An der idyllischen Dordogne in Frankreich liegt das Ausgrabungscamp des amerikanischen Geschichtsprofessors Edward Johnston. Hier bekämpften sich Engländer und Franzosen Mitte des 14. Jahrhunderts während des Hundertjährigen Krieges, und die vier Ruinen – zwei Festungen, eine Mühle und ein Kloster – sind für Johnston und seine Studenten ein ideales Betätigungsfeld. Eines Tages kommt Professor Johnston ein unheimlicher Verdacht: Könnte es sein, dass die amerikanische High-Tech-Firma ITC, die sein Forschungsprojekt seit Jahren großzügig unterstützt, eine Zeitmaschine entwickelt hat und damit bereits in die Vergangenheit gereist ist? Wie sonst ist die Genauigkeit eines Aufrissplans des Klosters zu erklären, der ihm aus Amerika in die Hände gespielt wurde? Wutentbrannt fährt Johnston in die USA. Nur wenige Tage später erreicht ein erregter Anruf das Camp: Der Professor sei ins Mittelalter gereist, und seine Studenten würden dringend gebeten, ihn von dort zurückzuholen. Auf den Wissenschaftshistoriker Chris, die Architektin Katherine und den Alltagshistoriker André wartet die Begegnung mit einer sensationellen Maschinerie, die die Erfüllung eines uralten Menschheitstraum in greifbare Nähe rückt – und eine Reise zurück in eben die Zeit, an deren Erforschung sie schon seit Jahren arbeiten. Die Verlockung, sie hautnah zu erleben – und dabei den Professor zu retten – ist größer als jede Angst...
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Michael Crichton wurde 1942 in Chicago geboren und studierte in Harvard Medizin; seine Romane, die in über 36 Sprachen übersetzt werden, verkauften sich mehr als 200 Millionen Mal, dreizehn davon wurden verfilmt. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen "Next", "Welt in Angst", "Timeline", "Jurassic Park" und "Andromeda". Crichton, Schöpfer der Serie Emergency Room, ist bis heute der einzige Künstler, der es schaffte, mit Film, Fernsehserie und Roman gleichzeitig die ersten Plätze der Charts zu belegen. Crichton, der seit Mitte der Sechzigerjahre Romane schrieb, griff immer wieder gekonnt neueste naturwissenschaftliche und technische Forschungen auf. Im November 2008 starb Michael Crichton im Alter von 66 Jahren. Bis zuletzt hat er an seinem neuen Wissenschaftsthriller "Micro" geschrieben.
Klaus Berr, geb. 1957 in Schongau, Studium der Germanistik und Anglistik in München, einjähriger Aufenthalt in Wales als "Assistant Teacher", ist der Übersetzer von u.a. Lawrence Ferlinghetti, Tony Parsons, William Owen Roberts, Will Self.
»Was die Verwandlung von trockenen Fakten in spannende Geschichten angeht, kann keiner Michael Crichton das Wasser reichen.«
Süddeutsche Zeitung
»Wenn Crichton Recht hat und die Zukunft tatsächlich in der Vergangenheit liegt, dann kann ich nur jedem dringend empfehlen, sich einen Wams und eine Lanze zuzulegen - und natürlich dieses grandiose Buch.«
Wall Street Journal
»Michael Crichton versteht es, aus den komplexesten wissenschaftlichen Themen spannende Bestseller zu stricken.«
Die Zeit
Er hätte diese Abkürzung nie nehmen dürfen.
Dan Baker zuckte zusammen, als sein neuer Mercedes S 500 über
die unbefestigte Straße holperte, die sie tiefer und tiefer in das
Navajo-Reservat im Norden Arizonas brachte. Die Landschaft um
sie herum wurde immer trostloser: weit entfernte Tafelberge,
sogenannte mesas im Osten, im Westen endlose flache Wüste.
Vor einer halben Stunde waren sie an einem Dorf vorbeigekommen -
staubige Häuser, eine Kirche und eine kleine Schule, die an einem
Bergabhang kauerten -, aber seitdem hatten sie überhaupt nichts
mehr gesehen, nicht einmal einen Zaun. Nur leere rote Wüste.
