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Der Kugeltrick: Roman - Softcover

Welsh, Louise

 
9783442465088: Der Kugeltrick: Roman

Inhaltsangabe

Schottische Kneipen, Berliner Hinterhöfe und ein Zaubertrick, der tödlich enden kann

Eigentlich ist William Wilson ein eher durchschnittlicher Zauberkünstler. Er führt die üblichen Taschenspielertricks vor und zersägt die eine oder andere Jungfrau. Nun soll er während einer seiner Shows dem pensionierten Detective Inspector James Montgomery einen Umschlag entwenden. Kein Problem für ihn, doch dann geht alles schief: Die Übergabe an den Clubbesitzer Bill Noon wird vereitelt, und William kann sich gerade noch aus dem Staub machen – mit dem Umschlag. Keine gute Idee, denn auch ein ehemaliger Polizist lässt sich nicht einfach so ein Geschäft vermiesen …

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Über die Autorin bzw. den Autor

Louise Welsh, geboren 1965 in London, hat Geschichte studiert, acht Jahre in einem Antiquariat gearbeitet und dann ein Creative-Writing-Studium abgeschlossen. Ihr erster Roman "Dunkelkammer" wurde mit dem "Crime Writer Association", dem John Creasy Memorial "Dagger-Award" für den besten ersten Kriminalroman und dem "Saltire First Book Award" ausgezeichnet. In Deutschland erhielt er 2004 den "CORINE Debüt Preis" 2004.
Louise Welsh lebt in Glasgow.

Aus dem Klappentext

"Frisch, präzise und wachsam."
Stuttgarter Zeitung

"Ein zauberhaftes und geheimnisvolles Buch."
arte

"Ein großartiger Thriller, in dem die Autorin den verblichenen Glamour der kleinen Varietétheater heraufbeschwört."
Berliner Zeitung

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Glasgow

Das Flugzeug setzte mit einem harten Ruck auf, und ich wurde wach.
»Eine beneidenswerte Gabe.«
Die blonde Frau auf dem Nebensitz lächelte. Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht. »Pardon?«
»Seit Tegel haben Sie wie ein Toter geschlafen, Sie Glücklicher. So gut schlafe ich nicht mal im eigenen Bett.«
Unter anderen Umständen hätte ich vielleicht gefragt, wie sie in fremden Betten schlief, aber ich hielt den Mund und wartete, bis der Pilot die Maschine erst holpernd und dann sanft ausrollen ließ; ein Flug wie jeder andere. Die Anzeigenlämpchen erloschen; die Geschäftstypen sprangen auf und zerrten ihre Aktenkoffer aus den Gepäckfächern. Ein Handy erwachte dudelnd zum Leben, und ein Mann sagte: Ich ruf dich in zehn Minuten zurück. Bin gerade im Flugzeug. Er lachte. Nein, ist okay, wir sind schon gelandet. Meine schlafgestörte Nachbarin stand auf, und ich holte meinen Utensilienkoffer unter dem Vordersitz hervor. Er fühlte sich schwer an, obwohl in Berlin nichts dazugekommen war - außer dem dicken Umschlag voller Geldscheine, die ich nicht mal gezählt hatte.
Die Schlange der Passagiere schob sich den Gang entlang, dann über die Metalltreppe hinunter zur Rollbahn. Niemand küßte den Boden. Ich stellte den Mantelkragen hoch und richtete den Blick nach unten.
Auf dem Transportband trudelten dichtgedrängt die Gepäckstücke, aber ich hatte meinen kaputten Koffer mitsamt Inhalt in einem Hotelzimmer in Berlin gelassen.
Der Mann, der die Reihenfolge der Taxis dirigierte, trug zum Schutz vor dem Wetter eine dicke Jacke in Leuchtfarbe, die offiziell aussah, und eine alte karierte Schirmmütze, die es nicht tat. Er schlug die Tür hinter dem Fahrgast zu, den er im Wagen vor mir verstaut hatte, und drehte sich zu mir um.
»Wohin?«
»Glasgow.«
Er lächelte geduldig, ein Mann, gewöhnt an Jetlag und schlechtes Englisch, und fragte: »Wohin in Glasgow, junger Mann?«
»Stadtzentrum.«
Er machte sich eine Notiz auf seinem Klemmbrett und sagte: »Schon besser.« Dann winkte er das nächste weiße Taxi heran.
Der Fahrer stellte mir dieselbe Frage wie sein Vorgesetzter. Diesmal sagte ich: »Wissen Sie, wo ich irgendwo im Zentrum ein möbliertes Zimmer mieten kann?«
Er musterte mich im Rückspiegel und sah dasselbe Gesicht, das ich vor wenigen Minuten auf dem Herrenklo mit kaltem Wasser bespritzt hatte. Ein Dutzendgesicht mit einer tiefen Furche mitten in der Stirn, die vielleicht auf Skrupellosigkeit oder Sorgen schließen ließ, aber nichts an sich hatte, was mich aus einer Menschenmenge heraushob.
Ich sagte: »Es wär auch was für Sie mit drin.« Und er lenkte das Taxi aus dem Flughafengelände, Richtung Glasgow und Gallowgate.

Glasgow

Ich lehnte mich zurück und schloß die Augen. Ich fragte mich, wie ich in dieses Schlamassel hineingeraten war und was diese Stadt, die ich einmal mein Zuhause genannt hatte, für mich bereithielt.

