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De Vriendt kehrt heim


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Streit um den Sergeanten Grischa


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Westlandsaga


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Zeitzeugen-Special: Arnold Zweig

Eine Online-Kooperation von wissen.de und ZVAB.com

Arnold Zweig wurde am 10. November 1887 in Glogau, Niederschlesien (heute Glogów, Polen) in eine mäßig religiöse jüdische Familie geboren. Nach einem politisch zuweilen turbulenten Leben starb er am 26. November 1968 in Ost-Berlin/DDR und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beerdigt. Er war Erzähler, Romanschriftsteller, Dramatiker und Essayist.

Leben und Werk
Nach dem wirtschaftlichen Ruin des Vaters, eines Sattlermeisters, zog die Familie 1896 in die Bergarbeiterstadt Kattowitz, wo sie sich eine notdürftige materielle Existenz aufbaute. Dem Wunsch der Eltern entsprechend, begann Zweig 1907 ein Lehrerstudium (Germanistik, moderne Sprachen, Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte) zunächst in Breslau, dann in München, Göttingen und Rostock, von 1913 an in Berlin. Doch Zweig schlägt den von den Eltern vorgezeichneten Weg nicht ein. Bereits 1909 gibt er mit Freunden eine kleine Studentenzeitschrift, "Die Gäste", heraus, in deren sechs Heften Zweig seine ersten literarischen Texte veröffentlicht. Intensiv setzt sich der Student mit seiner jüdischen Herkunft auseinander. Sein erstarkendes jüdisches Selbstbewusstsein prägt die frühen Dramen: die alttestamentarische Geschichte von Abigail und Nabal (entstanden 1909. Leipzig 1913. Veränderte Fassung München 1920), die Tragödie der Judenverfolgung in "Ritualmord in Ungarn" (Berlin 1914. Unter dem Titel "Die Sendung Semaels". Leipzig 1918), für die er 1915 den Kleist-Preis erhielt, und das Thema der Selbstbesinnung eines Juden auf seinen Glauben in "Die Umkehr des Abtrünnigen" (entstanden 1914. Berlin 1925. Verändert unter dem Titel "Die Umkehr". 1927).


Arnold Zweig & Sigmund Freud:
Briefverkehr
Der 1912 erschienene, berühmte Roman "Die Novellen um Claudia" (Leipzig) lebt von Zweigs Interesse an tiefenpsychologischen Vorgängen, das sich in den schriftstellerischen Anfangsjahren entfaltet. In sieben novellistischen Kapiteln über die Liebesbeziehung zwischen der wohlhabenden und gebildeten Claudia Eggeling und dem mittellosen, unattraktiven und unbeholfenen Gelehrten Dr. Walter Rohme zelebriert Zweig die Seelenqualen der Liebenden. Mit dem Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Normen und Begierden ringend, gestehen sich die beiden ihre Schwächen und Normverstöße, setzen damit ihre Liebe aufs Spiel, die sie so erst wirklich gewinnen. In der gepflegten Atmosphäre des bürgerlichen Salons wilhelminischer Zeit, in der Auseinandersetzung mit Kunst und Musik entfalten die psychologischen Konstellationen existenzielle Kraft. Konsequent rezipiert Zweig wenig später begeistert die Lehren Freuds. Sie werden von fundamentaler Bedeutung für seine persönliche Entwicklung und sein literarisches und essayistisches Werk. 1927 beginnt ein umfangreicher, bald freundschaftlicher Briefwechsel zwischen "Vater Freud" und "Meister Arnold" (Sigmund Freud. Arnold Zweig. Briefwechsel. Herausgeber Ernst L. Freud. Frankfurt/Main 1968).

Wie sehr der Zionist Zweig ein deutscher Schriftsteller war, äußerte sich zunächst unrühmlich in Kriegsbegeisterung, in die er 1914, wie viele Intellektuelle, mit einstimmte. Seine Erzählungen in dem Band "Die Bestie" (München 1914) begrüßen den Krieg als Besinnung der Nation auf ihre eigentlichen Werte und gestalten die Ideologien des Feindbildes literarisch. Im Alter greift Zweig dieses ihn belastende Lebenskapitel wieder auf und legt 1952 eine Umarbeitung der Titelerzählung vor als Kernstück der Chronik "Westlandsaga" (Berlin/DDR 1985).

