Der Nachbar: Roman - Softcover

Walters, Minette

 
9783442457151: Der Nachbar: Roman

Inhaltsangabe

In einer Sozialsiedlung nahe bei Southampton herrscht helle Aufregung: Ein Sexualstraftäter soll in dem Viertel einquartiert worden sein – in den Augen der Anwohner ein Skandal. Als dann auch noch ein kleines Mädchen spurlos verschwindet, kippt die Erregung in Hass um. Aufgebrachte Bürger toben auf den Straßen und verwandeln die Gegend in einen wahren Hexenkessel. Die Bilanz: drei Tote und zahllose Verletzte. Unversehens werden auch die junge Ärztin Sophie Morrison und Polizeiinspektor Tyler in die Ereignisse hineingezogen – und noch immer tappt die Polizei über den Verbleib des Kindes im Dunklen …






Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Minette Walters arbeitete lange als Redakteurin in London, bevor sie Schriftstellerin wurde. Seit ihrem Debüt "Im Eishaus", das 1994 auf Deutsch veröffentlicht wurde, zählt sie zu den Lieblingsautoren von Millionen Leserinnen und Lesern in aller Welt. Alle ihre bisher erschienenen Romane wurden mit wichtigen Preisen ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Minette Walters lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Dorset, England.

Aus dem Klappentext

»Meisterklasse!«
The Times

»»Der Nachbar« ist ein packendes und dramatisches Buch, das den Leser in den Sog der Ereignisse hineinreißt!«
Sunday Express

»Ein spannender, vielschichtiger und blendend geschriebener Thriller.«
Freundin

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Die Krawalle legten sich, als die Nachricht vom Blutbad in der Siedlung bekannt wurde. Einzelheiten blieben unklar. Niemand konnte sagen, wie viele Menschen umgekommen waren und wie sie ihr Leben verloren hatten, aber es war von Kastration, Lynchjustiz und Angriffen mit einer Machete die Rede. Die Straßen leerten sich schnell. Alle fühlten sich schuldig, auch wenn keiner es offen eingestand, und niemand wollte sich wegen Mordes verantworten müssen.
Mit den Jugendlichen, die oben auf den Barrikaden die Polizei mit Benzinbomben in Schach gehalten hatten, verhielt es sich ähnlich. Sie behaupteten später nicht ganz zu Unrecht, sie hätten nicht gewusst, was vor sich ging; als jedoch Berichte von dem blutigen Gemetzel durchsickerten, suchten auch sie das Weite. Sich in ehrenhaftem Kampf mit dem Feind zu schlagen, war eine Sache; sich der Beschuldigung auszusetzen, an dem rasenden Irrsinn in der Humbert Street beteiligt gewesen zu sein, ihm gar noch Vorschub geleistet zu haben, etwas ganz anderes.
Die Schlagzeilen am folgendem Morgen - dem 29. Juli - waren grausig. Alkoholisierte Menge im Blutrausch - Padophiler brutal abgeschlachtet - 3 Tote und 189 Verletzte nach fünfstündigem Massaker... Die Welt schauderte angewidert. Die Leitartikler stellten die üblichen Verdächtigen an den Pranger. Regierung, Polizei, Sozialdienste, Pädagogen. Die Jugendberatungsstellen im ganzen Land waren demoralisiert.
Aber von den zweitausend Menschen, die sich bei den Unruhen um Plätze mit guter Sicht auf die Orgie von Tod und Gewalt geschlagen hatten, wollte später kein Einziger dabei gewesen sein.


Von der Leitung der Sozialen Dienste -Dienstag, 10. Juli 2001
Amtliche Mitteilung an die Mitarbeiter des Gesundheits- und Sozialdienstes
Absolut Vertraulich - nicht zur öffentlichen Bekanntmachung
Neuzuzug: Milosz Zelowksi, 23 Humbert Street, Bassindale - bisherige Anschrift: Callum Road, Portisfield.


Grund des Umzugs: Der Klient wurde an seinem früheren Wohnort, der Wohnanlage Portisfield, nach der Veröffentlichung seines Fotos in der Lokalzeitung von Anwohnern bedroht.


Zur Person: Amtsbekannter Padophiler. Verurteilt wegen sexueller Nötigung - drei Fälle über einen Zeitraum von 15 Jahren. Entlassen im Mai 2001.


Gefahr für die Allgemeinheit: Minimal. Seine Vergehen legen lediglich aufmerksame Beobachtung nahe.


Gefahr für den Täter: Schwerwiegend


Die Polizei warnt, dass Zelowski Opfer von Selbstschutzgruppen werden könnte, sollten seine Identität und seine Vorstrafe bekannt werden.


