Beim ersten Kind wird alles anders! (Mosaik HC bei Goldmann) - Hardcover

Lebert, Ursula

 
9783442390663: Beim ersten Kind wird alles anders! (Mosaik HC bei Goldmann)

Inhaltsangabe

Kinderwunsch, Erlebnis der Schwangerschaft, aufregende Geburt. Ein Baby betritt die Bühne und die werdenden Eltern freuen sich, manche erwarten gar alles Glück der Erde. Doch: In der Realität ist der Alltag mit einem Baby nicht nur beglückend, sondern oft auch anstrengend, nervig und kann Eltern an ihre Grenzen bringen. "Beim ersten Kind wird alles anders!" will darauf vorbereiten - und zugleich Mut machen, sich auf das "Abenteuer Baby" einzulassen. Und wer weiß am besten, was es bedeutet, ein Baby zu bekommen? Welche Gefühle, von übergroßem Glück und tiefer Liebe bis zu Ratlosigkeit oder gar Zorn, so ein kleiner Mensch auslösen kann? Mütter natürlich. Und so erzählen Mütter ihre Geschichten, teilen ihr Glück und ihre Hoffnungen, aber auch ihre Ängste und Sorgen und vor allem ihre Erfahrung.
Vom großen Glück, ein Baby zu bekommen, und den einschneidenden Veränderungen, die das mit sich bringt. Für alle, die ein Kind erwarten oder vor kurzem eines bekommen haben.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Ursula Lebert ist Journalistin, Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, Schwiegermutter und Großmutter. Sie schreibt seit Jahren für die "Brigitte" Reportagen, Porträts und Artikel über psychologische Themen.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt:
I Aller Anfang | Vom Abenteuer, Mutter zu werden
»Für mich wird alles ganz neu sein«

II Babys brauchen Glück | Das Abenteuer geht weiter
»Es war unglaublich: Jemand sagte Mama zu mir«

III als ob ein winziger Finger klopft | Schwangerschaft mit Komplikationen
»Sie wird es schaffen, sie wird groß«

IV Das Kind bestimmt den Tagesablauf | Mutter werden in der Nachkriegszeit
»Spielsachen kannte er nicht«

V Ein Kind nach Maß? | Ein Baby mit Down-Syndrom
»Er sah so anders aus«

VI Kinder brauchen Ehrlichkeit | Ein Kind aus dem Heim
»Ein fertiges Kind und doch ganz neu«

VII Kinder brauchen Väter | Gerade getrennt und dann schwanger
»Ich wollte das Kind trotz allem«

VIII und immer dieses schlechte Gewissen | Die Arbeit bestimmt das Leben
»Manchmal hätte ich gern mehr Zeit gehabt«

IX Wäre ich gern Kind bei mir? | Kind und Job es geht doch
»Ich bin eine bessere Mutter, wenn ich auch arbeite«

X Kinder brauchen Großeltern | Wenn Kinder Kinder kriegen
»Für mich war klar: Ich will das Kind«

XI Ein Kind? Ein Kind! | Ganz spät noch ein Kind
»Bestimmt sind es die Wechseljahre «

