Ruth Rendell wurde 1930 in South Woodford/London geboren. Zunächst arbeitete sie als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Seitdem hat sie über dreißig Bücher veröffentlicht. Dreimal bereits erhielt sie den "Edgar-Allan-Poe-Preis" und zweimal den "Golden Dagger Award". 1997 wurde sie mit dem "Grand Masters Award" der Crime Writer's Association of America, dem renommiertesten Krimipreis, ausgezeichnet und darüber hinaus von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben. Ruth Rendell, die auch unter dem Pseudonym Barbara Vine bekannt ist, lebt in London.
"Der Name Ruth Rendell steht seit dreißig Jahren für psychologisch raffinierte, gesellschaftskritische und literarisch anspruchsvolle Spannungsliteratur."
Brigitte
"Ruth Rendell ist für mich die Beste. Ihre Krimis sind vom ersten Satz an großartig."
Donna Leon
"Ruth Rendell ist eine großartige Geschichtenerzählerin, die weiß, wie man den Leser in diesen Zustand höchster Spannung versetzt, der einen eine Seite nach der anderen verschlingen lässt."
Sunday Times
1
Ausnahmsweise kam er heute einmal früh nach Hause. Aber vielleicht würde das in der nächsten Zeit sogar zum Dauerzustand. Der August war nicht nur für gesetzestreue Bürger, sondern auch für Kriminelle der traditionelle Urlaubsmonat. Während er in seine Straße einbog, fiel Wexford ein, daß seine Enkel da sein würden. Das paßte gut. Es war noch reichlich drei Stunden hell, da konnte er mit ihnen zum Fluß gehen. Robin plagte ihn schon lange deswegen. Seit seine Mutter ihm »Der Wind in den Weiden« vorgelesen hatte, war es sein größter Wunsch, einmal eine Wasserratte zu sehen.
Vor dem Haus stand Sylvias Wagen. Sonderbar, dachte Wexford. Er war der Meinung gewesen, die Jungen würden über Nacht bei ihnen bleiben. Während er seinen eigenen Wagen vorsichtig an dem seiner Tochter vorbeimanövrierte, kam Sylvia im Laufschritt aus dem Haus, den brüllenden Ben auf dem Arm, gefolgt von dem sechsjährigen Robin, der ebenfalls alles andere als vergnügt aussah. Er lief auf seinen Großvater zu.
»Du hast mir versprochen, daß wir zu der Wasserratte gehen!«
»An mir soll's nicht liegen. Ich denke, ihr übernachtet bei uns?«
Sylvias Gesicht war puterrot - vor Zorn oder vielleicht auch nur vom Laufen, denn es war sehr heiß.
»Falsch gedacht, Dad. Mein lieber Ehemann hat wieder mal alle Pläne über den Haufen geworfen - und das ausgerechnet an unserem Hochzeitstag. Hör auf zu brüllen, Ben! Er bringt einen Kunden zum Abendessen mit, und ich darf natürlich wieder mal Köchin spielen und die Kinder holen.«
»Warum läßt du sie denn nicht hier?« fragte Wexford.
»Au ja«, krähte Robin. »Laß uns doch hier, Mammi, bitte!«
»Kommt überhaupt nicht in Frage. Warum mußt du ihnen auch noch Flausen in den Kopf setzen, Dad? Ich bringe sie jetzt nach Hause, soll Neil sehen, wie er sie ins Bett bekommt.«
Sie drängte die beiden Kinder in den Wagen und fuhr los. Die Fenster waren alle offen, und das Brüllen der beiden kleinen Jungen - Robin hatte jetzt in das Protestgeschrei seines Bruders eingestimmt - wetteiferte mit dem Brüllen des mißhandelten Motors. Wexford ging achselzuckend ins Haus. Es hatte offensichtlich eine Szene gegeben, aber so wie er seine Frau kannte, war sie gegen Aufregungen dieser Art weitgehend immun. Erwartungsgemäß saß sie seelenruhig im Wohnzimmer und sah sich das Ende einer Kindersendung im Fernsehen an. Im ganzen Zimmer lagen Bücher herum, auf einem hohen Stapel saß ein Teddybär.