Zweig wird am 23.4.1915 als Armierungssoldat einberufen, meldet sich kurz darauf zum freiwilligen Einsatz an der Westfront. Nach seinem Einsatz in Verdun erlebt er die letzte Phase des Kriegs als Mitarbeiter der Presseabteilung des Oberbefehlshabers Ost. Die Wirklichkeit des Kriegs lässt seinen Kriegsenthusiasmus schnell zusammenbrechen, zermürbt ihn bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Erst eine psychoanalytische Behandlung vermag ihn nach dem Krieg zu stabilisieren. Als entschiedener Pazifist kehrt Zweig zurück. Seine Erfahrung, dass der Krieg nicht die Verwirklichung der Idee einer gerechten Staatsordnung ist, sondern diese Ideale korrumpiert, wird zur Kernaussage seines wichtigsten und weltberühmten Werks "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (Potsdam 1928).


Caliban
Dieser Antikriegsroman erzählt von der gescheiterten Flucht des russischen Soldaten Grischa aus deutscher Gefangenschaft. Grischa, der lernen muss, dass die Wahrheit in Kriegszeiten ein äußerst gefährlicher Standpunkt ist, versucht, nachdem ihn die Deutschen wieder eingefangen haben, seine Identität zu vertuschen. Er gibt sich als Überläufer aus, die Deutschen aber halten ihn für einen Spion. Obwohl Grischa schließlich seine wahre Identität beweisen kann, wird das über ihn verhängte Todesurteil nicht mehr aufgehoben. Im aussichtslosen Kampf eines Individuums gegen die kriegerische Staatsmaschinerie hat Grischa bedeutende Fürsprecher: General von Lychow, dessen Neffen und Adjutanten Oberleutnant Winfried, den jüdischen Kriegsgerichtsrat Posniaski und den jüdischen Schriftsteller Werner Bertin. Diese wehren sich gegen die Rechtsbeugung durch den Generalmajor Schieffenzahn, unschwer als Ludendorff zu identifizieren. Für sie steht die moralische Existenz der "Mutter Deutschland" auf dem Spiel, "dass in dem Land, dessen Rock wir tragen und für dessen Sache wir in Dreck und Elend zu verrecken bereit sind, Recht richtig und Gerechtigkeit der Ordnung nach gewogen wird". Doch dieser altpreußische Staatsidealismus scheitert am pragmatischen Standpunkt des imperialen Deutschland: "Der Staat schafft das Recht, der einzelne ist eine Laus."

Nach dem Erscheinen des Grischa-Romans beschließt Zweig, diese Geschichte in einen - unvollendeten - Zyklus, "Der große Krieg der weißen Männer", einzubetten. In der Liebesgeschichte von Leonore Wahl und Bertin verfolgt Zweig den Desillusionierungsprozess des Künstlers, der zunächst leichtfertig Partei für das Krieg führende Deutschland ergreift ("Junge Frau von 1914". Berlin 1931), dann aber durch eigene Kriegserfahrung zum Pazifisten wird ("Erziehung vor Verdun". Amsterdam 1935). Zweig greift in "Einsetzung eines Königs" (Amsterdam 1937) die Figur des Oberleutnant Winfried erneut auf, der im letzten Kriegsjahr die verheerenden Machenschaften deutschen Militärs in den besetzten Ostgebieten am eigenen Leib erfährt und so einen Reifungsprozess durchläuft.


Die Zeit ist reif
Nach dem Ersten Weltkrieg profilierte sich Zweig als jüdischer Essayist, schrieb für die Zeitschrift "Der Jude", war Redakteur der "Jüdischen Rundschau". Er bekannte sich zur Idee des jüdischen Siedlungssozialismus ("Das Ostjüdische Antlitz". Berlin 1920. Wiesbaden 1988. "Das neue Kanaan". Berlin 1925), entwarf die Psychopathologie des Antisemitismus in dem Freud gewidmeten Essay "Caliban oder Politik und Leidenschaft" (Potsdam 1927), stellte die Rolle der "Juden auf der deutschen Bühne" (Berlin 1927) dar. Die Erfahrungen einer Palästinareise 1932 gehen in den kritisch anteilnehmenden Roman "De Vriendt kehrt heim" (Berlin 1932) ein.