Das letzte Auto hatten sie vor einer Stunde gesehen. Jetzt war es
Mittag, die Sonne brannte auf sie herab. Baker, ein vierzigjähriger
Bauunternehmer aus Phoenix, wurde allmählich ein wenig nervös.
Vor allem, da seine Frau, eine Architektin, zu jenen künstlerischen
Menschen gehörte, die sich mit so profanen Dingen wie Benzin
und Kühlwasser nicht abgaben. Sein Tank war halb leer. Und der
Motor lief langsam heiß.
»Liz«, sagte er, »bist du sicher, daß das der richtige Weg ist?«
Seine Frau, die neben ihm saß, beugte sich über die Karte und
fuhr die Route mit dem Finger nach. »Er muß es sein«, sagte sie.
»Im Führer heißt es, fünf Kilometer nach der Abzweigung zum
Corazón Canyon.«
»Aber am Corazón Canyon sind wir schon vor zwanzig Minuten
vorbeigekommen. Wir haben ihn bestimmt übersehen.«
»Wie sollen wir denn einen Handelsposten übersehen?«
»Ich weiß auch nicht.« Baker starrte auf die Straße. »Aber hier
ist überhaupt nichts. Bist du ganz sicher, daß du dorthin willst?
Ich meine, wir können doch auch in Sedona tolle Navajo-Teppiche
kaufen. In Sedona gibt es alle möglichen Teppiche.«
»Sedona«, erwiderte sie naserümpfend, »ist nicht authentisch.«
»Natürlich ist es authentisch, Liebling. Ein Teppich ist ein Teppich.«
»Ein Gewebe.«
»Okay.« Er seufzte. »Ein Gewebe.«
»Außerdem ist es nicht dasselbe«, sagte sie. »In den Läden in
Sedona gibt es nur Touristenramsch - aus Acryl und nicht aus Wolle.
Ich will die Gewebe, die sie im Reservat verkaufen. Und angeblich
hat dieser Handelsposten ein altes Sandpainting-Gewebe aus den
Zwanzigern, von Hosteen Klah. Und das will ich haben.«
»Okay, Liz.« Er persönlich wußte nicht so recht, wozu sie noch
einen Navajo-Teppich - ein Gewebe - brauchten. Sie hatten bereits
zwei Dutzend davon. Liz hatte sie überall im Haus verteilt.
Und einige sogar in Schränken verstaut.
Schweigend fuhren sie weiter. Die Straße flirrte in der Hitze, so
daß sie aussah wie ein Silbersee. Und es gab auch
Luftspiegelungen, Häuser oder Menschen, die plötzlich auf der
Straße auftauchten, aber wenn man dann näher kam, war nichts mehr da.
Dan Baker seufzte noch einmal. »Wir sind bestimmt daran vorbeigefahren.«
»Laß uns noch ein paar Kilometer fahren«, sagte seine Frau.
»Wie viele noch?«
»Ich weiß nicht. Ein paar.«
»Wie viele, Liz? Wir sollten entscheiden, wie weit wir noch
fahren wollen.«
»Noch zehn Minuten«, sagte sie.
»Okay«, erwiderte er. Zehn Minuten.
Er sah eben auf die Tankanzeige, als Liz plötzlich erschrocken die
Hand vor den Mund schlug und »Dan!« rief. Als Baker wieder auf
die Straße schaute, sah er gerade noch eine Gestalt auftauchen -
einen Mann in brauner Kleidung am Straßenrand - und hörte
einen lauten Knall an der Seite des Autos.
»O Gott!« sagte sie. »Wir haben ihn angefahren!«
»Was?«
»Wir haben den Typ angefahren.«
»Nein, haben wir nicht. Wir sind über ein Schlagloch gefahren.«
Im Rückspiegel sah Baker, daß der Mann noch immer am
Straßenrand stand. Eine Gestalt in Braun, die sehr schnell in der
Staubwolke des Autos verschwand.
»Wir können ihn nicht angefahren haben«, sagte Baker. »Er steht
ja noch.«
»Dan. Wir haben ihn angefahren. Ich habe es gesehen.«
»Nein, glaube ich nicht, Liebling.«
Baker schaute noch einmal in den Rückspiegel. Aber jetzt sah er
nichts mehr außer der Staubwolke hinter dem Auto.
