Als die Briefe ihres Bruders aus Afrika eintreffen, beginnt die junge Margarete davon zu träumen, ebenfalls dorthin zu gehen. 1907 bricht sie gemeinsam mit ihrem Mann Ulrich nach Deutsch-Ostafrika auf. Am Fuße des Kilimandscharo weiß sie sofort: Hier ist ihre Heimat.Margarete und Ulrich bauen eine Farm auf, die zu einem Paradies für sie und ihre Kinder wird. Doch im Gegensatz zu Margarete kann ihr Mann Afrika nur wenig abgewinnen. Verständnislos bleibt er zurück, wenn sie wochenlang durch die Savanne und den Busch reitet, auf der Jagd nach Löwen und Elefanten. Margarete gewinnt schnell das Vertrauen der schwarzen Einheimischen, die die weiße Jägerin unendlich bewundern. Je mehr sich das Ehepaar voneinander entfremdet, desto stärker wird Margaretes Liebe zu Anthimos, der ihre Leidenschaft für Afrika teilt. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs will er mit ihr Afrika verlassen. Doch Margaretes Herz hängt an diesem Land und an ihrer Farm ...
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Rolf Ackermann, 1952 in Duisburg geboren, hat mehrere Sachbücher und für alle namhaften Magazine und Zeitungen Europas geschrieben. Er gilt als Afrikakenner. Unter dem Pseudonym Manfred Morstein erschien zudem der in mehrere Sprachen übersetzte Bestseller Der Pate des Terrors (Nr. 1 in Österreich, Nr. 6 in Deutschland). In dieser Dokumentation beschreibt der Autor seine weltweiten Erfahrungen als ehemaliger Beamter und Experte für internationalen Drogenhandel und Terrorismus eines deutschen Nachrichtendienstes. Sein langjähriger Aufenthalt in Ostafrika hat ihn zu seinem Roman Die weiße Jägerin inspiriert, der 2005 bei Droemer erschienen ist. Zurzeit lebt Rolf Ackermann wieder in Afrika.
»Wenn Elefanten kämpfen,leidet das Gras unter ihnen «
Julius Nyerere (ehem. tansanischer Staatspräsident)
Die letzten Sonnenstrahlen ließen den Oldoinyo le Engai in wundersamer, erhabener Schönheit erstrahlen und kolorierten Ostafrikas Steppen in den Pastellfarben Caspar David Friedrichs. Das Land war weit und schön und wunderbar friedlich. Die sanften goldgelben Grashügel kokettierten mit langen Schatten. Weit ausladende Akazienbäume streckten
ihre fingerlangen weißen Dornen der untergehenden Sonne entgegen; kleine Bäche schlängelten sich, matt glänzenden Nattern mit blauen Rückenstreifen gleich, durch die Weiten;
Berge mit magischen Namen umringten die Ebenen; die Luft war erfüllt vom schweren, süßlichen Duft der Leleshwa-Blätter. Aus den nahen Galeriewäldern des Flusses hallte das
dumpfe Echo dahinstampfender Elefanten zu den Hütten; Hunderte, Tausende, nein, Hunderttausende Zebras, Gnus und Antilopen verharrten in erwartungsvoller Anspannung
am Flussufer.
Wie ein von mächtiger Hand geformter Naturaltar ragte der vom Volk der Massai als »Berg Gottes« verehrte Vulkan Oldoinyo le Engai in den Abendhimmel. Am Horizont türmten sich mächtige Kumuluswolken wie Berge aus Licht und Schatten zu einem herannahenden Gewitter auf. Als wolle Engai, der Gott der Massai, auf die makellose Schönheit seines Werkes hinweisen, kreierte er am Firmament zaghaft das Kreuz des Südens und ließ einen weiß glühenden Kugelblitz über das Land hin zu seinem Berg rollen. Der trockene Knall des ihn begleitenden Donners hallte an den Hängen des Vulkans wider. Die Natur duckte sich erschrocken. Alle Tiere erstarrten in Ehrfurcht. Die Kinder unter der inmitten der schier unendlichen Massai-Steppe stehenden Schirmakazie rückten zusammen und starrten mit angsterfüllten Augen auf den alten Mann, der ihnen gegenüber mit dem Rücken zum Baum saß.
»Das sind die Zeichens Engais, unseres Gottes«, sprach Masiani ole Chieni. Der Alte mit dem kahl geschorenen Schädel und dem starren Cape aus dem buschigen, braunen Fell des Baumschliefers blickte Ansehen heischend in die Runde der auf dem Boden sitzenden Kinder, die sich nicht trauten, dem alten Mann in die Augen zu schauen. Denn ihr Laibon, des meistgeachtete, meistgefürchtete Älteste, hatte schon seit Geburt nur ein Auge, dessen starrer Blick nicht nur Kinder ängstigte.
»Einst, so haben es uns die Urahnen unseres Volkes unseren Großvätern und Vätern schon erzählt, nannte Engai drei Söhne sein Eigen. Jeden der drei Söhne bedachte er mit einem
Geschenk: Der erste Sohn erhielt einen Speer, um seinen Lebensunterhalt als Jäger zu bestreiten; der zweite eine Hacke, um das Land zu bearbeiten; und der dritte einen Stock zum Hüten des Viehs. Dieser dritte Sohn, Natero Kop genannt, gilt als der Urvater der Massai, die seit jener Zeit stolze Besitzer großer Viehherden sind und im Schutze des Berges Lengai unzählige Sonnenaufgänge und feurige Abenddämmerungen erlebt haben und ihre Rinder hüten, die in den endlosen Savannen grasen. Einem Storch gleich manchmal auf einem Bein stehend, wacht der Hirte über das, was Engai ihm gegeben hat. Und « Die beschauliche Zusammenkunft unter dem Baum wurde plötzlich unterbrochen von einem Schrei aus der nahe gelegenen Manyatta. Es war ein Schrei, der den Tod in sich trug: gellend, schmerzerfüllt, nur kurz und doch grausam.
