Der traurige Blick in die Weite: Geschichten von Heimatlosen - Hardcover

Köhlmeier, Michael

 
9783216304858: Der traurige Blick in die Weite: Geschichten von Heimatlosen

Inhaltsangabe

1999 207 Seiten, OPappband mit OSchutzumschlag und Lesebändchen, 22,2 x 13,8 cm Franz Deuticke Verlagsgesellschaft, Wien - München,

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Über die Autorin bzw. den Autor

Michael Köhlmeier, 1949 in Hard am Bodensee geboren, lebt in Hohenems / Vorarlberg und Wien. Bei Hanser erschienen u. a. die Romane »Abendland« (2007), »Zwei Herren am Strand« (2014), »Matou« (2021), »Frankie« (2023), »Das Philosophenschiff« (2024) und »Die Verdorbenen« (2025), außerdem Gedichtbände«, »Die Märchen« (mit Bildern von Nikolaus Heidelbach, 2019) und der Essayband »Das Schöne. 59 Begeisterungen« (2023). Michael Köhlmeier wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 2017 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie dem Marie Luise Kaschnitz-Preis für sein Gesamtwerk und 2019 mit dem Ferdinand-Berger-Preis. Im Jahr 2020 war er Träger des Johann-Nestroy-Rings.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

"Den einfachen Sauerbraten", sagte meine Mutter, "gab es durchaus auch
manchmal mitten im Jahr an einem gewöhnlichen Sonntag. Den großen
Sauerbraten aber gab es nur am Ostersonntag." "Auch zu Pfingsten",
sagte meine Großmutter. "Schon", sagte meine Mutter, "Aber dann gab
es den Sauerbraten zusammen mit rohen Klößen. Den Sauerbraten mit
Serviettenkloß, wie er eigentlich gehört, den gab es, wenn Du ehrlich
bist, nur zu Ostern." "Wenn es Fleich gab." "Gab es immer." "Ja, wo
denkst Du hin, Paula!" rief meine Großmutter aus. "Wo denkst du hin!"
"Wieso?" tat meine Mutter überrascht. "Sogar '44 zu Ostern gab es noch
Fleisch. Auch '45 noch." "'45? Kann ich mich nicht erinnern!" "Doch!
Erinnere dich! Das Montags Mariechen hat zu Ostern '44 Fleisch
mitgebracht. Und sie hat bei uns mitgegessen." "Ich kann mich nicht
erinnern, daß das Montags Mariechen zu Ostern '44 bei uns mitgegessen
hätte. Nicht Sauerbraten mit Serviettenklos, nicht zu Ostern." "Doch
hat sie." "Das bildest Du Dir ein, Paula!" "Das bilde ich mir doch
nicht ein! Ich sehe doch das Fleisch noch vor mir! Eingewickelt in
einen Kopfkissenbezug." Ich hörte zu. Mir erzählten sie, meine Mutter
und meine Großmutter. Einen brauchten sie zum Zuhören. Warum hätten
sie sich auch gegenseitig Dinge erzählen sollen, die sie ohnehin
wußten. Wenn sie mir erzählten, konnten sie sich gegenseitig
erzählen. Am Küchentisch saßen wir, tranken Bohnenkaffee, aßen
Windmühlen aus Hefeteig, die mit Straubzucker bestreut waren. Meine
Mutter hatte ihren Stützapparat entsichert. Sie saß beim Fenster,
zwischen Spüle und Küchentisch. Meine Großmutter trug ihre Schürze mit
dem Blümchenmuster. Ich saß im Eck unter dem Medikamentenkasten. "Der
große Sauerbraten,", sagte meine Mutter zu mir, "benötigte einige
Vorbereitungen."

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