»Wir sollten umkehren«, sagte sie.
»Warum?«
Baker war ziemlich sicher, daß seine Frau sich getäuscht hatte
und sie den Mann auf der Straße nicht angefahren hatten. Aber
wenn sie ihn doch angefahren hatten und wenn er auch nur leicht
verletzt war - nur eine Wunde am Kopf oder ein Kratzer -, würde
das eine lange Unterbrechung ihrer Fahrt bedeuten. Sie würden es
nie bis Einbruch der Nacht nach Phoenix schaffen. Wer sich hier
draußen herumtrieb, war mit Sicherheit ein Navajo; sie würden ihn
in ein Krankenhaus bringen müssen oder zumindest in die nächste
größere Stadt, und das war Gallup, was nicht auf ihrem Weg lag -
»Ich dachte, du wolltest umkehren«, sagte sie.
»Will ich auch.«
»Dann laß uns umkehren.«
»Ich will nur keine Probleme, Liz.«
»Dan. Ich glaub das einfach nicht.«
Er seufzte und stieg auf die Bremse. »Okay, ich dreh ja schon um.
Ich dreh um.«
Vorsichtig, um nicht in dem roten Sand am Straßenrand
steckenzubleiben, wendete er das Auto und fuhr den Weg zurück, den
sie gekommen waren.
»O mein Gott.«
Baker hielt am Straßenrand an und sprang hinaus in die Staubwolke,
die sein Auto aufgewirbelt hatte. Die sengende Hitze auf
Gesicht und Körper nahm ihm fast den Atem. Mindestens fünfzig
Grad, dachte er.
Als der Staub sich lichtete, sah er den Mann am Straßenrand
liegen; er versuchte gerade, sich auf den Ellbogen aufzustützen.
Er war tatterig, um die Siebzig, mit schütteren Haaren und einem
Vollbart.
Seine Haut war blaß, er sah nicht aus wie ein Navajo. Er trug eine
lange braune Kutte. Vielleicht ein Priester, dachte Baker.
»Sind Sie in Ordnung?« fragte Baker und half dem Mann, sich
am Straßenrand aufzusetzen.
Der alte Mann hustete.»Ja. Alles in Ordnung.«
»Wollen Sie aufstehen?« fragte Baker. Er war erleichtert, daß er
nirgendwo Blut sah.
»Gleich.«
Baker sah sich um. »Wo ist Ihr Auto?« fragte er.
Der Mann hustete noch einmal. Mit hängendem Kopf starrte er
in den Straßenstaub.
»Dan, ich glaube, er ist verletzt«, sagte seine Frau.
»Ja«, sagte Baker. Der Alte machte zumindest einen sehr verwirrten
Eindruck. Baker sah sich noch einmal um, aber da war nichts
als flache Wüste, die sich im flirrenden Dunst in alle Richtungen
erstreckte.
Kein Auto. Nichts.
»Wie ist er hierhergekommen?« fragte Baker.
»Komm«, sagte Liz, »wir müssen ihn in ein Krankenhaus bringen.«
Baker schob die Hände unter die Achseln des alten Mannes und
half ihm auf die Füße. Die Kleidung des Mannes war dick und
bestand aus einem filzähnlichen Material, aber trotz der Hitze
schien er nicht zu schwitzen. Sein Körper fühlte sich kühl,
beinahe kalt an.
Der Alte stützte sich schwer auf Baker, als sie die Straße
überquerten. Liz öffnete die hintere Tür. Der alte Mann sagte:
»Ich kann gehen. Ich kann sehen.«
»Okay. Gut.« Baker schob ihn auf den Rücksitz.
Der Mann legte sich auf das Leder und rollte sich wie ein Baby
im Mutterleib zusammen. Unter seiner Kutte trug er gewöhnliche
Kleidung: Jeans, ein kariertes Hemd, Nikes. Baker schloß die Tür,
und Liz setzte sich wieder auf den Beifahrersitz. Er zögerte noch
und blieb draußen in der Hitze stehen. Wie war es möglich, daß
dieser alte Kerl sich ganz alleine hier draußen herumtrieb? Und
daß er in all diesen Kleidungsstücken nicht schwitzte?
Es war, als wäre er eben aus einem klimatisierten Auto
ausgestiegen.
