Verwandte Artikel zu Die falsche Diva: Roman -

Die falsche Diva: Roman - - Softcover

Buch 4 von 4: Kommissar Brasch

Rohn, Reinhard

 
9783442460397: Die falsche Diva: Roman -

Inhaltsangabe

Der neue Köln-Krimi von Reinhard Rohn: ein weiterer spannender Fall für Hauptkommissar Matthias Brasch.

Als Hauptkommissar Matthias Brasch von der Beerdigung seines Vaters in einem kleinen Dorf in der Eifel zurückkehrt, wartet schon wieder ein neuer Fall für ihn: In einem Vorort von Köln sind zwei Kinder spurlos verschwunden. Eine erste Spur führt in die Villa von Marlene Brühl, einer einstmals legendären Schauspielerin, bei der die Zwillinge Tobias und Thea häufig zu Besuch waren. Doch wenig später findet Brasch die exzentrische alte Dame ermordet auf – und er ahnt, dass dies nur der Auftakt zu einer Reihe weiterer Morde ist, die sich im Umfeld der Diva ereignen werden …



Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Reinhard Rohn, am 7. April 1959 in Osnabrück geboren und als Verlagsleiter in Berlin tätig, legt mit „Die weiße Sängerin“ sein sechstes Buch vor. Wie auch in seinen vorherigen Kriminalromanen, die ebenfalls bei Goldmann erschienen sind, dient ihm seine Heimatstadt Köln als Kulisse.

Aus dem Klappentext

"Ein spannender Krimi mit einem sympathischen Helden und reizvollem Kölner Lokalkolorit."
WDR 4

"Für die Freunde deutscher Krimis mit Lokalkolorit ist dieser Fall ein Muss."
Neue Welt

"Ein spannender Kölner Krimi."
Bild Köln

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

PROLOG

Ungeschehen machen – dieser Gedanke war es, der ihm den Kopf zermarterte und ihm nächtelang den Schlaf raubte. Wie konnte er Dinge ungeschehen machen? Man müsste, sagte er sich, wie ein Riese durch die Welt laufen und die Bäume und Pflanzen nicht ausreißen, sondern sie wieder in die Erde stopfen, als wären sie nie da gewesen. Man müsste auch Tiere und Menschen ausradieren können – und sich selbst, ja, sich selbst, die eigene Armseligkeit verschwinden lassen, wie ein guter Zauberer.
Wie oft sah er sich als Kind, das allein in der Wohnung war, sieben Etagen hoch über der Erde, voller Hunger und Durst, aber außer ein paar Zwiebäcken und Wasser aus einem rostigen Hahn hatte er nichts, um sich den knurrenden Bauch zu stopfen. Und auch seine leeren Stunden konnte er mit nichts füllen, nur mit leisen Gesängen, irgendwo in einer Ecke kauernd, bis endlich, wenn es schon lange dunkel war, seine Mutter zurückkehrte, unwirsch und wortkarg. Einmal aber spazierte er am offenen Fenster entlang, balancierte auf dem Sims und sah sich schon fallen, davonsegeln, als eine Hand, die genauso klein war wie seine, ihn zurückriss und er doch nicht in den Himmel flog.
Ungeschehen machen – das war die laute, dröhnende Musik in seinem Kopf, die ihn schier zum Wahnsinn brachte, und dann musste er wieder loslaufen, heimlich, durch die Nacht, auch wenn er dagegen ankämpfte, wenn er sich in die Unterarme biss, seinen Kopf in eiskaltes Wasser hielt und sich eine Flasche Wein einflößte.
Er liebte Tiere; er wollte niemanden quälen. Er hatte die feste Absicht, gut zu sein, aber die Nacht drückte auf seine Schultern, und die Worte »ungeschehen machen« stampften durch seinen Kopf.
Sie wehrten sich nicht, wenn er sie packte, schauten ihn mit ihren großen, fragenden Augen an – Kaninchen, Hasen, Katzen, egal; er war ein guter Fänger. Hinterher war ihm meistens wohler. Er konnte eine Nacht durchschlafen, ohne zu träumen, und richtig atmen, frei, bis tief in den Bauchraum.
Aber die Erlösung währte nie lange. Nach ein paar Tagen kehrte der Druck zurück, und die furchtbare Musik im Kopf begann erneut, wurde immer lauter.
Er hatte nie wirklich daran gedacht, auch einmal einen Menschen zu töten.
Sein großer Traum war es, ein schneeweißes Pferd zu finden, ihm über den Kopf zu streichen, sie würden Freunde werden, und dann würde er ihm mit einem leichten, beinahe schmerzfreien Streich den Bauch öffnen, wie ein exzellenter Chirurg, und hineinklettern, zwischen die Gedärme, in den dunklen, warmen Bauch; da war er zu Hause, da würde er bleiben. Er wäre wieder unschuldig, und niemand würde ihn jemals finden.

