Weißes Rauschen: Roman - Softcover

 
9783442452880: Weißes Rauschen: Roman

Inhaltsangabe

2004 414 Seiten; 19 cm, Taschenbuch. München: Goldmann,

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Über die Autorin bzw. den Autor

Don DeLillo, 1936 in New York als Sohn italienischer Einwanderer geboren, gehört zu den größten Autoren der amerikanischen Moderne. Für den Roman "Weißes Rauschen" erhielt er den »National Book Award«, der Roman "Libra" über Kennedys Ermordung wurde in den USA breit diskutiert und der Roman "Mao II" mit dem »Pen/Faulkner Award« ausgezeichnet. Sein monumentales Romanepos "Unterwelt" wurde als eines der bedeutendsten literarischen Ereignisse des ausgehenden 20. Jahrhunderts weltweit gefeiert.

Aus dem Klappentext

"»Weißes Rauschen« ist das Werk eines brillanten Stilisten und präzisen Beobachters."
Süddeutsche Zeitung

"Dieser Roman ist eine echte Entdeckung."
FAZ

"Don DeLillo ist ein Meister der Kunst, uns das Beklemmende und Bizarre des ganz normalen Alltagslebens spüren zu lassen; ein Kulturpessimist, der zuweilen selbst der Verzweiflung noch erzkomische Züge abgewinnt."
Die Zeit

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Wellen und Strahlen

Die Kombiwagen trafen um zwölf Uhr ein, eine lange glänzende Schlange, die durch den westlichen Campus zog. Einer hinter dem anderen umfuhren sie die orangefarbene Stahlträgerskulptur und bewegten sich auf die Studentenheime zu. Die Dächer der Kombiwagen bogen sich fast unter den sorgfältig festgebundenen Koffern voller leichter und warmer Kleidung, den Kisten mit Decken, Stiefeln und Schuhen, Schreibzeug und Büchern, Bettwäsche, Kopfkissen, Quilts; den zusammengerollten Bettvorlegern und Schlafsäcken; den Fahrrädern, Skiern, Rucksäcken, Western- und englischen Sätteln, aufgeblasenen Gummiflößen. Sowie die Autos auf Schrittempo verlangsamten und dann anhielten, sprangen schon Studenten heraus und rasten zu den Hecktüren, um mit dem Ausladen der drinnen verstauten Gegenstände anzufangen: die Stereoanlagen, Radios, Personal Computer; kleine Kühlschränke und Kochplatten, die Kartons mit Schallplatten und Kassetten; die Haarföne und Lockenstäbe; die Tennisschläger, Fußbälle, Hockey- und Lacrosseschläger, Pfeile und Bögen; die rezeptpflichtigen Substanzen, die Antibabypillen und Verhütungsmittel; den noch in Tüten verpackten Knabberkram - Zwiebel- und Knoblauchchips, Nacho-Flips, Erdnußkrempastetchen, Waffeletten und Kaboom-Flocken, Kaubonbons und Toffeepopcorn; die Dumdumlutscher und die mystischen Pfefferminz. Ich beobachte dieses Schauspiel jeden September, schon seit einundzwanzig Jahren. Es ist ein gleichbleibend überwältigendes Ereignis. Die Studenten begrüßen sich mit komischen Aufschreien und Gesten schlaffen Zusammenbruchs. Ihr Sommer war wie immer vollgestopft mit kriminellen Vergnügungen. Die Eltern stehen von der Sonne geblendet neben ihren Automobilen und sehen in allen Richtungen Spiegelbilder ihrer selbst. Die gewissenhafte Sonnenbräune. Die gut geschnittenen Gesichter und die überlegenen Blicke. Sie verspüren neue Kräfte, fühlen sich allseitig anerkannt. Die Frauen drahtig und forsch, diätgestählt, mit vorzüglichem Namensgedächtnis. Ihre Ehemänner zufrieden damit, kostbare Zeit zuzumessen, zurückhaltend, aber nicht murrend, mit der Elternrolle vertraut, etwas an ihnen läßt massiven Versicherungsschutz ahnen. Dieses Treffen der Kombiwagen vermittelt den Eltern, fast stärker als alles, was sie sonst im Laufe eines Jahres tun mögen, und mehr als formelle Liturgien und Gesetze, daß sie eine Ansammlung von Gleichgesinnten, von geistig Verwandten sind, ein Volk, eine Nation. Ich verließ mein Zimmer und ging den Hügel hinunter und in die Stadt. In der Stadt gibt es Häuser mit Türmchen und zweistöckigen Veranden, auf denen Leute im Schatten von uralten Ahornbäumen sitzen. Es gibt neugriechische und gotische Kirchen. Und es gibt eine Irrenanstalt mit einem langgestreckten Säulengang, verzierten Giebelfenstern und einem steil abfallenden Dach, das von einer Ananaskreuzblume gekrönt ist. Babette und ich und unsere Kinder aus früheren Ehen wohnen am Ende einer ruhigen Straße, an einer Stelle, wo sich einst eine bewaldete Gegend mit tiefen Schluchten erstreckte. Jetzt führt hinter dem Grundstücksende eine Schnellstraße vorbei, ein Stück unter uns, und wenn wir uns nachts in unser Messingbett kuscheln, spült dünn der Verkehr vorbei, ein entferntes und beständiges Murmeln um unseren Schlaf, wie von toten Seelen, die am Rande eines Traumes raunen. Ich bin Leiter der Abteilung für Hitlerforschung im College-on-the-Hill. Ich habe im März 1968 die Hitlerforschung für Nordamerika entdeckt. Es war ein kalter strahlender Tag mit böigen Ostwinden. Als ich dem Rektor vorschlug, daß wir eine ganze Abteilung um Hitlers Leben und Werk schaffen könnten, erkannte er schnell die Möglichkeiten. Es war ein unmittelbarer und erregender Erfolg. Bis zu seinem Tode in einem Skilift in Österreich diente der Rektor weiterhin Nixon, Ford und Carter als Berater. An der Ecke von Forth und Elm Street biegen die Autos nach links zum Supermarkt ab. Eine in ein schachtelartiges Gefährt geduckte Polizistin fährt das Gelände ab und hält Ausschau nach falsch geparkten Autos, abgelaufenen Parkuhren, Inspektions-Aufklebern mit verfallenem Datum. An Telegrafenmasten überall in der Stadt hängen handgeschriebene Zettel, auf denen nach entlaufenen Hunden und Katzen gesucht wird, manchmal in Kinderschrift.

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