Tim Parks hat sich einen Traum erfüllt und ist mit Frau und Kindern nach Verona gezogen. Augenzwinkernd berichtet er vom Alltag in Italien zwischen Chaos und Komik, von der Macht und den Marotten einer italienischen Familie und davon, was die Italiener so italienisch erscheinen lässt.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Tim Parks wurde 1954 in Manchester geboren, wuchs in London auf und studierte in Cambridge und Harvard. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem "Somerset-Maugham-Award". Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er als Übersetzer tätig (u. a. von Italo Calvino und Alberto Moravia) und unterrichtet Literarisches Übersetzen an der Universität von Mailand. Tim Parks lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Verona.
»Vignetten, die das Alltägliche mit der Aura des Fantastischen überziehen - ganz im Stil eines Calvino oder eines Moravia.«
Sunday Times
»Tim Parks ist mehr als ein launiger Erzähler, der auf Lacher aus ist, er beobachtet detailliert, mit Witz und mit Adleraugen, was die Italiener so italienisch erscheinen lässt.«
The Times
»Cocco! Cocco!«
Eine laute, durchdringende Stimme von weit her. Schon um Viertel vor neun flimmert die Morgenluft vor Hitze und Licht. Ein gleichmäßiger Schimmer senkt sich schwer auf leuchtende Farben.
»Cocco! Cocco fresco!« Die Stimme wird lauter, und sie gehört eindeutig einem fliegenden Händler - eine theatralische und fordernde Stimme, das harte doppelte »c« außergewöhnlich stark betont, das am Ende fast zu zwei Silben gedehnt. Eine junge Stimme, die sich alt und dreist gibt.
»COC-CO-O!« Jetzt ist das Scheppern eines Eimers zu hören, als würde er bei jedem Schritt gegen ein Bein schlagen. »Cocco fresco!«
Die Welt um uns herum ist geometrisch geordnet. Zuerst einmal das Meer - es ist am weitesten entfernt und beträgt sich heute recht ordentlich, ein flaues, einheitliches Schimmern, leicht gekräuselt, wo es auf den fast weißen Sand trifft. Als nächstes liegt, zwischen Wasser und der ersten Reihe Sonnenschirme, ein genau bemessener Streifen von zwanzig Metern Breite. Auf diesem spazieren, parallel zum Ufer, forschen Schrittes alte Leute. Ihre rundlichen der kantigen Silhouetten heben sich scharf von der gleißenden Helligkeit hinter ihnen ab, wenn sie ihren belebenden Morgenspaziergang entlang des endlos langen Strandes absolvieren.
Die Stimme wird um so aufdringlicher, je näher sie kommt. »Cocco! Cocco fresco!«
Das Meer, der Streifen Sand und dann die Sonnenschirme: an diesem Badestrand große, grün-orange gestreifte Schirme, hoch und ausladend, jeder zweieinhalb Meter vom nächsten entfernt, vierundzwanzig Stück parallel zum Meer und jeweils eine Reihe von vierzehn im rechten Winkel dazu, mit einem Freiraum in der Mitte pro Längs- und Querreihe, so daß zwischen Straße und Meer ein Weg entsteht, ein Weg über den Strand (von oben gesehen könnte man es für ein helles Kreuz aus Sand auf einer riesigen farbigen Fahne halten). Auf dem Boden unter den gestreiften Schirmen schiebt die noch niedrig stehende Sonne, die von Minute zu Minute höher steigt, langsam dunkle Schattenflecken um die ebenfalls grün-orangefarbenen Liegestühle und Strandliegen. Der Sand ist ein regelmäßiges Muster aus Licht und Schatten; darauf breiten die morgendlichen Badegäste ihre Handtücher aus, entfalten ihre Zeitungen und achten überhaupt nicht auf das jetzt bereits herrische Rufen:
»COCCO!« Bäng, bäng, bäng. »COCCO FRESCO!«
Ein kleiner Junge, der mit einer Schaufel im Sand herumstochert, ruft »Cocco!«, so wie ein Baby eben alles wiederholt, was es hört. »Cocco!« Er blickt von seiner Grabungsarbeit auf und sieht in die Richtung, aus der ein schlaksiger Halbwüchsiger, in blendendes Licht getaucht, näherkommt, zwei scheppernde Eimer in den Händen.
Die Mutter beugt sich zu ihrem Sprößling hinunter, um ihm den Sonnenhut zurechtzurücken, und sagt mit sanfter Stimme: »Ja, cocco della mamma!« Was heißen soll: »Mammis kleiner Liebling, Mammis knuddeliger kleiner Mann.« Das Kind aber - in vollendeter Nachahmung des jungen Hausierers, der jetzt nur mehr ein paar Meter entfernt ist -plärrt: »Nein, Cocco! Cocco fwecco!« Als hätte es verstanden.
Die Mutter lacht, dreht sich auf ihrem Liegestuhl herum und winkt dem Jungen, der mit einem Grinsen herüberkommt. Er ist großgewachsen und geht hoch aufgerichtet, hat südländisch-schwarzes Haar und eine glatte, haarlose und ziemlich mickrige Brust, die schon jetzt, Anfang Juni, so braun ist wie eine Scheibe Brot, die zu lange im Toaster gesteckt hat.
»Wieviel?« fragt sie.
Er stellt seine Eimer im Sand ab, und nun sieht man die Kokosnüsse, in Stücke geschnitten, weiß im Wasser schwimmen.
