
»Seine Persönlichkeit«, so schrieb Hans Erich Nossack 1959 in einem Nachruf auf Peter Suhrkamp, »wirkte so stark, daß sich alle nur eingebildeten Unzufriedenheiten und müden Zweifel in Nichts auflösten; man schämte sich in seiner Gegenwart, ihnen überhaupt verfallen zu sein.« Eine starke Persönlichkeit war der Verleger Peter Suhrkamp in der Tat. Schließlich gelang es ihm, den traditionsreichen S. Fischer Verlag durch das Dritte Reich retten, und in den 1950er Jahren stieg sein eigener Verlag, der Suhrkamp Verlag, innerhalb kürzester Zeit zu einer Kulturinstitution in der jungen Bundesrepublik auf.
»Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer«: Peter Suhrkamp als Leiter des S. Fischer Verlags im Dritten Reich
Wie viele Intellektuelle zog es in den 1920er Jahren auch Peter Suhrkamp nach Berlin. Zuvor hatte der studierte Germanist als Lehrer und Dramaturg gearbeitet, nun, 1929, begann er als freier Mitarbeiter beim Ullstein Verlag. 1932 wechselte er zu S. Fischer und gab die Zeitschrift Die Neue Rundschau heraus. Mit Beginn der Nazi-Herrschaft wurde das Publizieren im Hause S. Fischer jedoch immer schwieriger, denn die Verlegerfamilie Fischer war jüdisch und auf den Schwarzen Listen der Nazis standen neben Klaus Mann und Alfred Kerr zahlreiche weitere Fischer-Autoren. 1935 entschloss sich Gottfried Bermann Fischer daher, Deutschland zusammen mit einem Teil seines Verlages zu verlassen. Der andere Teil des Hauses blieb, nun von Peter Suhrkamp geleitet, unter der Bezeichnung »Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer« in Berlin.
Bis Anfang der 1940er Jahre gelang es Suhrkamp, den Verlag vor den Zugriffen der braunen Diktatur zu schützen. Schließlich bot er den Nationalsozialisten »kaum Angriffsflächen«, wie Albrecht Goes es einmal nannte, da er »so sehr ›bestes Deutschland‹ aus seiner konservativ-bäuerlichen Einstellung heraus [war], als Offizier hoch dekoriert, von der Jugendbewegung mitgeprägt.« 1943 jedoch drohte dem Verlag die Schließung und im Jahr darauf wurde Suhrkamp wegen Landes- und Hochverrats von der Gestapo ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Nur der Fürsprache des Bildhauers Arno Breker war es zu verdanken, dass der inzwischen schwer an Lungenentzündung erkrankte Suhrkamp im Februar 1945 aus der KZ-Haft entlassen wurde.
»... aber wir leben ...«: Der Neubeginn 1945 und die Gründung des Suhrkamp Verlags
»... aber wir leben und sind im Begriff, die Arbeit wiederaufzunehmen«, schrieb Suhrkamp im August 1945 voller Tatendrang an Gottfried Bermann Fischer in New York. Tatsächlich konnte Peter Suhrkamp, nachdem er unter der Nummer C.B. 5 B die erste Verlagslizenz in der britischen Zone erhalten hatte, noch im Herbst 1945 mit der Arbeit beginnen. Zunächst arbeitete Suhrkamp eng mit Bermann Fischer zusammen und verlegte dessen Bücher in Lizenz. Als sich Ende der 1940er Jahre der Bruch zwischen den Alliierten und damit die Spaltung von Berlin abzuzeichnen begannen, verlagerte Suhrkamp Teile des Verlags nach Frankfurt am Main. Wohl auch mit dieser Entscheidung war Bermann Fischer ganz und gar nicht einverstanden. 1950 trennten sich daher die zwei großen Verleger – außergerichtlich, denn keiner der beiden wünschte einen Prozess zwischen zwei vom NS-Regime Verfolgten. Den Autoren wurde freigestellt, ob sie in Zukunft weiterhin bei S. Fischer publizieren wollten oder beim neu gegründeten Suhrkamp Verlag. Von 48 Schriftstellern entschieden sich 33 für Suhrkamp – ein beeindruckender Vertrauensbeweis für Peter Suhrkamp.
