Das Kind im Spiegel: Wie Bewusstsein entsteht - die ersten drei Lebensjahre - Hardcover

Fernyhough, Charles

 
9783421043962: Das Kind im Spiegel: Wie Bewusstsein entsteht - die ersten drei Lebensjahre

Inhaltsangabe

Die ersten 3 Jahre: wie ein Kind sich und die Welt entdeckt

Seit Jahren ist der Psychologe Charles Fernyhough fasziniert von der Entwicklung des kindlichen Bewusstseins. Mit der Geburt seiner Tochter Athena nimmt das Thema auf wunderbare Weise direkt vor seinen Augen Gestalt an. Aus nächster Nähe und mit der Liebe eines Vaters erlebt und beschreibt er die bedeutsamen Transformationen des Kleinkindalters, durch die sich ein schreiendes Neugeborenes in eine soziale, moralische, intelligente und seiner selbst bewussten Person verwandelt.

In den ersten drei Lebensjahren vollziehen sich in praktisch jedem Bereich der menschlichen Psyche viele tief greifende Veränderungen. Tatsächlich muss ein Baby innerhalb der ersten 1000 Tage ganze Arbeit leisten: Es muss lernen, zwischen Objekten und Personen zu unterscheiden. Es muss Kontrolle über die eigenen Handlungen erlangen, die Fähigkeit erwerben, über seine Erfahrungen zu sprechen und sich selbst darin als unverwechselbare Person wahrzunehmen.
In einer einzigartigen Mischung aus Biografie und neurowissenschaftlicher und philosophischer Beobachtung schildert der Entwicklungspsychologe Charles Fernyhough die ersten 36 Monate seiner Tochter Athena. Er gibt dabei nicht nur einen Überblick über die wichtigsten Ideen der großen Kinderpsychologen Wygotsky, Piaget und Bowlby und den aktuellen Forschungsstand, sondern geht vor allem auch der Frage nach, wie und ab wann ein Bewusstsein entsteht und schließlich in die Phase der Selbsterkennung – Das Kind im Spiegel bin ja ich! – mündet.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Charles Fernyhough wurde 1968 in Essex geboren. Er promovierte 1995 an der Cambridge University in Entwicklungspsychologie mit einer Arbeit über die Frage, warum Kinder mit sich selbst sprechen. Im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit steht das Phänomen des privaten Sprechens, der individuellen Unterschiede in der Eltern-Kind-Interaktion und er untersuchte die Bedeutung von Vygotskys Theorien in der heutigen Entwicklungspsychologie, vor allem die Thesen über die dialogische Natur der höheren mentalen Funktionen.
Charles Fernyhough arbeitet heute als Dozent für Psychologie. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in der Grafschaft Durham. Auf Deutsch ist bislang von ihm der Roman „Der Auktionator” (2001) erschienen.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte, also fragte ich sie. »Athena?«
Sie fütterte mich gerade mit etwas Kaffeesatz von einem Teelöffel. Es war ein kalter, sonniger Vormittag im Juni, und die Kauflustigen hatten das Stadtzentrum von Sydney den Teilzeitvätern und ein paar Bürogehilfinnen, die in Eile waren, überlassen. Wir saßen in einem Café im ersten Stock des Queen-Victoria-Gebäudes und spürten den winterlichen Luftzug, der von der nahe gelegenen Rolltreppe kam. Athena war fast drei.
»Weißt du noch, wie es war, ein kleines Baby zu sein?«
»Nein.«
»Erinnerst du dich an irgendetwas aus der Zeit, als du ein Baby warst?« »Nein.«
Sie fuhr weiter mit dem Teelöffel am Rand der leeren Tasse entlang.
»Mehr? Mehr?«, bot sie an. »Soll ich dich füttern?«
Gehorsam beugte ich mich vor, und sie beförderte eine weitere Portion des metallisch schmeckenden Kaffeesatzes aus den Tiefen der Tasse in meinen Mund.
»Als du ein winzigkleines Baby warst, wie war das?«
»Weiß nicht. Weiß ich noch nicht.«
Noch nicht. Würde es ihr gleich wieder einfallen?
»Kannst du dich an etwas erinnern, was wir zusammen gemacht haben?«
»Ach, das fragst du immer«, seufzte sie.
Ich lehnte mich zurück, ein bisschen überrascht vom Tonfall meiner Tochter. Während ich zusah, wie sie entschlossen und leicht schielend weiter die Reste aus meiner Kaffeetasse kratzte, fragte ich mich, ob ich ihr diese Frage tatsächlich schon einmal gestellt hatte. Wahrscheinlich hatte ich schon einige dieser Fragen ausgebrütet, die genauso unmöglich zu beantworten und vermutlich nicht weniger absurd gewesen waren.
»Das liegt daran, dass es mich interessiert.«
»Warum?«
»Weil es interessant ist. Weil du interessant bist.« Sie legte den Teelöffel geräuschvoll auf der Untertasse ab. »Du musst jetzt klatschen, und ich bin das Schweinchen!« »Erinnerst du dich?« »Klatschen! Du musst klatschen!«
Ich klatschte. Der Applaus, der aus dem Old Vienna Coffee House kam, löste verdutzte Blicke bei einigen Büroangestellten aus, die mit Kaffee-Pappbechern an uns vorbeieilten.
»Athena, als du ein winzigkleines Baby warst, was für Spiele haben wir da gespielt?«
»Tja, damals«, antwortete sie mit großer Ernsthaftigkeit, »haben wir wohl immer >Fangen< gespielt.«
»Was war, bevor du laufen konntest, als du noch ein ganz kleines Baby warst? Kannst du dich erinnern, wie es war, ein winzigkleines Baby zu sein?«
Sie zog den Strohhalm aus ihrem Orangensaft und trompetete einige klebrig warme Spritzer in meine Richtung. Ich spürte einen schwachen Anflug vertrauter Verzweiflung.
»Kannst du dich daran erinnern, wer auf dich aufgepasst hat, als du ein kleines Baby warst?«
»Mama.«
»Wer noch?«
Sie sah zu mir hoch, den Strohhalm immer noch zwischen den Zähnen. Blonde Haarlocken kringelten sich in ihren Augenwinkeln. Die blauen Regenbogenhäute waren groß und klar. Meine Fragen schienen an ihr abzuprallen. Sie waren einfach nur die neueste Ladung dieses Blödsinns, der auf sie abgefeuert wurde und den es abzuwehren oder zu ertragen galt. Aber ich brauchte ihre Antworten. Etwas Außergewöhnliches war mit unserem brüllenden Neugeborenen von vor drei Jahren geschehen, und sie war die einzige wahre Zeugin dieses Geschehens. Ich hatte ihre Transformation von außen beobacht et und genauestens dokumentiert, wie sie sich in dieses quirlige Zentrum der Erfahrung verwandelt hatte, mit dem ich, wenn ich es ein bisschen bedrängte oder bestach, fast eine Unterhaltung führen konnte. Allerdings war sie die Einzige, die es durchlebt hatte. Ich hatte meine Notizbücher, meine Aufzeichnungen, meine Theorien, aber auch die sorgfältigste Beobachtung stößt irgendwann an ihre Grenzen. Ich war darauf angewiesen, dass meine Probandin sich selbst erinnerte.
Dann lächelte sie. Jedenfalls denke ich gern, dass sie gelächelt hat.
»Papa«, sagte sie.


