Carmen Rohrbach studierte Biologie und arbeitet heute als Reiseschriftstellerin, Kinderbuchautorin und Dokumentarfilmerin. Ihre Reise- und Entdeckerlust führte sie nach Südamerika, Afrika, Asien und Arabien
Mäusegeschichte und Legende
Die Maus begleitet die Geschicke des Menschen seit Urzeiten. Zuerst war sie eine willkommene Jagdbeute der steinzeitlichen Frauen. Die Frauen damals erstarrten nicht vor Schreck oder liefen schreiend davon, wenn sie beim Wurzelausgraben und Beerensuchen auf ein huschendes Mäuschen stießen, sondern sie erschlugen die Maus und warfen sie in den Kochtopf. So rettete gerade in Hungerzeiten, wenn die Männer ohne Jagderfolg heimkehrten, das Mausmenü vielen Menschen das Leben.
Als der Mensch sein Leben vor etwa 10000 Jahren grundlegend änderte und als erdschollengebundener Ackerbauer feste Siedlungen anlegte, fand die Maus in den Häusern Schutz vor Kälte und Feinden und in den Vorratslagern ein unerschöpfliches Nahrungsreservoir. In einem solchen Mäuseschlaraffenland vermehrten sich die Nager in Massen - die Mäuseplagen begannen. Im alten Ägypten drohten Hungersnöte, weil Mäuse die Kornspeicher leergefressen hatten. Obwohl es damals schon ihre Hauptfeindin, die Katze, gab, vermehrten sich die Mäuse oft in zu großer Zahl. Die Mäuse wurden als Schädlinge bezeichnet. Nicht nur, weil sie die Nahrungsvorräte der Menschen auffraßen, mehr noch, weil sie durch Kot und Urin die Speicher verunreinigten. Kamen sie jedoch nur vereinzelt vor, waren sie geduldete Mitbewohner in den Häusern der Menschen. So hat die Maus von Anfang an durch ihre Anwesenheit die Menschheitsgeschichte mitbegleitet.
Immer war ihre Rolle ambivalent: einmal als arger Schädling und Gottesstrafe bezeichnet, dann wieder als heiliges Tier verehrt und zum Mythos erhoben. Die pfiffige kleine Maus, die überall durchschlüpft, gilt als Überlebenskünstler. Als Held vieler Sagen und Legenden triumphiert sie mit Schlauheit und Verstand über pure tumbe Muskelkraft. In Tempeln wurde sie gepflegt und gefüttert, um sie zu Weissagungen zu benutzen. Man schrieb ihr prophetische Kräfte zu, denn die Menschen hatten beobachtet, daß Mäuse Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche und Stürme vorausahnten und durch ihr Verhalten (Massenflucht, panisches Umherlaufen, Furchtlosigkeit gegenüber Feinden) anzeigten. Mäuse wurden noch bis ins Mittelalter zur Herstellung von Medikamenten benutzt.
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