Vielleicht ist der doch gefahren, dachte Baker. Vielleicht ist er
eingeschlafen. Vielleicht ist sein Auto von der Straße abgekommen
und er hatte einen Unfall. Vielleicht saß noch jemand in dem Auto
und konnte nicht raus.
Er hörte den Alten murmeln:»Nicht zerrinnen, muß es gewinnen.
Geh zurück und hol's mit Glück.«
Baker überquerte die Straße, um sich noch einmal umzusehen.
Dabei stieg er über ein sehr großes Schlagloch und überlegte, ob
er es seiner Frau zeigen sollte, entschied sich dann aber dagegen.
Neben der Straße waren nirgendwo Reifenspuren zu entdecken,
aber im Sand sah er deutlich die Fußabdrücke des alten Mannes. Sie
führten von der Wüste zur Straße. In etwa dreißig Metern
Entfernung sah Baker den Rand eines arroyo ,einer Felsspalte in
der Landschaft. Die Spuren schienen von dort zu kommen.
Er folgte den Spuren, stand dann am Rand der Senke und
schaute hinunter. Kein Auto. Nichts außer einer Schlange, die
zwischen den Felsen davonglitt. Er schüttelte sich.
Etwas Weißes stach ihm ins Auge, das ein Stück unterhalb der
Felskante in der Sonne funkelte. Baker kletterte hinunter, um es
sich genauer anzusehen. Es war ein weißes Keramikquadrat von gut
zwei Zentimetern Kantenlänge. Es sah aus wie ein Isolator. Baker
hob es auf und stellte überrascht fest, daß es sich kalt anfühlte.
Vielleicht bestand es aus einem dieser neuen Materialien, die
Hitze nicht absorbieren.
Als er das Stück Keramik genauer untersuchte, entdeckte er in
einer Ecke die eingeprägten Buchstaben ITC. Und am Rand befand
sich eine Art Knopf. Baker fragte sich, was passieren würde,
wenn er ihn drückte. Und dann, mitten in der glühendheißen
Wüste, umgeben von riesigen Felsen, drückte er ihn.
Nichts passierte.
Er drückte noch einmal. Wieder nichts.
Baker kletterte den Abhang wieder hinauf und ging zum Auto
zurück. Der alte Mann schlief und schnarchte. Liz studierte die
Karte. »Die nächste größere Stadt ist Gallup.«
Baker ließ den Motor an. »Dann auf nach Gallup.«
Auf der Hauptstraße, die in südlicher Richtung nach Gallup
führte, kamen sie besser voran. Der alte Mann schlief immer noch.
Liz drehte sich zu ihm um und sagte: »Dan ...«
»Was ist?«
»Siehst du seine Hände?«
»Was ist damit?«
»Die Fingerspitzen.«
Baker nahm den Blick von der Straße und schaute schnell in den
Rückspiegel. Die Fingerspitzen des Alten war rot bis zum zweiten
Knöchel. »Und? Hat er eben einen Sonnenbrand.«
»Nur an den Fingerspitzen? Warum nicht an der ganzen Hand?«
Baker zuckte die Achseln.
»Vorher waren seine Finger noch nicht so«, sagte sie. »Als wir ihn
aufgelesen haben, waren sie noch nicht rot.«
»Liebling, du hast es wahrscheinlich einfach nicht bemerkt.«
»Ich hab es bemerkt, weil er nämlich manikürte Finger hat. Und
ich mir dachte, interessant, daß so ein alter Kerl mitten in der
Wüste manikürte Finger hat.«
»Aha.« Baker sah auf die Uhr. Er fragte sich, wie lange sie in
dem Krankenhaus in Gallup würden bleiben müssen. Wahrscheinlich
Stunden.
Er seufzte.
Die Straße verlief stur geradeaus.
Auf halbem Weg nach Gallup wachte der Alte auf. Er hustete und
sagte: »Sind wir hier? Wo sind wir?«
»Wie geht's?«
»Wie's geht? Es steht. Gut, ganz gut.«
»Wie heißen Sie?« fragte Liz.
Der Mann blinzelte sie verständnislos an. »Der Quondam-Raum
macht mich schaun.«
»Aber wie heißen Sie?«
»Name ist Rauch, Schuld auch«, erwiderte der alte Mann.