Eine »Liebhaberbibliothek für eine Leser-Elite«: Der Suhrkamp Verlag in den 1950er Jahren
Peter Suhrkamps neuer Verlag avancierte rasch zu einem hochkarätigen Literaturverlag. Max Frisch, Bertolt Brecht, Hermann Hesse, Günter Eich, Hans Erich Nossack, Theodor Adorno, Martin Walser und Wolfdietrich Schnurre – die Liste der Autoren ist schier endlos. Neben deutscher Literatur erschienen bei Suhrkamp die Übersetzungen von T. S. Eliot, Thornton Wilder, Truman Capote und Samuel Beckett. Mit der Bibliothek Suhrkamp begründete Peter Suhrkamp eine der bekanntesten und hochklassigsten Reihen auf dem deutschen Buchmarkt. Bis heute sind über 1.400 Bände mit dem einprägsamen, von Willy Fleckhaus entworfenen Titellayout erschienen.
Anders als der Rowohlt Verlag, der mit seiner rororo-Reihe 1950 die erste deutsche Taschenbuchreihe auf den Markt brachte, richtete sich das Suhrkamp-Programm nie an die breite Masse. Suhrkamp selbst nannte die Bibliothek Suhrkamp eine »Liebhaberbibliothek für eine Leser-Elite« und begründete eine Leserkartei im Verlag, in der die Adressen von anspruchsvollen Lesern gesammelt wurden. Hinter vorgehaltener Hand wurde sie auch als »Aristokratenkartei« bezeichnet. Vor allem aber glaubte Suhrkamp an seine Autoren, auch wenn sie dem Verlag vorerst keinen Gewinn brachten. So verlegte Suhrkamp unverdrossen die Werke von Hermann Hesse – lange bevor dieser in den 1970er Jahren als »Kult-Autor« von der Hippie-Bewegung entdeckt und damit zum Bestseller wurde.
Die »Suhrkamp-Kultur«: Der Suhrkamp Verlag seit den 1960er Jahren
Nach Peter Suhrkamps Tod im März 1959 übernahm Siegfried Unseld die Verlagsleitung. In punkto starke Persönlichkeit stand er seinem Vorgänger in Nichts nach. 1963 rief Unseld die edition suhrkamp ins Leben. In dieser Avantgarde des Verlags mit ihren spektralfarbenen Einbänden kamen führende Intellektuelle wie Hans Magnus Enzensberger, Walter Benjamin und Ernst Bloch zu Wort und nahmen Einfluss auf die großen Debatten ihrer Zeit. Bald schon sprach man von einer »Suhrkamp Kultur«.
Dass Suhrkamp bis heute mehr als ein Verlag ist, wurde auch 2002 nach dem Tod von Siegfried Unseld deutlich: Auf der Frankfurter Buchmesse fand für ihn eine große Trauerfeier statt – eine Ehre, die bis dato noch keinem Verleger erwiesen worden war. Auch berichten die Feuilletons seitdem intensiv über die Querelen im Hause Suhrkamp unter der Leitung von Ulla Unseld-Berkéwicz sowie momentan über den geplanten Umzug nach Berlin.
Ungeachtet der aktuellen Diskussionen steht Suhrkamp jedoch weiterhin für große Literatur. Deshalb werden sicherlich auch Sie in unserem Special fündig werden. Entdecken Sie Bücher, Übersetzungen und Briefe von Peter Suhrkamp und stöbern Sie in den von ihm herausgegebenen Werken oder der Sekundärliteratur. Denn dann können Sie den Ratschlag von Peter Suhrkamp – »Disponieren Sie in Ihrem Tagesplan eine tägliche stille Lesestunde ein« – mit einem Werk aus seinem Hause beherzigen
Bücher, Übersetzungen und Briefe von Peter Suhrkamp
Von Adorno bis Zuckmayer: Peter Suhrkamp als Herausgeber
Sekundärliteratur zu Peter Suhrkamp und dem Suhrkamp Verlag