Unsere 60er Jahre
Großkopff, Rudolf
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Ausschnitt aus dem Interview mit dem Leipziger Kabarettisten und Autor Bernd-Lutz Lange
Spürten Sie in den ersten Jahren nach dem Mauerbau eine Liberalisierung im kulturellen Bereich?
Diese Liberalisierung Anfang der Sechziger habe ich vor allem bei den Filmen in Erinnerung. Es kam damals Auf der Sonnenseite raus. Der erste große Film mit Manfred Krug, und der schlug ein wie eine Bombe, weil da freche, kritische Sachen gegen die DDR drin waren. Ja, Lockerungen waren nach dem Mauerbau schon zu spüren, auch bei manchen Zeitschriften, in der Literatur und im Theater. Aber das hielt nicht lange an.
Wovon träumten Sie zu dieser Zeit?
Ich träumte von einem Künstlerleben. Am liebsten wäre ich Schriftsteller, Schauspieler oder Chansonsänger geworden. Ich interessierte mich sehr für Malerei, vor allem für die französischen Impressionisten. Filme wie Leben in Leidenschaft über van Gogh oder Montparnasse 19 über Modigliani mit dem großen Gérard Philipe begeisterten mich. Malerisch war ich leider nicht so talentiert. Aber das Milieu Atelier, das Licht in solch einem Raum mit den großen Glasflächen, das fand ich großartig. Vielleicht haben mir deshalb auch immer Gewächshäuser gefallen.
Ich begann mich auch für die Innenarchitektur der Jahrhundertwende zu interessieren, für den Jugendstil. Ich bin ja noch mit dem Interieur des alten Deutschland groß geworden. In Zwickau waren zum Glück während des Krieges im Zentrum nur etwa 15 Häuser zerstört worden. Wenn ich als Kind in einen Tante-Emma-Laden ging, da standen nicht nur das Bonbon-Glas noch dort und die Waage, die so eine Halterung hatte, wo man die spitzen Tüten reinstellen konnte, sondern da war die Einrichtung mit allen Schubfächern und den kleinen weißen Porzellanschildern daran vorhanden. Draußen an der Wand oder an der Tür hingen noch jene Emailleschilder, die heute teuer auf dem Flohmarkt verkauft werden: Trinkt Kathreiner oder Chlorodont .
Wir saßen als Jugendliche in den alten Lokalen mit Holztäfelung und im Kaffeehaus an Marmortischen mit Thonetstühlen. Deshalb freue ich mich jedes Mal, wenn ich heute - selten in Deutschland, aber öfters in Europa - auf solche alten Einrichtungen stoße. Es war ja ein riesiger Unterschied, ob man in einem Neubauviertel in Magdeburg oder Karl-Marx-Stadt groß geworden ist oder eben in einer erhalten gebliebenen alten Stadt.
In der Volksbuchhandlung Gutenberg in Zwickau wurde ich bald zur Betreuung von Vertriebsmitarbeitern eingesetzt, die in den Volkseigenen Betrieben im Auftrag der Buchhandlung Bücher verkauften. Ich durfte dann dort die Bestellung entgegennehmen und kassieren. So konnte ich das erste Mal in meinem Leben - mitten am Tag! - meine Arbeitsstelle verlassen. Ich ging aus der Buchhandlung, spazierte durch die Stadt und keiner wusste, ob das nun eine halbe Stunde länger oder kürzer dauert. Ich setzte mich in ein Kaffeehaus, bestellte einen Kaffee Française, rauchte eine Zigarette und fühlte mich mit zwanzig Jahren dem Künstlerdasein schon ein ganzes Stück näher!
Hat Sie die Ermordung des US-amerikanischen Präsidenten Kennedy 1963 berührt?
Ich weiß noch, dass ich gerade in der Abendoberschule war, als jemand die Nachricht von Kennedys Ermordung brachte. Wir konnten es nicht fassen. John F. Kennedy hatte sehr große Sympathien im Osten. Er war eine Lichtgestalt für viele, ein Staatsmann, der neue Wege ging. In unseren Augen war Kennedy auch der erste Präsident, der sich besonders vehement gegen die Rassentrennung gewendet hat. Die hat viele ostdeutsche junge Leute beschäftigt. Das so etwas möglich war. Ich verfolgte auch die Aktionen von Martin Luther King, für den viele Menschen hier ein solidarisches Gefühl hatten. Natürlich ist da in der DDR viel Propaganda gemacht worden, aber wir sahen ja auch amerikanische Filme, in denen der Rassismus in den USA angeprangert wurde.
In dieser Zeit begann im Westen der Siegeszug der Beatmusik. Wie war es im Osten?