»Er reimt alles«, bemerkte Baker.
»Das ist mir auch schon aufgefallen, Dan.«
»Ich habe da mal eine Sendung drüber gesehen«, sagte Baker.
»Reimen bedeutet, daß er schizophren ist.«
»Reimen ist Timen«, sagte der alte Mann.
Und dann fing er an laut zu singen, fast
schreiend krächzte er zur Melodie des alten
John-Denver-Songs Take me Home, Country Road:
»Quondam-Raum macht mich schaun
Wohin ich gehör,
Black Rock, tief im Bergstock,
Quondam-Raum macht dich schaun.«
»O Mann«, sagte Baker.
»Sir?« fragte Liz noch. »Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«
»Niobium wirkt nicht wie Opium. Haarige Singularitäten gestatten
keine Paritäten.«
Baker seufzte. »Liebling, der Kerl hat 'ne Meise.«
»Amsel, Drossel, Fink und Star. Auch die Meisen sind schon da.«
Aber seine Frau ließ sich nicht abbringen. »Sir? Wissen Sie, wie
Sie heißen?«
»Ruf Gordon«, erwiderte der alte Mann, jetzt wieder schreiend.
»Ruf Gordon, ruf Stanley. Bleib in der Familie.«
»Liz«, sagte Baker. »Laß ihn in Frieden, okay? Er soll sich erst
einmal beruhigen. Wir haben noch eine lange Fahrt vor uns.«
Krächzend sang der alte Mann: »Wohin ich gehör, Hexerei ist
Schweinerei, Land-Schaum macht mir Grau 'n.« Und fing gleich
wieder von vorne an.
»Wie weit noch?« fragte Liz.
»Frag lieber nicht.«
Baker hatte vorher angerufen, und deshalb warteten bereits
Sanitäter mit einer Rollbahre auf sie, als der Mercedes unter dem
rot- und cremefarbenen Säulengang vor der Unfallstation des
McKinley Hospital anhielt. Der alte Mann verhielt sich ruhig,
als sie ihn auf die Bahre hoben, doch als sie ihn festschnallen
wollten, wehrte er sich und rief: »Entfesselt mich, erlöset mich!«
»Es ist nur zu Ihrer eigenen Sicherheit, Sir«, sagte einer der
Sanitäter.
»Das sagt Ihr, geht weg von mir! Sicherheit ist die letzte
Zuflucht des Halunken!«
Baker war beeindruckt von der Art, wie die Sanitäter den Kerl
behandelten, mit sanften und doch festen Bewegungen schnallten
sie ihn fest. Und ähnlich beeindruckt war er von der zierlichen
dunkelhaarigen Frau in einem weißen Mantel, die nun zu ihnen
stieß.»Ich bin Beverly Tsosie«, sagte sie und gab ihnen die Hand.
»Ich bin die diensthabende Ärztin.« Sie war sehr ruhig, obwohl der
Mann auf der Bahre nicht aufhörte zu schreien, während er in die
Unfallstation geschoben wurde. »Quondam-Raum macht mich schaun ...«
Jeder im Wartezimmer sah ihn an. Baker bemerkte einen zehn-
oder elfjährigen Jungen, der, den Arm in einer Schlinge, neben
seiner Mutter auf einem Stuhl saß und den Alten neugierig an-
starrte. Der Junge flüsterte seiner Mutter etwas zu.
Der Alte sang: »Wohiiin ich gehöööör ...«
Dr. Tsosie fragte: »Wie lange ist er schon so?«
»Von Anfang an. Seit wir ihn gefunden haben.«
»Außer wenn er schlief«, ergänzte Liz.
»War er je bewußtlos?«
»Nein.«
»Übelkeit, Erbrechen?«
»Nein.«
»Und wo haben Sie ihn gefunden? Hinter dem Corazón
Canyon?«
»Zehn oder fünfzehn Kilometer dahinter.«
»Da draußen ist nicht viel.«
»Sie kennen die Gegend.«
»Ich bin dort aufgewachsen.« Sie lächelte dünn. »Chinle.«
Sie schob den noch immer schreienden alten Mann durch eine
Pendeltür.»Wenn Sie bitte hier warten«, sagte Doktor Tsosie.
