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Der Duft des Todes: Roman (Goldmann Allgemeine Reihe) - Softcover

Anderson, Lin

 
9783442459308: Der Duft des Todes: Roman (Goldmann Allgemeine Reihe)

Über die Autorin bzw. den Autor

Lin Anderson wurde in Greenock, Schottland, geboren. Nach dem Studium an der Glasgow und Edinburgh University hat sie mehrere Jahre lang als Lehrerin im afrikanischen Busch gearbeitet. Heute lebt die Autorin mit ihrem Mann und drei Kindern in Edinburgh und unterrichtet am Georg Watson's College. Mit ihrem fulminanten Debüt "Der Duft des Todes" startete sie den Beginn einer Serie um die Forensikerin Rhona MacLeod. Weitere Titel dieser Reihe sind bei Goldmann in Vorbereitung.

Aus dem Klappentext

"Mit Rhona MacLeod hat Lin Anderson eine ähnlich charismatische Figur wie Ian Rankin mit seinem John Rebus geschaffen: liebenswert und sympathisch, aber mit genügend menschlichen Schwächen versehen, um der Figur Glaubwürdigkeit zu verleihen. Wenn Sie ein Fan von Inspector Rebus sind, werden Sie diese Gerichtsmedizinerin ohne Zweifel mögen!"
The Student

"Ein brillantes Debüt mit Bestseller-Qualitäten."
The Herald Magazine

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1
Zu sterben - das hatte der Junge nicht erwartet.
Als der Typ ihm grinsend die Kordel um den Hals legte, hielt er das für einen Teil des üblichen Spiels. Der Typ war erregt, Speichel rann ihm übers Kinn und tropfte dem Jungen auf die nackte Schulter. Mit einem Kopfnicken signalisierte er sein Einverständnis. Schon lange wurde ihm nicht mehr übel bei ihren Spielchen. Er legte sich wieder zurück und drehte den Kopf seitlich auf das graue Kissen, das nach anderen Spielen roch. Schloss die Augen und ließ die Gedanken schweifen. Dachte an das Tor, das er so gern im Kopf nachspielte.
Rechts der Franzose, voller Arroganz, der Ball berührt seinen Fuß, und er legt los. Die Gegner begeben sich auf Position, es gibt ein Gerangel. Mistkerle. Aber es macht nichts, denn der Franzose ist durch und rennt, der Ball klebt an ihm wie ein Kind an der Mutter. Die Zuschauer halten den Atem an. Die Zeit dehnt sich wie ein Gummiband. Und dann ist der Ball weg, beschreibt einen Bogen durch die Luft.
Bumm! Er ist im Netz.
Normalerweise kann der Junge jetzt heimgehen. Aber diesmal nicht. Bevor der Ball im Netz landet, wird ihm diesmal der Kopf nach hinten gerissen und nach oben. Der Druck ist so gewaltig, dass ihm beinahe die Augäpfel aus den Höhlen springen.

2
Sean war schon eingeschlafen neben ihr. Das mochte Rhona an ihm. Diesen Babyschlaf. Sein Gesicht lag weich und sorglos auf dem Kissen, die Lippen leicht geöffnet, gerade weit genug, um den Atem sanft und geräuschlos entströmen zu lassen. Niemand, schießt es ihr durch den Kopf, sollte nach einer Flasche Rotwein und drei Malt Whiskys so gut aussehen.
Rhona hat es längst aufgegeben, Sean beim Trinken zuzusehen. Die Vorstellung ist einfach zu nervig, dass er am nächsten Morgen keinen Kater haben wird. Stattdessen wird er die Bettdecke zurückwerfen (und die Kälte in das warme Zelt lassen, das ihre Körper umhüllte), aus dem Bett klettern und auf die Küche zusteuern. Vom Bett aus wird sie ihm (nicht ohne Schuldgefühl) zusehen, wie er sich darin zu schaffen macht. Einen Blick auf einen Oberschenkel erhaschen, einen Arm, der nach oben greift, auf seinen Penis, der verletzlich und sanft hin- und herschwingt. Er wird vor sich hin pfeifen, während er den Kaffee kocht, und für alle Zeit wird Rhona mit dem bittersüßen Duft von frischem Kaffee den Klang einer einfachen irischen Volksweise verbinden.
Sie sind seit sieben Monaten zusammen. Die erste Nacht, als Rhona Sean mit nach Hause nahm, schafften sie es nicht mal bis zum Schlafzimmer. Er drückte sie gegen die Eingangstür und sah sie einfach nur an. Dann begann er, sie auszuziehen, ihr ein Kleidungsstück nach dem anderen vom Leib zu streifen, als schäle er eine reife Frucht. Dabei waren seine Lippen so nah und berührten sie doch nicht, bis sie sich ihm entgegen drängte. Dann, mit einer schnellen Bewegung seiner Zunge, drängte er sich in ihren Mund - und in ihr Leben.

Als das Telefon klingelte, bewegte sich Sean kaum. Viermal klingeln, dann schaltete sich automatisch der Anrufbeantworter ein. Der Anrufer würde Seans anbetungswürdigem irischem Tonfall lauschen und ein für alle Mal seine Einstellung zu Anrufbeantwortern ändern. Sie ab nun für menschlich erachten. Musste sich um einen Notfall handeln, so spät, wie sie anriefen. Als sie der Stimme am anderen Ende klar machte, dass sie ein Taxi bräuchte, erklärte ihr der Sergeant, ein Polizeiwagen sei bereits unterwegs. Rhona schnappte sich die Klamotten von gestern Abend vom Bettende.