»Was ist denn in Sylvia gefahren?«
»Emanzipation«, erklärte Dora Wexford. »Wenn Neil einen Kunden mitbringen will, soll er sich gefälligst selber um die Vorbereitungen kümmern, soll nachmittags heimkommen, putzen, den Tisch decken ... Die Kinder hat sie nur abgeholt, weil er sie schlafen bringen soll. Und auf dem Heimweg wird sie die Stimmung so aufheizen, daß er sich damit schwer tun dürfte.«
»Du liebe Güte! Und ich habe sie immer für ein halbwegs vernünftiges Mädchen gehalten.«
»Es ist der reinste Tick bei ihr. Monatelang geht das jetzt schon so. Ihr Männer seid die Herren der Welt, wir sind die Sklavinnen, unbedeutende Anhängsel.«
»Warum hast du mir davon nie etwas erzählt?«
Dora schaltete den Fernseher aus. »Du hattest deine Arbeit und hättest bestimmt keine Lust gehabt, dir nach Feierabend noch all diesen Unfug anzuhören. Mich hat sie tagtäglich damit berieselt.«
Wexford hob die Augenbrauen. »Es ist also Unfug?«
»So in Bausch und Bogen möchte ich das nicht sagen. Ihr Männer habt es nach wie vor besser in unserer Welt, da gibt es gar nichts. Verstehen kann ich es schon, daß es Sylvia nicht paßt, mit den Kindern zu Hause zu sitzen, und »ihr Leben zu vertun«, wie
sie es ausdrückt, während Neil auf der Erfolgsleiter immer höher klettert.« Dora lächelte. »Und dabei, sagt sie, hat sie ein besseres Abitur gebaut als er. Verstehen kann ich es schon, daß sie sich langweilt, wenn Ehepaare zu Besuch kommen, und die Männer mit Neil über Architektur diskutieren, während die Frauen sie in eine Erörterung über das beste Putzmittel fürs Bad verwickeln. O ja, verstehen kann ich das schon ...«
Ihr Mann sah sie an. »Geht dir das denn auch so?«
»Vergessen wir unsere lästige Tochter«, sagte Dora lachend. »Du bist so schön früh dran, daß ich gedacht habe, wir könnten nach dem Essen noch ein bißchen weggehen.«
»Gern.« Er zögerte einen Augenblick. »Aber - ihre Ehe ist doch nicht in Gefahr, oder? Ich habe mir immer eingebildet, daß die beiden sehr glücklich miteinander sind.«
»Hoffen wir, daß es sich wieder gibt. Wenn wir irgendwas sagen oder tun, machen wir wahrscheinlich alles nur noch schlimmer.«
»Bestimmt. Wohin gehen wir? Ins Kino? Oder ins Freilichttheater in Sewingbury?«
Ehe sie antworten konnte, läutete das Telefon.
»Es wird Sylvia sein«, sagte sie, »wegen Bens Teddy, den er bei uns vergessen hat. Gehst du bitte hin, Liebling? Und noch was, Reg: Sag ihr doch bitte, daß wir ihn im Vorbeifahren abgeben, ja? Heute habe ich schon lange genug seelischen Mülleimer gespielt.«
Wexford nahm ab. Daß es nicht seine Tochter war, die anrief, sah Dora, noch ehe er ein Wort gesagt hatte. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck.
»Nicht alle gehen im August auf Urlaub«, sagte er, als er aufgelegt hatte. »Eine Tote - knapp einen Kilometer von hier entfernt.«
Er zog den Schlips wieder fest und rollte die Hemdsärmel herunter. »Ich muß gleich los. Was wirst du tun? Am Fernseher herumschalten, bis ich ihn wieder reparieren darf? Du hast es bestimmt schon manchmal bereut, daß du mich geheiratet hast.«
»Bisher noch nicht, aber vielleicht kommt das noch ...«
Wexford lachte, gab ihr einen Kuß und fuhr zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
Kingsmarkham ist eine ansehnliche Stadt in Sussex. Forest Road, die letzte Straße, die postalisch noch zu Kingsmarkham gehört, geht von der Pomfret Road ab, aber um sie zu erreichen, nehmen die meisten Anwohner, um abzukürzen, den Fußpfad, der vom Ende der High Street über ein Feld führt. Wexford parkte seinen Wagen dort, wo der Fußpfad an den »Carlyle Villas«, zwei Einfamilienhäusern, in die Forest Road einmündet, und folgte dem Weg an einer hohen Ligusterhecke und Kleingärten entlang, bis er am Rand eines Wäldchens eine kleine Gruppe von Männern stehen sah.
Er erkannte Inspektor Michael Burden, Dr. Crocker, den Polizeiarzt, und zwei Fotografen. Burden kam auf ihn zu und sagte leise etwas zu ihm. Wexford nickte. Ohne einen Blick auf die Leiche zu werfen, ging er zu Detective Loring hinüber, der mit einem blassen, ziemlich aufgelöst wirkenden jungen Mann etwas abseits stand.
»Mr. Parker?«
»Ganz recht.«
»Sie haben die Leiche gefunden?«
Parker nickte. »Eigentlich mein Sohn.« Er selbst mochte kaum älter als fünfundzwanzig sein. »Aber ich glaube - ich hoffe jedenfalls, daß er es nicht mitgekriegt hat. Er ist erst sechs.«
Sie setzten sich auf eine der Bänke, die eine fürsorgliche Stadtverwaltung dort für die Senioren aufgestellt hatte. »Erzählen Sie mal«, forderte Wexford ihn auf.
»Ich hatte ihn zu meiner Schwester gebracht, damit meine Frau in Ruhe die beiden anderen ins Bett stecken konnte. Ich wohne in einem der Bungalows in der Forest Road, im Bella Vista, das Haus da drüben mit dem grünen Dach. Vorhin holte ich Nicky ab, er spielte mit seinem Ball, der plötzlich in das lange Gras unter der Hecke rollte. Nicky lief hinterher. »Da unten ist eine Frau«, sagte er. Ich hatte schon so ein komisches Gefühl, ging hin und - ja, also, ich weiß, ich hätte es nicht tun dürfen, aber ich hab ihre Jacke zurechtgezogen. Nicky ist doch erst sechs und - es war Blut da, es sah nicht schön aus.«
»Verstehe«, meinte Wexford. »Sonst haben Sie nichts berührt?«
Parker schüttelte den Kopf. »Ich habe Nicky gesagt, die Dame sei krank, und wir würden jetzt heimgehen und den Arzt anrufen. Ich glaube nicht, daß er kapiert hat, was los ist, ich hoffe es jedenfalls nicht. Ich brachte ihn heim und rief die Polizei an. Ehrlich, wenn ich allein gewesen wäre, hätte...
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