ERSTER TEIL

1
Brasch konnte nicht weinen. Während neben ihm sein Bruder Robert hemmungslos schluchzte, spürte er, dass er vollkommen leer war. Keine einzige Träne lief ihm über die Wange. Er fragte sich, ob er seinen Vater je geliebt hatte. Eine Antwort darauf fiel ihm nicht ein. Wenn er ehrlich war, konnte er sich nicht erinnern, wirklich einmal mit seinem Vater gesprochen zu haben. Ihre wenigen Telefonate hatten zumeist nur ein Thema gehabt: Wie war das Wetter in der Eifel? Im Winter hatte es seinem Vater gefallen, vom Schnee zu erzählen. Er war sogar eine Art Experte für Schnee, konnte beinahe wie ein Inuit unterscheiden, ob große, feste oder eher wässrige Flocken vom Himmel fielen. Selbst wie lange der Schnee liegen bleiben würde, wagte er vorherzusagen. Ihr in Köln kennt ja gar keinen Schnee, hatte er jedes Mal erklärt. Bei euch fällt doch nur weißes Wasser vom Himmel.
Nein, er hatte seinen Vater nicht geliebt. Er hatte ihn nicht einmal geachtet, und schon als Kind war er sicher gewesen, dass er davonlaufen, das Eifeldorf hinter sich lassen würde, das stickige, schmucklose Lokal an der Hauptstraße, in Wahrheit eine bessere Imbissbude, in der seine Eltern ihr Leben verbracht hatten.
Sehr weit war er nicht gekommen – bis nach Köln zur Kriminalpolizei.
»Wofür hat man eigentlich gelebt?«, hatte sein Vater gefragt, ein paar Stunden, bevor er gestorben war. Brasch war zusammengezuckt und hatte, statt zu antworten, dem Sterbenden einen Plastikbecher mit stillem Mineralwasser an die Lippen geführt, das Einzige, was er noch zu sich nehmen konnte. Niemals hätte Brasch gedacht, so eine Frage aus dem Mund seines Vaters zu hören, und eine befriedigende Antwort kam ihm auch nicht in den Sinn. Man lebte, um sich ein paar Träume zu erfüllen … Man lebte für ein paar Momente des Glücks – oder weil es irgendwo in einem fernen Winkel des Universums doch einen Sinn gab.
Ach, er war Polizist und kein Philosoph. Wahrscheinlich hätte Leonie eine Antwort gewusst, die Frau, die ihn vor neun Monaten verlassen hatte.
Die Totengräber ließen den Sarg in das düstere Erdloch hinab. Sie machten ernste Gesichter, aber nicht wie Trauernde, eher wie ehrliche Arbeiter, die sich der Bedeutung ihrer Aufgabe bewusst waren. Brasch hätte es geschätzt, wenn man von irgendwoher Musik eingespielt hätte, um die dumpfe Stille zu übertönen, aber daran hatten weder sein Bruder noch seine Mutter gedacht. Der Priester postierte sich am Grab, ein alter, kahlköpfiger Mann, in dem Brasch mit Mühe seinen Religionslehrer aus der Grundschule erkannt hatte. Er segnete das offene Grab und sprach flüsternd ein paar Worte, die Brasch allerdings nicht verstehen konnte, weil irgendwo hinter ihm in der Trauergemeinde ein Mobiltelefon klingelte und sein Bruder plötzlich mit den Füßen zu scharren begann, als würde er es nicht mehr aushalten, still zu stehen. Ein tiefes Schluchzen ließ Roberts Körper erbeben, und für einen Moment schien es, als würde er gleich auf die Knie sinken. Er hatte sich seine langen, bereits ergrauten Haare zu einem Zopf zusammengebunden und sah beinahe wie ein Künstler aus – oder zumindest so, wie die Leute im Dorf sich einen Künstler vorstellten.
