Warum wurde ein Deutscher Papst und welche Bilanz zieht Benedikt XVI. nach einem Jahr im höchsten Amt der Kirche? Andreas Englisch hat Johannes Paul II. wie Benedikt XVI. fast zwei Jahrzehnte lang im Vatikan und auf Reisen rund um den Globus begleitet. Sein Buch zeichnet aus nächster Nähe ein lebendiges Bild beider Päpste sowie der Vorgänge im Innersten des Vatikans.
• Der SPIEGEL-Bestseller erstmals im Taschenbuch, mit exklusivem Zusatzkapitel: Die wichtigsten Ereignisse seit der Papstwahl.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Andreas Englisch lebt seit 1987 in Rom als Vatikan-Korrespondent. Er stand in engem Kontakt zu Papst Johannes Paul II. und hat Benedikt XVI. auf vielen Reisen begleitet. Er ist Autor der Bestseller »Johannes Paul II.«, »Habemus Papam« und »Die Wunder der katholischen Kirche«.
"Kein Journalist kam dem Papst so nah".
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"Andreas Englisch zeigt einmal mehr, wie lebendig und interessant Geschichte aus einer der wichtigsten Schaltzentralen der Macht sein kann - und dazu noch brillant verpackt."
Fränkische Nachrichten
"Informativ, kurzweilig und persönlich."
Schwäbische Zeitung
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Weißer Rauch
Dienstag, 19. April 2005, 17.43 Uhr auf dem Petersplatz: Aus dem Ofenrohr über dem Dach der Sixtinischen Kapelle steigt plötzlich weißer Rauch auf. Mehr als 40000 Menschen auf dem Platz klatschen frenetisch, dann scheint der Rauch dunkler zu werden. Hat die Welt einen neuen Papst oder nicht? Das fragen sich in diesem Augenblick Millionen Menschen auf der ganzen Welt. War es doch kein weißer Rauch? Die Menschen starren wie gebannt auf die Glocken am Petersdom. Der päpstliche Zeremonienchef Bischof Piero Marini hatte vor dem Einzug ins Konklave im Pressesaal des Heiligen Stuhls versichert: »Dieses Mal werden die Glocken läuten, wenn der neue Papst gewählt wurde.« Doch die Glocken bleiben stumm. Der Rauch scheint jetzt heller, die Menge schreit immer wieder: »Es ist weißer Rauch!« Doch die Minuten verstreichen, und die Glocken bleiben noch immer stumm. Dann endlich um 17.54 Uhr setzen sich die Glocken in Bewegung. Die Menge applaudiert begeistert. Jetzt besteht kein Zweifel mehr, es ist sicher, dass die etwas mehr als eine Milliarde Katholiken der Welt ein neues Oberhaupt haben. Der Papst wurde gewählt. Ein Meer aus Menschen ergießt sich aus der römischen Innenstadt auf die andere Seite des Tiber zum Vatikan, auf die Via della Conciliazione, die für den Verkehr gesperrt wurde. Es kommen Hunderttausende, sie haben ihre Büros verlassen, die Geschäfte geschlossen, ihre Kinder und Enkel mitgebracht, um den neuen Papst zu sehen.
Es schien die gleiche unermessliche Menschenmenge zu sein wie am Tag des Todes von Papst Johannes Paul II., dem Abend des 2. April. Doch damals strömte ein stilles, trauriges, irgendwie verlassen wirkendes Menschenmeer zum Petersdom; diesmal kommt eine aufgeregte, ausgelassene, fröhliche Menge.
Der Vorhang am Balkon des Petersdoms bewegt sich, die Menschen applaudieren. Ein Fernsehteam von der ARD steht plötzlich vor mir, um mich als Bestsellerautor und Vatikanfachmann zu interviewen, und natürlich stellt es die 100000-Dollar-Frage: »Wer wird der nächste Papst sein?«, werde ich gefragt. Der Vorhang hinter mir bewegt sich ein weiteres Mal. Ich weiß, dass ich mich jetzt zum Deppen machen kann. Ich überlege, ob es nicht besser wäre, nur vage zu antworten und zu sagen: »Die Kardinäle werden sicher den richtigen Mann gewählt haben«, oder so etwas Ähnliches. Aber innerlich habe ich keinen Zweifel mehr. »Die Kardinäle können nur einen der Stars gewählt haben«, sage ich, »wahrscheinlich wird Kardinal Joseph Ratzinger der nächste Papst sein.« Der Interviewer scheint mit meiner Antwort zufrieden zu sein, aber nicht so recht an meine Prognose zu glauben.
Dabei war eigentlich alles klar. Der weiße Rauch stieg um kurz vor 18.00 Uhr auf – das bedeutete, dass die Kardinäle nur vier Wahlgänge gebraucht hatten. Das bedeutete auch, dass es völlig unmöglich war, dass ein Außenseiter es geschafft haben könnte, sich in nur vier Wahlgängen durchzusetzen. Es gab nur eine Möglichkeit: dass einer der Kardinäle, die bereits über viele Stimmen verfügten, den Durchbruch geschafft hatte. Und von allen Spitzenkandidaten gab es nur einen, der auf eine solche Vielzahl von Stimmen zählen konnte: Kardinal Joseph Ratzinger. In jedem Konklave versuchen die Kardinäle, so rasch und so einig wie möglich den Mann zu wählen, den Gott für die Aufgabe, sein Vikar auf Erden zu sein, ausgesucht hat. Dieser Glaube der katholischen Kirche, dass der Heilige Geist in Wirklichkeit den Nachfolger Petri bestimmt, führt dazu, dass die Kardinäle sich beeilen müssen. Sonst sähe es so aus, als ob es den Kardinälen nicht gelänge, den Mann zu erkennen, den Gott vorherbestimmt hat. Wenn ein Kardinal also schon über eine gewisse Anzahl von Stimmen verfügt, dann steigert sich der Druck auf die anderen Kardinäle, und sie brauchen dann schon gute Gründe oder einen guten anderen Kandidaten, um einen Mann nicht zu wählen, auf den sich bereits viele Kandidaten geeinigt haben.