London

An dem Abend, als ich Sylvie kennenlernte, rettete sie mir das Leben. Die Zeiger der Uhr sind weitergewandert, die Kalenderseiten umgeblättert, die Zahlen von Schwarz nach Rot und wieder nach Schwarz zurückgewandert, Farbschatten wie bei einem Kartenspiel, und mir wird bewußt, daß mehr als ein Jahr vergangen ist, seit ich Sylvie zum ersten Mal sah.
In diesen trüben Tagen war ich als William Wilson, Mentalist und Illusionist bekannt. Die Zauberei befreite sich gerade von ihren Fesseln, von Frack und Fliege. Sie war aus den Fernsehprogrammen zur besten Sendezeit verdrängt worden, war abgetaucht in die Subkultur und hatte sich in den Freakshows und Zirkussen durchgebissen, und jetzt sah es so aus, als wäre die Zeit wieder reif für ihren großen Auftritt. Ich war einer der vielen, die sich einbildeten, die Branche zu neuem Leben erwecken zu können, wenn ich nur die Chance dazu hätte. Wie ein Spieler, der auf das richtige Blatt wartet.
Vor sieben Jahren hatte ich Glasgow verlassen, um nach London zu gehen; seitdem war ich kreuz und quer durchs Land gezogen, lange genug, um halbwegs zu wissen, in welcher Stadt ich gerade war, lange genug, daß es mir egal war. Ich war das Vorprogramm für einen ganzen Haufen von Comedians und Stand-ups, der Typ, wegen dem niemand kam. Ich bin in all den Kings und Queens und Princes und Consorts aufgetreten, habe meine Mätzchen im Variety, im Civic, im Epic und im Grand gemacht. Im Playhouse ließ ich Tauben aufsteigen, im Cliffs Pavilion sah ich zu, wie sie der Menge auf den Kopf schissen. In Liverpool fiel eine Frau auf der Bühne in Ohnmacht und wurde hinter den Vorhang geschafft. In Portsmouth jagte eine Meute Matrosen eine Platzanweiserin durch die Bankreihen. In Belfast schlief ich mit einem Mädchen im Botanic Hotel.
Berufliche Höhepunkte hatte es auch gegeben. Ein TV-Scout, der meinte, er könne mir eine Sendung verschaffen, die sich zur Serie ausweiten ließe, eine Produktionsfirma, die einen Dokumentarfilm über mich drehen wollte. Aber am Ende sah es so aus, als wären sie alle miteinander noch größere Nieten als ich. Ich zog meine Nummer wenigstens durch.
Mein Agent war Richard Banks, Rich für seine Freunde. Er vertrat einen Haufen Comedians, ein paar Quizshow-Moderatoren aus dem Nachmittagsfernsehen und mich. Rich war schon in den guten alten Zeiten im Geschäft, als das Varieté Hochkonjunktur hatte. In den fünfziger Jahren reaktivierte er die Jungs von der Truppenbetreuung, in den Sechzigern sattelte er um auf Teenie-Pop, und in den Siebzigern versorgte er die Strandpaläste von Brighton bis Blackpool regelmäßig mit jungen Talenten, oder was er dafür hielt. Ein paar Künstler aus seinem Stall hatten es sogar bis zum Saturday Night at the London Palladium geschafft. Das Entertainment war anspruchsvoller geworden, Rich war aufgestiegen und hatte eine neue Generation von Stand-up-Comedians verpflichten können. Er war realistisch und anpassungsfähig, aber er war auch loyal, da Loyalität, wie er sagte, »schließlich nichts kostet, William«.
Obwohl Sie wetten können, daß Richard sie, falls doch, noch vor der Mehrwertsteuer in Rechnung gestellt hätte.
Das Thema Loyalität hatte er ziemlich bald in unserer Beziehung angeschnitten. Ich war auf einen Sprung bei seinem Büro in Crouch End vorbeigegangen, weil ich in der Gegend war und auch weil ich ihn an meine Existenz erinnern wollte. Eine Zeitlang hatte ich vergeblich versucht, zu Mrs Pierce ein Verhältnis a la James Bond/Miss Moneypenny aufzubauen, seiner Sekretärin mit der stahlgrauen Frisur und dem stahlharten Blick. Jetzt schaute sie nur kurz von ihrem Computer auf und sagte: »Mr Banks hat gerade einen Gast, aber er hätte sicherlich nichts dagegen, wenn Sie zu ihm reingehen.«
Der Mann im Besuchersessel war ein rüstiger Siebzigjähriger mit einem jungenhaften Gesicht, das für meinen Geschmack schwarzweiß hätte sein müssen, statt dessen aber rotbackig, von lila Äderchen durchzogen und triefäugig war. Er hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt, und das fahle Haar war ihm nach hinten gerutscht, eine klasse Reklame für Toupet-Klebeband. Sein verbissenes Lächeln wirkte bemüht. Wir wußten beide, daß mein unangemeldetes Kommen sein Zeichen zum Aufbruch war. Rich stellte uns vor; der Name war mir ein Begriff aus grauer Vorzeit, obwohl ich mich nicht entsinnen konnte, in welchem Stück ich ihn gesehen hatte.
»Wilson, nicht gerade ein Bühnenname«, sagte er über meinen Kopf hinweg zu Richard, als er meine Hand schüttelte und sich vergeblich bemühte, mir die Knöchel zu brechen. Ich schnitt eine schmerzverzerrte Grimasse, nur um ihm die Freude zu machen, und seine Augen leuchteten.
»Die Zeiten ändern sich«, sagte Rich und stand auf.
»Wie wahr.« Der alte Mime nickte und besah sich langsam die Schwarzweißfotos der Stars von gestern an den Wänden, die sich unter die Porträts aus Richs aktueller
Truppe mischten. Vielleicht suchte er sein eigenes Bild, vielleicht macht man es sich ja in seinem Alter zur Gewohnheit, die Dinge zu betrachten, als würde man sie zum letzten Mal sehen. »Nun, Rich, es war ganz entzückend, aber ich kann nicht den ganzen Tag hier sitzen und dich mit meinen Geschichten aufhalten.«

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