Bildung - Alles, was man wissen muß - Softcover

Schwanitz, Dietrich

 
9783442151479: Bildung - Alles, was man wissen muß

Inhaltsangabe

Unser Wissen ist im Umbruch, unser Bildungssystem in der Krise, der Ruf nach einem Kanon wird immer lauter. Dieses Handbuch bietet umfassende Neuorientierung hinsichtlich der Kernbestände unserer Kultur. Im ersten Teil „Wissen“ präsentiert Dietrich Schwanitz „alles, was man wissen muß“, um das „Bürgerrecht“ im Land der Bildung zu erwerben. Im zweiten Teil „Können“ geleitet Schwanitz den Leser unter anderem durch das „Haus der Sprache“, die Welt des Buches und der Schrift und bietet inspirierende Länderkunde. Eine Zeittafel, informative Kürzestfassungen von „Büchern, die die Welt verändert haben“, Tipps zum Weiterlesen und ein ausführliches Namenregister erhöhen den Gebrauchswert dieses Kompendiums.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Dietrich Schwanitz, geboren 1940, stammt aus dem Ruhrgebiet und wuchs bei mennonitischen Bergbauern in der Schweiz auf. Er studierte Anglistik, Geschichte und Philosophie in Münster, London, Philadelphia und Freiburg. Von 1978 bis 1997 lehrte er als Professor für Englische Literatur an der Universität Hamburg. Mit seinen Romanen „Der Campus“ (1995) und „Der Zirkel“ (1998) erreichte der Chefkritiker deutscher Hochschulpolitik ein Millionenpublikum. Sein Wissenshandbuch „Bildung“ (1999) entwickelte sich zum Top- und Longseller. Dietrich Schwanitz verstarb im Dezember 2004.

Aus dem Klappentext

"Lernen Sie 'Bildung - alles, was man wissen muss' von Dietrich Schwanitz auswendig. Anschließend sind Sie so schlau, wie Sie aussehen."
Mens Health

"Es macht Spaß, Schwanitz zu lesen. Und man lernt eine Menge dabei."
Ulrich Greiner, Die ZEIT

"Eine Blitztour durch Geschichte und Literatur, Kunst und Weltbilder"
Der Spiegel

