grapefruit zu essen.
»Wohin wirst du heute morgen deinen Spaziergang machen, Onkel Reg?«
Er hatte bereits Carlyles Haus besichtigt,- er hatte die King's Road erkundet, wobei er gleichermaßen die Läden, als auch die Leute, die darin einkauften, bestaunt hatte, - er hatte am Eingang des Stamford Bridge-Fußballfeldes gestanden und allen Ernstes Alan Hudson gesehen; er war über jeden einzelnen der schönen kleinen Plätze von Chelsea gegangen, hatte die eindrucksvolle Größe von The Boltons bewundert und die malerischen Winkel von Walham Green,- mit schmerzenden Füßen war er durch die Chenil Galleries und den Antique market gelaufen. Sie wollten ja unbedingt, daß er spazierenging. An den Nachmittagen drängten sie ihn, zusammen mit der U-Bahn oder dem Taxi ins Natural History-Museum zu gehen, zum Brompton Oratory und zu Harrods. So lange er nicht zu viel nachdachte oder sein Gehirn unnötig viel belastete, spät aufblieb oder gar versuchte, in einen Pub zu gehen, schmeichelten sie ihm mit einer Art nachsichtigen Spottes. »Wo ich heute morgen hingehe?« meinte er. »Vielleicht mal runter zum Embankment.«
»Ach ja, tu das. Was für eine gute Idee!«
»Ich dachte, ich könnte mir mal die Statue ansehen.«
»St. Thomas«, sagte Denise, die katholisch war.
»Sir Thomas«, erwiderte der nicht katholische Wexford.
»St. Thomas, Onkel Reg.« Denise nahm unauffällig das unsaturierte Streichfett weg, ehe Wexford zu viel davon essen konnte. »Und heute nachmittag, wenn es nicht zu kalt ist, gehen wir alle zusammen und schauen uns >Peter Pan< in den Kensington Gardens an.«
Aber es war kalt, beißend kalt und ziemlich neblig. Er war froh über den Schal, den seine Frau ihm um den Hals gewickelt hatte, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, wenn sie ihm dabei nicht so jammervoll mitleidig in die Augen geblickt hätte, so als fürchte sie, das nächste Mal werde sie ihn in einer Schublade des Leichenschauhauses wiedersehen. Er fühlte sich nicht krank, nur gelangweilt. Heute morgen waren wenige der Leute unterwegs, die ihn sonst so amüsierten mit ihren flatternden Haaren, den Perlen und mittelalterlichen Eisenketten, mit ihren blumenbemalten Stiefeln und den zottigen Mänteln, die sie aussehen ließen wie zottige afghanische Hunde. An solch einem Vormittag trafen sich diese jungen Leutchen, die sonst gleichgültig an ihm vorüberwimmelten, wohl eher in den kleinen Cafes mit Namen wie Fhendly Frodo und The Love Conception.
Die Theresa Street, wo das Haus seines Neffen stand, lag an der Grenze zum eleganten Chelsea oder eigentlich außerhalb, wenn man der Meinung war, daß die King's Road im Grunde an der Beauford Street zu Ende sei. Allmählich entwickelte Wexford für solche lokalen Spitzfindigkeiten ein Gespür. Mit irgendwas mußte er ja sein Gehirn schließlich in Gang halten. Er überquerte also die King's Road am Ende der Welt und ging zum Fluß hinunter.
Er war bleifarben heute morgen, am 29. Februar. Der Nebel raubte dem Damm alle Farbe, und selbst die Albert Bridge, deren blau-weiße Schlankheit er so liebte, hatte ihr Wegdewood-Flair eingebüßt und schimmerte als bräunliches Gerippe durch den Dunst. Er wanderte über die Brücke hinüber und wieder zurück, überquerte dann die Straße, und er blinzelte mit dem Auge und rieb es. Aber sein Auge war in Ordnung, bloß dieser kleine blinde Fleck störte ihn. Es fühlte sich bloß so wie ein unbewegliches Staubkörnchen an, und er vermutete, so werde es wohl auch in Zukunft bleiben.
Die sitzende Statue ihm gegenüber erwiderte seinen Blick mit dunstverschleierter Freundlichkeit. Sie schien vertieft in Dinge des Staates, Dinge von Anstand und Sitte, utopische Dinge. Mit seinem Auge und bei diesem Nebel mußte er näher herantreten, um zu erkennen, daß es tatsächlich eine farbige Statue war, nicht nur aus nackter Bronze oder Stein, sondern schwarz und gold bemalt.
Er hatte sie noch nie gesehen, aber er kannte natürlich Bilder des Philosophen, Staatsmanns und Märtyrers, vor allem Holbeins Zeichnung von Sir Thomas und seiner Familie. Bis jetzt aber war ihm die große Ähnlichkeit dieses im Bild verewigten Antlitzes mit einem ihm bekannten, lebenden Gesicht noch nie aufgefallen. Man brauchte nur den heiligen Ernst dieser Augen gegen ein spöttisches Glitzern auszutauschen, dachte er, diese milde resignierten Lippen gegen die Kurven der Ironie, und schon war es Dr. Crocker, wie er leibte und lebte.
Wexford fühlte sich wie Ahab in Naboths Weinberg, und laut redete er ihn an:
»So hast du mich gefunden, oh, mein Feind?«
Sir Thomas fuhr fort, über den idealen Staat nachzudenken, oder auch über die Gefahren der Reformation. Sein Gesicht schien - ein Werk des Nebels vielleicht - noch ernster geworden zu sein, ja geradezu Strafe androhend. Es hatte jetzt genau den Ausdruck wie Crockers Gesicht an jenem Sonntag in Kingsmarkham, als er eine Thrombose im Auge seines Freundes diagnostiziert hatte.
»Weiß Gott, Reg, ich hab dich oft genug gewarnt. Ich hab dir gesagt, du sollst abnehmen, ich hab dir gesagt, du sollst die Dinge leichternehmen. Und wie oft hab ich dir gesagt, du sollst das Saufen lassen?«
»Na schön. Und was jetzt? Werd ich noch eine kriegen?«
»Wenn ja, dann kann es in deinem Gehirn passieren, wo sich ein Gerinnsel festsetzt, nicht im Auge. Du solltest dich schleunigst irgendwohin verziehen, wo du totale Ruhe hast. Einen Monat weit weg von hier, das rate ich dir.«
»Ich kann nicht für einen ganzen Monat weg!«
»Warum nicht? Niemand ist unersetzlich.«
»O ja, manch einer doch. Nimm Winston Churchill, nimm Nelson!«
»Das Schlimme bei dir ist außer dem hohen Blutdruck dein Größenwahn. Fahr mit Dora an die See.«
»Im Februar! Außerdem, ich hasse die See. Und aufs Land fahren kann ich nicht. Ich leb schon auf dem Lande.«
Der Arzt nahm sein Sphygmomanometer aus der Tasche, krempelte schweigend Wexfords Hemdsärmel auf und befestigte das Instrument an seinem Arm. »Das Beste wäre vielleicht«, meinte Crocker, ohne sich über das Meßergebnis auszulassen, »ich schicke dich auf die Gesundheitsfarm meines Bruders in Norfolk.«
»O Gott! Was soll ich da wohl den ganzen Tag mit mir anfangen?«
»Wenn du erst mal drei Tage lang nichts weiter genossen hast als Orangensaft und Saunabäder«, sagte Crocker sanft, »dann hast du gar nicht mehr die Kraft, was zu tun. Der letzte Patient, den ich dort hingeschickt habe, war zu schwach, um den Telefonhörer zu...

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