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Fundbüro: Roman - Softcover

Lenz, Siegfried

 
9783423133364: Fundbüro: Roman

Inhaltsangabe

Die Geschichte eines jugendlichen Außenseiters: ein einnehmender, souverän erzählter Roman voll menschlicher Anteilnahme und liebenswertem Witz.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Siegfried Lenz, der am 17. März 1926 in Lyck, einer kleinen Stadt im masurischen Ostpreußen geboren wurde, zählt zu den bedeutendsten Autoren der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Nachdem Lenz aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, ging er nach Hamburg und studierte Philosophie, Anglistik und deutsche Literaturgeschichte, ehe er 1950/51 als Redakteur für die "Welt" arbeitete. Von 1951 bis zu seinem Tod am 7. Oktober 2014 lebte er als freier Schriftsteller in Hamburg. Bereits mit seinem ersten Roman gelang es ihm, die Kritik und die Leser für sich einzunehmen, und bis heute zeichnet sich Lenz' Werk dadurch aus, dass es menschliche Schicksale und aktuelle gesellschaftliche Fragen auf eine Weise verknüpft, die literarisch ambitioniert die Bedürfnisse breiter Leserschichten nicht vernachlässigt. Weite Teile des Lenzschen Werkes sind geprägt durch die Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Problemen (etwa die Romane "Der Mann im Strom", 1957, oder "Brot und Spiele", 1959, einer der wenigen geglückten Sportromane der deutschen Literatur) und mit dem Dritten Reich bzw. seiner Verarbeitung. Zu Lenz' größtem Erfolg wurde dabei der 1968 erschienene Roman "Deutschstunde", der auch internationalen bahnbrechend wurde. Wie der junge Siggi Jepsen darin die Geschichte seines Vaters, eines norddeutschen Polizisten, der es im Nationalsozialismus für seine Pflicht hält, das Malverbot seines Freundes Nansen zu überwachen, erzählt, ist eine bis heute bestechende Demaskierung eines pervertierten Pflichtbegriffs und wurde von vielen als befreiende künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema verstanden. Der "Deutschstunde" folgten viele große Romane ("Heimatmuseum", 1978, "Der Verlust", 1981, "Exerzierplatz", 1985 oder "Die Auflehnung", 1994), die Lenz unverrückbar an die Seite der ‚großen' deutschen Gegenwartsautoren wie Heinrich Böll, Günter Grass oder Martin Walser stellten. Sein Werk umfasst alle literarische Gattungen: Lenz arbeitete für das Theater ("Zeit der Schuldlosen", 1961), schrieb Hörspiele ("Haußuchung", 1967) und Essays ("Über den Schmerz", 1997), und für viele Leser ist er nicht zuletzt ein Meister der "kleinen Form". Seine oft humoristisch grundierten Erzählbände wie "So zärtlich war Suleyken" (1955), "Lehmanns Erzählungen" (1964) und "Der Geist der Mirabelle" (1975) belegen dies trefflich. Siegfried Lenz wurde für sein Œuvre mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet, darunter der Gerhart-Hauptmann-Preis, der Bayerische Staatspreis für Literatur, der Thomas-Mann-Preis, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, der Lew-Kopelew Preis für Frieden und Menschenrechte 2009 und zuletzt der Nonino-Preis 2010 für sein Werk. Am 18. Oktober 2011 wurde ihm zudem die Ehrenbürgerwürde seiner Geburtsstadt Lyck verliehen. Seine Auszeichnungen galten dem literarisch unvergleichlichen Werk, und sie rühmten immer auch das unerschrockene Engagement des Autors. Siegfried Lenz verstarb am 07. Oktober 2014.