Mirko Bonné
Bild: Sabine Bonné
Mirko Bonné, der Gewinner des Marie Luise Kaschnitz-Preises 2010, im Interview mit ZVAB.com
Herr Bonné, Sie arbeiten als Übersetzer und Schriftsteller. Liegt Ihnen beides gleichermaßen am Herzen oder ist die Übersetzertätigkeit der Brotjob, das Schreiben hingegen die Leidenschaft?
Schreiben und Übersetzen sind eng miteinander verwoben und durchdringen sich wechselseitig. Meine Gedichte etwa sind ohne die Gedichte, die ich übersetzt habe, nicht denkbar - Übersetzen bedeutet für mich die intensivste Form der Lektüre. Mein Brotjob ist beides nicht. Ich versuche, mein Schreiben unabhängig zu halten, indem ich als Journalist arbeite.
Haben sich die Erfahrungen, die Sie in ihren Jobs als Taxifahrer oder jene, die Sie als Krankenpfleger gemacht haben, als fruchtbarer für die literarische Verarbeitung erwiesen? Oder etwa weder noch, da beide zu klischeebeladen sind?
Für mich hatten beide Tätigkeiten nichts mit Klischees zu tun, sondern waren in mancherlei Hinsicht ganz wichtige Stationen. Als Taxifahrer fährt man quasi durch das Leben der Leute hindurch, man erlebt Geschichten und die Vielfalt der Welt und ihrer Erzählmöglichkeiten. Als Altenpflegehelfer habe ich das Ende dieser Geschichten kennen gelernt, die Verbitterung darüber oder die Erleichterung. Ich habe mit Alten gesprochen, die mir etwa einen Sommertag vor sechzig Jahren so unvergesslich schildern konnten wie Tolstoi. Man lebt nicht, um zu schreiben; es ist umgekehrt.
Schärft das Übersetzen fremder Werke den Blick und hilft beim eigenen Schreiben?
Ich habe nicht studiert, sondern fünf Jahre lang John Keats übersetzt. Gedichte von Cummings und Yeats zu übertragen hat mich das Spielerische und Liedhafte am Gedicht nicht vergessen lassen. Seit ich Emma Lew übersetzt habe, benutze auch ich Montageverfahren.
Welcher Autor hat Sie am meisten geprägt?
Am meisten, weil seinen Gedichten, seinen Briefen und seinem Leben meine Liebe gehört, Georg Trakl.
Mirko Bonné, geb. 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg.
Vier Gedichtbände, zuletzt Die Republik der Silberfische (2008)
Romane (Auswahl): Der eiskalte Himmel (2006); Wie wir verschwinden (2009);
Ausflug mit dem Zerberus (2010): bei Schöffling & Co.
Auszeichnungen (Auswahl): 2007 New York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds; 2008 Prix Relay du Roman d'Evasion; 2008 Ernst Meister-Förderpreis
Titel von Mirko Bonné im ZVAB
Sie übersetzen englische Klassiker, in Ihrem Roman "Wie wir verschwinden" spielt Albert Camus eine Rolle. Liegen Ihnen die Klassiker besonders am Herzen?
So kategorisch würde ich es nicht sagen. Ich lese vor allem Bücher von Autoren, die nicht mehr leben, wohl weil ich mir so auch ein Bild von ihrem jeweiligen Lebensbogen machen kann. Aber ich lese aufmerksam die Gedichte, die heute geschrieben werden, und ich habe auch unter Altersgenossen meine Lieblingsautoren, etwa Sabine Gruber oder Peter Stamm.
Benötigen Sie für Ihre Arbeit auch antiquarische oder vergriffene Bücher?
Unbedingt! Fast alle Bücher, die ich mir zulege, sind antiquarische.
Erinnern Sie sich an einen außergewöhnlichen oder besonders hilfreichen Bücherfund?
Als ich "Der eiskalte Himmel" schrieb, meinen Roman über die Antarktis-Expedition Shackletons, stieß ich zufällig im ZVAB auf Alan Gurneys "Der weiße Kontinent", eine Darstellung der Entdeckungsgeschichte am Südpol von der Antike bis zum 19. Jahrhundert. In meiner "antarktischen Bibliothek" ist es das wichtigste Buch.
Was ist das wertvollste - sei es in materieller oder ideeller Hinsicht - Buch, das Sie besitzen?
Trakls zwei Gedichtbände im Nachdruck der Erstausgaben: "Gedichte" von 1913 und "Sebastian im Traum" von 1915.
Als Autor und Übersetzer beschäftigen Sie sich intensiv mit Literatur. Bleiben da überhaupt noch Zeit und Muße für private Lektüre oder stehen zum Ausgleich andere Freizeitaktivitäten im Vordergrund?
In meiner Freizeit lese ich nicht. Oder andersherum: Sobald ich etwas lese, bin ich schon halb am Schreiben. Nein, ich unternehme viel mit meiner Familie. Ich sehe gern in die Bäume und schwimme gern, und ich denke dabei nicht an Tinte.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Gibt es Themen, die Sie unbedingt noch literarisch verarbeiten möchten?
Ich schreibe an einem Roman, der in der Normandie spielt. Er ist meinem Sohn gewidmet, der 14 ist, und wird versuchen, dessen Sicht auf die Welt von heute zusammenzuführen mit Ereignissen während der alliierten Invasion 1944 - bei der, mit gerade mal 19, auch der jüngste Bruder meiner Großmutter umkam.
Welches Buch möchten Sie abschließend unseren Lesern ans Herz legen?
Noch so einen "Klassiker"! Es gibt nicht viele Bücher, die ich mit stockendem Atem las, unter Tränen und dann wieder lautem Lachen. "Anna Karenina" von Tolstoi ist so eines. Jede Seite lebt.
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