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Schulen
Die Schulen leiden in Deutschland an einem quälenden Widerspruch: Die
Schüler sollen überall das gleiche lernen, damit die Abschlüsse -
vor allem das Abitur - wenigstens ungefähr das gleiche Niveau haben.
Aber jedes Bundesland macht seine eigene Schulpolitik, und wie die
aussieht, hängt von der Partei ab, von der es regiert wird. Weil aber
in einer Leistungsgesellschaft die Karrieren der Menschen vom Bildungssystem
abhängen, ist das Schulwesen zwischen den Parteien besonders umkämpft.
Deshalb gibt es die beiden Lager der SPD-Länder und der CDU-Länder.
Ein Herzensanliegen der SPD ist die Gesamtschule. Sie wurde auf Kosten
der Gymnasien besonders gefördert. Man wollte mit der Gesamtschule
die Klassengegensätze abbauen und die Chancen für alle erhöhen, durch
Bildung gesellschaftlich aufsteigen und ein reiches und erfülltes
Leben führen zu können. Außerdem hoffte man, daß die Gesamtschule
das fördern würde, was man "kommunikative Kompetenz" nannte und womit
man wechselseitiges Verständnis füreinander meinte.
Die CDU dagegen setzte weiterhin auf das dreigliedrige Schulsystem
mit Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen. Inzwischen kann man sagen,
daß von den Ergebnissen her die CDU diesen Streit gewonnen hat: Die
Gesamtschule hat nicht gehalten, was man sich von ihr versprach. Alle
Leistungsvergleiche beweisen: Gesamtschüler sind schlechter als Schüler
der Gymnasien und sogar als Realschüler vergleichbarer Stufen. Und
auch die Hoffnung, daß die Unterlegenheit im Intellektuellen durch
eine Überlegenheit in sozialer Kompetenz ausgeglichen wird, hat sich
nachweislich nicht erfüllt. Die Untersuchungen sind hier nicht kontrovers,
sondern belegen eindeutig: Gesamtschulen weisen eine höhere Gewalt-
und Kriminalitätsrate auf als andere Schulen, der Drogenkonsum ist
höher und die Rücksichtslosigkeit größer, dafür aber sind die Leistungen
in Deutsch und Mathematik geringer. Und im allgemeinen ist das Abitur
in Ländern, die lange von der SPD regiert wurden, leichter zu haben
als in solchen Bundesländern, in der die CDU ein Dauerabonnement auf
die Regierung hatte. Entsprechend wird von einem Abiturienten in Hamburg,
Nordrhein-Westfalen oder Hessen weniger verlangt als von einem Abiturienten
aus Bayern oder Baden-Württemberg. Trotzdem gilt das Abitur überall
als Zugangsberechtigung zum Studium, unabhängig davon, wo es gemacht
wurde. Das ist ungerecht in doppeltem Sinne: Der bayerische Abiturient
muß mehr leisten, um denselben Notendurchschnitt zu bekommen als sein
Hamburger Mitschüler; der Hamburger kann also leichter die Hürde der
Zulassungsbeschränkung eines Numerus-clausus-Faches überwinden. Andererseits
hat der Hamburger Hochbegabte keine Möglichkeit, so viel zu lernen
wie sein bayerischer Altersgenosse, weil er nicht so gefordert wird.
Bei den inflationierten (entwerteten) Zensuren hat er auch keine Chance,
sich auszuzeichnen, und sitzt so zusammen mit einem Haufen mittelmäßiger
Schüler im gleichen Boot. Bleibt ihm nur zu hoffen, daß seine Begabung
und der Zufall ihn nach Amerika führen, wo er dann bleiben wird.
Unter dem Eindruck dieser deprimierenden Ergebnisse haben die Vertreter
der Kultusbürokratie auf ein Mittel zurückgegriffen, das sich bewährt
hat und in verzweifelten Lagen immer wieder benutzt wurde. Dafür gibt
es viele historische Beispiele: Bekanntgeworden etwa sind die Dörfer
des russischen Fürsten Potemkin, der seiner Zarin mit transportablen
Fassaden eine Fata Morgana blühender Bauernsiedlungen vorgaukelte,
oder die gefälschten Statistiken des real existierenden Sozialismus
oder des Kaisers neue Kleider. Mit anderen Worten: Das Zaubermittel
bestand in der Aufrechterhaltung von Fiktionen, der Leugnung der Realität
und dem Ignorieren des Offensichtlichen. Die Kultusminister sind in
diesem Falle soweit gegangen, wissenschaftliche Untersuchungen zum
Leistungsvergleich der Schulen geheimzuhalten.
Deshalb gibt es das Paradox: Fast nirgendwo wird so viel gelogen wie
in der Bildungs- und Schulpolitik.
Dabei liegt der Haken des ganzen Konzepts in einem einfachen Fehler,
den jedes Kind genauso benennen könnte wie die Blöße des Kaisers:
Man verwechselt die Chancengleichheit am Anfang des schulischen Leistungswettbewerbs
mit der gewünschten Gleichheit der Ergebnisse am Ende.
Man konnte es einfach nicht ertragen, daß nach der Öffnung des Bildungssystems
für alle - unabhängig von der sozialen Herkunft - es ausgerechnet
die Schulen waren, die wieder neue Unterschiede schufen: Diese waren
nicht mehr Unterschiede der Herkunft, sondern Unterschiede nach Maßgabe
von Begabungen, Lernwillen, Einsatzfreude, Interesse und Ehrgeiz.
Was tat man? Man höhlte die fundamentale Sozialtechnik aus, auf der
aller Unterricht beruht: die Bewertung von Lernfortschritten durch
Zensuren, anhand derer ein Schüler sich selbst einschätzen, vergleichen
und motivieren kann.
Zensuren sind keine absoluten, sondern Vergleichsmaßstäbe; wie Geld
machen sie Unvergleichbares vergleichbar. Für jeden sehr guten Schüler
gibt es einen mittelmäßigen oder schlechten, der sich von ihm unterscheidet.
Ohne schlechte sind gute Schüler nicht zu haben. Das aber wurde geleugnet.
Die Zensuren wurden inflationiert. Das war wie bei der Inflation des
Geldes: Jeder hat zwar jetzt die Brieftasche voller Tausender, aber
dafür konnte er sich nichts kaufen. Jeder Schüler, der nicht direkt
schwachsinnig war, bekam jetzt eine passable oder sogar eine hohe
Punktzahl; aber sie war nichts mehr wert und hatte ihre Aussagekraft
verloren. Was in der Sprache die Phrasen, wurden in den Schulen die
Zensuren: sie bedeuteten nichts mehr.
Damit brachen an den Schulen die Normen zusammen. Für Jugendliche,
die von Haus aus sehr normativ denken, war das ein Anlaß, ihre Schule
geringzuachten; sie konnten sich mit so einer Institution nicht identifizieren.
Die Verachtung ergriff auch die Lehrer, die einem schrecklichen Schicksal
ausgesetzt wurden.

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Verlag: Eichborn, 2010
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