Gewissensfragen, die jeden zwicken – erhellende Antworten, die weiterhelfen.
Kann der Schmuck für die Ex auch die neue Flamme zieren? Darf man am Wahlsonntag ruhigen Gewissens daheim bleiben? Was ist moralisch korrekt? Woche für Woche ergründet der beliebte SZ-Kolumnist Rainer Erlinger Gewissensfragen seiner Leser – und präsentiert nun die spannendsten Fälle gesammelt in seinem Leitfaden der Alltagsmoral. Ob man ein besserer Mensch werden kann? Mit diesem Buch bestimmt!
• Die spannendsten Beiträge aus der beliebten SZ-Kolumne
• Der geistreiche und vergnügliche Leitfaden der Alltagsmoral
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Rainer Erlinger, geboren 1965, ist promovierter Mediziner und Jurist. Als Autor, vor allem auf den Gebieten des Medizinrechts und der Ethik, schreibt er Bücher, Rundfunk- und Fernsehbeiträge und hält Vorträge zu medizinisch-rechtlichen und ethischen Fragen. Bekannt wurde er vor allem durch seine Kolumne "Gewissensfrage" im Magazin der Süddeutschen Zeitung, aus der auch dieses Buch hervorging.
DER LESER INTERVIEWT RAINER ERLINGER
Für den Schreibenden gibt es kein geheimnisvolleres Wesen als – den Leser. Alles geschieht für ihn; der Autor und der gesamte Apparat einer Zeitung leben von seinem kurzen Blick auf die Werbeanzeigen und – hoffentlich – auch auf den Text. Und trotzdem kennt niemand den Leser wirklich; nur selten kommt er zu Wort. Im »Süddeutsche Zeitung Magazin« ist es die »Gewissensfrage«, die ihm Gelegenheit gibt, mit einem Anliegen ins Heft zu gelangen. Seit Februar 2002 beantwortet Rainer Erlinger in seiner wöchentlichen Kolumne Leserzuschriften zu moralischen Alltagsproblemen. Deshalb soll der Leser in dieser Sammlung von »Gewissensfragen« nun das erste Wort erhalten und dem Autor endlich all die Fragen stellen, die bei Lektüre der Rubrik immer wieder auftauchen, für deren Beantwortung im »SZ-Magazin« jedoch kein Platz ist.
Im folgenden daher ein Gespräch des Lesers mit Rainer Erlinger. Man kennt ja Interviews aus dem Fernsehen, bei denen der Befragte unerkannt bleiben will. Das Gesicht ist verfremdet, die Stimme künstlich verzerrt. Hier ist es genau umgekehrt: Der Fragesteller ist unscharf, denn es ist der Leser – das unbekannte Wesen.
Der Leser: Guten Tag.
Rainer Erlinger: Guten Tag.
Herr Erlinger, was mich am meisten interessiert: Die Fragen in Ihrer Kolumne sind doch erfunden?
Komisch, Sie sagen genau das, was ich sehr häufig als Erstes höre, wenn jemand erfährt, dass ich die Gewissensfragen im SZ-Magazin beantworte. Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Nein! Die Leserfragen sind echt. Alle. Ausnahmslos.
Und das soll ich Ihnen jetzt glauben? Nun ja, für die allerersten beiden »Gewissensfragen«, die im Heft erschienen sind, mussten wir natürlich im Umkreis der Redaktion herumhorchen, um entsprechende Fragen zu erhalten.
Also doch! Aber bereits nach der ersten Kolumne kamen so viele Zuschriften, dass wir das nicht mehr nötig hatten. Außerdem kann ich es beweisen, ich kann für jede veröffentlichte Frage die entsprechende E-Mail oder den entsprechenden Brief vorweisen. Bitte, sehen Sie hier.
Hmmm. (blättert einen Ordner durch) Und außerdem: Es wäre nahezu unmöglich, sich so interessante Fragen auszudenken wie jene, die die Leser einsenden. Die meisten der veröffentlichten Probleme wären mir jedenfalls beim besten Willen nicht eingefallen. Auf die Idee, eigene Kerzen in eine Kirche mitzubringen oder mein Surfbrett zu entsorgen, indem ich es am Strand klauen lasse, käme ich einfach nicht. Und ich war auch noch nie im Sudan und habe dort einen verurteilten Mörder für achthundert Dollar aus dem Gefängnis freigekauft.
