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Raumerfahrung - Raumerfindung: Erzählte Welten des Mittelalters zwischen Orient und Okzident - Hardcover

 
9783050040141: Raumerfahrung - Raumerfindung: Erzählte Welten des Mittelalters zwischen Orient und Okzident

Inhaltsangabe

Gegenstand der Beiträge des Bandes sind literarische Raumkonzepte des europäischen Mittelalters. Das Begriffspaar "Erfahrung" und "Erfindung" stellt dabei eine entscheidende Weiche: Reale und imaginäre Welten stehen nicht, wie es scheinen könnte, im Widerspruch zueinander, sondern ergänzen sich auf dynamische Weise. Der chronologische Aufbau des Buches orientiert sich an der Entstehungszeit der jeweiligen Quellentexte, deren zeitlicher Radius vom frühen Mittelalter bis in die Moderne reicht.

Pressestimmen:
"Man liest die hier versammelten Aufsätze aufgrund zahlreicher überzeugender Detailbeobachtungen und gelungener Interpretationsansätze durchaus mit Gewinn - nicht zuletzt aufgrund der komparatistischen Anlage des Bandes."
Martin Baisch in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, Band 130 (2008) 1

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Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

ORIENTierungen. Begegnungen zwischen Abendland und Morgenland im Decamerone (S. 195-196)

Am Beginn von Boccaccios Decamerone steht ein Ortswechsel: Der Anlaß für das Erzählen von je zehn Novellen an zehn Tagen ist die Flucht von sieben Damen und drei jungen Männern aus dem von der Pest heimgesuchten Florenz.

E ordinatamente fatta ogni cosa opportuna apparechiare, e prima mandato là dove intendevan d'andare, la seguente mattina, cioè il mercoledí, in su lo schiarir del giorno, le donne con alquante delle lor fanti e i tre giovani con tre lor famigliari, usciti della città, si misero in via.1 In einer idyllischen Naturlandschaft, die als locus amoenus dem Chaos der Stadt gegenüber gestellt wird, bildet die brigata nach selbst gegebenen Regeln eine ideale, da von persönlicher Freiheit, sittlicher Autonomie und Vernunft geprägte Gesellschaft.2 Die von Boccaccio zur Beschreibung des "Reiseziels" Pampinea in den Mund gelegten Bilder (Vögel, Meer, der o.ene Himmel) bringen nicht nur die Schönheit der Natur zum Ausdruck, sondern betonen gleichzeitig das Freiheitsgefühl.

[...] io giudicherei ottimamente fatto che noi, sí come noi siamo, sí come molti innanzi a noi hanno fatto e fanno, di questa terra uscissimo, e fuggendo come la morte i disonesti essempli degli altri, onestamente a' nostri luoghi in contado [...] ce ne andassimo a stare [...] Quivi s'odono gli uccelletti cantare, veggionvisi verdeggiare i colli e le pianure, e i campi pieni di biade non altramente ondeggiare che il mare, e d'alberi ben mille maniere, e il cielo piú; apertamente, il quale, ancora che crucciato ne sia, non perciò; le sue bellezze etterne ne nega, le quali molto piú; belle sono a riguardare che le mura vò;te della nostra città. (p. 39 sq.)

Es bleibt aber nicht bei diesem einen Ortswechsel (Flucht aus der Stadt) der zehn jungen Leute, denn ihr Aufenthalt auf dem Lande verläuft keineswegs statisch. Kürzere und längere Spaziergänge, ein Ausflug ins Valle delle Donne am sechsten, der Umzug in ein anderes Landhaus am siebten und ein Kirchgang am achten Tag vermitteln den Ausdruck von Bewegung, Neugier, Erkundung der Umgebung und zeugen von der Lust auf Veränderung.

Dabei fällt jedoch ins Auge, daß alle in der Rahmenerzählung genannten Orte keine Namen tragen (mit Ausnahme des "Frauentals", dessen Bezeichnung aber weniger geographische, denn poetische Qualitäten besitzt), sondern nur sehr allgemein von ihnen gesprochen wird, Maria Kopp-Kavermann z. B. "né oltre a due piccole miglia si dilungarono da essa [la città]" (p. 42), "per una vietta non troppo usata [...] prese il cammino verso l'occidente [...] senza essere andata oltre a duemila passi." (p. 178 sq.), "assai vicina di questo luogo" (p. 413), "si misero in via, né guari piú; d'un miglio furono andate" (p. 413), "per lungo spazio s'andaron diportando, e data una volta assai lunga" (p. 593), "una chiesetta lor vicina visitata" (p. 470). Diese Unkonkretheit hinsichtlich geographischer Orte steht in markantem Gegensatz zu der exakten Benennung von Schauplätzen in den einzelnen Novellen.

Der Auftakt läßt es also schon erahnen: Ortswechsel, Auf bruch und Reisen stellen ein zentrales Thema des Decamerone dar. Und tatsächlich gerät in Boccaccios Epoche einiges in Bewegung – nicht nur hinsichtlich einer ganz konkreten Reisetätigkeit. Dem Menschen des Mittelalters boten Reisen die Möglichkeit, zumindest zeitweise die alltägliche Immobilität, die Statik der Existenzbedingungen zu ü

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