»Ich komme dann zu Ihnen, sobald ich mehr weiß. Wird
wahrscheinlich eine Weile dauern. Vielleicht wollen Sie etwas zu
Mittag essen.«
Eigentlich war Beverly Tsosie Ärztin am University Hospital in
Albuquerque, aber in letzter Zeit kam sie zwei Tage pro Woche nach
Gallup, um ihrer Großmutter zu helfen, und an diesen Tagen
arbeitete sie jeweils eine Schicht in der Unfallstation des
McKinley, um sich etwas dazuzuverdienen. Sie mochte das McKinley,
die modernen Gebäude mit den kräftigen roten und cremefarbenen
Streifen.
Es war ein Krankenhaus, das sich wirklich um die Nöte der
Bevölkerung kümmerte. Außerdem mochte sie Gallup, eine kleinere
Stadt als Albuquerque und ein Ort, an dem sie sich mit ihrer
indianischen Herkunft wohler fühlte.
An den meisten Tagen war es ziemlich ruhig in der Unfallstation,
kein Wunder also, daß die Ankunft dieses schreienden und erregten
alten Mannes für gehörige Unruhe sorgte. Dr. Tsosie schob
die Vorhänge beiseite und betrat die Kabine, wo die Sanitäter dem
Mann bereits die Kutte und die Turnschuhe ausgezogen hatten.
Aber der Alte wehrte sich immer noch heftig, so daß sie ihn
angeschnallt lassen mußten. Gerade schnitten sie ihm das karierte
Hemd und die Jeans auf.
Nancy Hood, die Oberschwester der Station, sagte, das mache
nichts, weil das Hemd sowieso schon kaputt sei; quer über die
Brusttasche verlief eine gezackte Linie, an der die Karos nicht
zueinander paßten. »Er hat es schon einmal zerrissen und wieder
zusammengenäht. Und zwar ziemlich schlecht, wenn Sie mich fragen.«
»Nein«, sagte einer der Sanitäter und hielt das Hemd in die
Höhe.»Das wurde nicht zusammengenäht, das Tuch ist noch intakt.
Komisch, die Muster passen nicht zusammen, weil die einen Karos
größer sind als die anderen ...«
»Wie auch immer, er wird 's nicht vermissen«, sagte Nancy Hood
und warf es auf den Boden. Dann wandte sie sich an Dr. Tsosie.
»Wollen Sie ihn jetzt untersuchen?«
Der Mann war viel zu unruhig.»Noch nicht. Legen Sie ihm erst
einmal eine Infusion in jeden Arm. Und durchsuchen Sie seine
Taschen. Mal schauen, ob er irgendwelche Papiere bei sich hat.
Wenn nicht, dann nehmen Sie ihm die Fingerabdrücke ab und
faxen Sie sie nach Washington, vielleicht taucht er ja in
irgendeiner Datenbank auf.«
Zwanzig Minuten später untersuchte Beverly Tsosie einen
Jungen, der sich beim Baseballspielen den Arm gebrochen hatte. Er
trug eine Brille und sah ein wenig aus wie ein Streber und
Stubenhocker, schien aber fast stolz auf seine Sportverletzung zu
sein.
Nancy Hood kam dazu. »Wir haben unseren Mr. X durchsucht.«
»Und?«
»Nichts, was uns weiterhilft. Keine Brieftasche, keine
Kreditkarten, keine Schlüssel.« Sie gab Beverly ein
zusammengefaltetes Stück Papier. Es sah aus wie ein
Computerausdruck und zeigte ein merkwürdiges Muster aus Punkten
auf einem Gitternetz. Am unteren Rand stand klo.ste.mere.
»Klostemere? Sagt Ihnen das irgendwas?«
Hood schüttelte den Kopf.»Wenn Sie mich fragen, der ist
psychotisch.«
Beverly Tsosie sagte: »Na ja, sedieren kann ich ihn erst, wenn
wir wissen, was in seinem Kopf los ist. Lassen Sie ihm den Schädel
röntgen, damit wir ein Trauma oder Hämatome ausschließen können.«
»Die Radiologie wird umgebaut, haben Sie das vergessen, Bev?
War um machen Sie keine Kernspintomographie?
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