Kannst du: Roman - Softcover

Lebert, Benjamin

 
9783442467280: Kannst du: Roman

Inhaltsangabe

Eine Geschichte über Einsamkeit und den Versuch, diese zu überwinden

Tim ist Anfang 20 und hat mit den Nachwirkungen seines Ruhms als jugendlicher Bestsellerautor zu kämpfen. Die Arbeit an seinem zweiten Roman geht nicht voran. Wieder etwas wirklich Gutes schreiben zu müssen, lastet zu schwer. So sagt er auch sofort zu, als Tanja, eine flüchtige Bekannte, ihn fragt, ob er sie auf ihrer Interrailreise begleiten wolle. Tanja scheint mit ihren 18 Jahren viel besser zu wissen, wo es langgeht, als Tim. Aber was zuerst als Zweckgemeinschaft gedacht war, entpuppt sich schnell als emotionales Abenteuer. Eine Reise in die Extreme der Gefühle beginnt ...

• Vom Autor des Bestsellers „Crazy“.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Benjamin Lebert, Jahrgang 1982, lebt in Hamburg. Er hat mit zwölf Jahren angefangen zu schreiben. 1999 erschien sein erster Roman, 'Crazy', der in 33 Sprachen übersetzt und von Hans-Christian Schmid fürs Kino verfilmt wurde. Sein zweites Buch, 'Der Vogel ist ein Rabe', erschien 2003, sein dritter Roman 'Kannst du' erschien 2008.

Aus dem Klappentext

»Wunderkind, das war mal. Benjamin Lebert ist einfach ein sehr, sehr guter Schriftsteller. Und »Kannst du« sein bisher bestes Buch.«
Brigitte

»Benjamin Leberts dritter Roman läuft in kleinen Szenen zu Größe auf, wenn er den Protagonisten ganz nah ist. Dann ist »Kannst du« hellsichtig, zart, fast weise.«
Neon

»Spannend zu lesen. Die Verzweiflung und Widersprüchlichkeit der Protagonisten reflektiert Lebert mit lyrischen Schilderungen, heftigem Slang und größtenteils stakkato-artigen Sätzen.«
Stuttgarter Zeitung