Gut, das überzeugt, und Sie sehen ja eigentlich ganz ehrlich aus.
Danke!
Aber die ganzen Fragen, die ich Ihnen in diesem Gespräch stelle, erfinden Sie?
Auch nicht richtig. Zum Teil gehen Ihre Fragen auf Leserzuschriften zurück, denen ich dasselbe geantwortet habe wie jetzt Ihnen – Sie können es in dem anderen Ordner hier nachlesen. Zum Teil sind es Fragen, die mir in den vergangenen dreieinhalb Jahren in Interviews gestellt wurden. Und nur zum kleinsten Teil sind es Fragen, die zu Antworten führen, welche ich immer schon geben wollte, um die mich bisher aber niemand gebeten hat. In meiner wöchentlichen Kolumne kann ich diese Dinge nicht loswerden, denn dort erscheinen wie gesagt nur echte Fragen. Übrigens stets in der Form und im Wortlaut, wie sie bei mir ankommen. Manchmal muss ich ein wenig kürzen, dabei achte ich aber darauf, den Sinn der Frage und damit den Inhalt der Antwort nicht zu beeinflussen.
Erhalten Sie denn viele Zuschriften?
Zwischen fünfzig und hundert pro Monat.
Und was ist mit den vielen Fragen, die nicht veröffentlicht werden?
Die können wir leider nicht beantworten, der Aufwand wäre zu groß. Meist handelt es sich ja um ein Problem, über das der Einsender selbst schon länger nachdenkt; es wäre ihm also nicht damit gedient, würde ich eine Antwort aus dem Ärmel schütteln. Um mich jedoch den unveröffentlichten Fragen genauso intensiv zu widmen wie den veröffentlichten, fehlt mir einfach die Zeit. Oft recherchiere ich, um zur Antwort zu gelangen, frage Experten oder Behörden. Und in jedem Fall denke ich lange nach. Schließlich bin ich auch nicht klüger als andere – ich denke nur länger nach.
Woher nehmen Sie eigentlich das Recht, anderen zu sagen, was sie tun sollen?
Da kann ich jetzt formal argumentieren und sagen: aus der Frage. Bei Pippi Langstrumpf habe ich den Satz gelesen: »Na ja, eine höfliche Frage verlangt eine höfliche Antwort.« Wenn mir jemand eine Frage schickt, dann gibt er mir das Recht, darauf zu antworten.
Das ist aber wirklich sehr formal. Ich meinte eigentlich mehr: Woher nehmen speziell Sie das Recht?
Da könnte ich wieder ebenso antworten, denn die Briefe sind ja an mich gerichtet, aber es gibt einen anderen, wesentlich überzeugenderen Grund.
Und der wäre? Ich weiß nicht, ob Ihnen schon aufgefallen ist, dass ich jede Antwort begründe; wo ich es ausnahmsweise einmal nicht tue, kennzeichne ich das als meine persönliche Meinung.
Eigentlich noch nicht. Dachte ich mir doch, so ist halt der Leser. Ich bin der Meinung, dass jede Antwort ihre Legitimation aus sich selbst heraus beziehen muss. Ich habe ja sonst keine Autorität außer der sachlichen. Die Antworten, jede einzelne Antwort muss nachvollziehbar und sauber begründet sein. Wenn die Leser…
Also ich. Ja, genau, wenn Sie nun meine Antwort lesen und sich denken, was ist denn das für ein abgehobener Unsinn, davon verstehe ich kein Wort, dann ist die Autorität der Kolumne am Ende. Sie, der Leser, haben also das Letztentscheidungsrecht.
Aha, Sie möchten also, dass alle stets derselben Meinung sind wie Sie!
Oh nein, ich freue mich sogar über Widerspruch. Ein Zweck der Kolumne besteht darin, zu Diskussionen anzuregen.
Haben Sie denn keine Ausbildung, die Sie zu Ihrer Tätigkeit als Moralkolumnist berechtigt oder wenigstens befähigt?
Ja und nein. Ich wüsste keine Ausbildung, die einen dazu berechtigt, anderen zu sagen, was sie richtig und was falsch machen. Und befähigt: Ich bin weder Theologe noch Philosoph, falls Sie das meinen, sondern Mediziner und Jurist.
