Der Liebe böser Engel: Roman (Blanvalet Taschenbuch) - Softcover

Buch 5 von 10: Inspector Wexford ermittelt

Ruth Rendell

 
9783442358946: Der Liebe böser Engel: Roman (Blanvalet Taschenbuch)

Inhaltsangabe

Ruth Rendell ist die gefeierte Queen of Crime!
Unter dem Pseudonym Barbara Vine auch Bestsellerautorin bei Diogenes!
"Ruth Rendell ist eindeutig die brillanteste Krimiautorin unserer Zeit!" Patricia Cornwell

Ganz Myfleet Manor steht unter Schock: Die allseits beliebte Mrs. Nightingale ist tot, erschlagen im Wald! Keine Tatwaffe, keine Spuren. Chiefinspector Wexford und Inspector Burden tappen im Dunkeln. Kannte sie ihren Mörder vielleicht? Hatte sie eventuell Streit mit einem Liebhaber? Oder dem Ehemann? Oder gar einem möglichen Erpresser? Und was hat es mit den mysteriösen Päckchen auf sich, die ihre Angestellte Nelleke Dorn regelmäßig zur Post gebracht hat? Bei der Aufklärung dieses Falles sind Wexford und Burden auf Hilfe von einer völlig unerwarteten Seite angewiesen...


Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Ruth Rendell wurde 1930 in South Woodford/London geboren. Zunächst arbeitete sie als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Seitdem hat sie über dreißig Bücher veröffentlicht. Dreimal bereits erhielt sie den Edgar-Allan-Poe-Preis und zweimal den Golden Dagger Award. 1997 wurde sie mit dem Grand Master Award der Crime Writer's Association of America, dem renommiertesten Krimipreis, ausgezeichnet und darüber hinaus von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben. Ruth Rendell, die auch unter dem Pseudonym Barbara Vine bekannt ist, lebt in London.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Wenn Quentin Nightingale morgens aus dem Haus ging, um nach London zu fahren, schlief seine Frau in der Regel noch. Die Haushälterin bereitete ihm das Frühstück, öffnete die Haustür für ihn und reichte ihm Hut und Regenschirm, während das Au-pair-Mädchen die Zeitung für ihn holte. Als nächstes begegnete er - wie immer - den beiden Gärtnern, die ihn mit einem ehrerbietigen »Guten Morgen, Sir« zu grüßen pflegten, dann vielleicht seinem Schwager, der eilig die friedliche Abgeschiedenheit des >01d House«, dem Stammhaus, aufsuchte, wo er sich in Ruhe seiner schriftstellerischen Arbeit widmen konnte. Nur Elizabeth fehlte, doch falls Quentin daran Anstoß nahm, ließ er sich nie etwas anmerken, Selbstsicher ging er wie ein glücklicher Mensch zu seinem Auto.
An diesem besonderen Morgen Anfang September war alles so wie immer, nur daß Quentin keinen Regenschirm mitnehmen mußte. Der Garten von Myfleet Manor lag fast ganz unter goldenen Nebelschleiern verborgen, die auf einen wunderschönen Tag hoffen ließen. Quentin schritt über die Steinstufen vor der Haustür und blieb einen Moment an der Hecke stehen, um Will Palmer daran zu erinnern, daß die Matricarien, die sie für die Kingsmarkhamer Blumenausstellung hegten und pflegten, heute ihren Flüssigdünger bekommen sollten. Daraufhin ging er zwischen den alten Remisen den Weg zum Hof entlang, wo ihn sein Auto erwartete, dessen Windschutzscheibe Sean Lovell soeben gereinigt hatte.
Quentin war heute ein wenig zu früh dran. Statt in den Wagen einzusteigen, schlenderte er zu der niedrigen Mauer und ließ den Blick über das Kingsbrooktal schweifen. Die Aussicht bereitete ihm stets aufs neue Vergnügen. Fast kein anderes Haus war zu sehen, nur grüne Wiesen, durchsetzt mit dem Goldgelb der frischgemähten; durch das Tal schlängelte sich der Bach, zu beiden Seiten von Weiden gesäumt; Baumgruppen krönten die Kuppen der niedrigen runden Hügel, und dort, zu Quentins Linken auf der anderen Straßenseite, stand der große Tannenwald. Er erstreckte sich über eine ganze Hügelkette, im morgendlichen Nebel sah er wie ein dunkles Samttuch aus, das man achtlos über die Landschaft geworfen hatte. Quentin dachte sich immer Metaphern für den Wald aus, verglich ihn mit anderen Dingen und sah ihn in romantischem Licht. Manchmal stellte er ihn sich nicht als Wald oder Samttuch vor, sondern als ruhendes Tier, das im Schlaf die Felder bewachte, und jene sich speichenförmig ausbreitenden Pflanzungen als ausgestreckte, mächtige und schutzgewährende Tatzen.
Nun wandte er den Blick dem eigenen Anwesen zu, richtete ihn auf die näher gelegenen Gartenanlagen, den gepflegten nebelverhüllten Rasen und die Rosenbeete, die im Morgendunst ganz fahl aussahen, und gerade überlegte er, ob er eine Rose abschneiden sollte, eine Iceberg oder vielleicht eine Superstar, als ihn ein Finger an der Schulter stupste und eine ruhige Stimme sagte:
»Der Schönheit nahe hat gebracht Natur den Geist, der mich beseelt; Was Mensch aus Menschen hat gemacht, Das sann ich tief gequält.«
»Guten Morgen, Denys«, begrüßte ihn Quentin herzlich. »Kein sonderlich fröhliches Zitat für einen heiteren Morgen wie heute. Wordsworth, oder?«
Denys Villiers nickte. »Falls ich nicht fröhlich bin, muß das daran liegen, daß in zwei Tagen die Schule beginnt, dann werde ich bis Weihnachten nicht mehr zum Arbeiten kommen. Ich habe übrigens etwas für dich.« Er klappte seinen Aktenkoffer auf und zog ein Buch hervor, neu und druckfrisch, offenbar direkt aus der Binderei. »Ein Vorausexemplar«, sagte er. »Ich dachte, du hättest es vielleicht gerne.«
Quentins Gesicht strahlte vor Freude. Er las den Titel: Der verliebte Wordsworth, von Denys Villiers, dann schlug er mit kaum verhohlener Erregung die Widmung auf, die er laut vorlas. »>Für meinen Schwager Quentin Nightingale, ein wahrer Freund und Gönner.< Also Denys, das ist wunderbar! Ich komme mir vor wie Southampton.»
Auf Villiers Miene tauchte eines seiner seltenen Lächeln auf. »Dem einzigen Erzeuger dieser nachfolgenden Essays, Mr. Q. N« Er runzelte die Stirn, wie über die eigene Schwäche. »Hauptsache, es gefällt dir. Aber auf mich
wartet Arbeit, und du hast sicherlich auch zu tun...«
»Ja, ich muß los. Paß auf dich auf, Denys. Ich kann es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und damit anzufangen.« Er tippte auf das Buch, klopfte Villiers auf die Schulter und ging. Villiers drückte die Tür in der Mauer des Stammhauses auf und trat in den dämmrigen Innenhof, der nie Sonne hatte und in dem Linden und Zypressen wuchsen. Immer noch lächelnd, das Geschenk neben sich auf dem Beifahrersitz, fuhr Quentin nach London.

