Der Dichter und die Meerschweinchen: Clemens Tecks letztes Experiment - Hardcover

Kerr, Alfred

 
9783100495143: Der Dichter und die Meerschweinchen: Clemens Tecks letztes Experiment

Inhaltsangabe

Alfred Kerr. Hrsg. und mit einem Nachw. vers. von Günther Rühle. 2004 284 S. ; 21 cm; fadengeh. Orig.-Pappband m. illustr. OUmschl.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorinnen und Autoren

Alfred Kerr (ursprünglich Kempner), Deutschlands meistbewunderter und meistgehaßter Theaterkritiker seiner Zeit, wurde 1867 in Breslau geboren und studierte Literaturwissenschaft in Berlin.
Er war Mitarbeiter zahlreicher Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen an der Breslauer Zeitung, am Tag, dem von ihm geleiteten zweiten Pan und am Berliner Tageblatt.
In Buchform veröffentlichte er, neben einer fünfbändigen Sammlung seiner kritischen Arbeiten, vor allem Reiseprosa und Gedichte. 1933 Flucht aus Deutschland. Mühselige Existenz, erst in Paris, später in London.
1948 erlitt er, als Besucher in Hamburg, einen Schlaganfall und nahm sich das Leben.



Günther Rühle, einer der angesehensten deutschen Theater­kritiker und Theaterschriftsteller, wurde 1924 in Gießen geboren. Er war von 1960–1985 ­Redakteur im Feuilleton der ›­Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹, seit 1974 auch dessen Leiter. 1985–1990 übernahm er die Intendanz des Frankfurter ­Schauspiels, war danach Feuille­tonchef des ›Tages­spiegel‹ in Berlin. Er editierte u. a. die Werke von Marie­luise Fleißer und von Alfred Kerr, entdeckte dessen ›Berliner Briefe‹. Seine großen Dokumentationen ›Theater für die Republik. 1917–1933‹ und ›Zeit und Theater 1913–1945‹, dann ­seine zusammen­fassende Darstellung ›Theater in Deutschland. 1887–1945‹ wurden grundlegend für Erforschung und Nacherleben des Theaters jener Zeit. Günther Rühle war Ehrenpräsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und Präsident der Alfred Kerr-Stiftung. Er wurde ausgezeichnet mit dem Theodor-Wolff-Preis (1963), dem Johann-Heinrich-Merck-Preis (2007), dem Hermann-Sinsheimer-Preis (2009), dem Binding-Kulturpreis (2010) und der Rahel-­Varnhagen-von-Ense-Medaille (2013). Am 10. Dezember 2021 starb Günther Rühle in Bad Soden am Taunus.

Literaturpreise:

Theodor-Wolff-Preis 1963
Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2007
Hermann-Sinsheimer-Preis 2009
Binding-Kulturpreis 2010
Rahel-Varnhagen-von-Ense-Medaille 2013

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Bitte des Verfassers
Dieses Buch enthält nicht meine Geschichte. Sondern die Geschichte des Dichters Clemens Teck. Der Unterschied ist wesentlich.
Manche meiner eignen Erlebnisse sind allerdings hineinverwebt. Die Erlebnisse des Schriftstellers Clemens Teck und meine greifen also manchmal ineinander. Doch, wirklich, das Erleben dieses Clemens Teck ist nicht meins - und meins war durchaus nicht das dieses Clemens Teck.
Zwei Schicksale verhalten sich hier wie zwei wandernde Flächen. Sie berühren einander manchmal ... doch sie entfernen sich stets wieder.
Ich warne darum den gütigen Leser, mir nicht etwas auf die Rechnung zu bürden, das den Dichter Clemens Teck angeht.
(So gewiß es wahrheitswidrig wäre, nicht Einiges von seinen Taten pflichtgemäß auf mich zu nehmen. Oder: nicht etwas von meinem Erlebten ihm zu lassen.)
Es war halt Krieg - und die Beschaffenheit der Seelen sonderbar.
Solche Fälle sind mit den Fingerspitzen anzufassen. - Umso weniger Grund, sie durcheinanderzubringen.
Leser, Sie finden schon, ich weiß es, den rechten Weg.
Haben Sie herzlichen Dank.
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Bitte des Dichters Clemens Teck
Bin ich krank? Ich glaube nicht. Höchstens bin ich vom Krieg etwas zermürbt.
Zermürbt ...
Nicht, daß ich ihn mitgemacht hätte - sondern eben weil ich ihn nicht mitgemacht habe.
Wahrscheinlich ist es das.
Mein Zustand ist nicht der eines Kranken; er ist nur unregelmäßig.
Ich komme gegen meinen Willen dazu, mich zu beobachten ... und merke dann Einiges, das ich früher nicht gemerkt habe. (Vielleicht, weil ich früher keinen Grund fühlte, mich zu beobachten.)
Unregelmäßig ...
Doch bei alledem bin ich in einer entschiedenen Tätigkeitsstimmung ... die mich fast überstark erfüllt. Etwas treibt mich zu seltsam kühnen, neuartigen Unternehmungen. Es rattert in mir. Ich bin zum Platzen voll von diesem Unbestimmten.
Alles in allem: ich werde meinen Zustand mir selber darlegen. (Wozu ist man Schriftsteller?)
Darlegen ist vielleicht: erkennen ... Doch ist Erkenntnis denn auch Heilung?
Aber tut mir Heilung not? Wovon sprech' ich denn?
Wovon?
-- -- --
Ich, der Schriftsteller Clemens Teck, suche mir in diesen Blättern klar zu werden über Einiges, das ich tat - oder tun wollte.
Ich müßte lieber sagen: über Einiges, das mit mir geschah.
Jedenfalls über etwas, das rätselhaft geblieben ist.
Ich suche mich nicht zu entschuldigen. Ich will vielmehr aufdecken, was vorliegt. Auch was gegen mich vorliegt.
Falls ein merkwürdiger Seelenzustand (im Krieg) nicht jene Vergebung in sich schließt, wofür der Priester das Wort "absolvo te" mit drolliger Sicherheit zu äußern pflegt.
Krieg hin, Krieg her. Ich beging Entweihungen gegen eine Tote; vielleicht Rohheiten gegen Lebende.
Sonst nichts.
Alles war schrecklich zugleich und spannend. Oft sogar ganz lustig.
Und es stand im Dienst einer mir immerhin teuren Sache: der dichterischen.
Ich kann trotzdem zu mir nicht sagen: "Absolvo te."
-- -- --
Die Erzählung beginnt endlich
Ich bin der deutsche Schriftsteller Clemens Teck.
Lelia, meine Frau (eigentlich heißt sie Gertrud) trat ins Zimmer; sie sah strahlend-frisch und jung aus, - obschon wir bald große Kinder haben.
Ja, sie war jung geblieben, fast selber ein Kind; stupsnasig, von zierlicher Gestalt, handlich.
Doch der Glanz ihrer wachen Augen war nicht das Ergebnis einer freudigen Stimmung. Sie schien eher besorgt.
Wertvolle Frauen nehmen die Dinge wohl schwerer als wir.
"Es ist nur ein halbes Leben in diesem Krieg", sprach sie, - "dazu in einem Land, in dem man nicht geboren ist. Und wenn ich auch Englisch wie eine Engländerin spreche, dazu so Vieles an dem Land liebe: es bleibt ein Maß von Stumpfheit - wenn man doch gewissermaßen am Rande lebt ..."
"Und in einem Boarding House", sprach ich, - "in einem Gästehaus; wir sind eben deutsche Flüchtlinge."

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