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Golding William

Golding, William/Stannat, Astrid

William Golding,
© www.william-golding.co.uk

William Golding – Selbsthass als literarisches Programm

Die grausame Natur des Menschen haben viele Literaten beschrieben. Für Generationen von Schülern ist es jedoch vor allem ein Werk, das sie als Schullektüre mit diesem Phänomen eindrucksvoll bekannt gemacht hat: William Goldings „Herr der Fliegen“ von 1954.
Warum Golding in der Lage war, den bekannten Spruch von „Menschen als des Menschen Wolf“ so eindringlich zu illustrieren, hat er selbst mit einer Aussage klar gemacht, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, weil sie so gar nicht zum Bild des Nobelpreis gekrönten Literaten passen will: „Ich habe die Nazis immer verstanden“, so lautet diese Aussage, „weil ich von Natur aus ihresgleichen bin.“
Ein Satz, wie in Stein gemeißelt. Und doch beschreibt er die Triebfeder für das literarische Werk des am 19. September 1911 in St. Columb Minor geborenen Lehrersohnes, der später selbst im Lehrerberuf gearbeitet hat.
Das Böse, nicht als erklärungsbedürftige Ausnahme, wie wir es auch heute gerne noch wahrnehmen möchten, sondern als von Geburt im Menschen schlummernde Anlage, die jederzeit zum Vorschein kommen kann, dieses Böse war Goldings Thema.
Der Herr der Fliegen war dabei auch ein Fluch für seine nachfolgenden Bücher, von denen keines auch nur annähernd an diesen Megaerfolg heranreichte. Vor allem die direkt in den Jahren danach erschienenen „Pincher Martin“ (1956) und „Freier Fall“ (1959) variieren Goldings Lebensthema in dichterisch anspruchsvoller Weise. In „Pincher Martin“ geht es um die Vernichtung der eigenen Identität, gegen die der Protagonist sich verzweifelt stemmt, und es geht um die Gier als einzigen Antrieb des menschlichen Individuums. Der Originaltitel von „Freier Fall“, „Free Fall“, ist eine Anspielung auf den freiwilligen Verkauf seiner Seele an den Teufel, es geht also um eine Spielart des Faust-Motivs.
Golding arbeitet sich immer und immer wieder daran ab, wie der Mensch seiner grundsätzlich bösen Natur erliegt, im Hinterkopf eigene Verfehlungen wie die Fast-Vergewaltigung eines 15jährigen Mädchens als 18jähriger. Auch die Teilnahme am 2. Weltkrieg, u.a. beim D-Day in der Normandie, führt ihm vor Augen, wie Menschen sich verhalten, wenn sie unkontrolliert aufeinander losgelassen werden.
All dies führt den Dichter in seinem privaten Leben in den Alkoholismus, bis zu seinem Lebensende 1993 ist er schwerster Säufer und wird deshalb von Scham- und Schuldgefühlen geplagt. Immerhin erlaubt es ihm der literarische Erfolg, 1961 den Lehrerberuf aufzugeben und fortan als freier Schriftsteller sein Leben führen zu können. Der Nobelpreis für Literatur 1983 und die Ernennung zum Knight Bachelor 1988 sind Höhepunkte dieses intensiv geführten, ja quasi erlittenen Dichterlebens.
„Man produces evil as bees produce honey.“ Diese Golding zugeschriebene Aussage muss der Leser bei der Lektüre immer im Hinterkopf haben. Sie schmerzt, doch sie ist auch Warnung an uns alle, nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit davon auszugehen, dass alle immer nur unser Bestes wollen. Das wäre schön, doch es ist Utopie. Golding wusste das, es hat ihn gequält, und von dieser Qual erzählt er uns. Dafür sollten wir ihm dankbar sein.

Carsten Tergast