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Endlich hatte Henry Neff das Fundbüro entdeckt. Heiter betrat er den kahlen Vorraum, in dem nur ein schwarzes Schreibpult stand, setzte die Segeltuchtasche ab, zwischen deren Griffen ein Hockeyschläger lag, und nickte dem alten Mann zu, der vor dem breiten Schiebefenster stand und -anscheinend zum wiederholten Mal - einen Klingelknopf drückte. Hinter dem Schiebefenster, in der Tiefe eines nur ahnbaren Raumes, ertönte ein seltsam schepperndes Geräusch, es hörte sich an, als hakte der Klöppel mitunter und drosch danach besonders eilig auf der Glocke, und nach einer Weile näherten sich Schritte, die aus großer Ferne zu kommen schienen. Der alte Mann, der dunkel gekleidet war und zu weißem Hemd eine schwarze Krawatte trug, sah Henry erleichtert an, er bewegte die Lippen so -, als probierte er vorsorglich Wörter -, er beklopfte seine Taschen, ohne zu finden, was er suchte, und als eine dunkle Silhouette hinter der Milchglasscheibe erschien, strich er sich übers Haar und zog seine Krawatte nach.
Das Fenster wurde hochgewuchtet, und Henry erblickte zum ersten Mal Bußmann, Albert Bußmann mit seinem verdrossenen Gesicht, in dem zu weiten fleckigen Blaumann, der ihn bei gewissen Bewegungen zu umwehen schien. Auf seinen anfragenden Blick ließ Henry dem alten Mann den Vortritt - er hier, der Herr war vor mir da -, lehnte sich gegen das Schreibpult, sah mit vergnügter Neugierde einer Verhandlung zu, die er demnächst vermutlich selbst führen würde - fast kam es ihm so vor, als sollte er noch vor seinem Einstellungsgespräch Anschauungsunterricht erhalten.
Der alte Mann gab an, sein Portemonnaie verloren zu haben, auf dem Bahnhof, bei der Fahrkartenausgabe, ein braunes Portemonnaie, das Leder alt und schon ein wenig rissig. Bußmann nickte gleichmütig, für ihn schien es ein Allerweltsverlust zu sein, er fragte kaum nach, er blickte nur ausdauernd auf die Hände des alten Mannes, wandte sich dann wortlos um und ging zu einem metallenen Schrank, dem Wertsachenschrank, den er mit zwei Schlüsseln aufschloß. Obwohl er ihnen den Rücken zukehrte, bekam Henry mit, wie er da hantierte, wie er etwas ergriff, befingerte und wieder zurücklegte, sich schließlich für einen Gegenstand entschied, den er in die große Tasche des Blaumanns gleiten ließ. Er gab nicht zu erkennen, ob er gefunden hatte, was der alte Mann vermißte, er fragte lediglich, welch ein Monogramm auf dem Portemonnaie drauf sei, und der alte Mann fragte verwundert zurück: "Monogramm? Was für ein Monogramm?" damit gab Bußmann sich schon zufrieden und wollte dann wissen, ob der alte Mann sich an die Summe erinnern könnte, die er bei sich trug. "Ja, nein, das heißt doch", sagte der alte Mann, "es waren achthunder Mark, bevor ich die Fahrkarte kaufte, eine Karte nach Frankfurt, ich will zum Begräbnis meiner Schwester." Und dann erinnerte er sich auch, daß die Karte zweihundertdreißig Mark gekostet hatte, mit Aufschlag, worauf Bußmann feststellte: "Demnach müssen noch fünfhundertsiebzig Mark in ihrem Portemonnaie sein", und ohne die Miene zu verziehen, reichte er dem alten Mann die Geldbörse und sagte: "Hier zählen sie nach, wir bekommen eine Bearbeitungsgebühr von dreißig Mark."
Und als läse er aus einem Fundsachen-Service vor, fügte er hinzu: "Ein Finderlohn ist nicht zu entrichten, da ein Bahnpolizist die Fundsache eingeliefert hat."
Eilfertig zählte der alte Mann die geforderte Summe ab, dankte knapp, wollte schon verschwinden, da reichte Bußmann ihm zwei Formulare und wies ihn an, alle Sparten auszufüllen, gleich hier, am Pult.
Henry lächelte, er beglückwünschte den alten Mann und trat an ihm vorbei und nickte anerkennend Bußmann zu, der ihn mit monotoner Stimme fragte: "Welch einen Verlust wollen sie anmelden?"
"Mein Name ist Henry Neff", sagte Henry.
"Gut", sagte Bußmann, "und was vermissen Sie?"
"Nichts", sagte Henry vergnügt, "noch nichts, ich soll mich hier melden, im Fundbüro."

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