Mina: Historischer Roman: Historischer Roman. Deutsche Erstausgabe - Softcover

Ceely, Jonatha

 
9783442361021: Mina: Historischer Roman: Historischer Roman. Deutsche Erstausgabe

Inhaltsangabe

England zur Zeit von Königin Viktoria: Der junge Ire Paddy ist froh, eine Anstellung als Pferdebursche auf einem Landgut erhalten zu haben. Doch er hat Angst, dass man seine wahre Identität entdeckt: Denn Paddy ist in Wahrheit ein Mädchen und heißt Mina. Sie ist aus Irland geflohen während der großen Hungersnot, die ihr die Familie nahm, und sie vertraut niemandem. Doch schließlich findet sie in Mr. Serle, dem Küchenchef, einen Menschen, der ebenfalls ein dunkles Geheimnis verbirgt. Zusammen gehen sie auf eine bewegende Reise zu ihren Wurzeln ...

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Über die Autorin bzw. den Autor

Jonatha Ceely wuchs in Kinston, Otario, auf und lebte in der Türkei und in Italien. Sie arbeitete als Lehrerin und in der Verwaltung, bevor sie zu schreiben anfing. Heute lebt sie mit ihrem Mann, einem Komponisten, in Brookline, Massachusetts und schreibt zurzeit an ihrem dritten Roman.

Aus dem Klappentext

"Es ist wunderbar mitzuerleben, wie das Mädchen Mina sich ein neues Leben erschafft. Ein wunderbarer Roman!"
Anne Rivers Siddons

"Dieses spannende Porträt des täglichen Lebens auf einem viktorianischen Landgut zieht einen unausweichlich in seinen Bann, denn es ist belebt von unvergesslichen Charakteren, die sich - jeder auf seine Weise - in einer bewegten Zeit durchs Leben schlagen!"
Lauren Belfer, Autorin von "City Of Light"

"Ceely erzählt mitreißend von Armut und Verzweiflung, aber auch von Hoffnung und dem Willen zu überleben. Ein fabelhaft geschriebener, hervorragend recherchierter historischer Roman!"
Publishers Weekly