In meinen Augen war das die erste Musik, die junge Menschen auf dem gesamten Erdball eroberte, die erste globalisierte Musik sozusagen. Diese Musik begeisterte die Jugend unabhängig von der Gesellschaftsordnung oder von der kulturellen Entwicklung. Da konnte die DDR-Führung doch nicht im Ernst glauben, dass ausgerechnet die Ostdeutschen diese Musik nicht hören wollten. Es gab am Anfang eine Zeit, in der die FDJ diese Beat-Bands sogar regelrecht unterstützt hat. Die Musik wurde vom neu gegründeten Jugendsender DT 64 gesendet. Doch bald ging es der Partei darum, sie als schädlichen westlichen Einfluss zurückzudrängen. Im Oktober 1965 wurden im Bezirk Leipzig über 40 Beatbands verboten. Die jungen Leute waren voller Empörung, und es versammelten sich etwa 2.000 Jugendliche in der Messestadt, um für Beat und lange Haare zu demonstrieren. Ein Wasserwerfer wurde eingesetzt, die Polizisten knüppelten auf die Jugendlichen ein, und es kam zu zahlreichen Verhaftungen.
Anfang der Sechziger hörten wir natürlich viel Radio. In meinem Freundeskreis besaß niemand einen Fernseher. Wir hingen vor dem Rundfunkapparat und hörten die Hitparade von Radio Luxemburg oder RIAS Berlin. Ich ging meist zu Freunden, da wir zu Hause nur ein altes Radio besaßen. Ohne UKW. Auf der Mittelwelle konnten sich ja die Störsender noch austoben.
Die Beatmusik hat uns vom ersten Ton an unvorstellbar begeistert. Ich kannte keinen Jugendlichen, dem das nicht gefallen hätte. Genauso war das wenige Jahre zuvor mit dem Rock 'n' Roll. In der DDR gab es natürlich keine Platten von Elvis Presley oder Bill Haley. Der Sohn eines Kneipenwirts hatte bereits ein Tonbandgerät. Mit diesem Smaragd aus DDR-Produktion wurde die Musik von den Westsendern aufgenommen und dann Partys damit bestritten. Hinzu kamen in die DDR geschmuggelte Schallplatten.
Klar träumten wir auch davon, selbst solche Musik zu machen. Ich suchte mir Gleichgesinnte und dann gründeten wir bald unsere erste eigene Truppe, The Playboys . Ein Wohnzimmer diente als Proberaum, denn da stand ein Klavier. Ich konnte ein bisschen spielen, der Mike auch, der natürlich in Wirklichkeit Michael hieß. Englische Namen waren plötzlich "in" bei den Jugendlichen der DDR. Ich übernahm schließlich das Schlagzeug. Das Instrumentarium war mehr als bescheiden: eine kleine Trommel, ein Becken - das war unser Schlagzeug - und dazu kamen zwei Gitarren. Wir besaßen weder ein Mikro noch einen Verstärker. Einmal spielten wir in einem Keglerheim zu einer Schulfete, und bald danach sollten wir einen richtigen, großen Auftritt mit Tanz haben. Als in der Zeitung schon die Annonce erschienen war, warnten zwei Väter: "Das könnt ihr doch nicht machen, ihr seid nicht angemeldet, ihr habt keine Einstufung. Und dann auch noch mit diesem englischen Namen, The Playboys! " Zwei Bandmitglieder wurden zurückgepfiffen, sodass unser Auftritt nicht mehr stattfand.
Was ist eine »Einstufung«?
Es kam eine Kommission von der Kulturabteilung der Stadt, und der musste man ein paar Titel vorspielen. Die haben sich das angehört und die Band beurteilt und eingestuft. Es gab Grund-, Mittel und Oberstufe. Um mal eine Vorstellung von den Summen zu geben, die man in den Sechzigerjahren einheimsen konnte: Bei der Oberstufe konnte man als Musiker 7,50 Mark pro Stunde verlangen. Später bei der Club Band , bei der ich Sänger war, hatten wir sogar Sonderklasse. Da gab es dann noch ein paar Mark mehr. Die Einstufung selbst fand in einem Tanzsaal statt. Wir spielten natürlich ganz ordentlich mit weißen Hemden und Schlips! Am Schluss erhielten die Musiker dann die sogenannte Spielerlaubnis.
Wir mussten besonders darauf achten, in unserem Repertoire das Verhältnis 60:40 einzuhalten, also 60 Prozent Ost- und nur 40 Prozent West- Titel zu bringen. Bei den West-Liedern durfte man aber auch nur das spielen, was in der DDR erlaubt war. Spielte man West-Titel, die im DDR-Rundfunk nicht gesendet wurden, dann war das VE - verbotene Einfuhr. Bei den...
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