Im Zeichen des Raben: Roman: Roman. Deutsche Erstausgabe - Softcover

Taylor, Andrew

 
9783442467020: Im Zeichen des Raben: Roman: Roman. Deutsche Erstausgabe

Inhaltsangabe

Ein unschuldiges Kinderspiel wird zum tödlichen Alptraum

Im verwilderten Garten eines englischen Pfarrhauses schaffen sich Peter Redburn und sein Freund Richard einen Sommer lang ein Reich der Phantasie. Es ist eine Welt edler Herrscher, heimlicher Rituale und feierlicher Treueschwüre. Doch ein neuer Spielkamerad führt dunkle Elemente in diese Phantasiewelt ein, und das unschuldige Spiel verwandelt sich in einen tödlichen Alptraum. Als Peter viele Jahre später zurückkehrt, will er endlich herausfinden, was in jenem Sommer wirklich geschah …

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Über die Autorin bzw. den Autor

Andrew Taylor wurde 1951 in Stevenage, England, geboren. Er ist der Autor zahlreicher preisgekrönter Kriminalromane in der Tradition von Ruth Rendell und Elizabeth George. Die Krimis aus seiner Lydmouth-Serie mit Detective Inspector Richard Thornhill und

Aus dem Klappentext

"Dieser Autor versteht sich genau darauf, Spannung zu erzeugen."
Independent on Sunday

