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Der Lustmolch - Softcover

Moore, Christopher

 
9783442449866: Der Lustmolch

Inhaltsangabe

Drei Dinge ereignen sich in jenem schicksalsträchtigen September in Pine Cove, bevor das Unheil über die kalifornische Kleinstadt an der Pazifikküste hereinbricht: Im nahen Atomkraftwerk entsteht ein winziges Leck in der Kühlleitung; Mavis Sand sucht einen Blues-Sänger für ihre Bar; und Bess Leander, Mutter zweier Töchter, erhängt sich. Ersteres führt dazu, daß ein Seeungeheuer zu wahrhaft gigantischen Maßen heranwächst. Zweiteres hat zur Folge, daß sich der alte Blues-Gitarrist Catfish in Pine Cove einfindet. Und der angebliche Selbstmord verursacht der ortsansässigen Psychiaterin folgenschwere Gewissensbisse. Sie befürchtet, mit der großzügigen Verschreibung von Antidepressiva, mit denen sie gemeinsam mit dem Apotheker jahrelang die gesamte Stadt versorgte, des Guten zuviel getan zu haben. Kurz und gut: die Einwohner werden auf Entzug gesetzt. Als Nebeneffekt ist eine drastisch erhöhte Libido zu vermelden, die bald zu allerhand Turbulenzen führt. Für Unruhe sorgt allerdings auch das Monster, das durch Catfishs Gitarrenklänge angelockt eines Nachts dem Meer entsteigt - nicht jedoch aus Liebe zur Musik, sondern um Catfish zu verspeisen, mit dem ihn eine ähnliche innige Beziehung verbindet wie einst Ahab mit dem weißen Wal. Das Monster hatte sich vor Jahren einen Freund des Musikers einverleibt, und jenes traumatische Ereignis liegt wiederum Catfishs tief und echt empfundenem Blues zugrunde. An Land verliebt sich das Seeungeheuer in die unkonventionelle Molly Michon, die seinem hartnäckigen Werben nur mühsam widersteht. Als sich dann auch noch die Polizei in das bunte Treiben stürzt, um Bess Leanders Tod zu untersuchen, überschlagen sich die Ereignisse...

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Der ehemalige Journalist Christopher Moore arbeitete als Dachdecker, Kellner, Fotograf und Versicherungsvertreter, bevor er anfing, Romane zu schreiben. Seine Bücher haben in Amerika längst Kultstatus, und auch im deutschsprachigen Raum wächst die Fangemeinde beständig. Christopher Moore liebt – nach eigenen Angaben – den Ozean, Elefanten-Polo, Käsecracker, Acid Jazz und das Kraulen von Fischottern. Er mag aber weder Salmonellen noch Autoverkehr und erst recht nicht gemeine Menschen. Der Autor lebt in San Francisco, Kalifornien.

