Im Netz der Mafia: Die Geschichte der Giuseppina Vitale
Giuseppina Vitale ist die erste Bezirkschefin mit Befehlsgewalt in der Geschichte der sizilianischen Mafia. Aufgewachsen als jüngstes von fünf Geschwistern in einer Bauernfamilie, kommt sie schon früh mit kriminellen Machenschaften, der Cosa Nostra und einer Welt voller Gewalt in Berührung, in der sie zum verlängerten Arm ihrer älteren Brüder wird. Als auch der letzte ihrer Brüder wegen Zugehörigkeit zu einer mafiösen Vereinigung im Gefängnis sitzt, wird sie zur Chefin des Clans erhoben. Sie ist die erste Frau in der Cosa Nostra, die ein Amt mit so viel Einfluss innehat. Giuseppina führt das Leben ihrer Brüder weiter, bis auch sie verhaftet wird – und um ihrer Kinder willen als Kronzeugin aussagt.
Hier erzählt sie ihre Geschichte: authentisch, spannend und in einer Unmittelbarkeit, der man sich als Leser nicht entziehen kann.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Giuseppina Vitale, geboren 1972, ist eine der wenigen Frauen in der Cosa Nostra, die als Chefin einem Clan vorstanden. Nach ihrer Verhaftung sagte sie als Kronzeugin vor Gericht aus. Heute lebt sie zusammen mit ihren Kindern im Zeugenschutzprogramm – weit weg von Sizilien und von ihrer Familie.
Camilla Costanzo, geboren 1973, hat ihre Geschichte aufgeschrieben. Sie arbeitet als Journalistin und Drehbuchautorin.
Was man über mich sagt
Man sagt von mir, ich sei die erste »Ehrenfrau«, die erste Mafia-Angehörige, die als Kronzeugin ausgesagt hat. Die Zeitungen haben sich darauf gestürzt: »Das Geständnis des weiblichen Bosses. Giuseppina Vitale, Schwester zweier unbeugsamer Mitglieder der Cosa Nostra, stand an der Spitze des mächtigen und grausamen Clans in Partinico. Die Mafia-Lady, die mächtiger sein wollte als ihre Bosse . Der Boss im Minirock .„ Bei den Clans hält das Matriarchat Einzug. Ihr Bruder Leonardo, der gerade eine Strafe absitzt, sagt: >Ich habe gehört, dass eine ehemalige Blutsverwandte mit der Polizei kollaboriert. Wir sagen uns von ihr los, ob lebendig oder tot, was sie hoffentlich bald sein wird. Sie ist ein giftiges Insekt!<«
All die, die mich tot sehen wollen, nennen mich nuddu ammiscatu cu' nente, einen Niemand, vermischt mit dem Nichts. Aber dieses »Nichts« hat sie alle in die Knie gezwungen; damit ihre Kinder nicht so leben müssen wie ich. Damit sie kein Leben führen müssen, in dem die Liebe zur Familie zu einer tödlichen Falle wird.
1998 wurde ich verhaftet. Während ich einsaß, brachten sie meinen Sohn zu mir. Er war damals sechs Jahre alt. Er fragte mich, warum ich ins Gefängnis gekommen war, und dann: »Mama, was ist die Mafia?« Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Ich nahm ihn in den Arm, setzte ihn auf einen Stuhl und versuchte es ihm zu erklären. Ich sagte zu ihm, dass die Mafia eine schlimme Sache sei und dass ich es ihm besser erklären würde, wenn er größer sei. Aber seine Frage ließ mir keine Ruhe. Ich fing an, ernsthaft über mein Leben nachzudenken, über meine Entscheidungen, die keine gewesen waren, und darüber, was ich für meine Kinder wollte. Für sie, für Francesco und Rita, habe ich jegliches Band zu meiner Vergangenheit gekappt.
Angst und Sugo
An manchen Abenden stand die Zeit still.
Ich war erst sechs Jahre alt, aber ich konnte im Gesicht meiner Mutter lesen wie in einem Buch: Nervosität, Anspannung, Zweifel, Fragen _ und Angst, eine Angst, die sie nur schlecht verbergen konnte, weil sie ihre Gesichtszüge verzerrte. Doch der Schein der Normalität wurde immer aufrechterhalten.
Meine Schwester Nina folgte ihr wie ein Schatten, wiederholte die immer gleichen Gesten und Handgriffe, die uns alle beruhigen sollten. Wir waren gerade mit dem Abendessen fertig; auf dem Gasherd die leeren Töpfe, auf dem Tisch die schmutzigen Teller, Brotkrümel. „ und drei unberührte Gedecke. In der Luft hing der Duft von Tomatensoße, der sich mit einem anderen, durchdringenderen Geruch vermischte. Ich nahm ihn wahr, hatte aber noch keinen Namen dafür: den Geruch der Angst.
Mein Vater Giovanni schien sich in eine fimmina, eine Frau, verwandelt zu haben: Er half den Tisch abzuräumen, bewegte sich mechanisch, und in seinen blauen Augen war eine große Leere. Wir wagten nicht einmal, uns ins Gesicht zu sehen. Wir warteten auf sie, ohne zu wissen, ob sie zurückkommen würden.
Als sie das Haus verließen, hatten sie leise miteinander gesprochen, wissende Blicke getauscht, waren hektisch und fahrig gewesen und hatten ihre Anspannung nur mühsam im Zaum halten können. Sie sagten uns nie, wohin sie gingen, und wir fragten sie auch nicht.
