Cilla und Tina sind Zwillingsschwestern und unzertrennlich. Jede freie Minute verbringen sie zusammen. Kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag passiert das Schreckliche. Die beiden rennen dem wartenden Schulbus hinterher, es gibt einen riesigen Knall – und Cilla liegt leblos auf der Straße.
Noch am gleichen Tag stirbt sie im Krankenhaus an den Folgen. Tina versteht nicht, was der Tod ihrer Schwester für sie bedeutet. Sie guckt in den Spiegel, sieht ihre Schwester und redet mit ihr. Tina hat Angst, verrückt zu werden. Ganz langsam beginnt Tina, ihren Weg alleine zu gehen.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Peter Pohl, geboren 1940 in Deutschland, kam noch während des Zweiten Weltkriegs nach Schweden, wo er heute noch lebt. Er zählt zu den großen Kinder- und Jugendbuchautoren der Gegenwart. Bereits für seinen Erstling ›Jan, mein Freund‹ erhielt er in Schweden die Nils-Holgersson-Medaille und in Deutschland den Jugendliteraturpreis im Jahr 1990. Mit diesem Preis wurde er 1995 noch einmal für den Roman ›Du fehlst mir, du fehlst mir!‹ ausgezeichnet.
Frühling, April, und im Rosenhof sitzen zwei Mädchen, Cilla und Tina. Die beiden sind eineiige Zwillinge und werden im Sommer vierzehn Jahre alt. Doch das wird Cilla nicht mehr erleben - sie wird bald bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen. Cillas Unfall ist das Grauenhafteste, was ich je erlebt habe, und ich erzähle es lieber gleich, dies soll nämlich keine spannende Story mit einem effektvollen Schluß sein, der so lange wie möglich geheimgehalten werden muß, sondern ein Bericht über Tina, die übrigblieb und versuchen mußte, in einem Leben ohne Cilla aufrecht zu stehen und das Gleichgewicht zu halten. Und diejenige, die dies erzählt, bin ich, Tina, aber ich weiß, daß ich es nicht schaffen werde, »ich« zu sagen, wenn ich erzähle, daher sage ich lieber »sie«. (...)
Überraschend viele glauben, daß es irgendwie besonders interessant ist, Zwillinge zu sein, vor allem eineiige Zwillinge, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Aber interessant ist wohl doch nicht das richtige Wort. Die Zwillinge Tina und Cilla vereint ein starkes Band, das nicht besonders viel mit der äußeren Ähnlichkeit zu tun hat. Eher handelt es sich darum, einander so nahe zu sein, daß die eine manchmal ein Teil der anderen ist. Manchmal wird die Liebe so beschrieben, und wenn dies die richtige Definition der Liebe ist, haben Tina und Cilla das Glück, schon früh von der Liebe berührt worden zu sein. Und dafür ist »interessant« nicht das richtige Wort.
Interessant, natürlich muß jeder, der unvorbereitet auf zwei gleiche Exemplare des normalerweise so einzigartigen Menschen stößt, das interessant finden. Aber man gewöhnt sich daran, alle Freunde von Cilla und Tina haben sich daran gewöhnt. Als die Mädchen nach den relativ idyllischen ersten sechs Schuljahren in die weiterführende Schule in der Stadt überwechselten, kam eine neuen Gewöhnungsphase auf sie zu. Schon die Tatsache, zu zweit zu sein, war ungewöhnlich.
Die Mädchen traten zwar ziemlich verschieden auf, doch es dauerte seine Zeit, bevor die Umwelt das entdeckte. Cilla trug sackartige Sachen, oft Blazer oder ausgebeulte Herrenjacken. Tina dagegen war eher normal mädchenhaft gekleidet. Was dieser oberflächliche Unterschied auch für eine tiefergehende Bedeutung haben mochte, auf jeden Fall führte er dazu, daß Cilla oft als etwas sonderbar galt, während Tina sich leichter ihrer Umgebung anpaßte, jener Umgebung, die das Normale bevorzugt.
Wer als etwas sonderbar gilt, wird von manchen mit gewissem Respekt behandelt, während andere darin einen willkommenen Anlaß für Boshaftigkeiten sehen. Kaufst du deine Kleider »second-hand«? wurde Cilla manchmal gefragt. Das ging ja noch. Dagegen ging es überhaupt nicht mehr, als drei Jungs aus der Achten sie plötzlich umkreisten und dabei die Worte auf sie abfeuerten: »Ich hasse sie! - Ich hasse sie noch mehr! - Ich hasse sie am meisten! Nein, ich! - Nein, ich...«
Das war zuviel. Zuviel für Cilla und zuviel für Tina, die gerade in einen der drei verknallt war. Jähes Ende der Liebe. Tina baute sich an der Seite ihrer Schwester auf. »Was, ihr seid bloß zu dritt gegen eine! Scheißschwächlinge, holt doch noch Verstärkung, aber warnt sie rechtzeitig, jetzt sind wir nämlich zu zweit!« In diesem Augenblick sahen sie tatsächlich gleich aus! Die zornblitzenden Augen, die Schimpfkanonaden... Die Jungs versuchten, das doppelte Bild wegzuzwinkern, waren aber bald keinen Schuß Pulver mehr wert. Der Respekt vor den Zwillingen wuchs zusehends. Du und ich wir sind ein und dieselbe, geliebte Schwester mein.« ...
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