Rückblickend ist mir klar, dass ich sehr viel von einem so kleinen Kind verlangte. Wenn Athena so war wie ich oder wie jeder andere Mensch, den man mit dieser Frage konfrontierte, würde sie sich nur an sehr wenige Einzelheiten aus ihren ersten zwei oder drei Lebensjahren erinnern können. Ganz gleich, wie man die Frage stellt, niemand scheint nachweislich korrekte Erinnerungen an seine ganz frühe Kindheit zu haben. So wie es aussieht, ist das kleine Kind nicht einfach ein unbeschriebenes Blatt, eine tabula rasa - es ist nur antihaftbeschichtet. Die Ereignisse des Lebens setzen sich noch nicht fest. Über diese Tatsache hat man sich, wie Sigmund Freud einmal anmerkte, viel zu wenig gewundert.
In der Psychologie beginnt man allmählich besser zu verstehen, warum Erinnerungen an unsere frühesten Lebensjahre nicht bis in die spätere Kindheit oder darüber hinaus erhalten bleiben. Was wir über das Gedächtnis wissen, ist, dass verschiedene Arten von Informationen auf unterschiedliche Weise geordnet werden. Informationen über Fakten fließen in das System des sogenannten »semantischen« Gedächtnisses ein, Informationen über persönliche Erlebnisse (unser »autobiografisches Wissen«) wandern in ein anderes System. Mit ihren knapp drei Jahren war Athena bereits mit bestimmten Fakten über die Welt vertraut, wie etwa mit ihrem Geburtsdatum oder der Tatsache, dass »Wynyard« die erste Bahnstation nach der Harbour Bridge war. Doch die Fähigkeit, ihr Wissen über persönliche Erlebnisse zu ordnen, entwickelte sich gerade erst. Sie war noch keine Autobiografin. Ihre eigene Lebensgeschichte war - für sie - noch kein Thema.
Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der Umgang mit Informationen über unser eigenes Leben mehr erfordert als das bloße Behalten von unpersönlichen objektiven Wissenselementen. Um behaupten zu können, man habe semantisches Wissen von, sagen wir, der Hauptstadt eines bestimmten Staates, muss man einfach nur die Tatsache als solche kennen: Man muss sich nicht an den spezifischen Moment erinnern, in dem man diese Information aufgenommen hat.
Doch wenn es um die Einzelheiten des eigenen Lebens geht, macht eben diese persönliche subjektive Qualität das Wesentliche unserer Erinnerung aus. Zwar war Athena imstande, Fakten über ihre eigene Vergangenheit zu verarbeiten. Sie hatte ein phänomenales Gedächtnis für verschiedene Arten von biografischen Informationen, zum Beispiel für Versprechen, die wir ihr in einem schwachen Moment gegeben hatten, oder für die Kleidung, die sie an einem bestimmten Ort getragen hatte. Doch den Besuch dieses Ortes selbst konnte sie nicht rekonstruieren; sie konnte sich nicht selbst ins Zentrum der Erinnerung stellen. Tatsächlich deuten jüngste Ergebnisse der Gedächtnisforschung darauf hin, dass sich dieser spezielle, subjektive Aspekt des Gedächtnisses möglicherweise erst ab etwa der Mitte des dritten Lebensjahres entwickelt.

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