Von draußen, vom Dorf, war kein Geräusch, kein Laut zu hören. Durch die angelehnte Tür, die zur Straße führte, drang nur Dunkelheit.
Mit einem Mal wurde die Tür aufgerissen: Meine Brüder waren zurück. Leonardo, Michele und Vito kamen herein wie die Furien, verschwitzt, mit Augen, die aus den Höhlen zu treten schienen. Sie rochen irgendwie süßlich und gleichzeitig streng: nach Blut und Adrenalin. Sie brüllten uns Befehle zu, ohne uns dabei anzusehen. Sie hatten den Albtraum, dem sie gerade entronnen waren, mit nach Hause gebracht, und wollten ihn so schnell wie möglich aus der Erinnerung löschen.
Ihre Kleider und Schuhe flogen durch den Flur.
»Mama, wasch sofort diese Sachen, auch die Schuhe! Mach schnell!«, schrie Leonardo.
Und meine Mutter gehorchte, ohne Fragen zu stellen. Das Geschrei war überflüssig. Sie wusste ohnehin, was sie zu tun hatte. Und sie tat es immer schweigend.
Die Fardazza und der Drachen
Obwohl ich erst sechs war, wusste ich schon genau, wer ich war. In einem Ort wie Partinico erklärt einem keiner was, aber wenn man ins Dorf geht, bekommt man mit, wie die Leute reden und Andeutungen machen. Und wir waren die Fardazza. Sie nannten uns so: die Fardazza. Meine Mutter hasste es, so genannt zu werden, es klang irgendwie schmutzig, grob. Man hatte uns diesen Namen verpasst, nachdem mein Vater sich einen Lamborghini-Traktor gekauft hatte. Er war riesig, rot und glänzend, und mein Vater war sehr stolz auf ihn. Als er ihn zum ersten Mal auf dem Feld einsetzte, fiel den Nachbarn, die ihm dabei zusahen, wie er mit der Egge den Boden umpflügte, auf, dass die umgegrabenen Erdschollen besonders groß waren und auf dem Acker regelrechte Hügel bildeten.
»Sieh mal, Giovanni, was der Pflug für Haufen aufwirft!«
Von da an hieß mein Vater Giannino Fardazza, Onkel Giannino der Erdschollen. Und wir waren die Fardazza. Später nannten sie uns dann den »Fardazza-Clan«. Aber die Leute hüteten sich, diesen Namen in unserer Gegenwart auszusprechen.
Was meine Brüder getan hatten, erfuhr ich aus dem Radio, dem Fernsehen und den Gesprächen der Leute. Im Dorf beschuldigte man sie niemals öffentlich, verfluchte aber die malacarni, die Verbrecher, die einen Familienvater umgebracht oder ein Warenlager in Brand gesetzt hatten.
Sie waren wütend, schimpften und fluchten. Auch wenn ich noch ein Kind war, wusste ich, dass sie meine Brüder nicht ausstehen konnten, und dafür hasste ich sie alle. Ich liebte Nardo (so nennen wir Leonardo bis heute), Michele und Vito so sehr, dass ich überhaupt nicht auf die Idee kam, sie könnten »die Bösen« sein. Die Bösen waren die anderen, die schlecht über meine Brüder redeten, aber nicht den Mut hatten, etwas gegen sie zu tun.
Überhaupt tat niemand jemals etwas. In meiner Kindheit war Partinico, dreißig Kilometer westlich von Palermo gelegen, tiefstes, starrstes, dem Gesetz des Schweigens unterworfenes Sizilien, beinahe schlimmer als Palermo selbst. Die Landschaft ist wunderschön: Felder, Weinberge, Zitrusbäume. Der Regisseur Damiano Damiani hat hier einige Szenen seines Films Der Tag der Eule gedreht, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Leonardo Sciascia. Die Hauptdarsteller waren Franco Nero und eine wilde, umwerfend schöne Claudia Cardinale. Dieser Flecken Erde war meine ganze Welt. Sie erstreckte sich zwischen dem Dorf, den Feldern und dem künstlich angelegten Stausee Jato, der es uns möglich machte, unser Land in Baronia, einem Örtchen nahe Partinico, zu bewässern. Mit sechs Jahren interessierst du dich nicht dafür, was im Rest der Welt passiert. Und ich wusste auch wenig darüber.
Man schrieb das Jahr 1978, und auch Italien kümmerte sich nicht groß um Sizilien. Am 16. März hatten die Roten Brigaden Aldo Moro entführt, den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden der Demo- crazia Cristiana. Man fand seine Leiche am 19. Mai nach 55 Tagen Geiselhaft mitten im Zentrum Roms in einem Kofferraum.
Es waren die Jahre der »Strategie der Spannung«, des linken und rechten Terrorismus, und am 9. Mai ging auch die Ermordung Peppino Impastatos, eines jungen Kämpfers auf Seiten der Democrazia Proletaria, auf das Konto des Terrors. Man fand ihn tot auf den Gleisen der Zugstrecke Palermo - Trapani, auf der Höhe von Cinisi, seinem Heimatdorf. Man ging davon aus, dass ihn die Bombe, die er selbst hatte legen wollen, getötet hatte. Der Corriere della Sera titelte: »Linksextremer von eigener Bombe auf Bahngleisen zerfetzt.« Es war nur eine kleine Notiz, die in der allgemeinen Trauer um Aldo Moro unterging.
In Wirklichkeit war Giuseppe Impastato von der Mafia »zerfetzt« worden - auf Befehl von Don Tano Badalamenti. Badalamenti war...
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