Aus dem Klappentext

»Christopher Moore macht süchtig!«
USA Today

"Hinreißend komisch und spannend."
Südwestpresse

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Thopilus Crowe
Für eine Tote roch Bess Leander ziemlich gut: Lavendel, Salbei und ein Hauch Nelke. Sieben Shaker Chairs hingen an Haken an den Wänden im Eßzimmer der Leanders. Der achte war unter Bess umgekippt, und an seiner Stelle baumelte Bess mit einem Kattunstrick um den Hals an dem betreffenden Haken. Von den Deckenbalken hingen getrocknete Blumen, Körbe in den verschiedensten Formen und Größen sowie Bündel getrockneter Kräuter.
Theophilus Crowe wußte, daß er eigentlich alle möglichen polizeimäßigen Sachen machen sollte, doch statt dessen stand er einfach gemeinsam mit den beiden Rettungssanitätern der Feuerwehr von Pine Cove im Zimmer herum und starrte zu Bess hinauf wie zu einem Engel an einem Weihnachtsbaum. Theo dachte sich, daß Bess' pastellblauer Hautton sehr schön zu ihrem kornblumenblauen Kleid und dem Muster des englischen Porzellanservices paßte, das auf einfachen Holzregalen am Ende des Raumes verteilt war. Es war sieben Uhr morgens, und Theo war, wie üblich, ein wenig stoned.
Theo hörte Schluchzer aus dem ersten Stock, wo Joseph Leander seine beiden Töchter, die noch immer ihre Nachthemden trugen, daran hinderte herunterzukommen. Es gab im ganzen Haus keinerlei Anzeichen für die Anwesenheit eines Mannes. Es war wie aus dem Schöner-Wohnen-Sonderheft Landleben: Dielenboden aus Kiefernholz, Weidenkörbe, Blumen und Stoffpuppen. Kräuteressig in braunen Gläsern, Shaker-Antiquitäten, Kupferkessel, Stickmustertücher und -rahmen, Spinnräder, Zierdeckchen und Wandplaketten aus Porzellan mit Gebeten auf holländisch. Nirgendwo war auch nur eine einzige Sportzeitschrift oder eine Fernbedienung zu sehen. Nichts, das nicht an seinem Platz lag, ebensowenig wie auch nur ein einziges Staubkörnchen irgendwo. Joseph Leander war vermutlich auf Zehenspitzen gegangen, um in diesem Haus keinerlei Spuren zu hinterlassen. Ein Mann, der weniger sensibel gewesen wäre als Theo, hätte vermutlich behauptet, daß er ganz schön unterm Pantoffel stand.
»Der Kerl steht ja ganz schön unterm Pantoffel«, sagte einer der Sanitäter. Sein Name war Vance McNally. Er war einundfünfzig Jahre alt, klein und muskulös, und er trug seine Haare genauso wie in seinen High-School-Tagen mit Öl zurückgeklatscht. Gelegentlich kam es vor, daß er in Erfüllung seiner Pflichten als Rettungssanitäter Menschenleben rettete, quasi als Ausgleich dafür, daß er sich ansonsten aufführte wie der letzte Trampel.
»Vance, er hat gerade seine Frau aufgehängt im Eßzimmer gefunden«, erklärte Theo über die Köpfe der beiden Sanitäter hinweg. Er war einsfünfundneunzig groß, und dank dieser Tatsache konnte er auch in einem Flanellhemd und Turnschuhen einschüchternd wirken und, wenn es nötig war, sich den gebührenden Respekt verschaffen.
»Sie sieht aus wie Raggedy Ann«, sagte Mike, der andere Sanitäter, der Anfang Zwanzig und ganz aufgeregt über seinen ersten Einsatz bei einem Selbstmord war.
»Ich hab gehört, sie wäre 'ne Amish«, sagte Vance.
»Sie ist keine Amish«, erwiderte Theo.
»Ich hab ja auch nicht gesagt, sie wäre 'ne Amish, ich hab gesagt, ich hätte so was mal gehört. Daß sie keine Amish war, ist mir aufgefallen, als ich den Mixer in der Küche gesehen habe. Die Amish glauben nicht an Mixer, oder?«
»Mennonitin«, sagte Mike mit gerademal soviel Autorität, wie er sich angesichts seines jugendlichen Alters herausnehmen durfte.
»Was sind denn Mennoniten?« fragte Vance
»Amish mit Mixern.«
»Sie war keine Amish«, erklärte Theo.
»Sie sieht aber aus wie 'ne Amish«, sagte Vance.
»Ihr Mann ist jedenfalls kein Amish«, sagte Mike.
»Woher weißt du das?« fragte Vance. »Einen Bart hat er jedenfalls.«
»Aber auch 'nen Reißverschluß an seiner Jacke«, sagte Mike. »Die Amish haben keine Reißverschlüsse.«
Vance schüttelte den Kopf. »Typisch Mischehe. So was funktioniert nie.«
»Sie war keine Amish!« brüllte Theo.
»Du kannst meinetwegen glauben, was du willst, Theo, aber im Wohnzimmer steht ein Butterfaß. Und das sagt doch wohl alles.«
Mike rieb an einer Stelle an der Wand unterhalb von Bess' Füßen, wo ihre schwarzen Schnallenschuhe entlanggeschrammt waren, als sie von den letzten Zuckungen geschüttelt worden war.
»Faß nichts an«, sagte Theo.
»Warum? Anbrüllen kann sie uns ja wohl nicht mehr. Sie ist tot. Und wir haben uns alle die Füße abgetreten, bevor wir reinkamen«, sagte Vance.
Mike machte ein paar Schritte von der Wand weg. »Vielleicht hat es ihr einfach nicht gepaßt, wenn irgendwas ihren Boden berührt hat. Und da war Aufhängen die einzige Möglichkeit.«
Um sich von seinem Schützling nicht den kriminalistischen Schneid abkaufen zu lassen, erwiderte Vance: »Allerdings öffnet sich bei einem Erhängten normalerweise der Schließmuskel - was aussieht wie 'n Saustall. Da frage ich mich natürlich, ob sie sich überhaupt aufgehängt hat.«
»Sollten wir nicht die Polizei rufen?« fragte Mike.
»Ich bin die Polizei«, erwiderte Theo. Er war der einzige Constable in Pine Cove, ordnungsgemäß gewählt vor acht Jahren und seitdem alle zwei Jahre in seinem Amt bestätigt.
»Nein, ich meine die richtige Polizei«, erklärte Mike.
»Ich rufe den Sheriff über Funk«, sagte Theo. »Ich denke nicht, daß es hier für euch noch groß was zu tun gibt. Aber ihr könnt Pastor Williams von der presbyterianischen Kirche Bescheid sagen, daß er herkommt. Ich muß mich mit Joseph unterhalten und brauche jemanden, der sich um die Mädchen kümmert.«
»Presbyterianer waren sie?« Vance schien schockiert. Er hatte der Amish-Theorie mit einigem Herzblut angehangen.
»Sagt ihm bitte Bescheid«, wiederholte Theo. Er ließ die Rettungssanitäter allein und ging durch die Küche hinaus zu seinem Volvo, wo er das Funkgerät auf die Frequenz des Sheriff's Department von San Junipero einstellte. Dann saß er da und starrte das Mikrophon an. Sheriff Burton würde ihm wegen dieser Sache hier den Kopf abreißen.
»Die Nordküste ist Ihr Revier, Theo. Und zwar ausschließlich. Meine Deputies kassieren irgendwelche Verdächtigen, bearbeiten Überfälle und lassen die Highway Patrol sich um die Verkehrsunfälle auf dem Highway 1 kümmern. Das ist alles. Ansonsten halten Sie sie aus Pine Cove raus, und niemand erfährt was von Ihrem kleinen Geheimnis.« Theo war mittlerweile einundvierzig Jahre alt, und dennoch fühlte er sich wie ein Zehntklässler, der seinem Aufsichtslehrer bloß nicht auffallen will und sich tunlichst bedeckt hält. Vorfälle wie dieser hier hatten in Pine Cove nicht zu passieren. Denn in Pine Cove passierte nun mal nichts.
Er genehmigte sich einen schnellen Zug an seiner rauchlosen Purpfeife Marke Sneaky Pete, bevor er das Mikrophon einschaltete und die Deputies kommen ließ.

