Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin?: Briefe eines europäischen Flaneurs 1895 - 1900 - Hardcover

Kerr, Alfred

 
9783351028749: Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin?: Briefe eines europäischen Flaneurs 1895 - 1900

Inhaltsangabe

1. Aufl. 1999 421 S. Hardcover mit Schutzumschlag 14*22 Berlin : Aufbau-Verl.,

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Über die Autorin bzw. den Autor

Alfred Kerr (ursprünglich Kempner), ist 1867 in Breslau geboren, studierte Literaturwissenschaft in Berlin beim großen Erich Schmidt. 1905 veröffentlichte er sein erstes Buch bei S. Fischer: "Das neue Drama". Mitarbeit als Kritiker vornehmlich an "Der Tag", dem von ihm geleiteten zweiten "Pan" und dem "Berliner Tageblatt". 1933 Flucht aus Deutschland. Mühselige Existenz in London. Zwei Bücher im Exil: "Die Diktatur des Hausknechts und Walther Rathenau". "Erinnerungen eines Freundes." 1948 erlitt Alfred Kerr als Besucher in Hamburg einen Schlaganfall.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Badeanstalten in Berlin und Paris

In Berlin ist ein Mann infolge der Hitze tobsüchtig geworden. Sein Beruf war in der Zeitung
nicht angegeben. Möglich, daß er Feuilletonist war. In Paris war die Hitze groß, in London
noch größer, und die französischen Blätter konnten mit etwas Galgenhumor schreiben: »Diese
Köter, die Angelsachsen, übertrumpfen uns auf jedem Gebiet, selbst in Hitze.« Man kann sich
vorstellen, daß der Verfasser dieses Scherzes noch weit bessere Scherze macht, wenn
geringere Hitze ist. Bezeichnend für die kleinen Verhältnisse Berlins, daß an den
Wettersäulen das Quecksilber nicht hoch genug klettern konnte. Die Vorrichtungen fehlten.
Die Leute dort haben den großen Zug nicht. Sie können sich kaum denken, daß etwas ins
Kolossalische anwächst. Immer gemäßigt; Mittelzone; Durchschnitt. Wenn dann so ein
Ereignis kommt, erklären sie die Natur für exaltiert und halten sich für die Vernünftigeren.
Kalte Bäder sind an so heißen Tagen sehr angenehm. Ich glaube nicht, daß der vorhergehende
Satz ein Paradoxon enthält. In Berlin vollziehn sich diese Bäder so, daß das Wasser des
Flusses zur Erfrischung und zur Verunreinigung des Leibes beiträgt. In Paris wird ja auch
mancherlei in die Seine gegossen, was den, sozusagen, Nachtseiten des menschlichen Körpers
entstammt. Aber der Fluß an sich ist generöser; nicht so mickrig, ruppig, schielend,
mißtrauisch, verstunken und kleinlich wie die Spree. Auch die Lagunen stinken - gewiß; der
Canal Grande sogar heftig. Doch es ist ein Gestank, der den großen Zug hat. Er wirft einen
ganzen Menschen um. Die Spree riecht nur schlecht.
In Berliner Badeanstalten sieht man in der heißen Zeit gute Turnleistungen. Wenn die Männer
und Knaben springen, bieten sie einen gerundeten und korrekten Anblick. In Paris springen
sie auch - und es ist ein großes Vergnügen, in ihrer Gesellschaft wochenlang jeden Tag in der
Seine herumzuplätschern, deren Pariser Ufer sich von unten am schönsten ansehn -, aber ihre
Sprünge wirken nicht heroisch, nicht stramm, nicht tadelooooos. Sie springen geschickter;
aber weniger tadelooooos. Man muß unbedingt die Beine schließen, beim Kopfsprung, so daß
der Körper, durch die Luft schießend, eine Einheit bildet, gewissermaßen einen Strich. Die
Pariser aber fallen wie eine Sternschnuppe, die sich grenzenlos freut. Sie haben keine Würde
und schließen die Beine nicht, ces misérables. Sie fallen durchs Universum und tauchen mit
Heiterkeit in die grüne Flut ihres geliebten Flusses, ihres liebsten Flusses, der nicht wie unser
Rhein eine Tagereise von der Hauptstadt entfernt ist. Vorsehung, warum fließt der Rhein nicht
durch Berlin? Er wird sich hüten. Was ich sagen wollte: in einer Berliner Badeanstalt fürchtet
man immer, Keile zu bekommen. Ich werde das Gefühl nie los. Unsere Bevölkerung hat
diesen Wesenszug in sich, einen jugendfrischen Wesenszug; und wer bei uns auf
Körperverletzungen immerhin von vornherein gefaßt ist, ist weise. Die positive Gesinnung,
die Goethe dem ersten seiner starken Gesellen in den Mund legt, äußert sich auch im
Spreebad:

Wenn einer mir ins Auge sieht,
Werd' ich ihm mit der Faust gleich in die Fresse fahren.