Und das befähigt zu moralischen Ratschlägen? Wie gesagt, die Antwort muss meines Erachtens aus sich selbst heraus bestehen können. Aber unabhängig davon sind sowohl der des Mediziners als auch des Juristen Berufe, die man nicht ohne einen ethischen Rahmen betreiben kann. Oder sagen wir mal: sollte. Und gerade der Schnittpunkt aus den beiden, das Medizinrecht mit seinen Fragestellungen um Lebensbeginn, Lebensende und so weiter, ist so sehr von der Ethik geprägt, dass er eine intensive Beschäftigung mit diesem Thema unumgänglich macht.
Aber wie sind Sie dann als Mediziner und Jurist zum Moralkolumnisten geworden?
Ich hatte schon längere Zeit für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung geschrieben, eben auch zu ethischen und philosophischen Themen. Als dann die beiden Chefredakteure des SZ-Magazins, Dominik Wichmann und Jan Weiler, Anfang 2002 eine neue Kolumne namens »Gewissensfrage« konzipierten, sind sie an mich herangetreten. So ist das entstanden.
Bei manchen Fragen denke ich mir: Die Sorgen dieser Leute möchte ich haben! Es geht oft um Banalitäten, dabei gäbe es doch genug wirkliche moralische Probleme hier bei uns und sonstwo auf der Welt. Aber nein, Sie schreiben darüber, ob man im Hotel Stullen für unterwegs schmieren darf oder ob es vertretbar ist, ein wenig zu schwindeln, um einen Spaziergang abzusagen.
Das liegt am Konzept der Kolumne. Sie finden, fast möchte ich sagen jeden Tag, in den großen Zeitungen und Magazinen hochintelligente Betrachtungen und Diskussionen über die von Ihnen angesprochenen moralischen Großprobleme. Es ist wichtig, dass es diese Debatten gibt und es soll sich keiner raushalten, nach dem Motto: »Das geht mich nichts an, dazu habe ich eh nichts zu sagen.« Aber daneben stehen wir eben im Alltag vor den kleinen moralischen Fragen – und es wäre ebenso falsch zu sagen, solange es Ungerechtigkeiten wie verhungernde Kinder auf der Welt gibt, braucht man sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob man bei Rot über eine Ampel gehen darf. Jeder ist verantwortlich für das, was er tut. Die wenigsten von uns werden je vor dem Problem stehen, einen Menschen klonen zu wollen. Wer von uns plant, eine Fabrik zu schließen, wer zögert, ob er morgen bei Sonnenaufgang den Befehl zum Angriff auf einen ölreichen Schurkenstaat geben soll? Das sind Fragen, die wir politisch über Wahlen oder sonstiges Engagement beeinflussen können. Aber es entbindet niemanden davon, darüber nachzudenken, ob er einen Arbeitskollegen anlügen darf.
Haben denn Ihre Leser nie ernsthafte Probleme? Doch natürlich, die kommen aber auch im Heft vor. Ich habe schon Fragen beantwortet wie die, ob man zur Organspende verpflichtet sein kann, ob ein adoptiertes Kind ein Recht darauf hat, das auch zu erfahren, oder wie man mit einem alzheimerkranken Großvater umgehen soll. Es ist natürlich nicht leicht, solch komplexen Lebenssituationen in wenigen Zeilen gerecht zu werden. Aber soweit es geht, versuche ich das.
Halten Sie sich eigentlich selbst an Ihre Maßstäbe? Anders gefragt: Lebt man als Moralkolumnist besonders moralisch?
Natürlich probiere ich es. Und die intensive Beschäftigung mit diesem Thema, also gerade mit der Alltagsmoral, hat mich schon verändert, glaube ich.
Sind Sie moralischer geworden? Das vielleicht nicht, aber wenn man über eine Frage einen Tag lang nachgedacht hat, entwickelt man eine höhere Sensibilität für das Thema. Falls ich dann einmal selbst in die Situation komme, muss ich nicht mehr lange überlegen.
Dann handeln Sie also immer richtig?
Bestimmt nicht, ich bin ja kein Heiliger.
Sehen Sie dann kein Problem: Wasser predigen und Wein trinken?
Natürlich ist das ein Problem. Das, was ich dazu sagen möchte, ist aber auch gefährlich, weil es dann heißt, jetzt dreht er durch, der Erlinger. Aber ...
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