Joseph Leander saß auf der Bettkante. Er hatte in der Zwischenzeit seinen Pyjama aus- und einen blauen, geschäftsmäßigen Anzug angezogen, doch sein schütteres Haar stand an den Seiten noch immer in alle Richtungen ab. Er war fünfunddreißig, hatte sandfarbenes Haar und war dünn, obgleich ihm allmählich eine Wampe wuchs, über der sich die Knopfleiste seiner Anzugweste unübersehbar spannte. Theo saß, ein Notizbuch in der Hand, ihm gegenüber auf einem Stuhl. Ein Stockwerk tiefer waren die Deputies bei der Arbeit zu hören.
»Ich kann einfach nicht glauben, daß sie so was je tun würde«, sagte Joseph.
Theo streckte den Arm aus und drückte den Bizeps des gramgebeugten Gatten. »Es tut mir wirklich leid, Joe. Sie hat wohl nie etwas gesagt, das darauf hingedeutet hätte, daß sie mit dem Gedanken spielte, so was zu tun?«
Ohne aufzublicken, schüttelte Joseph den Kopf. »Es ging ihr allmählich besser. Val hatte ihr irgendwelche Tabletten gegeben, und es schien, als würde es ihr allmählich bessergehen.«
»Valerie Riordan?« fragte Theo. Valerie war der einzige Psychiater in Pine Cove. »Wissen Sie, was für Pillen das waren?«
»Zoloft«, sagte Joseph. »Das ist wohl ein Antidepressivum.«
Theo notierte den Namen des Medikaments. »Bess hatte also Depressionen?«
»Nein, sie hatte nur diesen Putzfimmel. Alles mußte jeden Tag saubergemacht werden. Sie hat irgendwas geputzt, und fünf Minuten später gleich noch mal. Sie hat mir und den Mädchen das Leben zur Hölle gemacht. Wir mußten Schuhe und Strümpfe ausziehen und die Füße in einer Wanne waschen, bevor wir das Haus betreten durften. Aber Depressionen hatte sie keine.«
Theo schrieb »Verrückt« in seinen Notizblock. »Wann war Bess zum letzten Mal bei Val?«
»Vor sechs Wochen, glaube ich. Damals hat sie auch die Pillen zum ersten Mal bekommen. Und es ging ihr daraufhin auch wirklich besser. Zumindest schien es so. Sie hat einmal sogar das Geschirr über Nacht in der Spüle gelassen. Ich war richtig stolz auf sie.«
»Wo sind diese Pillen, Joseph?«
»Im Medizinschrank.« Joseph deutete in Richtung Badezimmer.
Theo entschuldigte sich und ging ins Bad. Außer Desinfektionsmitteln und ein paar Q-Tips befand sich nur das braune Fläschchen mit dem Rezeptaufkleber im Medizinschrank. Es war etwa halb voll. »Die werde ich mitnehmen«, sagte Theo und steckte die Pillen ein. »Die Beamten des Sheriffs werden Ihnen vermutlich noch mal die gleichen Fragen stellen, Joseph. Erzählen Sie ihnen einfach, was Sie mir gesagt haben, okay?«
Joseph nickte. »Ich glaube, ich sollte mich um die Mädchen kümmern.«
»Es wird nicht lange dauern, okay? Ich schicke den zuständigen Beamten rauf.«
Theo hörte, wie vor dem Haus ein Wagen gestartet wurde, und ging zum Fenster. Ohne Sirene und Blaulicht fuhr der Krankenwagen los, um die tote Bess Leander zum Leichenschauhaus zu bringen. Er wandte sich wieder an Joseph. »Rufen Sie mich an, wenn Sie was brauchen. Ich werde mich mal mit Val Riordan unterhalten.«
Joseph erhob sich. »Theo, erzählen Sie niemandem, daß Bess Antidepressiva genommen hat. Sie wollte nicht, daß irgend jemand davon erfährt. Sie hat sich deswegen geschämt.«
»Keine Sorge. Rufen Sie mich an, wenn Si...

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