Elizabeth Nightingale verbrachte eine Stunde damit, sich für die Blicke der Welt zurechtzumachen. Der angestrebte Eindruck sollte ein Bild schlichter Jugend vermitteln, rein und frisch, leicht geschminkt, Kleidung von lässiger Korrektheit oder korrekter Lässigkeit. Die Leute meinten, sie sähe nicht älter aus als fünfundzwanzig. Ach, sagte Elizabeth zu ihrem Spiegelbild, mit fünfundzwanzig kannten die mich eben nicht! Manchmal sagte sie auch, heutzutage brauche sie doppelt so lange, um halb so gut auszusehen.
Umgänglich wie immer nahm sie den morgendlichen Kaffee mit dem Personal in der Küche. Am oberen und unteren Ende des Tisches saßen die beiden Gärtner, Elizabeth hatte den Platz gegenüber Nelleke Doorn. Mrs. Cantrip trank ihren Kaffee im Stehen und erteilte dabei Anweisungen.
»Falls dir Alf Tawney über den Weg läuft, Will, dann denk daran, ihm zu sagen, daß ich für heute abend ein Hähnchen bestellt habe, und das will ich vormittags haben, nicht fünf Minuten vor Essenszeit der gnädigen Frau. Und du, Sean, nimm gefälligst die Ellbogen vom Tisch. Das sage ich dir jetzt schon mindestens zum fünfzigstenmal. Sobald du ausgetrunken hast, Nelke, kannst du Mr. Villiers seinen Kaffee bringen. Der glaubt bestimmt schon, uns hätte alle der Schlag getroffen. Und mach um Himmels willen das Radio aus. Die gnädige Frau will dieses Gedudel bestimmt nicht hören.«
»Oh, Popmusik gefällt mir aber, Mrs. Cantrip«, sagte Elizabeth.
Sean hob den Kopf. »Man sieht schon auf den ersten Blick, daß Sie nicht zu diesen Spießern gehören.«
»So spricht man doch nicht mit der gnädigen Frau!« erwiderte Mrs. Cantrip schockiert.
»Ich fasse es als großes Kompliment auf«, sagte Elizabeth.
Sean errötete erfreut und lächelte sein Honigkuchenpferdlächeln, wobei ebenmäßige weiße Zähne zwischen den roten Lippen zum Vorschein kamen.

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