Constable William McGonigle war noch nie zuvor am Tatort eines Mordes gewesen. Er hatte mit dem gelben Band den Treppenaufgang abgesperrt, wie es ihm der Sergeant aufgetragen hatte, und zwei Betrunkene verjagt, die glaubten, die Polizei bei der Arbeit zu beobachten sei unterhaltsamer als nach Hause zu torkeln und die Frau zu vögeln. Constable McGonigle war da anderer Meinung.
»Geht heim«, erklärte er ihnen. »Hier gibt's nichts zu sehen.«
Er sah die Treppe hinauf und fragte sich gerade, wie lange er sich hier wohl noch die Eier abfrieren musste, als er Highheels auf dem Asphalt näher stöckeln hörte. Eine Frau beugte sich über das Absperrband und musterte die kaum beleuchtete Treppe.
»Tut mir Leid, Miss, Sie können hier nicht rein.«
»Wo ist Detective Inspector Wilson?«
Constable McGonigle war verblüfft.
»Oben.«
»Gut.«
Im Dunkeln leuchteten ihre blonden Haare weiß, und Constable McGonigle konnte ihr Parfüm riechen. Sie schwang ein seidig schimmerndes Bein über sein gelbes Band und stieg darüber.
»Ich geh dann besser mal nach oben«, meinte sie.

Das Klappern von Rhonas Stöckeln hallte wider in dem heruntergekommenen Stiegenhaus, aber falls sie den einen oder anderen Bewohner störte, war nichts davon zu merken. Niemand zeigte sich. Niemand hier wollte gesehen werden. Bräche ein Feuer aus, kämen sie wahrscheinlich aus ihren Löchern, es sei denn, sie waren tatsächlich vollkommen komatös, was eher unwahrscheinlich war.
Im zweiten Stock stand eine Tür offen. Aus der Wohnung dahinter hörte sie Wilsons Stimme. Wenn Bill hier war, brauchte sie wenigstens nicht lange zu erklären, wer sie war. Sie konnte einfach ihre Arbeit machen, nach Hause gehen und zurück unter die Bettdecke kriechen.
Aus dem engen Gang schlugen ihr feuchte, warme Luft und Gestank entgegen. Das Klappern ihrer Stöckel wurde in dem dunkel gesprenkelten Teppichboden erstickt, der sich an den Ecken aufbog. Sie blieb stehen. Drei Türen, alle halb geöffnet. Rechts ging es in die Küche, links ins Bad. Aus den Augenwinkeln sah sie einen weißen Overall, und sie hörte das Surren einer Kamera. Die Spurensicherung war bereits an der Arbeit.
Die Tür am Ende des Flurs ging ganz auf, und Detective Inspector Bill Wilson steckte den Kopf durch den Türrahmen.
»Bill.«
»Dr. MacLeod.«
Er nickte. »Er ist hier drinnen.«
Ein schmallippiges Lächeln, mehr gestattete er sich nicht. Die beiden anderen Männer in dem Zimmer drehten sich zu ihr um. Dr. MacLeod hatten sie sich anders vorgestellt.
Rhona sah an sich hinunter, an ihrem schwarzen Kleid und den Sandalen mit den hohen Absätzen. »Ich bin etwas überstürzt aufgebrochen.«
»McSween bringt Ihnen, was Sie brauchen.«
Bill nickte einem der beiden Männer zu, worauf dieser verschwand, um ein paar Minuten später mit einer Plastiktüte in der Hand zurückzukehren.
Rhona zog den Overall und die Maske heraus und steckte ihre Jacke in die Tüte, bevor sie diese dem Polizeibeamten reichte. Anschließend zog sie nacheinander die Sandalen aus und stieg in den Overall. Erst dann trat sie durch die Tür.

Rhona erfasste das kleine Zimmer mit einem Blick. Die grässlichen, mit Nikotinflecken übersäten Vorhänge waren dicht zugezogen. Eine Jeans und ein T-Shirt über einem Holzstuhl. Zwei Gläser auf einem Resopaltisch. Neben dem Bett ein Paar Turnschuhe. Ein breites Bett ohne Kopfteil, über das eine schwere, farbenprächtige Brokatdecke geworfen war.
Darauf lag steif die nackte Leiche des Jungen mit dem Gesicht nach unten, sein Kopf war ihr zugewandt. Die Augen hervorgetreten, die Zunge leicht zwischen den blauen Lippen herausgestreckt. Die dunkle Seidenkordel um seinen Hals sah aus wie eine falsch gebundene Krawatte. Leichte Anzeichen von Hypostase waren an der Leiche zu erkennen, und die Kombination von blauen Flecken und Leichenblässe erinnerte Rhona an Marmor. Unter den Hüften hatte sich die Bettdecke mit Blut voll gesogen.
»Ich hab den Gasofen abgestellt, als ich kam«, sagte Bill. »Der junge Constable wär beinah umgekippt, so wie es hier stinkt. Hab ihn zum Aufpassen nach draußen geschickt, damit er an die frische Luft kommt.«
»Hat jemand die Raumtemperatur gemessen?«
»McSween hat sie notiert.«
Rhona holte tief Luft, bevor sie die Maske überzog. Der Geruch eines Tatorts war wichtig. Die Hinweise, die sie daraus zog, ließen sie nach Spuren suchen, die sie sonst übersehen hätte. Hier mischte sich der Ekel erregende Geruch eines gewaltsamen Todes mit dem schalen Geruch von Sex...

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.