Der Boxermacher: Manfred Wolke & seine Champions - Hardcover

Schulz, Torsten

 
9783378010598: Der Boxermacher: Manfred Wolke & seine Champions

Über die Autorin bzw. den Autor

Torsten Schulz ist seit mehreren Jahren in der ISDN-Branche beschäftigt. Neben Tätigkeiten in der Entwicklung, Qualitätssicherung und im Support arbeitet er auch an verschiedenen Produktdefinitionen mit. Zur Zeit ist er technischer Ansprechpartner zu ISDN für den Bereich Pre-Sales der Firma Eicon.Diehl.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Fortführung der ASK-Spitzengruppe. Das Team - Wolke, Maske, Schulz - trainiert schließlich und endlich, ab September 1990, in einer eigenen Halle. Vorbei die Zeit des Herumfahrens, des Da-und-dort-Trainierens in den vergangenen vier Monaten. Die Halle - Teil eines Lokschuppens der Deutschen Reichsbahn - ist nur 65 Quadratmeter groß, der Boxring dementsprechend relativ klein. "Den Ring hab' ick selbst hergestellt", erzählt Wolke, und der besondere Eifer, der Pioniergeist jener Tage, ist ihm dabei deutlich anzumerken. "Ick hab' Ringseile geholt, die waren zu lang. Da hab' ick se kürzer gemacht und selber gespannt. Die Halle, so kleen se auch war, da hab' ick mich wohl gefühlt. Ick hab' beim Training Henry und Axel im Genick gestanden. Nee, 'n Notnagel war det nich. Det war voll und ganz unsre Geschichte, da wollten wir gar nich raus. Das Problem war nur die Heizung. Ständig vergaßen die von der Reichsbahn zu heizen. Da bin ick gar nicht ins Bett gegangen, sondern nachts um zwei los. Oder früh um fünf 'n Wecker gestellt. Dann hin und zwei Karren Holz rauf. Manchmal haben wir trotzdem bei 10 Grad trainiert. Aber da waren Henry und Axel Kerle. Wir sagten uns: Die Scheiße wollten wir, jetzt haben wir se." Maske und Schulz waren auch, abgesehen von den Phasen der unmittelbaren Kampfvorbereitungen, Sparringspartner füreinander. "Ick hätte Henry nie so entwickeln können ohne Axel", sagt Wolke. "Und umgekehrt genauso. Henry war am Anfang weiter als Axel, aber es wurde immer knapper. Axel hat schließlich ganz klar mitgehalten." Erst 1995 zieht das Team in die Halle um, in der Wolke und seine Boxer heute noch trainieren. 1995, da ist Maske bereits seit über einem Jahr Weltmeister, und Wolke trainiert nicht mehr nur ihn und Schulz, sondern auch die Gebrüder May, Torsten und Rüdiger. Torsten, der Olympiasieger von 1992, soll die Nachfolge von Maske antreten, wenn der seine aktive Laufbahn beendet hat. Rüdiger, mit seinen einundzwanzig Jahren noch sehr jung, soll langfristig für die Weltspitze aufgebaut werden. 180 Quadratmeter mißt die neue Halle, auch wieder gemietet von der Reichsbahn. An das Rattern der Züge und das Quietschen der Wagen auf den Abstellgleisen gewöhnt man sich schnell. Das gehört bald zu den vertrauten Trainingsgeräuschen. Die Gruppe ist da; nun werden die Erfolge kommen, aber auch die Zerwürfnisse. Vorerst hat alles noch seine relativ harmonische Ordnung: Primus unter Chef Wolke ist Henry Maske, schon in der DDR Vorzeigeboxer und nun bei den Profis Weltmeister der IBF im Halbschwergewicht. Den Kampf gegen Williams hat er klar gewonnen. Er hat kontrolliert aus der Verteidigung heraus geboxt, den Gegner auf Distanz gehalten und ihn auf diese Weise sukzessive zermürbt. Er hat so geboxt, wie Wolke es ihn gelehrt hat. Und Wolke hat ihm das gelehrt, was Maskes physische, vor allem aber psychische Gegebenheiten nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll gemacht haben. "Die Natur irrt sich nicht", sagt Wolke. Es ist einer seiner Standardsätze. Er meint damit: Maske ist ein kontrollierter Mensch, der aus einer permanenten Verteidigungssituation heraus lebt. Zudem verkörpert Maske wie kein anderer die sogenannte Frankfurter Boxschule: Treffer vermeiden; der Kopf entscheidet den Kampf; intellektuelles Boxen, das von manchen abfällig mit dem Begriff Scheibenwischer- oder Fensterputzer-Stil belegt wird. Für diesen Stil steht wiederum Wolke als Trainer. Schon als Boxer stand