Abstieg in den Ruhm, Helene Weigel. Eine Biographie (Aufbau-Sachbuch) - Hardcover

Kebir, Sabine

 
9783351025014: Abstieg in den Ruhm, Helene Weigel. Eine Biographie (Aufbau-Sachbuch)

Inhaltsangabe

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EAN: 9783351025014

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Sie sprach leise, sehr leise. Aber ihre Stimme war, auch wenn sie Härte zeigte, ungeheuer schmeichelnd. Deshalb hörte man ihr zu. Mit der Stimme umschmeichelte sie nicht das Publikum, sondern die Worte, die sie sprach. Man hörte ihr zu, obwohl das Stück, in dem sie in ihren letzten beiden Lebensjahrzehnten am häufigsten auftrat, an Überzeugungskraft verloren hatte und eigentlich nur noch als ein historisches zu verstehen war: Die Mutter von Bertolt Brecht nach Maxim Gorki. Und doch haben sich viele Menschen in vielen Ländern das Stück angeschaut. Und sei es nur dieser Schauspielerin wegen. Sie selbst trat ganz zurück hinter die Worte, die dadurch besondere Aufmerksamkeit erregten. Sie schien auf der Bühne das Gegenteil von dem zu tun, was Stars tun, um die eigene Virtuosität möglichst großartig herauszukehren. Mit ihrer Technik, die mit den magischen Begriffen >Verfremdungseffektepisches Theaterasiatischg1e< gerutscht war,8 hat Helene offenbar nie gestört. Sie sollte es schon früh als willkommene Möglichkeittler Distanzierung von der Familie empfinden. "Ich stamme aus einem ziemlich sparsamen, aber nicht sehr armen Elternhaus", erzählte sie Hans Bunge9 1959 in einem der von ihr nur ungern und äußerst selten gewährten Gespräche "Mein Vater war Prokurist in einer Firma, die Stoffe herstellte." Die Großeltern hatten im mährischen Auspitz eine kleine Fabrik besessen, "die haben Druckstoffe hergestellt, so für Schürzen, Buntdrucke". Die Mutter führte als junge Frau ein Spielwarengeschäft, das sie auch behielt, als sie Kinder hatte. "Als mein Vater dann Prokurist und dann auch, glaube ich, Direktor wurde, hat er das nicht mehr für passend gehalten, ein Lädchen. Und das Lädchen wurde aufgegeben. Das war sehr hübsch, verbindet sich aber für mich nur mit etwas deprimierenden Eindrücken, weil ich die Puppen nie bekam, die ich wollte. So wie Schusterskinder keine Schuhe haben, hab ich kein Spielzeug gehabt. Das Gewöhnliche." Frustriert war Helene nicht nur wegen vorenthaltenem Spielzeug. Mutter und Großmutter gingen einmal pro Woche ins Theater, dachten aber nicht daran, Stella und Helene auch nur ein einziges Mal ins Burgtheater auszuführen. Die Weigel hat es ihrer Mutter nie verziehen, daß die sie nicht einmal zum letzten triumphalen Auftritt des großen Josef Kainz10 mitgenommen hatte, der als Marc Anton am 12. Mai 1910 seine Karriere beendete. In der Erinnerung hielt sie sich damals für einen Teenager von "dreizehn" oder "vierzehn" Jahren. In Wirklichkeit fand dieser letzte Auftritt des damals berühmtesten deutschsprachigen Schauspielers genau am 10. Geburtstag des offensichtlich sehr frühreifen Kindes statt, das sich den Theaterbesuch wahrscheinlich heiß gewünscht hatte. "Ich hab den Kainz nie gesehen. Ich hab überhaupt die große Garnitur des Burgtheaters nie gesehen."11 Eine wesentliche Quelle, aus der die spätere Schauspielerin ihre Darstellungskraft schöpfte, war das Interesse, Wirklichkeit bis ins kleinste Detail zu erfassen und zwar sowohl allgemeinmenschliche als auch sozial gebundene Wirklichkeit. 1969 hat sie in einem Gespräch mit Werner Hecht12 über eine "erschreckende Sache" berichtet, "die mich als junges Mädchen tief entsetzt hat und die ich erst später richtig verstanden habe: Meine Großmutter, die ich sehr gern hatte, lag im Sterben - und ich habe eigentlich mit großer Kälte zugeschaut, wie sich das abspielte. Ich war sechzehn Jahre alt! Ich habe mir dann die ungeheuerlichsten Vorwürfe wegen Roheit, Gefühlskälte gemacht. Aber zu Unrecht. Ich hatte meine Umwelt betrachtet. Das tut sicher jeder Mensch, aber man macht es intensiver, wenn man zum Schauspielertalent tendiert."

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Verlag: Aufbau Taschenbuch, 2002
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