19. - 20. Juli 2001


Beim Nightingale Health Centre las höchstens eine Hand voll Leute die amtliche Mitteilung über den Zuzug eines Pädophilen in die Bassindale Siedlung, bevor das Blatt in der Verwaltung unter Papierbergen verschwand und schließlich von einer Schreibkraft abgelegt wurde, die glaubte, es hätte ordnungsgemäß die Runde gemacht. Für die Mitarbeiter, die die Meldung zu Gesicht bekamen, war sie ein alltägliches Dokument, das den Namen eines neuen Patienten und einige Angaben zu seiner Person enthielt. Für alle Übrigen war es ohne Belang, da es auf ihre Einstellung gegenüber dem Patienten keinen Einfluss haben würde - oder sollte.
Eine der amtlichen Betreuerinnen des Gesundheitsdienstes wollte die Angelegenheit bei einer Personalbesprechung zur Diskussion stellen, wurde aber von ihrer Gruppenleiterin, die für die Aufstellung der Tagesordnung zuständig war, abgewiesen. Möglich, dass die seit langem schwelende Feindschaft zwischen den beiden Frauen - von denen eine die andere für inkompetent hielt - die Gruppenleiterin bei ihrer Entscheidung beeinflusste. Es sei Sommer, meinte sie, und da wolle jeder gern zu einer vernünftigen Zeit zu Hause sein. Außerdem könnten sie an der Sache ohnehin nichts ändern, selbst wenn die Ärzte sich darüber einig seien, dass es unverantwortlich und brandgefährlich sei, einen Pädophilen in einer Wohnsiedlung voller Kinder unterzubringen. Sein Umzug nach Bassindale sei von der Polizei veranlasst worden.
Dieselbe Betreuerin wurde in dem offenkundigen Bemühen, die Entscheidung ihrer Gruppenleiterin zu kippen, bei Dr. Sophie Morrison vorstellig. Zu diesem Zeitpunkt allerdings ging es ihr bereits weniger um die bedenkliche Anwesenheit des Pädophilen als um den persönlichen Triumph, und Sophie Morrison, naiv und unerfahren im amtlichen Intrigenspiel, war leicht unter Druck zu setzen. So jedenfalls schätzte Fay Baldwin die umgängliche junge Frau ein, die vor zwei Jahren zum Ärzteteam des Nightingale Health Centre gestoßen war.
Fay wartete bis zum Ende der Abendsprechstunde, dann meldete sie sich mit dem für sie typischen Klopfzeichen - einem Ratatattat spröder Fingernägel, das bei allen ihren Kollegen und Kolleginnen die gleiche Reaktion hervorrief. "Haben Sie einen Moment Zeit?", fragte sie, den Kopf ins Zimmer streckend, mit gewollter Munterkeit.
"Tut mir Leid, im Moment nicht." Sophie stürzte sich über die Tastatur ihres Computers und begann wie besessen irgendeinen Unsinn zu tippen, der ihr gerade in den Kopf kam. "Ich muss dringend noch ein Protokoll schreiben", erklärte sie dabei, "und dann ab nach Hause. Tut mir wirklich Leid, Fay. Hat die Sache nicht bis morgen Zeit?"
Es half nichts. Es half nie. Die grässliche Person schob sich einfach ins Zimmer und deponierte ihren spitzen Hintern auf der Schreibtischkante. Sie war wie gewohnt vorbildlich gekleidet und tadellos frisiert, rein äußerlich ein Ausbund an Kompetenz und Professionalität. In ihrem Inneren allerdings sah es ganz anders aus. Sie war in einem Teufelskreis gefangen. Einerseits versuchte sie verzweifelt an dem Einzigen festzuhalten, was ihrem Leben Sinn gab - an ihrer Arbeit; andererseits hatte ihr Hass auf die Menschen, mit denen sie zu tun hatte - Patienten und Kollegen gleichermaßen - katastrophale Ausmaße erreicht.
Sophie hatte den Standpunkt vertreten, dass es das Beste wäre, sie vorzeitig in den Ruhestand zu schicken und ihr psychologischen Beistand anzubieten, damit sie mit der Leere in ihrem Leben zurechtkäme. Der leitende Arzt der Praxisgemeinschaft - mit weit weniger Verständnis für frustrierte alte Jungfern, die am liebsten über andere herzogen - hielt es für klüger, schlafende Hunde nicht zu wecken. In drei Monaten werde man sie sowieso los sein, meinte er. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn sie ihre Patientin gewesen wäre; aber sie hatte der Konkurrenz am anderen Ende der Stadt den Vorzug gegeben. "Ich könnte mich nie vor Leuten ausziehen, die ich kenne", hatte sie kokett erklärt. Als interessierte das jemanden!
"Ich brauche nur eine Minute", zwitscherte Fay jetzt mit ihrer Kleinmädchenstimme. "Sechzig Sekunden werden Sie doch für mich übrig haben, Sophie."
"Wenn es Sie nicht stört, wenn ich dabei meine Sachen packe." Sophie seufzte innerlich.

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