"Spannung vom Feinsten."
Sunday Times

"Andrew Taylor ist ein meisterhafter Erzähler."
Daily Telegraph

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

EINS

Sie wusste: Was sie tun wollte, war falsch.
Nicht wirklich falsch. Keine Sünde. Nicht etwas, das sie am Mittwochnachmittag Pfarrer Molland in St. Clement's würde beichten müssen. Aber es würde ihr einfach guttun nach Mr. Colebys Besuch.
John hatte sie gebeten, nicht auf den Dachboden zu gehen. Aber verboten hatte er es nicht.
»Bitte, Lucasta«, hatte er gesagt. »Tu mir den Gefallen.«
»Ich bin kein Invalide.«
»Ja, ich weiß, Schatz. Aber die Leiter ist schwer, und du müsstest sie bis ganz nach oben schleppen.« »Ich bin vorsichtig.«
»Du könntest von der Leiter rutschen. Selbst für mich ist es schwer, die Luke zu öffnen.« Er strich ihr mit dem Finger über den Nacken. »Und dann müsstest du dich auf den Dachboden hochziehen. Außerdem ist es dort oben gefährlich. Der Speicher hat ja nicht mal einen richtigen Fußboden. Du könntest mit dem Fuß zwischen den Balken oder sonst wo hängen bleiben.«
»Aber er ist in einem so fürchterlichen Zustand«, erwiderte sie. »Ich würde ihn gerne aufräumen, bevor das Baby kommt.«
Er kniete sich neben ihren Stuhl, und sein Gesicht war nur Zentimeter von ihrem entfernt. Seine Besorgnis rührte sie.
»Der Nestbauinstinkt?«, fragte er. »Aber im Ernst - wenn du einen Unfall hättest, während ich in der Schule bin, könntest du stundenlang dort liegen. Hier geht ja nicht ständig jemand ein und aus.«
Nein, dies war ihr Zuhause. Sie wollten in der Champney Road 29 nicht von Fremden gestört werden. So würde es immer sein. Für immer und ewig. Amen.
Nun gut, John wollte nicht, dass sie auf den Dachboden ging, schon gar nicht, wenn er außer Haus war. Und sie würde sich nie über eins seiner Verbote hinwegsetzen. Das hatte sie versprochen. Aber er hatte es ihr nicht ausdrücklich verboten. Außerdem war die Situation eine andere gewesen, als sie darüber gesprochen hatten. Damals war sie mit Peter schwanger, und ein Sturz hätte schwerwiegende Folgen sowohl für sie selbst als auch für das ungeborene Baby haben können.
John ließ heute Abend sehr lange auf sich warten. Seit Stunden war es schon dunkel. Während der Schulzeit arbeitete er rund um die Uhr, doch die Schule wusste sein Engagement nicht zu schätzen. Lucasta wünschte, er käme nach Hause. Sie wünschte, er wäre da gewesen, als dieser unangenehme Mr. Coleby gekommen war. Mit Leuten wie Mr. Coleby zu sprechen war Männersache. John hätte genau gewusst, was er sagen musste.
Mr. Coleby war clever. Er kam immer, wenn John in der Schule war. Sie hatte Hubert Molland mit dem Pfarrgemeindeblatt erwartet. Deswegen war sie an die Tür gegangen.
Mr. Coleby stand direkt davor. Er hatte seinen großen braunen Wagen unter der Straßenlaterne geparkt. Als sie die Tür öffnete, beugte er sich vor, und sie trat einen Schritt zurück. Zu spät bemerkte sie ihren Fehler. Er war im Haus. Regentropfen glitzerten auf der Schulter seines marineblauen Mantels.
Mr. Coleby hatte eine laute Stimme und dehnte die Vokale so breit, dass es ihr in den Ohren wehtat. Lucasta hatte Angst, er würde Peter aufwecken, wenn sie im Flur mit ihm sprach.
Sie wich ins Wohnzimmer zurück. Mr. Coleby folgte ihr. Er war groß und hatte ein eckiges gerötetes Gesicht. Das Zimmer war klein, und auch Lucasta war klein. Mr. Coleby passte hier nicht rein. Er nahm zu viel Raum ein, wie ein Kuckucksjunges in einem fremden Nest.
»Nun, Mrs. Redburn«, begann er, »wie sieht's aus? Haben Sie Ihren Standpunkt denn noch einmal überdacht?«
Sie schüttelte den Kopf und setzte sich, damit er ihr Zittern nicht bemerkte.
Mr. Coleby seufzte. »Es wäre schön, wenn wir die Sache bis Weihnachten geklärt hätten.«
Lucasta starrte auf den Stapel Bibliotheksbücher, die auf dem Tisch lagen. »Es gibt nichts zu klären.«
»Kommen Sie, seien Sie vernünftig.«
»Was verstehen Sie unter vernünftig?«, fragte sie. »Wohl nicht dasselbe wie ich.«
»Sie werden kein besseres Angebot bekommen.« »Tut mir leid. Kein Interesse.«
Er ging zum Erkerfenster, schob die Vorhänge zur Seite und schaute hinaus auf die Champney Road.
»Eine komische Gegend, oder?«, sagte er. »Ich schätze, Sie würden sich woanders wohler fühlen. Locksley Gardens oder Ivanhoe Drive zum Beispiel.«
»Ich fühle mich hier sehr wohl, danke«, sagte Lucasta.
Doch sie verstand, was er meinte. Hubert Molland hatte neulich das Gleiche gesagt. Die Champney Road lag auf der Ostseite von Plumford. Dort waren die Fabriken, die Sozialwohnungssiedlungen und - nur wenige Meter hinter dem Garten der Redburns - die Eisenbahn. Die meisten von Johns Kollegen wohnten im Westen des Stadtzentrums, in einem Vorort mit Alleen, deren Namen den Werken von Sir Walter Scott entliehen waren.»Und das Haus ist ja auch nicht gerade die Wucht. Finden Sie es nicht dunkel? Ein bisschen deprimierend? Da muss einiges dran gemacht werden. Das ist nicht zu übersehen.«
Sie zuckte die Schultern. Das Geld war knapp, vor allem seit Peters Geburt. Sie fand das Haus nicht dunkel. Ja, es blickte nach Norden, aber daran gewöhnte man sich. Nummer 29 war ihr Zuhause.
»Sie wohnen auch ziemlich einsam. Nicht mal ein Telefon.« Mr. Coleby spähte in die Dunkelheit zu beiden Seiten der Straßenlaterne. »Hohe Hecke vorne - müsste unbedingt geschnitten werden. Eine nackte Mauer so hoch wie ein Haus zu Ihrer Rechten. Ich würde nicht unbedingt neben einer Bäckerei wohnen wollen. Und auf der anderen Seite so viele Bäume auf einem Stück Brachland. Jetzt mein Land. Das muss Sie doch sehr beunruhigen.« Er drehte sich langsam um und starrte sie an. »Wo Sie so viel alleine sind.«
Eine Drohung machte sich im Zimmer breit, hing dort wie ein Schleier und ließ die Umrisse der Möbel verschwimmen. Mr. Coleby war ein riesiger Schatten. Sein Gesicht löste sich auf. Nur seine Augen stachen noch immer deutlich hervor: kalt, klar und blau.
Wenn John nur hier wäre. Lucasta griff sich an die Brust. Sie war voll Milch. Dieses Wissen beruhigte sie. Sie stillte Peter noch immer und würde es noch monatelang tun. Sie musste stark sein.
Der Schleier lüftete sich.
»Ich fürchte, Sie verschwenden Ihre Zeit, Mr. Coleby.«
»Tatsächlich?« Er zog die Augenbrauen hoch. »Warum denken Sie nicht noch mal drüber nach? Es ist keine leichte Entscheidung - das weiß ich. Sie müssen die Angelegenheit von allen Seiten betrachten.«
»Die Entscheidung ist bereits ...«
»Wie zum Beispiel, was passiert, wenn Sie einen Unfall haben und allein zu Hause sind. Oder wenn mitten in der Nacht ein Feuer ausbricht. Oder wenn ein paar von den Halbstarken aus der Gegend, die ein bisschen Spaß oder Geld für Bier haben wollen, hier vorbeikommen.«
Erlöse mich von dem Bösen, dachte sie. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.
»Sie drohen mir.«
»Ich?« Er lachte leise in sich hinein. »Das ist gut! Ich versuche nur, Ihnen zu helfen, Mrs. Redburn. Sie kennen mich doch. Aber ich sollte Sie nicht länger aufhalten. Machen Sie sich keine Sorgen - ich finde alleine hinaus. Ich melde mich.«
Mr. Colebys Schritte hallten in dem teppichlosen Flur wider. Lucasta hoffte, dass sie Peter nicht aufweckten. Sie hörte, wie Coleby die Eingangstür öffnete und schloss. Der Riegel am Tor klickte. Sie trat zum Fenster und blickte hinaus. Einen Augenblick später löste sich der große braune Wagen von der Bordkante.
Lucasta ging in den Flur. Sie war versucht, die Tür zu verriegeln. Aber wenn sie das tat, kam John nicht mehr herein. Sie verriegelte die Tür nie, wenn John nicht da war. Komm schnell nach Hause, John.
Sie blieb an der Treppe stehen und horchte. Gott sei Dank war alles ruhig. Peter schlief noch nicht lange die Nacht durch, ohne nach einer Mahlzeit zu verlangen. Ungestörte Nächte waren ein solcher Luxus. Abends hatten sie und John Zeit füreinander.
Allmählich hörte das Zittern auf. Lucasta schlich sich auf Zehenspitzen nach oben und lauschte vor der Tür zu Peters Zimmer. Sie wagte es nicht, hineinzugehen: Er hatte...

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