Die Kinder starrten zu den Hütten der nächstliegenden -Manyatta. Jeder im Dorf wusste, dass Nasira, die jüngste Frau der sieben Frauen des Kriegers Mojo ole Chieni, ein Kind erwartete. Hastig sprangen die Kinder auf und rasten los. Masiani ole Chieni war der Älteste des Stammes und ob seiner Alters und der damit einhergehenden Weisheit zum Laibon, aber auch zum Propheten, geistigen Führer, Wahrsager, Ritualexperten und Heilkundigen des Stammes auserwählt. Trotz des Schreis verharrte er regungslos unter der Akazie. Nasira, die Frau, die soeben geschrien hatte, war seine Schwiegertochter, Ehefrau seines Sohnes Mojo. Und doch blieb der Alte sitzen, schenkte der hörbaren Aufregung keinerlei Aufmerksamkeit. Mit seinem einzigen Auge fixierte er stattdessen einen fernen Punkt am Himmel, wo sich die Wolken unheilvoll zu einem Unwetter zusammenzogen. Sein Auge glänzte eigentümlich. »Es ist Olasera ingumok, der Farbenreiche, der dort in der Ferne zu mir spricht«, murmelte der Greis, verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem, was er dort am Firmament in einer sonderbaren Wolken- und Farbkonstellation zu sehen glaubte, und sprach in die Ferne: »Engai tajapaki tooinaipuko inono Gott, nimm mich unter deine Obhut!« Dann stand er schwerfällig auf und ging zu den Hütten. Mojo, sein Sohn, kam ihm auf halbem Wege entgegen.
»Vater, Nasira, die schönste und ehrfurchtsvollste meiner sieben Frauen, hat mir einen Sohn geboren, bevor sie den friedlichen Weg zu Engai beschritt.«
»Ich weiß, mein Sohn. Ich weiß! Der Farbenreiche hat zu mir gesprochen. Er zeigte sich soeben am Himmel in einem dahin gehauchten Zartrosa, gleich dem eines jungen Flamingos, und ließ einen Weißkopfadler aus dem Himmel herniedersausen, um uns eine Nachricht zu überbringen. Geh, Mojo, und rufe die Ältesten zusammen. Auch du, der nach mir als Laibon die Menschen unseres Stammes mit Weisheit und Rat begleiten wirst, komme zu uns. Wir müssen eine Engidong halten. Denn Engai hat uns Zeichen gesandt, die wir mit unserem Verstand, der so klein ist wie der einer Siafu-Ameise, nicht verstehen und daher deuten müssen.« Eine halbe Stunde später trafen sich die ältesten Männer des Massai-Stammes auf einem Hügel nahe dem Fluss. Das Kreuz des Südens stand sehr klar und scheinbar zum Greifen nahe über den ostafrikanischen Weiten. Der Mond versteckte sich ängstlich hinter einer furchterregend großen Regenwolke über dem Berg Oldoinyo le Engai. Myriaden von Sternen erhellten die Nacht. Irgendwo ganz in der Nähe tat ein Löwe seinen Unmut über das hoch lodernde Feuer, um das herum sich die Massai zusammengesetzt hatten, durch ein dumpf-bronchiales Grollen kund. Starke Windböen zerrten an den togaähnlichen, ockerfarbenen Umhängen der Männer.
»Dieser Sturm trägt das Böse in seinem Bauch«, orakelte einer der Ältesten und resümierte: »Der Wind ist in Aufruhr, die Wolken des Himmels verzerren sich zu Fratzen und die Tiere unten am Fluss in den Ebenen blöken und brüllen seit einer halben Stunde so laut und ängstlich, wie sie es zu tun pflegen, bevor sie sich sammeln, um auf die Große Wanderung zu den saftigen Weiden im Norden des Landes zu gehen. Aber es ist noch nicht die Zeit gekommen, dass sie davonziehen. Und daher weiß ich, dass Großes, vielleicht Gutes, vielleicht auch Unheilvolles geschehen wird. Lasst uns eine Engidong durchführen, auf dass uns Mbatian und Nelion, unsere großen Ahnen, den Geist geben, ihre Prophezeiung zu verstehen.«
Die Männer rollten eine trockene Kuhhaut auf dem Boden aus und kramten aus kleinen Ledertäschchen mehrere farbenprächtige, daumengroße, von der Zeit glatt geschliffene Flusssteine hervor. Der Laibon Masiani ole Chieni murmelte mystische Worte vor sich hin, als er die Steine wieder und wieder über die Kuhhaut rollte, sie zählte, ihre Farbnuancen interpretierte und sie schließlich nach mehr als einer Stunde in einer ihm bedeutungsvoll erscheinenden Konstellation liegen ließ, um seine Prophezeiung zu machen. Die anderen Männer schauten ihn erwartungsvoll an. Angst, aber auch grenzenlose Hochachtung lag in ihren Blicken, als der einäugige Alte zu sprechen begann: »Der heutige Tod von Nasira, der Frau meines Sohnes Mojo, und das aus ihrem Tode zu Leben erwachte Kind werden einen neuen Laibon für den Stamm der Matapato-Massai hervorbringen.«
»So soll es sein«, kommentierten die Männer die Worte des Alten einstimmig.
»Doch ich sehe auch einen furchterregenden weißen Schatten über das Land und über das Volk der Massai huschen, mit Augen aus Glas und mit seidigem, dunklem Haar. Der Schatten wird diesen unseren neu geborenen Laibon auf immer und ewig begleiten, so wie der Tag der Nacht...
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