Nach dem Pfarrer trat seine Mutter an das Grab. Manchmal hatte Brasch in den letzten Wochen gemeint, sie würde beinahe durchsichtig werden, so sehr hatten sie die Sorge und der Kummer um ihren sterbenden Mann ausgezehrt, doch nun stand sie ganz aufrecht da, mit reglosem Gesicht, als würde sie niemanden um sich wahrnehmen – und ebenfalls ohne eine Träne zu vergießen. Sie war immer ein Ausbund an Pflichtbewusstsein gewesen; die Dinge mussten erledigt werden, und also wurden sie erledigt. Das musste auch für die Bestattung ihres Mannes gelten, mit dem sie über vierzig Jahre lang verheiratet gewesen war. Manchmal begriff Brasch, dass auch er einiges von diesem Pflichtbewusstsein mit sich herumschleppte. Auch wenn er sich schon seit zehn Tagen in der Eifel befand, hatte er jeden Tag im Präsidium angerufen. Frank Mehler und Pia Krull, seine engsten Kollegen, waren mit dem Mord an einer Chinesin beschäftigt, vermutlich eine illegale Prostituierte, die man in einem Apartment am Ebertplatz in Köln erdrosselt aufgefunden hatte. Bisher wussten sie nicht einmal, wie die Frau hieß und woher sie kam. Eine mühsame, nervenaufreibende Arbeit, insbesondere, wenn sich keine Fortschritte einstellten.
Mit einer kleinen Schaufel warf seine Mutter ein wenig Erde auf den Sarg. Brasch sah, dass ihre Lippen stumm ein paar Worte formten. Wie war das, fragte er sich, wenn man am Morgen aufwachte und derjenige, der vierzig Jahre lang neben einem gelegen hatte, nicht mehr da war? Sein Bruder bewegte sich schleppend nach vorn. Im ersten Moment sah es so aus, als würde er ihre Mutter stützen wollen, doch dann geriet er selbst ins Stolpern und legte den Arm um sie, damit er nicht stürzte. Wie ein großes, altes, unordentliches Kind stand Robert da, nahm die Schaufel entgegen und warf mit zitternder Hand einen Brocken schwarze Erde in die Grube.
Seltsam, dachte Brasch. Robert war immer da gewesen, er hatte sich mit den Eltern gestritten und wieder versöhnt, er hatte ihr Lokal eine Zeit lang übernommen und war gelegentlich bei ihnen eingezogen, wenn er seine Miete nicht bezahlen konnte, doch als sein Vater starb, hatte er in irgendeiner Kneipe gesessen und sich betrunken.
Gegen drei Uhr in der Nacht hatte Brasch die Rufe seines Vaters gehört. »Matthias«, hatte er gerufen, »kleiner Matthias, ich will aufstehen.« Sein Vater lag im Wohnzimmer in einem Pflegebett, das man eigens herangeschafft hatte.
Er zerrte an seinem Bettlaken. »Ich will aufstehen«, keuchte der alte Mann so energisch wie schon lange nicht mehr.
Seit drei Wochen lag er schon da und hatte es kaum noch vermocht, sich für ein paar Momente auf die Bettkante zu setzen. Sein von Krebs zerstörter Körper war aufgedunsen, die Beine angeschwollen. Seine Nieren funktionierten nicht mehr, und neben der Lunge war nun auch sein Magen voller Metastasen. Er konnte nicht einmal mehr Suppe essen und wurde über eine Kanüle am Arm künstlich ernährt.
Brasch half ihm, sich aufzurichten. Er war müde und zerschlagen, weil er die letzten Nächte kaum geschlafen hatte, und er brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass sein Vater sich anfühlte, als hätte er gar keine Knochen mehr im Leib. Selbst sein Kopf rollte wie bei einem Säugling hin und her.
»Es war alles nichts«, sagte sein Vater. »Nichts.« Dann sank er so kraftlos zurück, dass Brasch Mühe hatte, ihn zu halten. Er bettete seinen Vater, der nach Atem rang wie nach einer viel zu großen Anstrengung, wieder auf die Kissen. Die Augen hatte der alte Mann geöffnet, ohne dass es schien, als würde er noch etwas sehen.
Sein Vater starb. Brasch begriff, dass er Zeuge wurde, wie das Leben aus dem bleichen Körper seines Vaters schwand und er um seine letzten Atemzüge kämpfte. Brasch spürte, wie sich in Sekundenschnelle das Entsetzen in seinem ganzen Körper ausbreitete. Das, was sie seit Wochen erwartet und gefürchtet hatten, trat nun ein, und ausgerechnet ihn, mit dem er seit Jahren nur übers Wetter gesprochen hatte, rief sein Vater zu sich.
Es war alles nichts! War das ein Vermächtnis? Das Begreifen des Todkranken, dass er in einem Leben wie in einer winzigen Zelle gefangen gewesen war?
Ein Fluch...

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.