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Immer wenn ich traurig bin, versuche ich an Fotoalben zu denken. Immer wenn ich daran zweifle, ob es gut ist, dass ich existiere, blättere ich in meinem Geiste all die Fotoalben durch, Fotoalben verschiedenster Menschen aus verschiedensten Ländern, in denen zufällig und, ohne dass diese Menschen Notiz davon nehmen würden, ein Foto klebt, auf dem ich zu sehen bin.
Fünf japanische Männer vor einem Brunnen in München. Im Hintergrund, am Brunnenrand sitzend: eine dicke, ältere Frau in einer blauen Bluse, die gerade ein Eis schleckt. Zu ihren Füßen, sehnsuchtsvoll zu ihr heraufblickend: ein kleiner Jack-Russell-Terrier. Rechts neben ihr, zwar nicht in ihre Richtung, nicht in Richtung des Eises, doch mindestens genauso sehnsuchtsvoll dreinblickend wie der Hund: ich.
Zwei Schülerinnen an einem winterlichen Tag, an Deck einer Fähre. Um sie herum Leute in dicken Jacken oder Mänteln. Die meisten haben Mützen auf dem Kopf, ihre Hände stecken in Handschuhen. Und alle haben verkniffene Gesichter, weil ihnen der Wind so um die Ohren pfeift. Einer dieser Leute, ein dünner junger Kerl mit blauen Augen und Walkman-Stöpseln im Ohr: ich.
Ein älteres Ehepaar an einem herrlichen Sommertag an der französischen Atlantikküste. Sie hat einen weißen Strohhut auf dem Kopf, er ein Basecap. Beide tragen Strandkleidung und Sonnenbrillen. Er hat seinen Arm um sie gelegt. Über ihnen azurblauer Himmel, hinter ihnen heranrollende Wellen. Seitlich barfuß ins Bild rennend, mit einem Bodysurfbrett unterm Arm, einem von der Sonne verbrannten Oberkörper und einer engen roten Badehose: ich.
Wenn mich also tiefe Traurigkeit überkommt, denke ich daran, dass natürlich auch ich unzählige Fotos besitze, auf denen Leute zu sehen sind, mit denen ich nicht das Geringste zu tun habe, von denen ich nicht weiß, durch was für ein Leben sie gehen. Ob der eine vorübergehend, weil es gerade nicht anders geht, bei den Eltern seiner Freundin leben muss und jetzt mit ihnen durch die Innenstadt spaziert. Ob eine gerade durch ihr Wirtschaftsexamen gefallen ist und jetzt verzweifelt nach Hause geht. Ob einer, der in seinem Heimatland ein Experte für die Fischart Rotauge ist, jetzt gerade mit seinen deutschen Bekannten in einem Café sitzt und sie in die Welt der Rotaugen einweiht. Plötzlich befindet sich diese Person mit ihrem kleinen, um sie kreisenden Universum in unmittelbarer Nähe von mir und meinem kleinen, um mich kreisenden Universum, just in dem Augenblick, in dem der Auslöser eines Fotoapparats betätigt wird. Sicher sind auch wir fotografiert worden. Zusammen. Irgendwo in einer Schachtel befindet sich ein Foto von Tanja und mir, auf unserer merkwürdigen Reise in den Norden. Ich weiß nicht genau warum, aber ich habe die Vorstellung, dass solche Fotos existieren, immer als sehr tröstlich empfunden. Wo immer man auch ist auf dieser Erde, man kann unmöglich verloren gehen.

Tanja kam an einem Juniabend in Berlin an.
Gegen sechs Uhr sollte ich sie vom Bahnhof abholen. Ich stand gegen einen Getränkeautomaten gelehnt. Leute eilten an mir vorbei, Getrappel, Bahnhofslärm, Durchsagen. Auf einmal war sie da.
»Tim!«
Das war der Anfang.
Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und küsste mich. Wir fuhren mit der S-Bahn zu mir.
Da ich noch nie Interrail gemacht hatte, und sie als Pfadfinderin eine Expertin war, hatte sie die Reise organisiert. Sie hatte mir am Telefon durchgegeben, welche Route wir nehmen würden, was alles sehenswert sei, und ich sagte immer: »Jaja, genauso machen wir's!« Sie hatte sogar ein Zelt mitgenommen und einen Rucksack für mich. Einen riesigen roten Wanderrucksack. Natürlich sagte sie mir auch, was ich einzupacken hatte.
Wir setzten uns in die Küche und tranken Wein. Draußen mischte sich Dunkelheit in den Tag. Eine kleine Kerzenflamme tänzelte in einem Glas auf dem Tisch. Lichtflecken zitterten auf der Tischplatte und auf der Wand. Die Rotweingläser schimmerten. Wir redeten wenig. Unsere Blicke hielten einander nicht lange stand. Gut möglich, dass wir uns beide heimlich fragten, ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, sich auf diese Sache einzulassen.
Sie hatte zwei Reiseführer mitgebracht, Schweden und Norwegen.
»Damit wir nicht verloren gehen«, meinte sie. Wir legten uns früh schlafen. Und als Tanja ihr T-Shirt über den Kopf zog, meine Hände nahm und sie zu ihren runden, festen Brüsten führte, da wusste ich:
In dieser Nacht würde ich nicht verloren gehen.

