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SPEEDY - Hardcover

Havemann, Florian

 
9783000877605: SPEEDY

Inhaltsangabe

Rezension von Andreas Platthaus in der FAZ vom 17. März 2021. Masse und Maßlosigkeit Verstörend offen, vertröstend persönlich: Florian Havemanns Romansolitär „Speedy“ fordert die literarische Bequemlichkeit heraus. „Ein Glücks­tag, dieser 30. Januar 1933.“ Wenn eine seiner­zeit in Berlin leben­de Roman­fi­gur diesen Glücks­seuf­zer ausstö­ßt, möchte man in ihr einen stram­men Natio­nal­so­zia­lis­ten vermu­ten. Das Gegen­teil ist der Fall: Rudolf Schlech­ter, der Ich-Erzäh­ler in Flori­an Havemanns „Speedy“, sitzt zu Beginn der Hand­lung in NS-Unter­su­chungs­haft. Da sind wir aller­dings schon einige Jahre weiter, Ende der drei­ßi­ger Jahre, auf dem Höhe­punkt von Hitlers Macht. Anfangs hatte Schlech­ter sich als Maler eini­ges vom neuen Regime verspro­chen, doch die von ihm präfe­rier­te Neue Sach­lich­keit galt den Macht­ha­bern dann doch nicht wie erhofft als Fort­set­zung der urdeut­schen Roman­tik. „Artig – Gutar­tig – Abar­tig – Bösar­tig – Schlecht­ar­tig – Schlech­ter­ar­tig – Entar­tet“, so leitet Rudolf Schlech­ter mitt­ler­wei­le das offi­zi­el­le Urteil über seine Kunst her. Und der private Lebens­wan­del des Malers entspricht gar nicht natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Idea­len. Seiner nympho­ma­ni­schen Frau Elfrie­de Elisa­beth Koeh­ler, genannt Speedy, ist er hörig, er selbst zieht Lust aus Traves­tie. Will­kom­men in einem Roman der sozia­len und sexu­el­len Abgrün­de. Will­kom­men auch in diesem Roman selbst, der schon vor andert­halb Jahr­zehn­ten geschrie­ben, aber von diver­sen Verla­gen abge­lehnt wurde und erst nach einem vehe­men­ten Plädoy­er des Schrift­stel­lers Clemens Setz in der Frank­fur­ter Allge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung endlich doch noch erschei­nen konnte: vergan­ge­nen Herbst im Europa Verlag, nicht eine der ersten lite­ra­ri­schen Adres­sen im Lande, aber nunmehr mit großem Verdienst an der deut­schen Lite­ra­tur. Wieso hat dann diese Rezen­si­on so lange auf sich warten lassen? Weil es sich um ein inhalt­lich wie formal maßlo­ses Werk von fast 850 Seiten handelt (die bei norma­ler Schrift­grö­ße und übli­chem Satz­spie­gel weit über tausend gekom­men wären). Diesen Roman liest man nicht einfach weg, dazu ist er zu inten­siv, auch zu persön­lich, es empfiehlt sich eine Lektü­re in homöo­pa­thi­schen Dosen, um die Patho­lo­gie seines Gegen­stands ertra­gen zu können. Den kann man beschrei­ben als das Schick­sal eines Einzel­nen, der aus allen Rastern fällt in einer Gesell­schaft, die nur in Rastern denkt und alles andere ausmer­zen will. Dass der Roman trotz­dem „Speedy“ heißt, liegt an der Obses­si­on Rudolf Schlech­ters für diese Frau. Denn es ist auch der Roman einer großen Phan­ta­sie­leis­tung, mit der sich der Maler aus seinem Elend rettet: Er schreibt im Buch einen Roman mit dem Titel „Speedy“. Die Gren­zen zwischen Inhalt und Form verwi­schen bei Havemann wie bei Schlech­ter die Gren­zen zwischen den Geschlech­tern. Das Buch hat einen wahren Kern: das Leben des Malers Rudolf Schlich­ter (1890 bis 1955), der durch den Austausch eines einzi­gen Buch­sta­bens verfrem­det wird, während ansons­ten alle Figu­ren von Speedy über George Grosz und Ernst Jünger bis zu Göring, Goeb­bels, Hitler ihre Klar­na­men tragen. Was an biogra­phi­scher Recher­che und ästhe­ti­schen Über­le­gun­gen zur Kunst­ge­schich­te in diesen Roman einge­gan­gen ist, kann man gar nicht hoch genug veran­schla­gen, doch das, was ihn ausmacht, ist die scho­nungs­lo­se eroti­sche, aber dabei nie porno­gra­phi­sche Offen­heit seines Ich-Erzäh­lers. Es gibt im dialek­ti­schen Verzweif­lungs­ver­hält­nis von Tag- und Albtraum eines sexu­ell ausge­grenz­ten Trans-Mannes nur eine erzäh­le­risch an ihn heran­rei­chen­de Bezugs­grö­ße: „Der Kuss der Spin­nen­frau“ von 1985 nach Manuel Puigs gleich­na­mi­gem Roman. Beide feiern in den Phan­ta­sie­ex­zes­sen ihrer Figu­ren deren Frei­heit, die sexu­ell nicht ausge­lebt werden darf, ja offi­zi­ell bekämpft wird. Doch die Vorstel­lungs­kraft trium­phiert über die Unter­drü­ckung. Man müsste diesen Roman von insge­samt 276 Kapi­teln so detail­liert und ausufernd bespre­chen, wie er selbst ist, aber das spreng­te wie er auch jedes Maß. „Speedy“ wird als großer Soli­tär in die deut­sche Lite­ra­tur­ge­schich­te einge­hen, er wird das Publi­kum spal­ten, Beifall falscher Freun­de und Ableh­nung beque­mer Leser ernten. Aber man muss ihn lesen. Derglei­chen Leiden­schaft gibt es einmal alle paar Jahr­zehn­te.

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Über die Autorin bzw. den Autor

1952 geboren, aufgewachsen in Ost-Berlin. 1968 Protest gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei, Haft bei der Stasi in Hohenschönhausen und dann im Jugendhaus Luckau, danach Lehre als Elektriker und Abitur bei der Deutschen Reichsbahn. 1971 Flucht in den Westen. 1974-1979 Studium an der Hochschule der Künste, erst Graphik-Design, dann Bühnenbild bei Achim Freyer. Arbeit als Elektriker, als Hausmeister und Beleuchter, als Packer bei Aldi und als Reinigungskraft. 1999-2009 Richter am Verfassungsgericht Brandenburg. 1976-1979 Auszüge aus den Tafeln des Schicksals, März-Verlag. 1978-2008 Projekt: SPEER – Theaterstück über Albert Speer. 1995-1996 A, natürlich Moll – 37 Klavierstücke 1998 Sympathie mit dem Teufel – Doppel-CD 1989-2008 ROSA – Theaterstück über Rosa Luxemburg. 2003-2006 Zyklus von Politiker-Stücken. 2006 Speedy – Roman, Europa-Verlag 2020 2007 Havemann – Suhrkamp-Verlag. 2008 ROSA/SPEER-BILDER – Ausstellung im Schloss Neuhardenberg. 2009-2013 Berater von Gregor Gysi im Bundestag. 2016 Bankrott – Roman. 2021 – 2024 Der unfertige Gedanke – Essayreihe in der Berliner Zeitung. 2023 Begabung usw. – Mit Hanna Lakomy 2025 – KARIN – Film

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