Im Dezember 1933 emigrierte Zweig nach Haifa, zusammen mit seiner Frau Beatrice, mit der er seit 1916 verheiratet ist. Materielle Sorgen, nicht zuletzt Folge seiner politischen Isolation, bestimmen die Jahre des Exils. Ausführlich korrespondiert Zweig darüber mit seinem engen Freund Feuchtwanger (Lion Feuchtwanger. Arnold Zweig. Briefwechsel 1933-1958. 2 Bände, Berlin/Weimar 1984). Im Jishuw war Deutsch als NS-Sprache verpönt, Hebräisch sollte als einzig legitime Sprache eines zukünftigen jüdischen Staates zugelassen sein. Hebräisch zu erlernen hätte Zweig jedoch nicht nur wegen eines schweren Augenleidens größte Mühe bereitet; Deutsch war für ihn die Sprache der literarischen Tradition, der er sich verbunden fühlte. Kleist, Fontane und Thomas Mann waren seine Vorbilder. Der "preußische Jude" (Marcel Reich-Ranicki) Zweig hätte den Sprachwechsel literarisch nicht verkraftet. Entsprechend existenziell war es für ihn, sich auch gegen den jüdischen Nationalismus zu wenden. Als Mitherausgeber der Exilzeitschrift "Orient" (Haifa 1942/43) vertrat Zweig eine Politik der Verständigung mit den Arabern. 1943 erschien die einzige hebräische Originalausgabe eines Buches von Zweig, "Hakardom shel Wandsbek" ("Haifa. Das Beil von Wandsbek". Stockholm 1947), ein antifaschistischer Roman, in dem Zweig zugleich für ein differenziertes Bild vom Deutschen warb.

1948 kehrte Zweig nach Deutschland zurück und ließ sich in Ost-Berlin nieder. Die Wahl der DDR als Wohnsitz führte dazu, dass Zweig in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit in Vergessenheit, während des Kalten Kriegs sogar in Verruf geriet. Die DDR hingegen versuchte Zweig als einen Dichter zu vereinnahmen, der sich kontinuierlich zum Sozialisten entwickelt habe. Er wurde materiell großzügig ausgestattet, seine Bücher wurden neu aufgelegt.

1949 wurde er Abgeordneter der Volkskammer, 1950-1953 war er Präsident der Akademie der Künste. Er erhielt eine Reihe höchster Auszeichnungen.

Zweig gab sich ohne nennenswerten Widerstand für propagandistische Zwecke her, arbeitete alte Texte um, duldete zensorische Eingriffe in seine Arbeiten, ertrug es, dass die DDR Freud verpönte und den Zionismus bekämpfte. Trotzdem spricht wenig für die offiziell behauptete konsequente Entwicklung Zweigs zum Sozialisten. Er stand zwar nach dem Ersten Weltkrieg der Sowjetunion positiv gegenüber, freilich immer vom Standpunkt des Pazifisten aus. So protestierte er gegen den Umgang der Sowjetunion mit Oppositionellen (Die Moskauer Hinrichtungen. In: "Weltbühne", 11.11.1930, Seiten 707 ff.) und lehnte die Diktatur des Proletariats ab (Macht oder Freiheit. In: "Weltbühne", 25.11.1930, Seiten 784 ff.). Die Werke von Marx und Lenin lernte Zweig wahrscheinlich erst im Exil kennen, ein intensives Studium der "Klassiker" absolvierte er wohl nicht. In seinen Romanen bleiben sozialistische Geschichtsinterpretationen vordergründig, ausdrückliche Bekenntnisse zum Kommunismus fügte Zweig erst nachträglich hinzu, etwa den Epilog im "Beil von Wandsbek".

Dass seine Hinwendung zum Sozialismus nicht frei von Opportunismus war, schlägt sich auch in seinen späten Romanen nieder. "Die Feuerpause" (Berlin/DDR 1954), mit der Zweig die ursprüngliche Fassung von Erziehung vor Verdun erneut aufgreift, und "Die Zeit ist reif" (Berlin/DDR 1957), ein weiteres Vorspiel zum Grischa-Zyklus, zerfallen ästhetisch ebenso wie sein letzter, stark autobiografischer Roman "Traum ist teuer" (Berlin/DDR 1962) über die widersprüchlichen Erfahrungen der Emigration: Politische Bekenntnisse und Aussagen bleiben meist ohne Vermittlung zur Handlung, zur nach wie vor lebendigen Zeitschilderung und zu den psychologischen Charakterdarstellungen.