I Aller Anfang

Auf dem langen Gang vor einer Tür mit der Aufschrift »Eintritt verboten« sitzt ein junger Mann. Er sitzt da seit Stunden. Ein einziges Mal schaut er auf die Uhr. In zwei Stunden müsste er im Gemeindegotteshaus mit dem Chor auf der Empore stehen und den Pilatus in der Johannes-Passion von Bach singen. Es ist Gründonnerstag. Den Pilatus kann man nicht absagen, man kann auch nicht einfach fehlen. Er bleibt trotzdem sitzen. Er ist mein Vater, beziehungsweise noch nicht ganz. Hinter der Tür kriegt meine Mutter gerade ein Kind. Mich.
Sie beißt sich die Lippen blutig. Sie will nicht schreien, auf keinen Fall, er soll nichts hören. Zu der Zeit ist es noch nicht üblich, dass der werdende Vater bei der Geburt dabei ist. Sie liebt ihren Mann sehr. Sie haben sich das Kind beide gewünscht. Ihr ist es egal, ob Bub oder Mädchen. Er hätte, glaubt sie, lieber einen Sohn. Draußen schneit es. Später wird sie zu mir sagen: »Als du zur Welt gekommen bist, lag der Schnee bis zum Gartenzaun.«
Drei Menschen warten. Der Vater, die Mutter und das Kind, das sich blaurot durch den Geburtskanal kämpft. Wie wird es sein, wenn sie zu dritt sind? Wird das Baby gesund sein, hübsch? Werden die Eltern so schwierige Aufgaben wie Säuglingspflege, Fürsorge und Erziehung bewältigen, von denen sie monatelang in klugen Büchern gelesen haben? Werden sie abends noch ins Kino gehen können?
Ich tue meinen ersten Schrei gerade so rechtzeitig, dass mein Vater mich kurz betrachten und dann zur Johannes-Passion eilen kann. »Ein gesundes Mädchen«, sagt die Hebamme, und ich schreie und schreie. Psychologen sagen, es seien Schreie der Angst, die Neugeborene ausstoßen. Ich schreie und schreie. Auf die Welt kommen heißt: in die Kälte kommen. Erst als man mich zu meiner Mutter legt, höre ich auf. Sie hat eine warme, weiche Haut. So, das hätten wir schon mal. Da wollen wir nicht wieder weg. Das Erste, wovon wir Besitz ergreifen, ist die Wärme der Mutter.
Ich bin da. Meine Eltern werden es schon merken. Können sie sich vorstellen, dass nichts, gar nichts so sein wird, wie sie es gewöhnt sind? Nein, meine Lieben. Könnt ihr nicht. Von nun an bin ich die Hauptperson.
Jahrzehnte später habe ich meine Mutter gefragt, wie sie damit zurechtgekommen ist, dass es mich jetzt gab. Sie war zuvor Direktrice eines Modehauses in Berlin und zog nach der Heirat mit meinem Vater, dem aufstrebenden Ingenieur, in das Provinznest Zwickau. Mütter kommen halt mit so was zurecht, da werden sie gar nicht gefragt.
Verändert hat sich wohl nicht so viel zwischen heute und früher. Jedenfalls haben wir bei unseren Recherchen zu diesem Buch festgestellt, dass das Leben mit Kind heute sich nicht so sehr von damals unterscheidet. Vor allem die Geburt des ersten Kindes bringt in der Regel große Umstellungsschwierigkeiten mit sich. Oft wird darüber nicht gesprochen, weil vieles, was dazugehört Überfordertsein, Verlust an Partnerintimität, Ungeduld, Enttäuschung, ungewohnter Alltagstrott , nicht zum strahlenden Bild einer jungen Familie passt.
Als sie noch lebte, habe ich viel mit meiner Mutter geredet. War sie zufrieden mit ihrem Leben? War sie enttäuscht von mir? Wie hat sie sich in all die Abhängigkeiten hineingefunden, die das tägliche Kümmern um mich mit sich gebracht hat?
»Du warst ein so genanntes Schreikind«, sagte sie. »Ich kann mich an keine Nacht erinnern, in der du nicht ein paar Stunden geschrien hast. Und ich war so müde Es gab damals noch nicht so viele Bücher über Erziehung also, was tue ich, wenn mein Kind schreit? Meine Ratgeberin war meine Schwiegermutter, die meinen Umgang mit dir zu nachgiebig fand. Deine Tochter muss lernen, dass nicht bei jedem Quiekser die Mutter ans Bett eilt. Außerdem tut Schreien den Lungen gut, die bilden sich da kräftig aus.
Ja, aber die Leute, die über uns wohnten, hatten bereits ausgebildete Lungen und kein Verständnis für den nächtlichen Krach. Sie klopften mit dem Besenstiel auf den Boden. Am einfachsten wäre gewesen, ich hätte dich zu mir ins Bett genommen, aber das wagte ich nicht. Du würdest sonst immer da schlafen wollen. Ich weiß heute noch nicht, ob ich es nicht hätte tun sollen «
Ich auch nicht, Mama. Davon war in meiner Schwangerschaftsgymnastik nicht die Rede. Als ich selber Mutter wurde, bin ich nachts mit dem Stubenwagen stundenlang durch die Wohnung gefahren, wie du. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Mein Mann war sauer, weil er am nächsten Tag arbeiten musste. In meinen Augen hatte er es prima, weil er aus dem Haus durfte.
Das Erscheinen des dritten Familienmitglieds ist ein harter Prüfstein für eine Beziehung, viel härter als voraussehbar. Unser Kind: Wir hatten uns das wunderbar vorgestellt, als ich vierundzwanzig Jahre nach meiner eigenen Geburt mit einem Sohn niederkam. Niederkommen das ist so ein merkwürdiges, irgendwie ahnungsvolles Wort, das ganz aus der Mode gekommen ist, ohne dass sich an den grundsätzlichen Schwierigkeiten etwas geändert hätte. Man hätte bei anderen jungen Eltern ja beobachten können, wie anstrengend die Sache ist, was von der berühmten Selbstverwirklichung und persönlichen Freiheit angesichts eines Babyschnullers übrig bleibt.
Aber die Kinder anderer Eltern sind andere Kinder, fremde Kinder. Es dauert eine Zeit lang, ehe man einsieht, dass der Unterschied zum eigenen, nachts brüllenden und tags Spinat auf den Tisch spuckenden Exemplar gar nicht groß ist. Die anderen und das eigene, alle nerven. Und doch sind sie das, was man am meisten liebt, was einen auch wieder am höchsten beglückt.
Das Lächeln, mit dem wir in guten Phasen morgens begrüßt werden. Ma-ma. Die winzige Hand, die sich vertrauensvoll in unsere große Hand schiebt. Die Tränen, die in unseren Armen versiegen, nur in unseren. Ärmchen, die sich uns entgegenstrecken. Kleine gepolsterte Füße, die die Erde noch nicht berührt haben. Augen, die so blau sind wie die vom Papa. Und jeden Tag eine kleine Veränderung, ein kleiner Fortschritt, der uns zeigt, dass dieses Kind besonders intelligent ist. Mein Kind, unser Kind. Dann gewöhnen wir uns eben ab, aus einer plötzlichen Laune heraus abends ins Kino zu gehen. Und gewöhnen uns an, zur Verfügung zu stehen, uns zu kümmern, vierundzwanzig Stunden täglich. Auf unabsehbare Zeit.
Es ist nicht leicht. Wir, die Eltern, sind oft übermüdet, fix und fertig. Wir haben kaum mehr Zeit füreinander, wir sind nie mehr allein. »Sex, was ist das?«, fragte mich bei meinen Recherchen ein junger Mann, frisch gebackener Vater. In der Babymilchwerbung im Fernsehen kommen solche Frustrationen nicht vor. Da lächeln sie alle holdselig, das Baby mitsamt den überglücklichen Eltern.
»Manchmal«, gestand mir meine Mutter, »habe ich dich richtig gehasst. Ich hab mich gefragt, warum wir uns das angetan haben, wir...

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ISBN 10:  3442168732 ISBN 13:  9783442168736
Verlag: Goldmann Verlag, 2007
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