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort
Vor einigen Jahren bat mich ein Freund, ihm bei der reizvollen Aufgabe zu helfen, das Haus seiner Großmutter leer zu räumen. Die Großmutter war wenige Tage vor ihrem hundertsten Geburtstag gestorben und hatte den alten Familiensitz im Norden des Staates New York mit dem gesamten, im Laufe von hundert Jahren angehäuften Inventar der Mutter meines Freundes hinterlassen. Diese, selbst schon achtzig und gebrechlich wegen eines Herzleidens, lebte zurückgezogen in einem Altenheim in North Carolina. So sehr ihr auch daran gelegen war, sich um ihr Erbe zu kümmern, schreckte sie doch vor der beschwerlichen Reise zurück. Und so fiel meinem Freund als dem einzigen Kind die Aufgabe zu, die Familienschätze aus dem Trödel auszusortieren, ehe das Haus verkauft wurde. Eine andere Möglichkeit wäre, es zu behalten, erklärte er. Er könnte es herrichten und vermieten, bis er sich darüber klar geworden war, ob er es als Wochenendhaus, einen Zufluchtsort außerhalb der Stadt nutzen wollte. Denn es wäre schade, diesen Familiensitz ganz aufzugeben. Wie auch immer seine Entscheidung ausfiel, zunächst sollte das Haus entrümpelt werden.
Dies alles teilte er mir am Telefon mit. Man muss wissen, dass mein Freund und ich früher einmal ein Paar waren. Die Liebe hatte uns gepackt und dann offenbar wieder verlassen. Ein Jahr, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, hatte er mir einen Heiratsantrag gemacht, doch ich lehnte ab. Danach sahen wir uns eine Weile nicht mehr, aber als wir uns dann zufällig einmal über den Weg liefen, kamen wir ins Gespräch und merkten, dass wir Freunde sein konnten. Jetzt gehen wir ein paar Mal im Jahr zusammen essen, rufen uns an, wenn einer eine Theaterkarte übrig hat oder Ähnliches es ist eine angenehme Beziehung, aber keine Romanze mehr.
Als mein Freund mir sein Problem vortrug und mich um Hilfe bat, fühlte ich mich geschmeichelt. Außerdem befielen mich tatsächlich Schuldgefühle. Die Großmutter hatte ich nie kennen gelernt, die kranke Mutter nur einmal besucht. Ich hatte eine Begegnung mit ihnen vermieden, weil es mir unangenehm gewesen wäre, als zukünftige Schwiegertochter in Augenschein genommen zu werden, nur um mich dann zu verweigern. Mag sein, dass ich mich nun zum Helfen bereit erklärte, weil ich glaubte, bei den alten Damen etwas wieder gutmachen zu müssen, vielleicht freute es mich aber auch, gebraucht zu werden oder ich war neugierig auf das, was mir entgangen war. Wenn ich ehrlich bin, steckte dahinter vielleicht auch die Überlegung, eine gemeinsam verbrachte Woche könnte den Funken zwischen mir und meinem Freund aufs Neue entfachen. Vieles spricht für eine Freundschaft, zwischen Mann und Frau allerdings nun ja, da gleicht sie manchmal eher einem Waffenstillstand als einem Friedensschluss und wird mehr vom Verstand als vom Herzen geleitet.
Wir verließen die Stadt gemeinsam. Zu meiner Überraschung war das Haus hübsch, nach den Beschreibungen und Klagen meines Freundes hatte ich eher eine Ruine erwartet. Stattdessen traf ich auf ein schmuckes altes Haus abseits der Straße. Entlang der Vorderfront zog sich eine reich verzierte Holzveranda, auf der sich nach einem langen Arbeitstag, entspannt im Schaukelstuhl sitzend, sicherlich sehr schön die sommerliche Dämmerung beobachten ließ. Für solche Dinge hatten wir jedoch keine Zeit. Uns erwartete mehr Arbeit als gedacht. Die Mutter meines Freundes hatte ihm eine Liste von Gegenständen mitgegeben, an die sie sich erinnerte und die sie gerne haben wollte. Während er sich daran machte, sie zusammenzusuchen, zu verpacken und zu verschicken was lange Telefonate mit sich brachte , oblag es mir, den Dachboden auszuräumen.
Zunächst versuchten wir gemeinsam zu arbeiten, doch das führte zu nichts, wie ich zugeben muss. Wir redeten zu viel. Wir malten uns aus, wie es wäre, in diesem Haus zu leben, und fingen dann an zu diskutieren, was behalten und was verkauft werden sollte. Plötzlich befand ich mich mitten in Planungen, wie die Räume eingerichtet werden sollten, falls sich ein Mieter fände, oder noch zeitaufwendiger was aufgehoben werden sollte, falls mein Freund das Haus behielt. Dann zog es uns nach draußen. Mein Freund zeigte mir den Apfelbaum, in dem er sich mit zwölf Jahren ein Baumhaus gebaut hatte; wir wanderten ums Haus und die Scheune und stellten Spekulationen über die Kosten der Renovierung und der Gartengestaltung an. So ging es nicht weiter, stellten wir fest. Wir kamen überein, dass wir unabhängig voneinander vorgehen mussten, wenn wir etwas schaffen wollten.
Anfangs machte der Dachboden mir Angst. Um hinaufzukommen, musste man eine schmale Stiege hochklettern. Meine Fußtritte hinterließen Spuren auf den verstaubten Stufen. Aber als ich mich dann im Dämmerlicht umsah, war ich fasziniert. Der zarte Duft von Mottenkugeln, Zedernholz und Lavendel war mir angenehm vertraut. Der Raum war gestopft voll. Beim Auseinandersortieren von Nützlichem und Nutzlosem, Antikem und bloß Altem, packte mich die Erregung des Schatzsuchers. So viele Dinge: Koffer und Truhen mit Schals, eine in eine Ecke gestellte Schneiderpuppe; Schachteln mit Knopfstiefeln aus noch immer weichem Leder, zusammen mit dem entsprechenden Knopfhaken, um sie zuzumachen; kistenweise Bücher die Harvard-Klassiker, die Hardy-Boys-Reihe, überholte medizinische Lehrbücher; eine Holzkiste mit Küchengerät und ein Bajonett, das mein Freund seinem Großvater zuordnete, der im Ersten Weltkrieg gedient hatte; ein Glaskasten mit einem ausgestopften, von Motten zerfressenen Nerz. Es gab Kochtöpfe, irdenes Geschirr, alte Marmeladegläser und sorgfältig in Baumwolle und Zedernspäne verpackt ein Speiseservice für zwölf Personen aus Knochenporzellan mit einem Dekor aus rosa Rosen und Gold. Steuererklärungen, die Jahre zurückreichten und gleich auf den Müll geworfen werden konnten, Hauptbücher und eine alte Kamera in einem abgescheuerten Lederetui.
Am vierten Tag stieß ich auf ein rechteckiges Holzkästchen, das man unter den Dachvorsprung geschoben hatte. Ich bückte mich, um es hervorzuziehen, und musste mich gleich auf den Boden setzen. Ich hatte Herzklopfen. Nachdem ich das kleine Giebelfenster geöffnet hatte, fühlte ich mich gleich besser und konnte mich wieder meinem Fund zuwenden. Das Kästchen war aus massivem Holz gefertigt Walnuss, wie ich glaubte und mit einer Verschlussspange und einem Vorhängeschloss versehen. Der dazugehörende Schlüssel hing an einer ausgefransten Kordel. Während der ersten Tage hatte ich meinen Freund bei jeder neuen Entdeckung konsultiert, war nach unten gerannt und hatte geduldig gewartet, bis er seine gerade stattfindende Besprechung mit seiner Mutter beendet hatte. Doch bald hatte ich herausgefunden, dass sich von den Dingen, die er in ihrem Auftrag retten sollte, nichts im Dachboden befand und wir nie fertig werden würden, wenn ich bei allem, was ich für wertvoll oder interessant erachtete, seinen Rat einholen wollte. Man lernt es, rücksichtslos mit den Erinnerungen und Andenken anderer Leute umzugehen.
Also öffnete ich das Schloss und das Kästchen. Drinnen lag ein in Stoff gewickeltes Paket. Bei dem Stoff handelte es sich um fein gewebte Baumwolle, die einmal weiß gewesen sein musste, mit den Jahren aber vergilbt war. In der Stoffhülle befand sich ein dicker Packen Papier, der von einem hübschen grünen Band zusammengehalten wurde. In das Band war ein goldener Ring mit einem roten Stein geflochten und mit dem Endstück verknotet. Wahrscheinlich war es ein Granat.
Bei den Papieren handelte es sich um ein handschriftliches Manuskript, das offenbar vollständig war, dem aber keinerlei Erklärung beilag. Mein Freund konnte sich nicht erinnern, Kästchen, Manuskript, Band oder Ring jemals gesehen zu haben. Als er seine Mutter dazu befragte, fehlte auch ihr jegliche Erinnerung daran. Keine Namen oder Vorfälle, nichts auf den Seiten, die wir uns an jenem Abend vornahmen, schien eine Beziehung zur Familiengeschichte zu haben. Als er auf mein Drängen hin seine Mutter anrief, um...

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