Am Morgen darauf stiegen wir in den Zug nach Rostock. Es schien, als ob sich ganz Berlin in diesem Zug befände. Die Leute drängelten. Wir ergatterten gerade noch zwei einzelne Plätze in einem Großraumabteil. Unsere Rucksäcke quetschten wir zwischen andere Gepäckstücke auf den Gang.
Beim ersten Halt kam eine Schulklasse in das Abteil gerauscht. Alle waren ungefähr vierzehn Jahre alt. Sie rauchten, nannten sich Penner und Wichser. Ein fülliges Mädchen wirkte, als wäre es nicht sonderlich beliebt in ihrer Klasse. Zwei Jungen liefen abwechselnd zu ihr hin und flüsterten ihr etwas zu. Sie tippte sich daraufhin mit dem Zeigefinger an die Stirn. Sie tat mir Leid. Später tauchte ein Bundeswehrsoldat auf. Er rauchte am geöffneten Fenster. Der Rauch seiner Zigarette wurde aus dem Spalt gerissen. Er stieg eine Station vor Rostock aus.
Tanja wirkte fröhlich. Immer wieder küsste sie mich.
Im hellen Grün ihrer Augen zeigte sich nichts von dem, was mir später so zu schaffen machen sollte.
Kurz bevor der Zug in Rostock einrollte, half Tanja mir, den Rucksack aufzusetzen. Ich hatte mit diesem Ding so meine Schwierigkeiten.
Es war heiß. Ein strahlend blauer Himmel wölbte sich über der Stadt. Es war so hell, dass man die Augen zukneifen musste. Wir aßen am Bahnhof Currywurst mit Pommes. Und wurden Zeugen eines Streits zwischen den beiden Wurstverkäuferinnen, offenbar Mutter und Tochter. Die Tochter hörte sich die Schimpftiraden ihrer Mutter an und machte mich zu ihrem Verbündeten, indem sie jedes Mal die Augen verdrehte, wenn sich unsere Blicke trafen.
Man merkte, dass Tanja oft und gern mit dem Rucksack unterwegs war. Die Art, wie sie ihn aufsetzte, abstreifte, gegen eine Wand lehnte, das alles zeugte von großer Routine. »Wir müssen los«, sagte sie. »Das Schiff wartet nicht auf uns!«
Ich lächelte der Würstchentochter zum Abschied zu. Sie gefiel mir eigentlich sehr.

In Berlin hatte ich mich seit geraumer Zeit mit einem Mädchen getroffen, das Ines hieß und als Volontärin bei der Literaturagentur arbeitete, die mich vertrat. Ich traf mich mit ihr in Cafés und Restaurants, wir gingen durch Charlottenburg spazieren, ins Kino. Schnitten uns gegenseitig mit unseren Traumscherben ins Fleisch.
Es war die Art von Beziehung, aus der eine ernste Sache oder eine Affäre hätte werden können. Aber die Sache war die: Eigentlich konnte ich sie nicht ausstehen. Sie redete zu viel. War zu geschäftig. In den letzten Jahren war es mir allerdings immer schwerer gefallen, mich überhaupt mit Menschen zu treffen. Ich hatte mich nach und nach isoliert. Manchmal fühlte ich mich so verlassen, dass ich über jede Art von Kontakt froh war. Zu wem auch immer. Und genau in solchen Momenten rief ich Ines an.
An einem Nachmittag im April war ich mit Ines im Café Simon in der Kantstraße verabredet, und sie brachte Tanja mit. Ein blond gelocktes Mädchen mit Sommersprossen, die lustig auf dem Gesicht verteilt waren, funkelnden Augen und nervösen Händen. Tanja trug eine enge Jeans und ein rosafarbenes, ärmelloses Oberteil aus Polyester. Um ihren Arm hatte sie eine farblich perfekt dazu passende Tasche hängen, auf die eine Lilie gestickt war.
»Na, ihr! Wie geht's?« Eine angenehme Frauenstimme.
Leicht norddeutsche Färbung. Sie nickte mir lächelnd zu, beugte sich zu Ines herab und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
Die beiden kannten sich aus Bremen. Ihre Familien wohnten schon seit vielen Jahren nebeneinander. Sie setzte...

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