»Tausend Lire.«
Das ist ein Wucherpreis, aber das Kind, das auf seiner Windel und den leuchtend roten Shorts hin und her rutscht, plärrt noch einmal: »Cocco fwecco!«
»Ganz sauber«, meint der Hausierer nachdrücklich. Er hat ein goldenes Kruzifix um den Hals hängen, drei Armspangen, einen Ohrring, eine Taucheruhr und ein strahlendes Lächeln.
»Vabene.«
Das Geschäft ist besiegelt. Der Junge steckt einen zerknüllten Geldschein in die Tasche seiner Jeans-Shorts und zieht mit seinem Hausiererruf weiter durch die Reihen der Sonnenschirme. Inzwischen wird die weiße Kokosnuß, die noch weißer ist als das Licht, so weiß wie der Tod, sorgfältig mit kohlensäurefreiem Mineralwasser abgespült und in winzige Stückchen geschnitten, damit das Kind auf ihnen herumkauen kann - mein kleiner Sohn Michele, der im Licht und in der Hitze der adriatischen Küste vor sich hin gluckst und wie ein kleiner Italiener aufwächst.
Zu Rita, meiner Frau, sage ich: Wenn sich dort, wo ich groß wurde, jemand um halb neun Uhr morgens ans Meer legen würde, würde er geradewegs erfrieren. Aber Rita ist eben damit beschäftigt, Michele davon abzuhalten, einen Schnitz der Kokosnuß aufzuheben, der in den Sand gefallen ist. Und jetzt hat er auch noch einen Zigarettenstummel ausgebuddelt.
Ich sage: Würde man am Strand von Blackpool, wo ich als Kind gelebt habe, einen Sonnenschirrn aufstellen, würde er aller Wahrscheinlichkeit nach wegfliegen. Selbst wenn man ihn in einen riesigen Zementsockel gesteckt hätte. Und angenommen, man wollte ihn an einem einigermaßen trockenen Platz aufstellen, müßte man erst einmal achthundert Meter laufen, bis man ans Wasser käme; trotzdem würde man riskieren, daß das Ding bei schnell steigender Flut fortgespült wird. Allerdings würden dann natürlich auch die Zigarettenstummel weggeschwemmt.
In Pescara, auf halber Höhe des eleganten italienischen Stiefels auf der rechten Seite, bewegt sich das Meer an Sommertagen kaum jemals. Höchstens so, als ob eine riesige Schüssel mit Wasser ganz sanft einmal von dieser, einmal von jener Seite angestupst würde. Winzige Wellchen kriechen einen oder zwei Meter den Strand hinauf, um sich dann respektvoll wieder zurückzuziehen, ohne den Spaziergängern und Sonnenschirmen und Tretbooten zu nahe zu kommen. Der Sand, den Michele hundert Meter vom Ufer entfernt durch seine Babyhände rieseln läßt, ist so weich und fein wie der Sand in einem Stundenglas und trocken wie ein Knochen in der Wüste; ganz bestimmt zu trocken, um damit eine Sandburg zu bauen, aber bestens dafür geeignet, ihn in die Luft zu schleudern oder über Daddys Beine zu schütten. Zum Glück regt sich heute kein Lüftchen, so daß er einem nicht in die Augen fliegt.
Noch ein paar weitere Familien schlendern gemächlich von der Straße und der Strandbar zu ihren Sonnenschirmen. Ihr Weg ist mit kleinen quadratischen Steinplatten gepflastert, denn durch den weichen, trockenen Sand zu laufen ist beschwerlich, und außerdem könnte man auf ihm auch kaum einen Kinderwagen schieben. An den Sonnenschirmen hängen kleine rote Scheiben mit Nummern, um Verwechslungen zu vermeiden.
Ich sagte Familien, aber in Wirklichkeit sind keine Männer dabei, denn es ist noch nicht Wochenende und eigentlich auch noch keine Ferienzeit. Erst Ende Juli und im August ist die eigentliche Ferienzeit. Eine arg geplagte Mutter trägt einen riesigen aufgeblasenen Hai. Ihre beiden kleinen Jungs schleifen ein Gummiboot voller Spielzeug hinter sich her.
Die drei lassen sich, wie immer, bei dem Sonnenschirm gegenüber dem unseren auf der anderen Seite des Weges nieder. Denn das ist ihr Sonnenschirm. Gemietet für den ganzen Sommer. Nummer 34. Aber nein, die Jungs können doch jetzt noch nicht ins Wasser. Nein! Per l'amore di Dio! Es ist noch zu früh, um ins Wasser zu hüpfen. Nicht vor zehn Uhr! Auch wenn es schon jetzt mindestens dreißig Grad haben muß ... Mein Hemd habe ich jedenfalls schon vor einer ganzen Weile ausgezogen.
»Wenn man in Blackpool warten würde«, sage ich zu meiner Frau, »bis es noch heißer wäre als jetzt, um ins Meer zu springen, würde man überhaupt nie hineinkommen. Doch das wäre vielleicht auch egal, weil.«
Aber Rita macht sich Sorgen, daß Michele vielleicht Sand in seiner Windel hat, und überlegt, ob man sie ihm nicht besser ausziehen sollte. Ist diese frühe Morgensonne womöglich schon zu intensiv für seine zarte Haut? Und wenn sie ihn eincremt, wird dann der Sand festkleben?
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