Maximilian Schell. Mit Gero von Boehm. Aufgezeichn. von Thomas Montasser Erstausg. 2004 181 S. gebundene Ausgabe Hamburg : Europa-Verl.,
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Maximilian Schell, geboren 1930 in Wien; Schauspieler und Regisseur; lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Beverly Hills
Eine verschneite Landschaft in Kärnten. Eine Alm im Winter. Kahle Obstbäume, Weiden, dahinter ein schwarzer Wald. Und dazwischen ein Gehöft, ein paar Häuser. In einem davon, einem schönen Gebäude, das sie etwas oberhalb des alten Bauernhauses hat errichten lassen, wohnt Maria heute. Vor zehn Jahren erst wurde es gebaut und steht da, als ob es immer schon dagestanden wäre. Daneben, nur vielleicht hundert Meter rechterhand, unauffällig, dunkel und fast ein bisschen versteckt: die Hütte, in der wir alle groß geworden sind. Heute wirkt sie irgendwie verwunschen, sicher auch romantisch.
Meine Schwester Maria liegt im Bett. Umgeben von Erinnerungen. An große Zeiten. An schwere Zeiten. An Krieg und Zerstörung. An ihre ersten Erfolge. An Visconti und Marcello Mastroianni, an O.W. Fischer. Curd Jürgens. Hans Albers. Oskar Werner.
Das milchige Licht des Winters fällt durch die Gardinen. Über ihr Holzbalken und eine Kassettendecke, wie man sie heute noch in Kärnten baut, wenn man auf Tradition hält. Der Fernseher läuft. Er läuft meistens. Fast immer. Auch nachts.
"Maria. Schaust du dir schon wieder deine alten Filme an? Was empfindest du dabei, wenn du sie siehst?"
"Es ist alles wieder da. Und ich bin in der Szene drin. Sofort. Ich war glücklich damals."
"Aber immer wieder? - Langweilt dich das nicht"'
"Nein, überhaupt nicht. Es ist doch interessanter als die Realität."
Drei Fernseher. Auf dem einen das aktuelle Programm, auf dem zweiten alte Filme. Dazwischen ihre Röntgenaufnahmen. Die Computertomographie des Kopfes - die Farbdoppler der Halsschlagader. Das Leben von Maria ist bestimmt von Monitoren, nein, repräsentiert durch Monitore. Sie aber liegt auf ihrem Bett und zieht sich aus der Realität zurück. Wie hat der Arzt gesagt: "Jeder von uns muss benützen, was er bekommen hat oder was ihm noch geblieben ist. Den ganzen Tag. Sonst verliert er es."
Was ihm noch geblieben ist ...
Ja, das ist sicher eine der wichtigsten Fragen: Was ist ihr noch geblieben in diesem Leben?
Maria war so populär wie kaum eine andere Schauspielerin ihrer Zeit. Sprühend vor Lebensfreude, Energie und Kraft. Nun liegt sie im Bett, kaum mehr fähig, aufzustehen, sich zu bewegen oder gar die einfachsten Besorgungen zu verrichten. Als ich auf die Alm zurückkehrte, fand ich sie in einem Zustand vor, in dem sie sich aufgegeben hatte und nur noch in den Träumen der Vergangenheit lebte.
Es ist Winter. Die Beerdigung steckt mir noch in den Knochen. Unsere Mutter fehlt. Fehlt sehr. Sie war der gute Geist der Alm. Ist es noch. Denn nichts könnte die Erinnerung an sie hier oben auslöschen. Ich muss an Professor Skrabals Worte denken. Ja, er hat Recht: Die Natur hat alles sehr klug eingerichtet - die Erinnerungen eines Menschen sind schwer zu zerstören. Und ich würde gerne ergänzen: auch die Erinnerungen an einen Menschen, einen geliebten Menschen zumal.
Noch mehr fehlt mir meine Schwester Immy.
Szene aus dem Film: Maria und Maximilian im Gespräch
MAX: Hast du das Gefühl einer Familie gehabt?
MARIA: Eigentlich nicht.
MAX: Hast du später das Gefühl einer Familie gehabt, wie du dann selber verheiratet warst und Kinder hattest?
MARIA: Ja. Das ist unheimlich dann gewachsen.
MAX: Du hast ja die Familie zusammengehalten, gerade in Wasserburg.
MARIA: Mm.
MAX? Doch. Du hast uns immer so ...
MARIA: Ich hab' euch alle immer eingeladen und ihr seid halt Gott sei Dank gekommen.
MAX.: Wir sind gern gekommen. Also heute vermissen wir es. (Eine kurze Pause) Vermisst du die Immy?
Maria zögert. Atmet tief.
MARIA: Nicht so wahnsinnig. Wir haben uns gut verstanden, aber es war nie wirklich eine Innigkeit zwischen uns.
MAX: Aber sie hat sich doch sehr für dich eingesetzt, nicht?
MARIA: Ja, enorm. Das hat aber mit den eigentlichen Gefühlen ja nichts zu tun.
MAX. Ich war in Afrika. Und dann hast du gesagt, du würdest um fünf Uhr früh anrufen, weil ich ja drehen musste - um fünf musste ich weg -, und dann hast du aber schon um vier Uhr angerufen. Und da hat's mir einen Stich ins Herz gegeben, denn ich hab' natürlich gewusst ... Und du hast mir dann gesagt, dass sie gestorben ist und ... wie ich das ... gehört hab'... (lange Pause). Aber es war schon schlimm, die jüngste Schwester zu verlieren.
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