Es gibt kein ganz ruhiges Naturgenießen, kein friedvolles Sinnenidyll, wenn immer etwas
Senge im Hintergrund lauert. Auch wenn man hier zum Spaß ins Wasser gestoßen wird,
wächst an der in Betracht kommenden Stelle kein Gras mehr. In Frankreich vollzieht sich
alles in viel zarteren Formen. Wir stellen uns dieses Volk meistens falsch vor. Ich glaubte
auch, bevor ich hinkam, eine stolze, temperamentsheiße, aggressive Rasse dort zu finden.
Aber ich fand ein ganz zartes, feines, leises Volk, mit einem etwas müden Zug von vieler
Kulturarbeit, mit einer wundersamen stillen Liebenswürdigkeit, mit leisem, natürlichem,
ausgeglichenem Wesen, mit ruhiger Heiterkeit, gutmütig und beinahe kindlich. Ihr linder
Himmel freut sie, ihr reiches Land gibt ihnen, was sie brauchen, die Arbeiter leben besser als
unsere Achtgroschenrentiers, sie tunken nach dem Braten ihre Artischockenblätter in die
geliebte Sauce aus Pfeffer, Salz, Essig und Öl, trinken Wein in Fülle, und in der besten
Erdbeerzeit halten sie darauf, allmittäglich einen gehäuften Teller dieser Früchte mit dicker
süßer Sahne zu begießen und sie hierauf zu verschlucken; und noch der Erbärmlichste trinkt
zum Schluß einen Café au cognac. Es ist das Land, das heut den Abstieg angetreten hat, auch
in schweren Krisen besonderer Art schwebt, in dem aber doch der einzelne sich weit
glücklicher fühlt als der einzelne in anderen geordneten positiven und straff regierten
Ländern, die auf der Höhe der Situation stehen. Es ist das Land, das vor hundert Jahren seine
Könige losgeworden ist; und die Leidenszüge - von den Schmerzen, welche die Bewohner
vorher durchgemacht -, die Leidenszüge haben ihr Antlitz vermenschlicht und verschönt; und
die geistige Arbeit hat ihr Gesicht sozusagen durchseelt. Es ist das Land, das zwar keine
großen Dichter besitzt, das aber von oben bis unten durchtränkt ist von Literatur; das Land,
wo auf den Straßen der letzte Strolch nicht nur unbegrenzte Achtung vor der Gewalt des
Wortes des Intellektes und vor der Macht der Kunst hat - wo auch die verkommensten
Bummler, um ihre kleinen Waren an den Mann zu bringen, künstlerische Abstufungen und
Abschattungen entwickeln, die uns besseren Erdenwandlern an die innerste Seele greifen und
ein fast schmerzliches Lächeln hervorrufen. Es ist das Land, wo ein kleines
Straßenfrauenzimmer, eine ruppige, elende, mit schiefgetretenen Absätzen, die auf
Montmartre an etlichen absinthtrinkenden Herren vorbeistreicht, in Entsetzen gerät, weil sie
Absinth nach dem Diner trinken, statt vorher, und ausruft - in einem ganz unbewußten
Vollgefühl einer selbstverständlichen, überlieferten Kultur: »Oh, mais, ça - ce n'est pas
français!« Es ist das Land, wo eine der stärksten Redewendungen, die einem Menschen
entgegengeschleudert wird, nur lautet:
»Vous n'êtes pas gentil.« Es gibt zum Beispiel Deutsche, die vor dem Café Mazarin sitzen
und wütend werden, wenn ein Hausierer nicht von der Pelle geht, obgleich er ihnen gratis die
wundersamsten Reden hält und Kunststücke vormacht - und sie werden schließlich wütend,
benehmen sich wie die Wilden und brüllen, er solle fortgehen, gereizt und übermüdet von den
Dingen, die sie gesehen haben, und aus eingeborener Unausstehlichkeit. Es ist eine peinliche
Szene. Der Hausierer nimmt sein hüpfendes Kaninchen, oder was er sonst hat, und sagt im
Abziehn bloß: Vous n'êtes pas gentil. In Berlin würde er zum mindesten murmeln: » - - - - !«
Hier spricht er aber laut und feinfühlig: vous n'êtes pas gentil.

30. Juli 1899

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Verlag: btb Verlag, 2001
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