er dafür. Insofern ist Maske die Entsprechung Wolkes. Im Vergleich zu Maske stand Axel Schulz zunächst an zweiter Stelle. Bald aber war er mehr als nur der Sparringspartner für die Nummer eins, denn er hatte die Gunst seiner Gewichtsklasse: Die Schwergewichtler sind die Könige des Boxens. Schwergewichtler stehen am stärksten im Blickpunkt der Öffentlichkeit; verdienen, wenn sie in der Spitze sind, das meiste Geld. 1987 hatte sich die Klubleitung des ASK von Axel Schulz, dem seinerzeit Neunzehnjährigen, verabschieden wollen: Leistungsstagnation, keine Perspektive. Er wäre aus der Leistungssportgemeinschaft entlassen worden, ohne Wenn und Aber. Da jedoch nahm Wolke um zu sich in die Spitzengruppe. "Axel machte sofort 'ne Kehrtwendung", sagt Wolke. "Wurde '88 DDR-Meister." Axels Dankbarkeit gegenüber Wolke verband sich mit einem anderen, existentiellen Punkt: Der Trainer wurde in gewisser Weise sein Vater-Ersatz. Der leibliche Vater hatte die Familie frühzeitig verlassen und sich fortan nicht gekümmert. Vielleicht war es nichts anderes als die klassische Initiation - als Erziehungsaufgabe traditionell dem Vater zugeschrieben -, die Axel in der Leistungssportgemeinschaft und speziell beim Boxen suchte. Diese Initiation, die Wolke gleichsam an dem Neunzehnjährigen vornahm, dankte der ihm mit einem enormen Leistungssprung. Er rechtfertigte Wolkes Vertrauen, indem er DDR-Meister wurde und 1989 bei der Weltmeisterschaft in Moskau die Bronzemedaille gewann. Kein Wunder also, daß Axel der Klubleitung des ASK einen Korb gab, als die ihn im Mai 1990 fragte, ob er als Amateur weitermachen wolle, zumindest bis zu den Olympischen Spielen 1992. Für Torsten May - ein Jahr jünger als Axel - war Olympia '92 in Barcelona der Zielpunkt. Wolke hatte ihn, neben Axel, 1987 in die Spitzengruppe genommen und insofern ebenfalls vor einem Ende der Karriere bewahrt. Seitdem ging es auch bei ihm leistungsmäßig bergauf. Mit dem Glück des Tüchtigen, genauer gesagt: der tatkräftigen Unterstützung des ABBA-Vizepräsidenten Karl-Heinz Wehr, errang Torsten May die ersehnte Olympiagoldmedaiile. Wehr konnte es mit Geschick und Beziehungen arrangieren, daß der Hoffnungsträger trotz einer erheblichen Cutverletzung über dem rechten Auge den Finalkampf bestreiten durfte. Nach dem Olympiasieg fiel er aber in ein Motivationsloch, aus dem wiederum Wolke ihn herausholte: Torsten May dachte ans Aufhören und sah sich bereits nach einer Perspektive jenseits des Boxens um, als Wolke auf ihn zukam und fragte, ob er Profi werden wolle. "Torsten is'n Kopfsportler", sagt Wolke. "Da ging's immer rauf und runter. Aber ick konnte ihn immer wieder hinkriegen." Auch Torsten May war durch seine Anlagen und in der Art, wie er boxte, ein Vertreter der Frankfurter Boxschule. Ohne Wolke hätte er nicht den Mut gehabt, zu den Profis zu gehen. Ein knappes halbes Jahr später - Ende 1993 - folgte Rüdiger May seinem Bruder und komplettierte gewissermaßen als Benjamin die Wolke-Crew. Und diese Crew war im Grunde genommen nichts anderes als die Fortführung der ASK-Spitzengruppe. "Wir haben doch schon immer trainiert wie die Profis", sagt Wolke. "Nun waren wir auch welche." Dann sagt er aber auch: "Ick hätte noch zwei Boxer dazunehrnen sollen und 'nen Assistenztrainer. Seh' ick heute so. Damals dacht' ick nicht dran. Wir konnten ja nicht sicher sein, daß wir so groß rauskommen ... Wenn ick mich hier erweitert hätte, dann hätte man in Köln gar kein Camp aufmachen müssen." Diese Anspielung ist unmißverständlich: Das Cologne-Camp, das Sauerland 1996 nach den Olympischen Spielen in Atlanta aufmachte, wird von Wolke durchaus kritisch gesehen. Nach Olympia '96 ließ sich Ulli Wegner, der ebenfalls aus der DDR stammt, mit seinen besten Boxern, Sven Ottke und Markus Beyer, von Sauerland einkaufen. Heute steht Wegner mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit als Wolke. "Aber det wird sich wieder ändern", sagt Wolke.

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.