Aber es gab noch Zweifel: Es konnte auch eine Überraschung geben. Der Sekretär des Kardinals Walter Kasper, Oliver Lahl, stand neben mir auf dem Petersplatz. Wir sahen uns an und wussten beide, was wir in diesem Augenblick dachten. Ein gemeinsamer Freund hatte uns vor einigen Wochen die dramatische Szene erzählt, die sich hier am 16. Oktober 1978 zugetragen hatte. Damals stand der Krakauer Priester Don Stanislaw Dziwisz auf dem Petersplatz und starrte auf den Balkon, auf dem sein Chef erschienen war. Dziwisz war damals so überrascht und überwältigt, dass er auf dem Platz in Tränen ausbrach. Oliver Lahl sah jetzt nach oben zu dem Balkon, hinter dem sich der Vorhang bewegte.
Stand dort hinter dem geschlossenen Vorhang in Wirklichkeit Kardinal Walter Kasper? Wir sahen hoch zum Fenster. Dann ging der Vorhang auf. Es war genau 18.43 Uhr: Der Protodiakon des Kardinalskollegiums, Jorge Arturo Medina Estevez aus Santiago in Chile, las die uralte Formel vor: »Annuntio vobis gaudium magnum, habemus Papam: Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Iosephum, Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger, qui sibi nomen imposuit Benedictum XVI.« (Ich verkünde euch eine große Freude, wir haben einen Papst: den verehrtesten Herrn, Herrn Joseph Kardinal der Heiligen Römischen Kirche Ratzinger, der sich den Namen gab Benedikt der Sechzehnte.) Ein unglaublicher Applaus donnerte über den Petersplatz. Dann trat Papst Benedikt XVI. auf den Balkon. Er hielt nur eine kurze Ansprache: »Nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Kardinäle einen Mann gerufen, der nur ein einfacher Arbeiter ist im Weinberg des Herrn«, sagte Kardinal Ratzinger. Dann spendete er der Stadt Rom und dem gesamten Erdkreis den Segen urbi et orbi, wie es üblich ist. Danach schloss sich das Fenster wieder.
»Deutschland hat gewonnen«, riefen italienische Jugendliche über den Platz. In meiner Nähe ging Fürstin Gloria von Thurn und Taxis auf die Knie und dankte Gott für »dieses Geschenk«, wie sie später sagte. Völlig unbekannte Römer gratulierten mir, weil ein Deutscher zum Papst gewählt worden war. Natürlich
brach sofort das Handynetz zusammen, weil die mehr als 150 000 Menschen auf dem Platz die Botschaft loswerden mussten: Es ist Ratzinger. Ich hatte natürlich damit gerechnet, hatte es selbst mehrfach vorhergesagt, aber fassen konnte ich es nicht: tatsächlich Kardinal Ratzinger. Wochenlang hatten mir alle möglichen Kollegen immer wieder geschworen: »Ein Deutscher kann es gar nicht werden, es sind erst sechzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verstrichen. Ihr Deutschen seid im Ausland einfach nicht beliebt«, hörte ich immer wieder. Und jetzt das: der erste deutsche Papst seit Hadrian VI. (Papst 1522 –1523). Der letzte nichtitalienische Papst bis zur Wahl des Polen Karol Wojtyla im Jahr 1978 wurde in Utrecht geboren, das damals zum »Heiligen Römischen Reich deutscher Nation« gehörte.
Ich lief zurück in den Pressesaal. Ausgerechnet am 19. April, dem Fest des heiligen deutschen Papstes Leo IX. aus der elsässischen Familie Egisheim (Papst 1049 –1054), war wieder ein Deutscher zum Papst gewählt worden. Am Eingang sah ich den Chef des vatikanischen Pressebüros, Dr. Joaquín Navarro-Valls. Er umarmte mich. Wir wussten beide, warum wir uns in den Armen lagen: Es war ein Papst gewählt worden, der über Jahrzehnte der beste Freund eines Mannes gewesen war, dem sowohl Joaquín Navarro-Valls als auch ich sehr viel zu verdanken hatten, nämlich Papst Johannes Paul II. Die Wahl von Kardinal Ratzinger bedeutete, dass Karol Wojtylas Erbe weiterlebte in einem neuen, starken Papst. Ich dachte an den Brief, den der amtsmüde Kardinal Joseph Ratzinger an Papst Johannes Paul II. geschrieben hatte. Bereits im Jahr 2001, vor Beginn der nächsten fünfjährigen Amtszeit, hatte Kardinal Joseph Ratzinger den Papst gebeten, ihn ziehen zu lassen. Seit 20 Jahren war er nun im Amt. Doch Johannes Paul II. antwortete ihm: »Ich brauche dich. Lass mich nicht allein.«
Im Jahr 2002, als...
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